Nicht nur Menschen können auf etwas hinweisen

Schimpansen zeigen wo es langgeht

Was Schimpanse und Mensch trennt...
Was Schimpanse und Mensch trennt... (Aufnahme aus dem Zoo Berlin)

Michael Tomasello war sich sicher: Tiere zeigen einander nichts, auch Menschenaffen nicht. Sie unterweisen einander auch nicht, untermauerte Tetsuro Matsuzawa die Grenzlinie. Nun tun sie es vielleicht doch? Am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie halfen Schimpansen und Orangs einem scheinbar Suchenden auf die Sprünge, wie man es bislang nur von menschlichen Kleinkindern weiß.

Sucht ein Experimentator demonstrativ nach einem aus der Hand gefallenen Gegenstand, dann weisen ihn schon Menschenkinder im Babyalter ab 16 Monaten die Richtung, wo der Gegenstand zu finden ist. Und schon Kleinkinder, die kaum laufen können, sind bereit, dem scheinbar in Nöten Geratenen zu helfen, und reichen ihm das gesuchte Objekt.

Nun versuchte es David Buttelmann mit folgendem Experiment: Er ließ einen Menschen zusehen, wie ein Gegenstand in einer Lade aufbewahrt wurde. Die gesamte Szene wurde in einer mehrfach wiederholten Versuchsanordnung hintereinander von 23 Schimpansen und sechs Orang-Utans beobachtet, die wiederum verfolgen konnten, wie der Gegenstand, nachdem der Mensch den Raum verlassen hatte, in einer andere Lade versteckt wurde. Dann ließ man den Menschen wieder hinein, und dieser musste nun so tun, als ob er den Gegenstand in dem zunächst benutzten Aufbewahrungsort suchte. Natürlich fand er dort nichts, unsere behaarten Verwandten aber eilten darauf zum zweiten und holten das Objekt heraus und ließen ihn liegen, wie um zu sagen: Hier ist es doch. Blieb der Mensch hingegen im Raum, während der Gegenstand aus der ersten Box heraus und in die nächste hineingepackt wurde, rührten sie sich nicht. Wohl weil sie solche Hilfestellung für überflüssig hielten. Musste doch der Mensch über dieselben Informationen verfügen wie sie.

Daraus schließt David Buttelmann, dass das Eingreifen der nichtmenschlichen Hominiden als Hilfestellung in Gestalt eines Hinweises gelten könne. Auf etwas hinzuweisen, muss eben nicht immer bedeuten, mit dem Finger auf etwas zu zeigen. Die Leipziger Menschenaffen unterrichteten den scheinbar ahnungslosen Menschen durch Vormachen, was einer Situation des Belehrens sogar schon ziemlich nahekommt. An den Versuchen nahmen die Tiere übrigens ohne Zwang und stets nur dann teil, wenn ihnen der Sinn danach stand.

Kommentare (3)

Colin Goldner (nicht überprüft)

Mi. 12 Apr 2017 - 11:24

Unter Verhaltensbiologen sind das im Zoo Leipzig ansässige Wolfgang-Köhler-Primaten-Forschungszentrum - kurz: WKPRC - und sein langjähriger Leiter, der Anthropologe Michael Tomasello, nicht unumstritten. Einige, so der Primatologe Volker Sommer, seien der Auffassung, Tomasello könne zwar im Ohrensessel schreiben, verstehe aber von natürlich lebenden Primaten entsprechend wenig. In der Tat, so Sommer weiter, „ignoriert er fünfzig Jahre Freilandforschung in Urwäldern und Savannen praktisch vollständig. Stattdessen denkt er sich Tests aus, bei denen in Gefangenschaft aufgewachsene Primaten schlechter abschneiden als wohlbehütete deutsche Kindergärtler.“ Was nichts anderes bedeutet, als dass den Ergebnissen der WKPRC-Forschung allenfalls bedingte Aussagekraft zukommt, zumal, so Sommer, der Verdacht schwer wiege, „dass Tomasello nach einem grundlegenden Unterschied zwischen Mensch und Tier fahndet“, eine Suche, bei der man immer fündig werde, „weil sich Begriffe stets so weit ausdefinieren lassen, bis alle anderen Lebewesen außen vor bleiben.“ Nur wenn solch grundlegender Unterschied bestehen bleibt, lässt sich die Gefangenhaltung von Tieren in Zoos und damit die Möglichkeit, in Zoos an ihnen zu forschen, rechtfertigen.

Sehr geehrter Herr Goldner,
ich halte Ihren Einsatz für Tierrechte grundsätzlich für unterstützenswert, alllerdings habe ich manchmal das Gefühl Ihre Argumentation geht über sachliche Kritik hinaus und ist sehr emotional.
Auch Ihr Kommentar zu diesem Forschungsergebnis von Prof Tomasello bestärkt mich darin. Sie haben kein Argument gegen die Seriosität der Forschungsergebnisse vorgebracht, sondern ausschließlich versucht die Integrität des Verfassers mit Argumenten in Frage zu stellen, die mit den vorgetragenen Forschungsergebnissen wenig bis nichts zu tun haben ... sehr schlechter Stil.

@JM: Gucken Sie sich mal Ihre Replik auf den Leserbrief (!) von CG genauer an. Ist das nun nur sachliche Kritik, die Sie da vortragen oder schwingt da nicht auch Emotionales, gar: Moralisches mit? Oder anders gesagt: Emotion kann man gar nicht ausblenden, und weshalb auch sollte man? EP

Simone Guski

Die Autorin ist gelernte Philosophin, arbeitete viele Jahre lang als Kulturjournalistin mit dem Schwerpunkt Kunst im In- und Ausland für Tageszeitungen und Magazine. Sie war langjährige Kulturberichterstatterin für DIE WELT in Madrid und unterrichtete später philosophische Anthropologie und Ästhetik an der Universidad de la Comunicación in Mexiko-City. Schließlich spezialisierte sie sich journalistisch auf die Themen Anthropologie, Primatologie und Tierrechte.

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