Über Volksentscheide als Antwort auf eine ausdifferenzierte Gesellschaft

Politik konfigurieren statt Pakete wählen

Wir leben in einer Zeit, in der fast alles konfigurierbar geworden ist – nur unsere Politik nicht. Was im Alltag selbstverständlich ist, bleibt im Politischen erstaunlich starr.

Hand mit Wahlzettel und Wahlurne

Wir stellen Autos individuell zusammen, wählen modulare Tarife, passen Dienstleistungen an, ändern Beilagen im Restaurant. Nicht aus Laune oder Überdruss, sondern weil sich Wirtschaft und Gesellschaft ausdifferenziert haben. Der Standardfall ist nicht mehr „ein Modell für alle“, sondern „eine Lösung, die zu mir passt“. 

In der Politik dagegen verharren wir im Prinzip der Paketlösung. Wir wählen Parteien – und Parteien kommen als Gesamtangebote. Diese Pakete enthalten Positionen zu einer Vielzahl von Themen. Manche davon entsprechen unserer Überzeugung, andere lehnen wir ab, wieder andere sind uns fremd oder unerquicklich, aber wir nehmen sie in Kauf. Wahl bedeutet damit ein Tauschgeschäft: Man erhält etwas, das man will, aber nur zusammen mit etwas, das man nicht will. Hier liegt der eigentliche Ausgangspunkt der Überlegung. Die Frage ist nicht primär, ob Volksentscheide gut oder gefährlich sind. Die tiefere Frage lautet vielmehr: Welches politische Angebot machen wir einer ausdifferenzierten Gesellschaft? In welcher Form wird überhaupt etwas zur Entscheidung gestellt?

Politikverdrossen oder mangels Auswahlmöglichkeit frustriert?

Politikverdrossenheit äußert sich häufig schlicht. Man hört Sätze wie: „Ich weiß gar nicht, wen ich wählen soll“ oder „Keiner deckt das ab, was ich denke.“ Solche Aussagen werden oft moralisch interpretiert, als Ausdruck mangelnder Informiertheit oder Bequemlichkeit. Man kann sie jedoch auch strukturell lesen – als Reaktion auf ein System, das nur Gesamtpakete anbietet.

Moderne Bürgerinnen und Bürger haben selten durchgängig „parteiartige“ Meinungen. Sie können in Sozialfragen eher links denken, in Innovationsfragen liberal, in Ordnungsfragen konservativ und in Umweltfragen pragmatisch bis radikal. Diese Mischung ist kein Zeichen von Unentschlossenheit, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Komplexität. Das Problem entsteht dort, wo diese differenzierte Haltung auf undifferenzierte Angebotsstrukturen trifft. Im Alltag akzeptieren wir keine Zwangsbündelungen mehr. In der Politik nehmen wir sie noch als unvermeidlich hin.

Die neue Sicht auf Volksentscheide 

Nimmt man diesen Befund ernst, ergibt sich eine neue Perspektive auf Volksentscheide. Nicht als romantische Rückkehr zur antiken Agora und auch nicht als Misstrauensvotum gegen Parlamente, sondern als Konfigurations-Element innerhalb eines repräsentativen Systems. Parteien erfüllen weiterhin zentrale Funktionen. Sie bündeln Interessen, entwickeln Programme und übernehmen Verantwortung. 

Doch Bündelung erzeugt zwangsläufig Paketbildung, und Paketbildung wird in einer komplexen Gesellschaft grob. Volksentscheide könnten genau dort ansetzen, wo diese Grobheit zu strukturellen Reibungen führt. Sie ermöglichen es, einzelne Fragen aus Gesamtprogrammen herauszulösen und gezielt zu entscheiden. Parteien blieben die Grundkonfiguration des politischen Systems, während Volksentscheide Module, Korrekturen oder präzisierende Ergänzungen erlauben würden. Nicht als Störung des Systems, sondern als zeitgemäße Erweiterung.

Blockaden aufbrechen oder weiterhin das Schlechteste aus allen Welten erhalten

Der Paketmechanismus hat darüber hinaus eine zweite, häufig unterschätzte Folge: Er produziert Blockaden. Wenn Parteien mit unterschiedlichen Gesamtprogrammen Koalitionen bilden, wird Politik zur Aushandlung zwischen Paketbestandteilen. Fortschritt entsteht dann nicht aus Klarheit, sondern aus Kompromissarithmetik. Doch das eigentliche Problem liegt noch tiefer. Koalitionsbildung bedeutet nicht einfach Mischung, sondern oft Abschleifung. In Verhandlungen setzen sich selten die ambitioniertesten, kantigsten oder visionärsten Teile eines Programms durch, denn genau sie sind konfliktträchtig. Bestand hat meist das, was für alle Seiten am wenigsten schmerzhaft ist. Der politische Prozess folgt dem Prinzip des kleinsten gemeinsamen Nenners.

Das führt zu einer paradoxen Konstellation. Wählerinnen und Wähler nehmen bei ihrer Entscheidung bewusst „Kröten“ in Kauf, um bestimmte positive Kernanliegen zu unterstützen. In der Koalitionsarithmetik jedoch werden gerade diese profilgebenden und konstruktiven Elemente häufig geopfert, während die ohnehin ungeliebten Kompromissbestandteile bestehen bleiben. Im Extremfall entsteht aus zwei Parteipaketen nicht das Beste beider Welten, sondern eine Mischung aus dem jeweils am wenigsten Umstrittenen und damit oft aus dem jeweils am wenigsten Gewollten. 

Dieser Mechanismus ist nicht zufällig, sondern strukturell plausibel. Konfliktarme Inhalte sind koalitionsfähig, konfliktstarke Inhalte sind es nicht. Vision wird zugunsten von Stabilität reduziert, Profil zugunsten von Regierbarkeit neutralisiert. Hinzu kommt ein weiterer Faktor: In langwierigen Aushandlungsprozessen gewinnen häufig jene Akteure an Einfluss, die dauerhaft organisiert und präsent sind, etwa Lobbygruppen mit klar definierten Einzelinteressen. Während Bürger nur periodisch wählen, sind solche Interessenvertretungen kontinuierlich im politischen Prozess eingebunden. Auch dadurch kann sich das Ergebnis weiter von der ursprünglichen Wählerintention entfernen.

Das Resultat ist eine besondere Form demokratischer Entfremdung. Nicht weil gewählt wurde, sondern weil nach der Wahl nicht mehr erkennbar ist, wo das ursprünglich Gewollte geblieben ist. Wenn Politik als permanentes Abschleifen wahrgenommen wird, entsteht der Eindruck von Handlungsunfähigkeit. Und dauerhafte Lähmung untergräbt Vertrauen.

Volksentscheide könnten hier nicht Anti-Parlament sein, sondern Anti-Stillstand. Sie würden Entscheidungsfähigkeit dort wiederherstellen, wo Paketstrukturen systematisch zu Entkernung und Blockade führen.

Vom Wert der Klarheit

Ein weiterer, oft unterschätzter Aspekt ist der Wert von Klarheit. In vielen politischen Debatten ist unklar, wo Mehrheiten tatsächlich liegen. Lautstärke ersetzt Legitimation, Aktivismus ersetzt Mandat, und Diskussionen können sich endlos fortsetzen. Ein Volksentscheid besitzt eine nüchterne Tugend: Er schafft Klarheit. Selbst wer verliert, weiß danach, woran er ist. Man weiß, dass die Mehrheit es anders wollte. Diese Klarheit kann befrieden. Demokratie lebt nicht nur von Zustimmung, sondern von Akzeptanz. Akzeptanz entsteht leichter, wenn Verfahren transparent, eindeutig und verbindlich sind. Ein entschiedenes Nein ist demokratisch oft gesünder als ein jahrelanges Vielleicht.

Die Regierung: Diener des Volkes oder der Partei?

Damit verschiebt sich auch der Blick auf die Rolle der Regierung. Eine Regierung ist nicht primär dazu da, Parteiprogramme mechanisch umzusetzen. Sie ist dazu da, den Willen der Bevölkerung zur Geltung zu bringen. Im Paket-System wird jedoch so getan, als habe die Wahl eines Gesamtangebots bereits den klaren Bürgerwillen definiert. Doch häufig war diese Wahl nur die am wenigsten unpassende Option. Ein System mit konfigurierbaren Elementen würde den Bürgerwillen kontinuierlicher sichtbar machen. Regierung würde dann stärker als das agieren, was sie sein sollte: Umsetzer eines klar artikulierten Auftrags. Das bedeutet keinen Plebiszitismus, sondern ein fortlaufendes Zusammenwirken zwischen Bürgerwillen und Regierung. Klar artikulierter Wille ermöglicht klare Umsetzung.

Wider die Einwände - wie es funktionieren kann

Der klassische Vorbehalt gegen Volksentscheide lautet, Bürger könnten unklug oder populistisch entscheiden. Dieser Einwand beruht letztlich auf Misstrauen. Demokratie jedoch basiert auf Vertrauen, begrenzt durch klare Rahmenbedingungen. Demokratische Entscheidungen sind niemals schrankenlos. Sie finden ihre Grenzen in Grundrechten, Menschenwürde und verfassungsrechtlichen Prinzipien. Ein denkbares Modell wäre, dass jeder Volksentscheid vorab verfassungsrechtlich geprüft wird, etwa durch das Bundesverfassungsgericht. So wäre sichergestellt, dass beide Entscheidungsoptionen mit der Verfassung vereinbar sind. Der Bürger entscheidet innerhalb klar definierter Leitplanken. Das entkräftet den Vorwurf der Beliebigkeit, ohne die Bürger zu entmündigen.

Die Zukunft gestalten

Am Ende geht es nicht um Misstrauen gegen Parteien, sondern um ein strukturelles Update des demokratischen Angebots. In einer ausdifferenzierten Gesellschaft braucht auch Politik differenzierte Entscheidungsformen. Paketwahl allein reicht nicht mehr aus, um komplexe Präferenzstrukturen angemessen abzubilden. Volksentscheide können ein Konfigurations-Element sein, das Blockaden reduziert, Klarheit schafft, Akzeptanz stärkt und die Regierung wieder sichtbar handlungsfähig macht. Demokratie wird dadurch nicht instabiler, sondern präziser. Nicht alles muss konfigurierbar sein. Doch dort, wo Paketstrukturen systematisch zu Abschleifung, Entfremdung und Stillstand führen, kann Konfiguration Dynamik zurückbringen. Demokratie wäre dann nicht nur Wahl in festen Abständen. Sie wäre ein kontinuierlicher Prozess gemeinsamer Gestaltung.

Kommentare (13)

G.Jaspersen (nicht überprüft)

Mo. 3 Aug 2026 - 14:19

Sehr guter Artikel!! Ich hoffe, die Parteipolitiker lesen ihn!

Günter (nicht überprüft)

Mo. 3 Aug 2026 - 14:47

Hallo, ich denke, dass an Volksentscheiden nur Leute teilnähmen, die wissen, worum es geht. Bei Wahlen werden wahrscheinlich viele Stimmen einer Partei gegeben, die man schon immer gewählt hat oder bei einer Partei, die sich als Alternative darstellt, ohne wirklich eine zu sein.

Das sehe ich ganz anders:
1.wie schon gesagt, wählt man da kein Paket, was nach der Wahl dann verhandlungsfähig ist sondern es gibt nur ein Ja oder Nein zu einer klaren Frage
2. am Beispiel Schweiz zeigt sich , dass die Wahlbeteiligung manchmal nieder oder hoch ist, aber ausschließlich die Entscheidung zählt
3. ist es eine gute Lernerfahrung , dass wenn ich mich mit einem Thema beschäftige, meine Stimme zählt und wenn nicht , habe ich die Entscheidung der Mehrheit zu akzeptieren. Die Klarheit wird vermutlich dazu führen, dass wir uns mehr auf unsere demokratischen Pflichten besinnen

Sebastian (nicht überprüft)

Mo. 3 Aug 2026 - 15:09

Applaus, Applaus!
Bitte leiten Sie diesen Artikel an alle Abgeortneten in Bundestag und -rat zum Lesen, Verstehen und zur Umsetzung weiter.
Weiterhin wäre ich noch dafür, dass die Bürger via Volksentscheide unliebsame (gewordene?) Minister abwählen dürfen können, dann hieße es sicher sehr schnell "und Tschüß Frau Reiche" und wir Bürger sollten bei der Kanzler- und Präsidentenwahl mitentscheiden dürfen. z.B. pro Hape Kerkeling als Präsi

Konrad Schiemert (nicht überprüft)

Di. 4 Aug 2026 - 10:43

Antwort auf von Sebastian (nicht überprüft)

Man darf mit Volksentscheide nicht so weit gehen. Das würde nur den Populismus in der Politik fördern und das Mobbing gegen Politiker erfolgreich machen. Die Politik muss/müsste langfristig richtige Entscheidungen treffen, die nicht immer die Mehrheit der Wähler gut finden. Einfache Beispiele sind die Entscheidungen über die Staatsschulden.

Konrad Schiemert (nicht überprüft)

Mo. 3 Aug 2026 - 15:41

Ja-Nein Entscheidungen können wichtig sein, wie z.B. bei Stuttgart21. Bei komplexen Fragen, wie Renten- und Gesundheitsreform, oder Höhe der Grundsicherung, wären Volkentscheidungen wahrscheinlich sinnlos.

Angelika Wedekind (nicht überprüft)

Mo. 3 Aug 2026 - 16:28

Na endlich! Ich wünsche mir schon lange mehr direkte Demokratie! Das führt zu mehr Beteiligung und zu dem Gefühl der Wirksamkeit. Mehr direkte Demokratie durch themenbezogene Volksentscheide würden natürlich die Bürger/innen politisieren und natürlich die Parteien in gewisser Weise einschränken- was mit Sicherheit zur Ablehnung dieses Bürgerwillens führt. Die Parteien haben zuviel Macht und wir Bürger/innen geben unsere Macht mit jeder Wahl einfach ab. Ich will das schon lange nicht mehr! Es gab noch nie einen bundesweiten Volksentscheid. Es sollte möglich sein, dass das Volk ein Initiativrecht bekommt, um bestimmte Themen zur bundesweiten Abstimmung zu bringen. Und ein Vetorecht braucht es dann auch. Schwierig das alles. Wie bringt man das auf den Weg? Darüber reden sollte man jetzt in großem Stil!

Auch schon wieder ein Vetorecht? Ich hatte den Autoren so verstanden, dass dieses die repräsentative Demokratie ergänzende Entscheidungsformat bezüglich wohldefinierter Einzelfälle mehr "Kantigkeit" und verbindliche Klarheit schaffen soll. In meiner Phantasie wende ich das gerade mal an auf Großthemen wie Abtreibung, Sterbehilfe, Geschlechtswechsel, Migration. Würden diese - mit entsprechenden transparenten Fragestellungen an uns Bürger, die insbesondere Handlungsfolgen maximal deutlich darstellen und eine Ja-Nein-Beantwortbarkeit erlauben - einem solchen Format unterworfen, wäre der letztendliche Gang nach Karlsruhe programmiert; weswegen der Autor klugerweise ja auch (bei solchen Fragen) eine Vor-Prüfung durchs BVerfG angeregt hat. Letzteres dürfte allerdings wie meist zeitaufwändig sein und vor allem substantielle POLITISCHE Gehalte des zu Entscheidenden bereits in die Sphäre des Gerichtes verschieben; auch (Höchst-)Anwendung von Recht ist nicht unpolitisch, auch wenn ein verbreitetes Narrativ - "nur" Anwendung - dies so darstellt.
Der - charmante - Ansatz des Autoren ist in einer idealen Welt mit somit idealen Menschen vielleicht machbar; letzteres Bemerken auch im Hinblick auf Interesse, Informiertheit und Zeit der Bürger und dadurch bedingte entsprechende Beteiligungsqoten. Realiter wird man zumindest die auf hoher politischer Ebene zu verhandelnden (Grund- und Richtungs-)Fragen, denen ja i.d.R. besonderes Konfliktpotenzial eignet, auf dem "Modulweg" nicht gelöst bekommen.

Michael Murauer (nicht überprüft)

Mo. 3 Aug 2026 - 18:11

Ein wichtiger Ansatz gegen die Krisenerscheinungen unserer Demokratien.
Statt in Deutschland immer nur alle möglichen Bedenken zu tragen oder aber das Rad neu erfinden zu wollen, sollten wir einfach öfter mal über unsere Grenzen schauen und uns ein Beispiel an dem nehmen, was andere besser machen. In Umfragen sagen 85% der Schweizer, daß sie im Grundsatz mit ihrem politischen System zufrieden seien, der weltweit mit Abstand höchste Wert. In der Schweiz gibt es in der Regel vier Abstimmungssonntage im Jahr bei denen gleichzeitig über Volksentscheide auf Bundesebene, Kantonsebene und Gemeindeebene abgestimmt wird. Die Kantone und Gemeinden haben ihre eigenen Abstimmungsordnungen, in denen zum Beispiel die Investitionsbeträge festgelegt sind, ab denen ein Volksentscheid erforderlich ist. Da kann dann hinterher auch keiner sagen, irgendwelche Politiker hätten teure, möglicherweise von einseitigen politischen Überzeugungen getriebene Projekte am Mehrheitswillen vorbei durchgesetzt. Die Stimmbürger erhalten vor den Abstimmungen detaillierte Unterlagen in denen verschiedene Gruppen ihre Argumente präsentieren können und viele Bürger setzten sich damit auch tatsäschlich auseinander.
Diese Art von plebiszitärer Demokratie begrenzt die Unzufriedenheit mit der Politik, weil sie tatsächlich Bürgerbeteiligung schafft und auch die Möglichkeiten begrenzt, daß Politiker die Bürger finanziell durch Entscheidungen schädigen, die diese mehrheitlich gar nicht mittragen wollen. Auch dabei kommen manchmal fragwürdige Entscheidungen heraus, aber die Bürger haben nicht den Eindruck, daß die Parteien weitgehend über ihre Köpfe hinweg regieren können und sie nur einmal in vier Jahren für das am wenigstens unsympathische Gesamtpaket stimmen können.
Der Einwand, daß manche Problemkreise zu kompliziert sind, um durch plebiszitäre Entscheidungen eine bessere Steuerung zu erreichen, ist richtig. Und dort, etwa beim Gesundheitswesen oder der sich verschärfenden Pflegeproblematik, haben auch die Schweizer erhebliche Probleme, zufriedenstellende Lösungen zu finden. Aber es gibt auch sehr viele Fragen, die sich sehr gut für Volksentscheide eignen, hier nur mal ein paar Beispiele (von oft gut geeigneten kommunalpolitischen Entscheidungen einmal abgesehen): Geschwindigkeitsbegrenzung und PKW-Maut auf Autobahnen, Restlaufzeit oder Abschalten von Atomkraftwerken (auch wenn dieses Thema in Deutschland erst mal durch ist), Widerspruchsregelung bei der Organspende und andere klar definierbarere ^Reformthemen im Bereich der Bioethik ...
Warum eine plebiszitäre Demokratie wie in der Schweiz in Deutschland nicht funktionieren soll, nur weil die Bevölkerungszahl ca. zehnmal so hoch ist, bleibt das Geheimnis der Bedenkenträger, insbesondere auch angesichts der geschilderten Art der Bürgerbeteiligung auf den verschiedensten staatlichen Ebenen, von der kommunalen bis zur Bundesebene. Unser Problem ist vielmehr, daß uns schlicht und einfach die entsprechende basisdemokratische Tradition fehlt und die Parteien ohne entsprechenden Druck von Seiten der Bürger wenig Neigung zeigen, tatsächlich etwas von ihrer Macht abzugeben und über Bürgerräte mit Alibi-Funktion hinaus irgendwelche Schritte in Richtung einer ernsthaften Bürgerbeteiligung außerhalb der Parteistrukturen zu machen.

Joern Abolin (nicht überprüft)

Mo. 3 Aug 2026 - 19:36

Unsinniger Vergleich, Autos und Restaurantessen sind was völlig anderes, als ein demokratisches System, nämlich individuelle und nicht Entscheidung des Volkes. Nicht alles was hinkt ist ein Vergleich. Und Volksentscheide, oh mein Gott, sind hier alle echt so naiv und befürworten das? In der Schweiz mag das funktionieren, die machen das schon lange und die Menschen sind gößtenteils gebildet, zufrieden und vernünftig. Habt ihr dagegen schonmal die Stimme des deutschen Volkes gehört? Mit einem Deutschen allein, egal aus welchem Milieu, kann man noch ganz vernünftig reden, aber auf einem Haufen zusammen hören sie sich an wie ein Wildschweinrudel dem man die Frischlinge weggenommen hat und sind auch ungefähr so empfänglich für Argumente. Nein, ich bin froh, dass es hier keine Volksentscheide gibt und hoffe, sie werden nie eingeführt. Der Artikel ist unsinnig und ich könnte zu jeden einzelnen Absatz 2-3 "Aber" bringen, hab aber keine Lust und Zeit dazu. Der Autor bringt es Schluss selbst auf den Punkt: Menschen könnten unklug entscheiden, aber man muss ihnen doch vertrauen! Ich lach mich kaputt - danke, aber nein danke.

Christian Heine (nicht überprüft)

Mo. 3 Aug 2026 - 20:21

Parteienverdrossenheit oder noch besser Parteipolitikverdrossenheit dürfte es treffender beschreiben als Politikverdrossenheit. Ich habe äußerst selten jemanden getroffen, dem Politik egal ist...

H (nicht überprüft)

Di. 4 Aug 2026 - 15:47

Eine halbdirekte Demokratie hat einen noch viel wichtigeren Vorteil:
Die Bürger:innen müssen für ihre Entscheidungen selber Verantwortung fürs Gemeinwohl übernehmen und können die Verantwortung nicht einfach auf "die da oben" abwälzen und auf die politische Elite schimpfen, wenn ihnen etwas nicht passt. Bürgerinnen und Bürger sind dem Staat in einer direkten Demokratie dadurch etwas weniger entfremdet.
Das funktioniert natürlich nur, wenn Volksentscheide keine Ausnahme, sondern die Regel sind, sonst geht es bei Volksentscheiden nicht um die Vorlage, sondern sie verkommen zu Misstrauensvoten gegen die Regierung.

Jürgen Röder (nicht überprüft)

Mi. 5 Aug 2026 - 21:48

Politik ist per se kollektivistisch und nicht individualistisch

Der Vergleich mit konfigurierbaren Produkten passt überhaupt nicht. Käufer können sich zwar individuell ein Produkt für zusammenstellen, dem einen ein Gelbes, dem anderen ein Grünes. Aber eine Politik gibt es nicht für jeden einzeln. Politik wird immer für alle gemacht.

Worüber nachgedacht werden könnte ist, wie die Ausrichtung von Politikfelder sein soll, z.B. bei Sozialfragen links oder konservativ. Oder einzelne Entscheidungen per Volksabstimmung. Aber von jeder dieser Entitäten gibt es nur ein einziges Stück, das für alle gilt. Politik hat immer eine gemeinschaftliche Perspektive und keine individuelle.

Wenn ein ehemaliger DDR-Bürger frustriert ist, weil die Politik sich nicht nach seiner Meinung richtet (antikes Beispiel: MERKEL-MUSS-WEG), weil die Mehrheit anders gewählt hat (eben Merkel), muss er damit halt leben und kann keine individuell-Politik kriegen, indem für ihn Merkel zurücktritt und für andere nicht.

Dirk Winkler

Der Autor ist Gründungsmitglied und langjähriges Vorstandsmitglied der Säkularen Humanisten – gbs Rhein-Neckar sowie Vorstand des Evolutionswegvereins, der die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse zur Evolution fördert und deutschlandweit die Einrichtung neuer Evolutionswege unterstützt. Zudem ist er Vorstandsmitglied der Humanisten Baden-Württemberg K.d.ö.R. Von Beruf ist er Bankbetriebswirt. Im Verlag Springer Nature erscheint von ihm das Buch “Nicht alles passt in eine Meinung: Wissenschaft trifft Gesellschaft – Denken in Zusammenhängen”.

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