Kommentar

Zwischen Beileid und Reflexen – Warum wir nach Berlin eine ehrliche Religionskritik brauchen

Nach dem islamistischen Anschlag auf den CSD in Berlin greifen die gewohnten politischen Reflexe aus Relativierung, Schuldzuweisungen und Wahlkampf-Spekulationen. Doch das fatale Ritual verfehlt den Kern des Problems: die fundamentalistisch-religiöse Ablehnung der freien Gesellschaft. Um diese wirksam zu bekämpfen, braucht es weder Pauschalverurteilungen noch falsche Rücksichtnahme, sondern eine ehrliche und konsequente Religionskritik.

Brandenburger Tor in Berlin, in Regenbogenfarben angestrahlt, nach dem Anschlag vom 25.07.2026.
Brandenburger Tor in Berlin, in Regenbogenfarben angestrahlt, nach dem Anschlag vom 25.07.2026.

Bei einem islamistischen Anschlag auf die Christopher Street Day Parade in Berlin kam am Samstagabend eine Frau um, 16 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Und wie immer bei solchen Ereignissen kommt es aus allen politischen Lagern zu Aufrufen, die Tat nicht zu instrumentalisieren und zunächst der Trauer Raum zu geben, während gleichzeitig auf allen Kanälen und aus allen Lagern die Instrumentalisierung beginnt. Dabei sind islamistische Attentate in den letzten zehn Jahren so häufig geworden, dass es eine eingeübte Rollenverteilung gibt: Links im politischen Spektrum warnt man vor der Stigmatisierung von Muslimen und beschwört, dass man sich jetzt nicht spalten lassen dürfe und überhaupt mehr Integrationsbemühungen nötig seien, während man im politisch rechten Spektrum härtere Maßnahmen fordert und nach mehr Abschiebungen ruft. Rechts der Mitte wird der Islam gerne in seiner Gesamtheit für derartige Attentate verantwortlich gemacht, während man links der Mitte keinerlei Beziehung zwischen dem Islam und derartigen Taten sehen will. So schreibt beispielsweise die Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus, kurz BAG RelEx, „religiös begründeter Extremismus” sei der korrekte Fachbegriff und nicht „religiöser Extremismus”, was die BAG RelEx gerne behaupten kann, ihre Behauptung aber noch lange nicht wahr werden lässt.

Zum gewohnten Ritual gehört ebenfalls, dass darüber spekuliert wird, was ein Attentat für Auswirkungen auf die Wahlergebnisse der AfD haben wird, als wäre das schlimmer als der Tod und das Leid, welche durch das Attentat direkt erzeugt wurden. Neu hinzugekommen sind seit der Vollinvasion Russlands in die Ukraine Verschwörungstheoretiker, die einen Zusammenhang zwischen islamistischen Attentaten und Wahlterminen sehen wollen und „Cui bono?“ raunen, um einen Einfluss Wladimir Putins zu unterstellen. Für diejenigen, die ohne alle Beweise eine Einmischung Putins herbeireden wollen, sei darauf hingewiesen, dass bei der Vielzahl an Wahlen auf allen Ebenen von der Lokal- bis zur Bundespolitik jeder zufällig ausgewählte Tag im Durchschnitt nur 81 Tage vor einer Wahl liegt, im Median sogar nur 69 Tage. Aktuell sind es bis zu den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt noch 41 Tage.

Was in diesem eingeübten Spiel fehlt, ist der Hinweis darauf, dass man natürlich weder den Islam als Ganzes noch die Muslime in ihrer Gesamtheit für derartige Taten verantwortlich machen kann, gleichzeitig jedoch als wohlverstandene Religionskritik darauf hinweisen muss, dass solche Attentate in der Logik der Religion eben trotzdem angelegt und zumindest ganz sicher nicht ausgeschlossen sind. Die Ablehnung moderner, liberaler Gesellschaften ist ein Kernelement islamistischer Ideologie und wurde Beispielsweise in einem Artikel mit dem Titel "Why we hate you & why we fight you" („Warum wir euch hassen & warum wir euch bekämpfen“) ausführlich dargelegt. Dort heißt es wörtlich: „Wir hassen euch, weil eure säkularen, liberalen Gesellschaften genau die Dinge zulassen, die Allah verboten hat." Unter den explizit genannten verbotenen Dingen findet sich dann zum Beispiel Homosexualität (der hpd berichtete).

Die Ablehnung von Homosexualität und anderen queeren Lebensformen ist jedoch nicht nur den Islamisten eigen. Wir finden sie auch in nicht extremistischen, konservativen Religionsformen. So bezeichnete etwa Burhan Kesici, Vorsitzender des Islamrates für Deutschland, Bilder einer Kampagne für vielfältiges muslimisches Leben, die unter anderem auch ein schwules Paar darstellen, als „abnormal” (der hpd berichtete). Kesici verurteilte den Anschlag auf X, seine Worte bezüglich Homosexueller hinterlassen aber trotzdem einen faden Beigeschmack in Anbetracht der Tat von Berlin. Man sollte aber aus Sicht der Religionskritik ebenfalls nicht vergessen, dass er damit nicht alleine ist, sondern gute Gesellschaft bei konservativen Religiösen verschiedenster Glaubensrichtungen findet. Insbesondere in evangelikalen und traditionalistisch-katholischen Kreisen dürften seine Ansichten bezüglich LGBTQ Mehrheitsfähig sein.

Das regelmäßig wiederkehrende Ritual nach solchen Anschlägen greift daher zu kurz. Gegenseitige Schuldzuweisungen und die immer gleichen politischen Reflexe erschöpfen, ohne etwas zu bewirken. Wer den Terrorismus bekämpfen und queeres Leben in einer freien Gesellschaft wirksam schützen will, darf den Blick nicht vor den weltanschaulichen Wurzeln verschließen. Das bedeutet: weder den Islam in Sippenhaft zu nehmen, noch die religiöse Komponente aus falscher Rücksichtnahme totzuschweigen. Erst wenn wir bereit sind, fundamentale und konservativ-religiöse Dogmen ganz gleich welcher Glaubensrichtung offen zu kritisieren, durchbrechen wir das fatale Schauspiel, das auf jede Tragödie dieser Art folgt.

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Sebastian Schnelle

Der Autor ist promovierter Philosoph und betreibt den Podcast "vorpolitisch", in dem er sich mit gesellschaftspolitischen Fragen der Gegenwart beschäftigt und mit Gästen v.a. aus Wissenschaft und Forschung spricht. Er hat zum Islamismus geforscht und publiziert und arbeitet aktuell an einem Buch über die Neue Rechte in Deutschland und ihre Ideengeschichte.

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