Kommentar
Jens Spahn: Der Mann, der sich selbst der Nächste ist
Nun war es ein Skandal zu viel: Jens Spahn ist als Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zurückgetreten. Was ihn auszeichnet, ist eine bemerkenswert egoistische Sichtweise auf die Dinge, die er aber dennoch religiös zu umrahmen weiß.
Foto: Stephan Röhl / Heinrich-Böll-Stiftung via Wikimedia Commons CC BY-SA 2.0
Nun hat Jens Spahn den Bogen überspannt. Bemerkenswert, dass ausgerechnet die Beauftragung einer Frau in den USA, ein Kind für ihn und seinen Mann auszutragen, das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Und das Fass war bereits wesentlich voller, als es in der Vergangenheit für einen Rücktritt hätte sein müssen. Denn heutzutage tritt man nicht mehr wegen solcher Lappalien zurück wie früher. Einen Überblick über das, was sich der Ex-Unions-Fraktionsvorsitzende schon geleistet hat, findet sich hier und als humoristische Sonntagsumfrage auch beim Postillon.
An dieser Stelle soll aber ein spezieller Aspekt beleuchtet werden: dass es Jens Spahn immer dann legitim erscheint, von den konservativen Positionen seiner Partei und des ihr inkorporierten christlichen Glaubens abzurücken, wenn sie seine eigenen Interessen tangieren. Ein Cherrypicking, das sich Menschen mit weniger politischem Einfluss und geringeren monetären Möglichkeiten nicht herausnehmen können, denen er aber seine persönlichen Ansichten mit Selbstverständlichkeit überstülpt.
Er war für die „Ehe für alle“, weil er seinen Mann heiraten wollte. 2019 hatte er sich für ein Verbot von Konversionstherapien stark gemacht (der hpd berichtete). Eine begrüßenswerte Entscheidung. Aber schon vor sieben Jahren wurde ersichtlich: „Wenn er den Leidensdruck Betroffener aufgrund persönlicher Erfahrungen nachvollziehen kann, scheut der ansonsten konservative Politiker den Konflikt mit den christlichen Positionen seiner Partei nicht. In die Situation unheilbar Kranker scheint sich der selbst gesunde Minister nicht hineinversetzen zu können.“ Hintergrund war, dass er in einem Akt offenen Rechtsbruchs die Herausgabe von Natrium-Pentobarbital (NaP) an Schwerstkranke verhindert hatte – trotz eines gegenteiligen Urteils.
Nun also die Leihmutterschaft. In Deutschland ist es verboten, jemand anderes gegen Bezahlung das eigene Kind austragen zu lassen. Jens Spahn hat bis zuletzt an dieser Rechtslage festgehalten. Was nicht verboten ist: solche Dienste im Ausland in Anspruch zu nehmen. Heißt also: Wer es sich leisten kann, kann die Rechtslage in Deutschland umgehen – so wie Jens Spahn und sein Mann. Dieses Vorgehen fügt sich in das bisherige Agieren Spahns nahtlos ein: Regeln gelten vor allem für die Untertanen, nicht für ihn, der sich und seine persönlichen Bedürfnisse höher zu gewichten scheint. So wie beim umstrittenen Spendendinner, das er während des ersten Pandemie-Herbstes besuchte, als er amtierender Gesundheitsminister war und noch am selben Tag vor Ansteckungsgefahren bei Partys gewarnt hatte. Einen Tag später war er dann selbst Covid-positiv, war also in der besonders ansteckenden Phase vor Symptomausbruch als mutmaßlicher Super-Spreader unterwegs.
Doch dieses Messen mit zweierlei Maß will Jens Spahn so nicht stehen lassen. Er bastelt sich seinen Glauben einfach so hin, dass sein Handeln keinen Widerspruch mehr darzustellen scheint. Im Podcast von Paul Ronzheimer erklärte er laut Bild: „‚Ich bin lange zerrissen gewesen. Aber eben über dieses Ringen und sich mit dem Thema beschäftigen, haben wir uns für diesen Weg entschieden.‘ Er kenne es ‚als Christ‘, dass ‚das eine die reine Lehre ist und das andere das echte Leben. Und dass das manchmal kein Schwarz und Weiß hat und keine einfachen Entscheidungen‘.“ Er bereue nun, sich nicht schon früher geäußert zu haben, zum Beispiel auf dem CDU-Parteitag im Februar, als es einen Antrag gegen die Leihmutterschaft gab, schreibt Bild weiter. Zu diesem Zeitpunkt war seine Leihmutter schon schwanger. Und er sei noch nicht so weit gewesen, die Debatte führen zu können. Oder mit anderen Worten: Lieber erst einmal Tatsachen schaffen und hinterher um Verständnis bitten.
Ob ihm bewusst war, dass er diesmal zu weit gegangen ist? Nach alldem, womit er durchgekommen ist? Vielleicht dachte er, das macht den Kohl jetzt auch nicht fett. Oder, es war es ihm wert. Um sein Karriereende muss sich der frischgebackene Vater eines Leihmutterkindes sicherlich nicht sorgen, angesichts seiner Kontakte in die US-Machtelite. Denn was dort zählt, ist die göttliche Mission, und zwar eine ganz eigene, die sich von Widersprüchen nicht aufhalten lässt und bei der der eigene Vorteil nicht zu kurz kommt. Dafür muss man sich auch nicht schämen, zeigt uns die aktuelle Weltpolitik, das Bemühen um aufwändige Lügengebäude entfällt zugunsten von schulterzuckender Dreistigkeit. Jens Spahn bringt die richtigen Voraussetzungen für diesen Kosmos mit, und die aufstrebenden, religiös aufgeladenen Superreichen werden im Zweifelsfall schon ein Plätzchen für ihn finden. Deren „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“-Ideologie will schließlich auch außerhalb der USA verfangen.
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