Podiumsdiskussion mit den im hessischen Landtag vertretenen Parteien
Wie trennen wir Staat und Kirche?
© Alexander von der Nahmer
Die erst vor einem knappen Jahr gegründete AG Säkulare Organisationen in Hessen hatte am vergangenen Freitagabend zu einer mit rund 70 Personen gut besuchten Podiumsdiskussion alle im Landtag vertretenen Parteien eingeladen. Auf dem Podium waren denn auch mit Dr. Arijana Neumann (SPD), Dieter Kellermann (FDP), Hermann Schaus (Die Linke) und Marcus Bocklet (B'90/Die Grünen) fast alle dieser Parteien vertreten. Lediglich die CDU hatte zum Bedauern des Veranstalters auf eine Teilnahme verzichtet.
Die Podiumsrunde wurde komplettiert durch Martin Wagner, der in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten in Hessen (IBKA Hessen) die veranstaltende AG Säkulare Organisationen in Hessen repräsentierte, sowie den Moderator Dirk Vielmeyer. Im Vorfeld der Veranstaltung hatte die AG Säkulare Organisationen in Hessen, zu der neben dem IBKA die hessischen Regionalgruppen der gbs (Giordano Bruno Stiftung) sowie die aktuell fusionierenden humanistischen Organisationen HuGH (Humanistischen Gemeinschaft Hessen) und HVD (Humanistischer Verband Deutschlands – Hessen) gehören, an alle zur Wahl antretenden Parteien säkulare Wahlprüfsteine zum Spannungsfeld Staat und Religion verschickt. Die Antworten der Parteien waren zwischenzeitlich eingegangen und von der AG in einer Broschüre, die am Rande der Veranstaltung an die Besucher verteilt wurde, zusammengefasst.
Die Diskussion begann mit der klassischen Gretchenfrage, mit der der Moderator die Diskussionsteilnehmer überraschte, also mit der Frage, wie sie persönlich es denn mit der Religion halten. Wider Erwarten war nur einer der anwesenden Politiker Mitglied einer Kirche – und zwar ausgerechnet der Vertreter der Linken.
Inhaltlich wurde als erstes Thema das seit bald 100 Jahren ignorierte Verfassungsgebot der Ablösung der zweckungebundenen Staatsleistungen debattiert. Abgesehen von der in dieser Frage schlecht vorbereiteten SPD-Vertreterin waren sich alle Anwesenden einig, dass hier eine Initiative seitens der Politik angezeigt sei. Hermann Schaus (Die Linke) konnte in dieser Frage beim vornehmlich säkular eingestellten Publikum am meisten punkten, konnte er doch auf entsprechende Anträge und Anfragen im Land- und Bundestag verweisen. Marcus Bocklet von den Grünen verwies auf einen entsprechenden Parteitagsbeschluss in Hessen und dass daraus resultierend eine Forderung nach Beendigung der Staatsleistungen in mögliche Koalitionsverhandlungen einfließen würde – mit natürlich offenem Ausgang. Insgesamt wurde das Dilemma beklagt, dass sich angesichts der Verfassungslage Bund und Länder gegenseitig die Verantwortung in dieser Angelegenheit zuschöben mit dem unbefriedigenden Ergebnis, dass keine Veränderung am Status Quo vorgenommen werde.
Beim Thema Ethik-Unterricht lobte Martin Wagner von der AG zunächst die Situation in Hessen, die mit Blick auf die Gesetzeslage geradezu vorbildlich in Deutschland sei, sei doch der Ethik-Unterricht für alle Schüler*innen, die dies wünschten, "eigentlich" vorgesehen. Allerdings, so Wagner, hapere es an der Umsetzung: Zu wenig Ethik-Lehrer*innen stünden dem hohen Bedarf gegenüber, was an der stiefmütterlich behandelten Ausbildung im Fach Ethik liege. Dieser Missstand wurde von keinem der anwesenden Politiker*innen verteidigt, wenn auch Marcus Bocklet (B'90/Die Grünen) lieber den Schwerpunkt auf das diesbezüglich schon Erreichte legen wollte. Die Einigkeit im Podium ging sogar soweit, dass allenthalben ein gemeinsamer Ethik-Unterricht (einschließlich Religionskunde) als begrüßenswert angesehen wurde. In dieser Frage wurde jedoch gleichzeitig auf die starken Vorbehalte in der eigenen Partei hingewiesen, weswegen diese Positionierung wohl nur als jeweils persönliche Meinungsäußerung gewertet werden kann.
Die Einigkeit setzte sich beim Thema "Religiöse Symbole in öffentlichen Räumen" fort, allerdings schien nicht allen die Existenz solcher Symbole in öffentlichen Räumen bekannt zu sein. Außerdem wurde die Verantwortung teilweise bei den Bürger*innen gesehen, die sich gegebenenfalls gegen entsprechende religiöse Vereinnahmungen wehren sollten – ein Ansinnen, das bei Teilen des rege mitdiskutierenden Publikums auf Unverständnis stieß.
In einer noch misslicheren Lage befanden sich die anwesenden Politiker*innen bei der Frage der finanziellen Förderung kirchlicher Veranstaltungen. Aus aktuellem Anlass wurde die vom Magistrat der Stadt Frankfurt beschlossene Förderung des 2021 in Frankfurt stattfindenden 3. Ökumenischen Kirchentags in Höhe von EUR 5 Mio. heiß diskutiert. Immerhin gehören 61 % der Frankfurter weder der katholischen noch der evangelischen Kirche an. Im Rahmen dieser Diskussion wurde insbesondere von Arijana Neumann (SPD) und Marcus Bocklet (B'90/Die Grünen) die Förderung kirchlicher Veranstaltungen zum Erstaunen des Publikums mit Sportförderung und sozialer Unterstützung Hilfsbedürftiger gleichgesetzt, womit sie sich eklatant über das Verfassungsgebot der Trennung der staatlichen von der religiösen Sphäre hinwegsetzten.
Alles in allem wurde einvernehmlich konstatiert, dass das säkulare Engagement dem sprichwörtlichen "Bohren dicker Bretter" entspricht, bei dem man nicht auf kurzfristige Erfolge hoffen dürfe. Auch wurde die konsequente Nichtbeachtung säkularer Themen in Gesellschaft und Politik durch die Medien – die "Vierte", aber vielleicht mächtigste Gewalt im Staate – kritisiert. Nicht nur das große Interesse an der Veranstaltung und die rege Diskussion mit dem Publikum, sondern vor allem die demografischen Basisdaten zeigen, dass hier eine Thematik schlummert, die eine nicht zu unterschätzende Brisanz und Aktualität birgt, die in der Zukunft eher an Bedeutung gewinnen als verlieren wird. Vor diesem Hintergrund fühlen sich die Initiatoren der AG bestätigt und ermutigt, den begonnenen Weg fortzusetzen und bei passenden Gelegenheiten die säkularen Kräfte zu bündeln, um auf gemeinsame Anliegen aufmerksam zu machen und gemeinsame Interessen durchzusetzen.
Kommentare (10)
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Wir müssen uns nichts
Wir müssen uns nichts vormachen: Alle größeren Parteien, inkl. der Linken, kungeln mit den beiden Kirchen und sind weit davon entfernt, Staat und Kirchen zu trennen. Man hat eher den Eindruck, dass es in den letzten Jahren noch schlimmer geworden ist: Je weniger Leute noch in der Kirche sind, desto mehr Einfluss scheinen die Kirchen zu bekommen. Man schaue sich nur das Beispiel Katholikentag in Erfurt an: Als einzige im Stadtrat vertretene Partei sind die PIRATEN gegen den Zuschuss in Höhe von 600.000 EUR und stoßen - ähnlich wie in Leipzig - ein Bürgerbegehren an.
Die auf der o.g. Veranstaltung anwesenden Politiker scheinen innerhalb ihrer Parteien zu den wenigen zu gehören, die zumindest persönlich die Nähe von Kirche und Staat kritisch sehen. Man bekommt beim Durchlesen den Eindruck, dass sie den Veranstaltern nach dem Mund geredet haben um Stimmen zu fangen. Die Parteilinien der von ihnen vertretenen Parteien sind und bleiben aber kirchennah.
Wer in Hessen konsequent säkular wählen will, kann entweder die Piratenpartei (Liste 7) oder die Humanisten (Liste 20) wählen. Auch wenn beide wenig Aussicht auf einen Einzug in den Landtag haben, so ist geht auch ein Achtungserfolg unterhalb von 5 % zulasten des Wahlergebnisses der großen Parteien.
"Lediglich die CDU hatte zum
"Lediglich die CDU hatte zum Bedauern des Veranstalters auf eine Teilnahme verzichtet." hier wäre wohl eher der Satz angebracht: Lediglich die CDU hatte auf Anraten des Klerus auf eine teilnahme verzichtet"!
Solche Diskussionsforen
Solche Diskussionsforen müssten landesweit weit gestreut werden. Diejenige Partei die endlich den Mut findet, dieses Thema voranzutreiben, wird langfristig mit Sicherheit grosse Erfolge haben. 70 – 80 % der gesamten Bevölkerung ist es mehr als satt, dass die Politik derart krass an der Volksmeinung vorbei politisiert. Siehe dazu die Sterbehilfe – Themen. Dies wird natürlich nicht von einer Partei und von Politikern und Politikerinnen passieren, die das C mit sich herumtragen. Die Wählerschaft hätte das dazu notwendige Instrument in der Hand, man müsste es nur endlich anwenden.
Die Thematik vom Papier in
Die Thematik vom Papier in die Köpfe zu kriegen, wird noch Generationen dauern - schließlich sind die Köpfe seit Generationen von Kindesbeinen an die Pfaffia gewöhnt.
Aber nur nicht bange machen lassen!
Man sollte die Frage mal
Man sollte die Frage mal anders formulieren: Welches Interesse besteht von wem daran, dass Staat und Kirche NICHT getrennt sind, also am bisherigen Status Quo?
Immerhin sind die Parteien teils massiv religiös unterwandert, der Staat teilfinanziert die Kirchen, die Kirchen haben eine enorme Präsenz in den ÖR Medien, dass schon fast von öffentlich-rechtlicher Mission auf Gebührenzahlers Kosten gesprochen werden kann, der Staat finanziert Religionslehrer und Religionsunterricht in den Schulen, wobei es nach Maßgabe der BVerfG gewollt sein darf, dass Religionslehrer "zum Glauben hin" unterrichten, also in den Schulen faktisch missionieren!
Meine Meinung: Mit Religion lassen sich die Menschen prima manipulieren bis hin zur Kriegsführung, und es gibt genügend and gut funktionierender "Volksmanipulation" interessierte Kreise.
Ich plädiere für einen Paradigmenwechsel bei den Säkularen: Religionen sind keine Weltanschauungen, sondern Werkzeuge für die Massenmanipulation.
Moin,
Moin,
es sollte auch erwähnt werden, dass die Kirchen den
Sozial-Politikern eine schwierige ungeliebte Arbeit abnehmen.
Die Kirchen sind vor Ort, die Sozialpolitiker eher sehr selten.
Deshalb sind die Sozial-Politiker auf die Kirchen angewiesen!
Die Kirchen sind größter Lobbyist und haben mehr Einfluß
auf die Gesetzgebung als die Sozial-Politiker.
Ich denke zum Beispiel an das Sterbehilfegesetz!
Die Kirchen lassen sich die Politikerhilfe seit vielen
Dekaden jährlich mehr als fürstlich bezahlen.
Viele Grüße
Arno Gebauer
Herr Arno Gebauer! Bei allem
Herr Arno Gebauer! Bei allem Respekt tut hier Aufklärung not:kirchlich getragene Krankenhäuser, Senioren-Heime,Caritas-Einrichtungen, Kindergärten, Kinderheime u.s.w. werden meist zu über 95% vom Staat finanziert! und zwar mit jährlichen Milliardenbeträgen! Dazu kommt, dass die Kirchen dem Staat gegenüber nicht rechenschaftspflichtig sind und für ihre Einnahmen(z.B. durch Vermietung und Verpachtung nicht steuerpflichtig sind. Die Kirchen haben sich im Laufe der Zeit nicht nur zum Staat im Staate gemausert, sondern sie stellen sehr geschickt aufgebaute mafiöse Konstruktionen dar ! Aber zu dieser "Familie" gehören eben nicht nur die "C-Parteien". Die anderen Parteien, die auf das "C" beim Wählerfang verzichten, sind genauso vom Klerus unterwandert! Es wird höchste Zeit, dass die vom Grundgesetz vorgesehene Trennung von Staat und Kirche endlich realisiert wird! Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp? Dem gehört meine Wählerstimme!
Mit gottlosem Gruß,
Kay Krause
Lieber Herr Krause. Da die
Lieber Herr Krause. Da die Finanzierung vom Staat gewährleistet wird, geht vieles besser durch Maßnahmen der Kirchen. Es müsste nicht so sein, doch es ist wie es ist. Würde, was ich mir wünschte, ein anderer Verband finanziert, würde er schneller vor Ort sein. Doch es ist nicht so. Bleibt nur das ständige Engagement ohne Groll.
"Die Kirchen sind vor Ort,
"Die Kirchen sind vor Ort, die Sozialpolitiker eher sehr selten.
Deshalb sind die Sozial-Politiker auf die Kirchen angewiesen!"
So kann man das auch sehen, aber: wo sind die Kirchen noch "vor Ort"?
In den Städten vielleicht, auf dem Land schaut der Pfarrer alle 6 Wochen mal vorbei, ansonsten ist das Pfarrhaus verwaist und wenn es einen "kirchlichen" Kindergarten gibt, dann bezahlt den sowieso der Staat.
Wenn die "Gotteshäuser" leer stehen und verfallen, muss das die Kirchen nicht kratzen, die Kirchenbaulasten tragen sowieso die Kommunen. Da kann man gut präsent sein.
Dass die Komunen die
Dass die Komunen die Baulasten der Kirchen tragen, daran hatte ich nicht gedacht. Ich hatte mich bei meinem Beitrag daran orientiert, was Herr Gebauer sagte.
Dass hinter allem ökonomische Interessen stehen, wird auch hier wieder deutlich. Die Kirchen nutzen die Gesetzgebung! Ist die ökonomische Nutzung der Gesetzgebung verwerflich? aus meiner Sicht ja. Doch folgt hier eine Änderung des Grundgesetzes. Doch auf mich hört ja keiner. Also bin ich nur ein kleines Würmchen. Wenigstens macht auch Kleinvieh Mist.