Buchvorstellung in Berlin
Empört euch anständig!
Der Grünen-Politiker Omid Nouripour hat ein kleines Buch geschrieben. Er möchte es als Ergänzung zu Stéphane Hessels fulminantem Aufruf „Empört Euch!“ verstanden wissen, der vor über 15 Jahren erschienen ist und eine ganze Generation prägte. Gemeinsam mit Michel Friedman diskutierte er in der Urania Berlin über Wut und Empörungskultur, Anstand, Zuhören und Respekt.
Foto: © Frank Nicolai
„Unser Land steckt in einem Zustand der Dauerempörung fest“, schreibt Omid Nouripour im Vorwort des Buches. Weiter beklagt er: „Der Kulturkampf ist an die Stelle der echten Debatte getreten und verhindert Lösungen, die gesellschaftlich breite Akzeptanz finden und vielleicht sogar versöhnen können.“ Empörung sei in Deutschland zutiefst emotional aufgeladen, ergänzt Friedman; anders als in Frankreich, wo „Empörung eher Bourgeoisie von der Revolution trennt“.
Mit Empörung allein, die nur emotional und nicht lösungsorientiert daherkommt, könne die Gesellschaft sich nicht weiterentwickeln, so Nouripour. Deshalb habe er das Buch geschrieben, denn „die Krisen unserer Zeit erfordern nicht Aufregung, sondern vernunftbasierte Antworten.“ Für ihn sei vor allem durch die Wirkmacht der Sozialen Medien jeglicher Anstand in den Debatten verloren gegangen. Anstatt Antworten zu geben oder gegensätzliche Meinungen zu diskutieren, wird sich meist nur noch „empört“, geschimpft und persönlich beleidigt. Es gibt kaum noch einen Austausch sachlicher Argumente. Und kaum ist eine Aufregung vorbei, empört man sich über das nächste Skandälchen. Und verliert damit die tatsächlichen Probleme des Landes und der Gesellschaft komplett aus den Augen.
Fünfzehn Jahre nach Stéphane Hessels Manifest „Empört Euch!“, einem Aufruf zum Widerstand und gegen die Ignoranz, ist aus der Empörung ein Dauerzustand geworden. Die Menschen empören sich über alles – über große politische Fragen in der gleichen Intensität wie über Banalitäten. Das führte nach Ansicht Nouripours im Ergebnis zu gesellschaftlicher Spaltung, Kulturkämpfen und Lähmung statt Fortschritt.
Die lautstarken und häufig genug unsachlichen Debatten in der Gesellschaft resultieren zudem darin, dass einige sich komplett daraus verabschieden. Denn manche Menschen überlegen sich dreimal, „ob sie etwas sagen, schreiben, posten können. Und es im Zweifelsfall einfach lassen. Der Druck, die Angst vor dem Geschrei, führen zu Selbstzensur.“
Man solle darüber reden, dass die Sozialen Medien dazu geführt haben, dass sich die Kommunikation enorm beschleunigt hat, sagte Nouripour in der Urania. Die Algorithmen geben vor, in welcher „Bubble“ man sich befindet und „man muss auch darüber reden, dass beispielsweise die AfD in den Bundestag eingezogen ist und der Populismus kulturell Fuß gefasst hat.“ Auch wenn das ein globales Phänomen sei, müssten wir schauen, dass die Gesellschaft in unserem Land nicht vollends zerbricht.
„Wann, wenn nicht jetzt?“ fragte Friedman. „Wir müssen unsere Republik in den nächsten Jahren wieder stabilisieren.“ Ansonsten könnte es zu spät sein für die Demokratie.
Im Buch versucht Nouripour in zehn thematisch geordneten Kapiteln Antworten auf die offenen Fragen der Gesellschaft zu finden. (Leider kam das in der Podiumsdiskussion etwas zu kurz.) Für den Politiker ist Bildung der Schlüssel zum Bestand und zur Stärke unserer Demokratie. „Früher war das Problem der Zugang zu Information, heute ist es die Art, wie wir uns informieren und wie wir diese Informationen filtern: […] Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – war Desinformation noch nie so erfolgreich wie heute.“ Das sei nicht nur ein Problem, das könne zu einer Katastrophe für die Demokratie werden. Er verweist auf Finnland, wo sowohl Lehrende als auch Schüler und Schülerinnen seit 2014 darin geschult werden, Fake News zu erkennen. „Finnland [führt] seit Jahren den 'European Media Literacy Index' an, hat also die widerstandsfähigste Bevölkerung gegen Fake News in ganz Europa. Wie sie das machen? Durch Bildung, konkret: mit Medienkompetenz ab der Vorschule.“
In Deutschland hingegen bereiteten wir unsere Kinder nicht ausreichend auf ein Leben im Informationszeitalter vor. Wir lieferten sie schutzlos der Informationsflut aus. „Auch weil wir selbst als Eltern und Gesellschaft damit überfordert sind.“
Generell ist der Ansatz von Nouripour eher pragmatisch. Er verlangt an keiner Stelle revolutionäres Umdenken oder gar Eingriffe in die Gesellschaft. Denn häufig ist gut gemeint nicht gut gemacht und mit harschen und absoluten Forderungen erreiche man nichts. „Wenn eine Seniorin vom Land ‚Exit Racism‘ von Tupoka Ogette nicht gelesen hat und nach acht Jahrzehnten Lebenserfahrung bei ihrer Lieblingssüßigkeit nicht auf den Begriff ‚Schokoküsse‘ umsteigen will, dann bietet sich Großherzigkeit an. Manches braucht seine Zeit.“
Und genau diese Haltung – gnädig, wenn möglich und Härte, wo nötig – zeichnet das Buch aus. „Statt Empörung braucht es also einen Aufstand der Anständigen gegen Spaltung und Rassismus.“
Wir leben in einer komplexen Welt. Und schon allein deshalb gibt es auf viele Fragen keine einfachen Antworten. Doch: „Wir stehen nun an einem Scheideweg. Wollen wir eine informierte oder eine empörte Gesellschaft sein? Wenn jeder seine eigene Wahrheit hat und Meinungen mit Fakten verwechselt werden, dann werden Tatsachen ignoriert, Experten verhöhnt, Wissenschaft geleugnet. Wenn die Wahrheit aber niedergeschrien wird, weil sich jeder nur so informiert, wie es seine eigene Meinung bestätigt, dann ist unsere Freiheit am Ende.“
Das Buch ist nicht so revolutionär wie Hessels Meisterwerk. Es gibt keinen noch nicht gedachten Gedanken, keine völlig neue Erkenntnis. Jedoch versammelt es etliche vernunftbasierte Ideen zur Lösung der drängendsten gesellschaftlichen Probleme. Und ist allein deshalb unbedingt lesenswert.
Kommentare (4)
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Selbstvermarktung, sowohl…
Selbstvermarktung, sowohl von Nouripour als auch Friedmann – irgend was muss man ja machen, wenn man nicht gerade in der talk-show sitzt ... aber muss der hpd dabei mitmachen? Ich sage "Nein!" Was das jetzt noch "anständige Empörung"?
Sehr geehrte Frau Schumann,…
Sehr geehrte Frau Schumann,
ich bitte Sie für die Zukunft darum, sich erst mit einem Thema vertraut zu machen, bevor Sie kommentieren. Ich gehe davon aus, dass Sie das Buch nicht gelesen haben und auch nicht bei der Veranstaltung anwesend waren. Denn den hätten Sie einen solchen abwertenden Kommentar nicht verfasst. Denn genau das, was Sie hier tun: Sich empören ohne Grundlage, ist, was Nouripour anspricht und kritisiert.
Ihr Kommentar zeigt also vor allem, wie richtig das Buch ist.
Frank Nicolai
Sehr interessant, danke für…
Sehr interessant, danke für die Analyse.
Der Ansatz aus Finnland klingt vernünftig. Es gibt ja auch hier sehr zaghafte Versuche im Bildungsbereich, sich mit der Macht von social media zu befassen.
Hier werden die drängendsten…
Hier werden die drängendsten Fragen unserer Zeit angesprochen.
In einer Diktatur ist die Meinung - auch die falsche - des Volkes fast uninteressant (siehe z. B. Russland, wo sicher viele gegen den sinnlosen Angriffskrieg sind), da es auf die Führungselite praktisch keinen Einfluss hat.
Die Demokratie macht sich jedoch freiwillig und wissend wehrlos den Bürgern gegenüber, weshalb die Bürger aufgerufen sind, die Demokratie wehrhaft zu machen. Das ist ihr genialer Grundgedanke, dass quasi die Bürger selbst definieren, wie frei oder unfrei sie leben wollen.
In einer dank des Volkes wehrhaften Demokratie ist die Freiheit - wie über den Wolken - wohl grenzenlos. In einer aufgegebenen Demokratie ist die Freiheit verschwunden.
Allerdings kann nur ein informiertes Volk eine Demokratie wehrhaft machen, denn die Feinde der Freiheit (um die geht es letztlich) sind schlau. Sie operieren immer mit den neusten Techniken, mit denen Bürger manipuliert werden können.
Hitler hatte seinen Volksempfänger, die aktuellen rechten Nationalpopulisten nutzen das Internet. Hier wird das Volk systematisch verdummt und mit Falschinformationen gefüttert, bis diese als Wahrheit geglaubt werden.
Was habe ich schon für kruden Schwachsinn von AfD-Wählern hören müssen! Dagegen kann man mittlerweile nicht mehr an argumentieren, da in deren Augen jeder, der eine fundierte Meinung vertritt, ein "Systemling" ist. Die echte Wahrheit stünde schließlich bei TikTok.
Dagegen hilft auch keine frühkindliche "Medienkompetenz", weil die genauso sinnlos ist, wie die Förderung frühkindlicher Alkoholkompetenz durch Verabreichung einer Flasche Doppelkorn. Die Neurologie weiß seit langem, dass Bildung und Erziehung von Kindern auch die Förderung der Hirnreife braucht. Erst danach ist das Gehirn gefestigt, um sich nicht mehr so leicht digital beeinflussen zu lassen.
Wenn dazu eine fundierte Grundausbildung in logischem Denken plus wesentlicher Fakten stattfand, ist der Menschen sehr schwer von rechten Rattenfängern zu erwischen. D. h. wir sollten im Interesse einer funktionierenden Demokratie Kinder möglichst lange von digitalen Geräten, die mit ihnen fremdgesteuert interagieren, fernhalten und ihnen stattdessen die echte Welt erklären.
Ein "Weiter so!" führt in die Katastrophe, denn Demokratie müssen wir wehrlos halten. Aber um die Freiheit zu sichern, brauchen wir wehrhafte Bürger, die wissen (!), was Demokratie braucht und was Bürger brauchen. Bürger, die einen klaren Blick auf die Realität haben und erkennen, was die weltpolitische Lage, der demoskopische Wandel der Gesellschaft sowie die ständig verbesserte (und damit teurere) Medizin für Auswirkungen auf Deutschland haben.
Vereinfacht: Eine kriegerischer und bedrohlicher werdende Welt, immer weniger junge Leistungsträger und immer mehr ältere, länger lebende und medizinisch immer aufwändiger zu behandelnde Menschen führen zu (fast) unlösbaren Aufgaben, wenn man den (ebenfalls gestiegenen) Lebensstandard erhalten möchte.
Wer das begriffen hat (nur nach entsprechender Bildung), wird sich nicht mehr empören, sondern anpacken und mithelfen, auch mal verzichten (vor allen Dingen die Superreichen, die leicht verzichten können), damit die Demokratie bei uns stabil bleibt und sich nicht wie in der Weimarer Republik in den braunen Sumpf ziehen lassen...