Tote Pavianbabys: Neue Vorwürfe gegen Tiergarten Nürnberg

Ein Jahr nach der umstrittenen Tötung von zwölf Pavianen steht der Tiergarten Nürnberg erneut in der Kritik. Tierschützer werfen dem Zoo eine problematische Zuchtstrategie vor – Auslöser sind mehrere tote Jungtiere.

Guinea-Pavian mit Jungtier
Guinea-Pavian mit Jungtier (Symbolbild)

Die Tierschutzorganisation Pro Wildlife hat durch das bayerische Umweltschutzgesetz Zugriff auf die Bestandsbücher der Paviane des Nürnberger Tiergartens erhalten können. Nach Auswertung der Daten der letzten 35 Jahre lautet ihr Fazit: „Diese Zucht hat nichts mit Artenschutz zu tun.“

Die Analyse lege nahe, dass die Pavian-Gruppe trotz der offiziellen Teilnahme des Zoos am Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP) seit Jahrzehnten weitgehend isoliert gehalten werde. Demnach habe der Tiergarten in den vergangenen 35 Jahren kein Tier aus einer anderen Einrichtung aufgenommen und seit rund zehn Jahren auch keines abgegeben. Nach Einschätzung von Pro Wildlife erhöhe eine derart abgeschottete Population das Risiko von Inzucht, was unter anderem Erbkrankheiten und eine höhere Sterblichkeit bei Jungtieren begünstigen könne. Üblicherweise würden Zoos Tiere regelmäßig austauschen und die Verpaarung gezielt steuern, um die genetische Vielfalt einer Population zu erhalten.

„Da ist jeder Heimtierzuchtverband besser aufgestellt“

Zudem werde die Fortpflanzung der Guinea-Paviane offenbar nicht ausreichend dokumentiert, kritisiert die Organisation. Den Daten nach sei bei keinem der in Nürnberg geborenen Tiere der Vater erfasst. Bei mehr als drei Vierteln fehlten sogar Angaben zu beiden Elterntieren. Pro-Wildlife-Sprecherin Laura Zodrow erklärt, dies habe „mit seriöser Erhaltungszucht nichts zu tun“ und widerlege die Darstellung des Tiergartens, die Paviane dienten als genetische Reserve für den Artenschutz. „Da ist jeder Heimtierzuchtverband besser aufgestellt, was die Stammbäume angeht“, so Zodrow. Ohne verlässliche Abstammungsdaten lasse sich nicht ausschließen, dass nahe verwandte Tiere Nachwuchs miteinander bekämen.

Auch die häufig geäußerte Annahme, die Tiere könnten eines Tages ausgewildert werden, weist Pro Wildlife zurück. Für die Nürnberger Paviane gebe es weder ein Auswilderungsprojekt noch entsprechende Planungen. Als Gründe werden fehlende geeignete und sichere Lebensräume in den Herkunftsländern sowie wissenschaftliche Anforderungen an Wiederansiedlungen, die nicht erfüllt würden, genannt.

Scharfe Kritik übt Zodrow zudem am Umgang des Tiergartens mit der Pavian-Gruppe. Wer die Tötung gesunder Tiere mit dem Tierwohl begründe, gleichzeitig aber weitere Jungtiere in einem überfüllten Gehege zur Welt kommen lasse, verhindere kein Tierleid, sondern verursache es immer wieder aufs Neue. Da weder das Gehege erweitert noch die Fortpflanzung verhindert werde, befürchte Pro Wildlife, dass sich das Platzproblem erneut zuspitzen und weitere Tiere getötet werden könnten.

Die Organisation fordert deshalb, die Zucht der Guinea-Paviane im Tiergarten Nürnberg umgehend einzustellen. Statt Ressourcen in eine aus ihrer Sicht unkoordinierte Zucht ohne ausreichenden Platz und ohne Aussicht auf eine spätere Auswilderung zu investieren, solle der Zoo den Schutz der Art in ihrem natürlichen Lebensraum stärker unterstützen.

Besonders kritisch bewertet Pro Wildlife die hohe Zahl gestorbener Jungtiere. Nach Angaben der Organisation seien im vergangenen Jahr sieben von neun geborenen Pavianen gestorben. Biologin und Pro-Wildlife-Mitbegründerin Daniela Freyer bezeichnet diese Quote als alarmierend und verweist auf wissenschaftliche Studien, wonach in freier Wildbahn etwa jedes fünfte Jungtier sterbe. Im Nürnberger Tiergarten liege die Sterblichkeit dagegen deutlich höher. „In einem Zoo gibt es weder Fressfeinde noch Seuchen. Ursachen können etwa Inzucht oder die Haltungsbedingungen sein“, ergänzt Pro-Wildlife-Sprecherin Laura Zodrow.

Tiergarten weist Vorwürfe von sich

Den Vorwurf, die Pavian-Gruppe leide unter Inzucht, streitet der Tiergarten Nürnberg ab. Auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks erklärte das Direktorat, es gebe derzeit keine Anhaltspunkte für Erbkrankheiten oder genetische Probleme innerhalb der Gruppe. Die heutigen Guinea-Paviane gingen auf den Genpool wild gefangener Tiere aus den 1940er Jahren zurück. Es seien durchaus in der Vergangenheit auch nicht verwandte Tiere in die Gruppe integriert worden, diese hätten jedoch keine Nachkommen gezeugt. Zudem verweist der Tiergarten auf das Sozialverhalten der Guinea-Paviane: Da sich die Vaterschaft einzelner Jungtiere in der Gruppe nicht eindeutig feststellen lasse, würden Verpaarungen nicht gezielt gesteuert.

Der Tiergarten verweist dagegen auf die Strukturen des Europäischen Zooverbands EAZA. Die Zucht der Guinea-Paviane werde von einer Koordinierungsstelle in Paris begleitet. Dort werde entschieden, ob und wann die Nürnberger Population durch Tiere aus anderen europäischen Zoos ergänzt werden solle. An diese wissenschaftlich begründeten Empfehlungen halte sich der Tiergarten nach eigenen Angaben.

Die Todesfälle der Pavianbabys führt der Tiergarten auf unterschiedliche Einzelfaktoren zurück. Ein Jungtier sei tot geboren worden, ein anderes nach Anzeichen von Lebensschwäche und einem stumpfen Trauma gestorben. Bei fünf weiteren Tieren hätten andere Paviane die Jungen ihren Müttern entrissen, sodass sie nicht ausreichend mit Milch versorgt worden seien. Pathologische Untersuchungen seien häufig nur eingeschränkt möglich, weil Pavianmütter tote Jungtiere oft über mehrere Tage bei sich trügen. Nach Angaben des Tiergartens habe es auch in früheren Jahren Phasen mit einer erhöhten Jungtiersterblichkeit gegeben.

Für genetische Untersuchungen müssten Blutproben der Tiere entnommen werden. Der Tiergarten erklärt, dies sei mit erheblichem Stress für die Paviane verbunden und werde deshalb nur vorgenommen, wenn es unbedingt erforderlich sei – etwa im Rahmen medizinischer Behandlungen oder wenn Tiere eingefangen oder eingeschläfert werden müssten. Auch bei den zwölf im vergangenen Jahr getöteten Pavianen seien Blutproben genommen worden. Nach Darstellung von Pro Wildlife seien diese jedoch vor der Tötung nicht genetisch ausgewertet worden. Die Organisation kritisiert, der Zoo habe deshalb nicht wissen können, ob sich unter den getöteten Tieren genetisch besonders wertvolle Individuen befunden hätten.

Derzeit leben nach Angaben des Tiergartens 31 Guinea-Paviane in der Anlage, die für 25 erwachsene Tiere sowie deren Nachwuchs ausgelegt ist. Dennoch sehe die Zooleitung aktuell keinen akuten Handlungsbedarf. Die Sozialstruktur der Gruppe sei stabil. Gleichzeitig bemühe man sich weiterhin, Tiere an geeignete Einrichtungen abzugeben, um einer erneuten Überbevölkerung vorzubeugen. Der letztjährige Versuch war fehlgeschlagen (der hpd berichtete): Am 29. Juli 2025 hatte der Tiergarten Nürnberg zwölf gesunde Paviane getötet, da eine zu große Population zum Problem wurde. Auf landesweite Empörung folgten Proteste. Aktivisten ketteten sich gar am Affengehege fest. Neben mittlerweile rund 800 Strafanzeigen wegen mutmaßlichen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz sieht sich der Zoo mit Hasskommentaren und Morddrohungen konfrontiert.

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Luca La Mendola

Der Autor hat einen Bachelor in Politikwissenschaft und Religionswissenschaft von der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Aktuell studiert er Journalismus im Master in Mainz. Nachdem er bereits im Rahmen von Praktika journalistisch für das ZDF und die FAZ tätig war, absolviert er derzeit eines beim hpd.

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