Kommentar
Deutschlandradio: Auch künftig ein Sender mit kirchlichem Schwerpunkt?
Deutschlandradio hat eine umfassende Programmreform angekündigt, die zum 30. November in Kraft treten soll. Mehr Analyse, mehr Einordnung, mehr Tiefgang lautet das Versprechen. Doch bei einem Bereich scheint sich nichts zu ändern: Religion bleibt im Programm deutlich stärker verankert als Philosophie, Ethik oder säkulare Weltanschauungen.
Foto: blu-news.org via Wikimedia Commons CC BY-SA 2.0
Anfang Juli stellte Deutschlandradio seine Programmreform vor. Ziel sei es, das Profil der Programme durch mehr inhaltliche Tiefe zu schärfen. Künftig solle außerdem „mehr Platz sein für fachredaktionelle Beiträge aus den Bereichen Wissenschaft, Kultur, Religion, Medien oder Literatur“. Deutschlandradio betreibt mit Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur zwei bundesweite Hörfunkprogramme, in denen religiöse Themen seit Jahrzehnten einen festen Platz haben.
Nach eigener Darstellung gehören „Fragen zu Religionen, Weltanschauung, Philosophie und Ethik“ selbstverständlich zum Programm. Wer den Sendeplan allerdings genauer betrachtet, erkennt ein deutliches Ungleichgewicht: Der Bereich Religion verfügt über eigene Redaktionen und regelmäßige Sendeplätze, während Themen wie Philosophie und Ethik nur punktuell behandelt und meist in andere Formate integriert werden.
Viel Religion, wenig Religionskritik
Im Hauptprogramm des Deutschlandfunks wird die Sendung „Aus Religion und Gesellschaft“ seit Jahren ausgestrahlt. Dort laufen Features wie „Drei Diakone auf der Walz“, „Das Martyrium eines Trappisten-Priors in Algerien“ oder „Wie Kirchen mit Alkoholabhängigkeit umgehen“. Religion erscheint dabei fast ausschließlich als gesellschaftliche Selbstverständlichkeit. Dass inzwischen weniger als die Hälfte der Bevölkerung einer der beiden großen Kirchen angehört und die Zahl der Konfessionsfreien kontinuierlich wächst, spiegelt sich im Programm kaum wider.
Auch Deutschlandfunk Kultur reserviert der Religion einen eigenen sonntäglichen Programmplatz. Das Magazin „Religionen“ verspricht „Hintergründiges aus verschiedensten Glaubensgebäuden“, kombiniert mit „Verantwortung und Mitmenschlichkeit“. Die Themen reichen vom „Sehnsuchtsort Kloster“ über „Sintflut und Erdbeben – Gott in der Katastrophe“ bis hin zu „KI als Chance für die Kirche“.
Zwar gibt es bei Deutschlandfunk Kultur mit „Sein und Streit“ auch ein Philosophiemagazin am Sonntag. Doch werden dort hauptsächlich gesellschaftspolitische Themen wie „Rassismus und Sexismus“ oder „toxische Männlichkeit“ behandelt. Eine systematische Auseinandersetzung mit philosophischen oder ethischen Grundfragen findet nur gelegentlich statt. Stattdessen kommt selbst bei „Sein und Streit“ die Religion durch die Hintertür, wenn dort ein kirchenfreundlicher Kommentar zum Thema „Christi Himmelfahrt: Kurze Pause von der ständigen Betriebsamkeit“ gesendet wird.
Auffällig ist hingegen, was weitgehend fehlt: Religionskritik. Während religiöse Perspektiven regelmäßig ihren festen Platz im Programm finden, kommen säkulare Humanisten, religionskritische Philosophen oder konfessionsfreie Verbände nur selten zu Wort. Eine kritische Auseinandersetzung mit kirchlichen Privilegien oder der Rolle der Religion in einer zunehmend säkularen Gesellschaft bleibt die Ausnahme. Dadurch entsteht der Eindruck, Religion sei auch heute noch der selbstverständliche Bezugspunkt für Sinn-, Werte- und Orientierungsfragen.
Verspielte Reform?
Gerade deshalb wäre die angekündigte Programmreform eine Chance gewesen, die gewachsene Struktur des Senders kritisch zu hinterfragen. Wenn Deutschlandradio den Anspruch erhebt, die gesellschaftliche Wirklichkeit abzubilden, sollte sich diese auch in der Verteilung der Themen und Sendeplätze widerspiegeln. In einer zunehmend säkularen Gesellschaft erscheint es kaum noch zeitgemäß, Religion institutionell so deutlich zu privilegieren, während Philosophie, Ethik und religionskritische Positionen ohne vergleichbare redaktionelle Präsenz auskommen müssen. Ob die Programmreform tatsächlich zu mehr Vielfalt führt, wird sich daher nicht zuletzt daran messen lassen müssen, inwieweit die Verantwortlichen den Mut besitzen, überkommene Strukturen zu hinterfragen.
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