Ethikunterricht in Bayern:
77 Prozent der Lehrer unterrichten fachfremd
Foto: © Jens-Olaf Walter, Flickr CC BY-NC 2.0
Es scheint unvorstellbar, dass ein Kind zum Beispiel im Fach Englisch von einem Lehrer unterrichtet wird, der kein Englisch spricht. Beim Fach Ethik geht das. An den bayerischen Gymnasien, Real- und Wirtschaftsschulen unterrichten 77 Prozent der Lehrer fachfremd, haben also keine Lehrbefähigung für das Fach Ethik.
"Dabei sollte das Fach gerade in der heutigen Zeit eine viel wichtigere Rolle an den Schulen spielen. Denn wo sonst könnten Kinder und Jugendliche besser miteinander über wichtige Themen wie Krieg und Frieden, Demokratie und Bürgerrechte oder Weltanschauungen und Religionen diskutieren als im Klassenzimmer unter Anleitung einer in ethischen Fragen ausgebildeten Lehrkraft?", möchte Assunta Tammelleo, stellvertretende Vorsitzende des Bundes für Geistesfreiheit München (bfg München), wissen.
Dazu kommt, das Fach wird immer beliebter: Laut Zahlen aus dem bayerischem Kultusministerium besuchten im Schuljahr 2017/2018 an den Grund- und Mittelschulen, Förderzentren, Real- und Wirtschaftsschulen sowie Gymnasien insgesamt rund 272.200 Schülerinnen und Schüler den Ethikunterricht. Im Schuljahr 2007/2008 waren es rund 175.900. Das sind innerhalb von 10 Jahren knapp 100.000 Schülerinnen und Schüler mehr bei insgesamt gesunkenen Schülerzahlen an diesen Schulformen (2007/2008: insg. 1.437.400 Schüler, 2017/18: 1.243.600).
Zwar ist die Zahl der Lehrer, die Ethik unterrichten, in den letzten zehn Jahren um rund 3.800 auf ca. 13.000 angewachsen, doch der Bedarf ist viel größer. Noch schlimmer aber steht es um die Qualität der Ausbildung zum Ethiklehrer – das heißt, wenn sie überhaupt ausgebildet wurden. So waren an den Realschulen, Wirtschaftsschulen und Gymnasien im Schuljahr 2017/2018 insgesamt rund 2.600 Lehrkräfte im Fach Ethik eingesetzt, davon rund 2.000 fachfremd, wie das Kultusministerium mitteilte. Knapp 77 Prozent der Ethiklehrer an diesen Schulen haben folglich keine Ausbildung im Fach Ethik.
"Wenn man sieht, wie Seehofer, Söder und Dobrindt in den letzten Wochen gegen Geflüchtete, ihre Anwälte und ehrenamtliche Helferkreise gehetzt haben, braucht es gut ausgebildete Ethiklehrer, die über Menschenrechte diskutieren, die zeigen, wie man mit Argumenten von Rechtspopulisten umgeht und die erklären, wie wichtig bürgerschaftliches Engagement in einer Gesellschaft ist", stellt Tammelleo fest.
Lehramtsstudierende in Bayern können Ethik aber nur als Drittfach bzw. Erweiterungsfach belegen, ein ordentliches Studium wie für alle anderen Unterrichtsfächer existiert bis heute nicht. Das Zusatzangebot wird dementsprechend kaum wahrgenommen. Nur rund 130 Studierende haben sich im Herbst 2017 und im Frühjahr 2018 für die Prüfung angemeldet.
Im vergangenen Jahr hatte der damalige Kultusminister Spaenle zwar mitgeteilt, dass ab 2019 Ethik auf Lehramt studiert werden könne, und laut Auskunft des Kultusministeriums vom 17. Juni 2018 wird derzeit die Lehramtsprüfungsordnung auch überarbeitet, wann aber Ethik als ordentliches Lehrfach an den Start gehen kann, darauf wollte sich das Ministerium nicht festlegen.
"Vor 46 Jahren wurde Ethik als Unterrichtsfach eingeführt. Dass die Staatsregierung es bis heute nicht geschafft hat, Ethik zu einem normalen Studienfach zu machen, zeigt den fehlenden politischen Willen und die weltanschauliche Engstirnigkeit von Staatsregierung und CSU. Es bleibt zu hoffen, dass nach den Landtagswahlen, wenn die CSU ihre absolute Mehrheit verloren hat, endlich Bewegung in die Sache kommt", so Tammelleo.
Dass die Staatsregierung ihre Politik der Ausgrenzung gegenüber Flüchtlingen auch in die Schulen trägt, mag nur wenige noch überraschen. Trotzdem verwundert die Ankündigung im Schuljahr 2018/19 an den Grund- und Mittelschulen einen separaten wöchentlich vierstündigen "Unterricht für kulturelle Bildung und Werteerziehung" für junge Flüchtlinge einzuführen angesichts des Lehrermangels schon. Der bfg München möchte wissen, woher denn für die Lehrer kommen soll, wenn gerade und vor allem an diesen Schulformen das nötige Personal fehlt, wie die Lehrerverbände kürzlich feststellten.
"Vielleicht setzt die Staatsregierung auch hier auf fachfremde Lehrkräfte wie z. B. auf Mitglieder der Jungen Union oder Horst Seehofer nach seinem Rücktritt. Im Ernst: Ein solcher Unterricht führt nur zu einer Trennung der Schüler in Parallelwelten und soll suggerieren, dass geflüchtete Kinder und Jugendliche einen Nachholbedarf beim Thema 'Werte' hätten. Erfolgversprechender wäre es, alle Schüler mit ihren unterschiedlichen weltanschaulichen, kulturellen und religiösen Hintergründen zu integrieren und mit ihnen über ethische Fragen zu diskutieren. Im Klassenzimmer die verschiedensten Weltanschauungen der Mitschüler kennenzulernen, führt zu mehr Kritikfähigkeit, Verständnis, Weltoffenheit und Toleranz. Ein solcher 'Ethikunterricht für alle' könnte wichtige Werte und Normen nachhaltig vermitteln", so Tammelleo.
Kommentare (6)
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An den bayerischen Gymnasien,
An den bayerischen Gymnasien, Real- und Wirtschaftsschulen unterrichten 77 Prozent der Lehrer fachfremd, haben also keine Lehrbefähigung für das Fach Ethik.
Tatsächlich funktioniert das, WENN sich die Lehrkraft sofort nachqualifiziert,
WENN sie aus ETHIK-nahen Fächern rekrutiert werden.
Wenn man z.B. auf Physik- Lehrkräfte zurückgreift, hat man denselben Effekt wie in der Politik. Dass sich dort jmd. in der Politik versucht und scheitert wie unsere Bundes-Physikerin.
Ein Riesenproblem für junge,
Ein Riesenproblem für junge, heranwachsende Humanisten!
Am schlimmsten empfanden meine Töchter und ich Lehrer, die Ethik unterrichten, weil sie sich als tief gläubig berufen/besonders geeignet fühlen das Fach Ethik zu unterrichten. Viele (nicht alle) vermitteln "Wahrheiten", beherrschen es knapp und bündig den Sinn des Lebens zu klären, sind verärgert, wenn unsere Kinder die offensichtliche Weltordnung nicht erkennen... Fragen verstehen/begreifen sie als Provokation und Ungehorsam und biegen an unseren Kindern bis diese verstummen.
Wir haben mit einigen "Ethiklehrern" bittere Erfahrungen gemacht. Dort haben meine Töchter die wichtigste Lektion ihres Lebens gelernt: Nicht der Schlauste und nicht der Stärkste überlebt, sondern derjenige, der sich am schnellstem anpasst.
Guten Tag,
Guten Tag,
ich bin Journalistin für den BR und suche Familien, die mir von ihren Erfahrungen mit Ethik-Lehrern erzählen könnten. Wenn Sie Interesse haben, könnten Sie mir bitte schnellstmöglich eine kurze Mail schreiben? isabelle(punkt)hartmann(at)br(punkt)de Herzlichen Dank im Vorfeld!
Sehr guter Artikel, liebe
Sehr guter Artikel, liebe Assunta! Aber Frage: Religionslehrer unterrichten Ethik? wie soll das denn gehen? gerade diese Herrschaften wettern doch am lautesten gegen den Ethik-Unterricht! etliche sind der Meinung, das könne man im Religions-Unterricht genau so gut oder gar besser abhandeln. Manche - wie ich aus anderen Artikeln entnommen habe, weigern sich gar, den Ethik-Unterricht zu übernehmen. Aber solange es dafür noch nicht mal ein Lehr-Programm gibt, können sie ja auch nicht allzu viel Schaden anrichten!
Das Fach Ethik dient in
Das Fach Ethik dient in Bayern doch nur dazu, die religionskritischen Schüler irgendwo abzustellen, damit die pro-religiöse Indoktrination für die anderen ungestört ablaufen kann. Würden womöglich im Ethik-Unterricht Sinn und Zweck von Religion hinterfragt, wäre das der GAU in CSU-Hausen.
In BaWü ist die Katastrophe
In BaWü ist die Katastrophe noch viel schlimmer: die Ethik, die Lehrerausbildung Ethik an der Uni wurde an die Philosophen delegiert, die überwiegend Kirchenmitglieder sind. Wird nun das neue Lernziel "Offenheit für Transzendenz" in die ursprünglich säkulare Ethik eingeführt?? Der 1. Vorsitzende des Fachverbandes Ethik Herr Kanzik ist Kirchenmitglied und hat keine Kenntnisse von Diskriminierung Konfessionsfreier in der BRD noch findet er die Übernahme der Fachdidaktik Ethik durch Theologen problematisch und findet auch die neueste Studie von 2 Theologen "70 % der Jugendlichen sind religiös" richtig und gut (weil Ethik von konfessionsfreien Schüler*innen gut bewertet wird!?). Da ist Humanistische Lebenskunde echt die einzige Hoffnung - bloß die Kirchen wollen jetzt Ethik, die religiös übermächtigt werden soll und kann. Und der HVD ist relativ klein. Wie kann das sinnvoll weitergehen? Gruß Karin Resnikschek, Tübingen