Ahmadiyya-Moschee als Wahllokal

Aufwertung eines fundamentalistischen Akteurs

Die Khadija-Moschee in Berlin-Pankow fungierte bei der gestrigen Abgeordnetenhauswahl erneut als Wahllokal. Berichten zufolge sollte dies auch ein Zeichen gegen Rechtsextremismus und Islamismus setzen. Doch die dahinterstehende Ahmadiyya-Bewegung, die sich seit Jahren als weltoffener Reformislam inszeniert, vertritt in zentralen Punkten Positionen, die mit einer liberalen Demokratie kaum vereinbar sind. Dass erst kürzlich zwei Ahmadiyya-Vertreter mit ablehnenden Äußerungen zur Homosexualität medial aufgefallen sind, scheint plötzlich niemanden mehr zu stören.

Khadija-Moschee in Berlin
Die Khadija-Moschee in Berlin

In einem Konferenzsaal der Khadija-Moschee konnten Berliner Wahlberechtigte des Stadtteils Pankow am gestrigen Sonntag ihre Stimme abgeben. Bereits bei der Europawahl 2024 war dort ein Wahllokal installiert worden. Die Moschee gehört zur Ahmadiyya Muslim Jamaat, einer innerhalb der islamischen Welt verfolgten Sondergemeinschaft, die in Deutschland mehr als 53.000 Mitglieder sowie nach eigenen Angaben rund 50 Moscheen und 225 regionale Gemeinden zählt. In Hessen und Hamburg genießt die Ahmadiyya den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts.

Auffällig ist vor allem das öffentliche Auftreten der Ahmadiyya: Mit regelrechten Imagekampagnen wirbt die Bewegung für interreligiösen Dialog und einen vermeintlich toleranten Islam. Der Claim der deutschen Ahmadiyya lautet „Liebe für alle – Hass für keinen“. Ahmadiyya-Mitglieder sind jene organisierten Muslime, die nach Silvester öffentlichkeitswirksam Straßen reinigen. Nach Terroranschlägen treten sie mit Infoständen in Innenstädten unter Slogans wie „Muslime für Frieden“ oder „Wir sind alle Deutschland“ auf.

Ihre Wurzeln liegen in Pakistan, wo Ahmadiyya-Anhänger bis heute verfolgt werden. Auch hierzulande werden Ahmadiyyas innerislamisch oft nicht als Muslime anerkannt. Streitpunkt ist insbesondere die Frage des Prophetentums: Während die überwiegende Mehrheit der Muslime Mohammed als letzten Propheten betrachtet, sieht die Ahmadiyya in ihrem Gründer Mirza Ghulam Ahmad einen nachfolgenden Propheten. Die Bewegung untersteht zudem einem Kalifen. Mirza Masroor Ahmad ist seit 2003 der fünfte Kalif und damit das Oberhaupt der weltweiten Ahmadiyya Muslim Jamaat. Er lebt in London.

Trennung von Politik und Religion?

Auch diesmal, im Vorfeld der Wahlen, äußerte sich Scharjil Khalid, Ahmadiyya-Imam der Pankower Moschee, gegenüber der dpa dialogorientiert: „Die Politik muss Muslime als Verbündete betrachten, nicht als Gegner.“

Vor dem Hintergrund der Befürchtungen bezüglich eines Wahlerfolgs der AfD und der zugleich bestehenden Neigung eines Teils der muslimischen Bürger, selbst die AfD zu wählen, rief Khalid dazu auf, für diese Partei insbesondere wegen ihrer antimuslimischen Haltung nicht zu votieren. Die 400.000 Berliner Muslime sollten – nachzulesen in der ZEIT – „als Wähler zur Stärkung der Demokratie […] betrachtet werden. Diesen Appell richtete Imam Scharjil Khalid an alle Parteien außer der AfD. […] Die muslimfeindliche Einstellung der AfD sei ein großes Thema in den Gemeinden, so Khalid“.

Die Bereitstellung seiner Moschee als Wahllokal sollte nicht nur ein Zeichen gegen Rechtspopulismus setzen. Auch „der Kampf gegen den Islamismus lasse sich erfolgreich nur zusammen mit Moscheegemeinden und Verbänden führen, nicht gegen sie“, druckte die ZEIT. Scharjil Khalid zufolge sei die Pankower Ahmadiyya-Moschee das einzige muslimische Gotteshaus, das sich derzeit als Wahllokal anbiete.

Keine Mitgliedschaft für offene Homosexuelle

Eine religiöse Einrichtung positioniert sich politisch. Die mangelhafte Trennung zwischen Religion und Staat ist hier zu beklagen – und wird es teilweise auch. Merkwürdig ist jedoch, dass der fundamentalistische bis politische Charakter der Ahmadiyya, der ausgesprochen viele Überschneidungen mit rechtsextremer oder islamistischer Ideologie aufweist, in diesem Zusammenhang kaum skandalisiert wird. Dabei sind erst jüngst zwei Ahmadiyya-Repräsentanten mit homosexuellenfeindlichen Aussagen aufgefallen: zuletzt Scharjil Khalid höchstpersönlich, zuvor die virulente Publizistin Khola Maryam Hübsch.

Im Nachgang zum islamistischen Terroranschlag auf Besucher des Berliner CSD produzierten die Medienmacher der Marke based eine Dokumentation zum Verhältnis von Islam und sexueller Vielfalt in zwei Berliner Moscheen. Zum einen in der liberalen Ibn Rushd-Goethe-Moschee von Seyran Ateş, in der LGBTQ-Personen ausdrücklich Mitglied werden und auch heiraten können. Zum anderen in der Khadija-Moschee, die nun Wahllokal war, in der offen homosexuell lebenden Menschen die Mitgliedschaft verwehrt bleibt.

Journalist Dominik Steffens konfrontierte Imam Scharjil Khalid in der Dokumentation mit der Frage, ob ein „Wegbeten“ von Homosexualität möglich ist. Zunächst antwortet Khalid, dass „Gott allmächtig" und „zu allem fähig“ sei. Ergänzend erklärte er, das Gebet müsse „unterstützt“ werden. Als Ratschlag für Homosexuelle spricht er von weiterer „Hilfe“ und betont schließlich, er sei „kein Heiler“. Statt die Grundlage der Frage – Homosexualität als Störung – zurückzuweisen, scheint Imam Khalid daran kein Störgefühl zu hegen. Im Gegenteil: Er rät zu umfassenden Maßnahmen.

Keine Ausnahme: Khola Maryam Hübsch, Tochter des langjährigen Ahmadiyya-Pressesprechers Hadayatullah Hübsch, der ihre Ehe arrangierte, erklärte am 16. Juni in der Talkshow „Markus Lanz“, dass sich sexuell aktive Homosexuelle „nicht gottgefällig“ verhielten. Lanz fragte Hübsch: „Verträgt sich Homosexualität mit ihrem Religionsverständnis?“ Darauf antwortete das weibliche Gesicht der deutschen Ahmadiyya: „Das könnten Sie einen Menschen jüdischen Glaubens oder einen Katholiken genauso fragen.“ – „Ich frage Sie“, erwiderte Lanz. Hübsch entgegnete: „Ganz klar, es ist aus religiöser Sicht als Muslim nicht gottgefällig, Homosexualität zu praktizieren. Aber das ist bei jüdischen Menschen und bei katholischen Menschen nicht anders. Deswegen ist man noch kein Verfassungsfeind.“ Queer.de berichtete darüber.

Homophobie, eine rigide Sexualmoral und die Kontrolle weiblicher Sexualität sind in der Ahmadiyya-Gemeinde Programm. Der sogenannte vierte Khalif der Bewegung, Hazrat Mirza Tahir Ahmad, führte einmal einen „zunehmenden Hang zur Homosexualität“ auf „Schweinefleischverzehr“ zurück. Queer.de berichtete 2007 auch darüber. Nach Kritik daran ist jedoch weiterhin ein Ahmadiyya-Flyer über „Erlaubtes und Verbotenes im Islam“ im Umlauf, der im Titel zufällig denselben Wortlaut wie eine Schrift des Muslimbruderschafts-Chefideologen Yusuf al-Qaradawi aufweist und ebenfalls von Hadayatullah Hübsch verfasst wurde. Darin liest man: Das Schwein weise insbesondere wegen seiner „verwerflichen“, „sexuellen Eigenheiten“ ein abstoßendes Verhalten auf, das durch seinen Konsum auf den Menschen abfärben könne. Eine Verschwörungserzählung sondergleichen.

Geschlechtertrennung als religiöses Prinzip

Weiter heißt es in dem genannten Faltblatt, das übrigens immer wieder an den mit Toleranz- und Friedensmottos bedruckten Infoständen zu finden ist, dass „Gott“ einen großen Wert auf „sexuelle Reinheit“ lege. Vor- und außerehelicher Sex sind laut der Ahmadiyya-Publikation „streng verboten“. Es wird empfohlen, „früh zu heiraten“. Als Belege dienen Koransuren.

In jedem Ahmadiyya-Haus wird getrennt nach Geschlechtern gebetet. Meist verfügen die Moscheen der Ahmadiyya über separate Eingänge für Männer und Frauen. Auch dazu sollte Scharjil Khalid bei based Stellung beziehen: Der Imam legitimierte die Geschlechtertrennung mit „körperlichem Wohlbefinden“ und einer religiösen „Keuschheitsnorm“, die eine „gesunde Distanz“ der Geschlechter beim Gebet empfehle, weil auch die „Schritte“ vor dem Sexualakt mitgedacht werden müssten. Charakteristisch für den Patriarchalismus einer fundamentalistischen Islamauslegung: Tabuisierung von Sexualität bei simultaner Übersexualisierung.

Somit existieren bei den Ahmadiyyas auch für Frauen strikte Rollenvorgaben. Scharjil Khalid betont, dass es Frauen „praktisch“ unmöglich sei, Imamin zu werden, weil ihnen ein größerer „Schwerpunkt“ bei der Erziehung abverlangt werde. In einer weiteren Broschüre des Gemeinde-Schriftstellers Hadayatullah Hübsch namens „Die Rechte und Pflichten einer Frau im Islam“ ist festgehalten, dass Frauen weniger erben sollen als Männer und eine verheiratete Frau nicht gegen ihren Ehemann „opponieren“ soll.

Das aktuelle weltweite Oberhaupt der Ahmadiyya, das auch von Khola Maryam Hübsch als solches respektiert wird, postulierte 2012 in einer Ansprache, dass „Schleierlosigkeit und Schamlosigkeit“ „nicht gestattet“ seien. Für ein Mädchen der Gemeinde ist es laut dem Kalifen „notwendig“, „dass sie sich verhüllt“.

Toleranz nach außen, Kontrolle nach innen

Journalisten und Politiker scheinen vielfach dem Eigenmarketing der Bewegung zu glauben, ohne sich mit ihren Überzeugungen auseinanderzusetzen. Der Ruf der Ahmadiyya als Reformbewegung mag dabei einen Vertrauensvorschuss geben. Dabei ist keine wirkliche Reform zu registrieren. Diese Bezeichnung hat die Bewegung wohl deshalb erhalten, weil sie eine verfolgte Sekte ist, sich im Zwist mit anderen Muslimen wegen der Prophetenfrage befindet und ihr einst eine außerordentlich aktive Frauengruppierung nachgesagt wurde.

Indes hatte sich die Soziologin Necla Kelek einmal das Innenleben der Gemeinden vorgenommen:

„Dann sehe ich, dass [...] der Koran und auch die Sunna als Allahs Gesetz wortwörtlich genommen werden. Und damit ist auch gemeint, dass die Welt in Gläubige und Ungläubige geteilt wird, genau wie wir es in diesen erzkonservativen Bewegungen auch sehen.
Sie teilen auch die Welt in Frauen und Männer auf. Das heißt, die Männer entscheiden über das Leben der Frauen, Ältere über Jüngere. Sehr stark vertreten ist die Verwandtschaftsehe, sodass halt die Mitglieder gleich von Anfang an in der Gemeinschaft bleiben und keine Möglichkeit haben, außerhalb dieser Gemeinschaft ein Leben anzufangen. Das wird sehr stark kontrolliert. Und sie sind missionarisch – also sie tragen den politischen Islam weiter, indem sie zum Beispiel unentwegt Moscheen bauen wollen.“

Extremisten sind immer nur die anderen

Zurück zum Ahmadiyya-„Gotteshaus“, das Muslime für eine Wahl gegen Rechtsaußen gewinnen will und als Partner gegen den Islamismus herhalten soll: Homosexuellen heilende Maßnahmen nahezulegen und offene Homosexualität als nicht „gottgefällig“ zu werten, das klingt kaum anders als die Worte eines Hans-Thomas Tillschneider (AfD Sachsen-Anhalt), der Homosexualität als nicht dem „Leitbild“ entsprechend betrachtet. Verschwörungsmythen, auch über angeblich seelisch schädigende Nahrungsmittel, findet man bei Rechtsextremen wie Islamisten. Keuschheitsnormen und Reinheitsnarrative propagieren christliche Fundamentalisten von Rechtsaußen genauso. Die Verhüllungsdoktrin der Ahmadiyya ist deckungsgleich mit der anderer Player des Politischen Islam.

Als eines der wichtigsten politische Themen der Berliner Muslime nannte Imam Khalid laut dpa die Aufarbeitung des von ihm auch sogenannten „Genozids“ in Gaza. Mit dieser Täter-Opfer-Umkehr-Rhetorik trifft Khalid bei Linken, Rechtsextremen und Islamisten auf offene Ohren.

Das Wahllokal in der Khadija-Moschee riecht nach einer weiteren PR-Kampagne der Ahmadiyya, die über den Extremismus in den eigenen Reihen hinwegtäuschen soll. Das weitestgehend kritiklose Gewährenlassen der Bewegung und die kommentarlose Übernahme seiner Außenkommunikation werten diesen fundamentalistischen Akteur unnötig auf.

Lesen Sie dazu auch den Bericht einer Ahmadiyya-Aussteigerin.

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Moritz Pieczewski-Freimuth

Der Autor lebt in Köln und verfasst Beobachtungen und Kommentare zu den Themen Politischer Islam, Integration, Neue Rechte, Antisemitismus und Geschlechterverhältnisse. In den vergangenen Jahren sammelte er fachliche und praktische Kompetenz u.a. beim Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam (FFGI) von Prof. Dr. Susanne Schröter, bei MIND prevention GmbH, der Mansour-Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention in Berlin, sowie in verschiedenen ideologiekritischen Initiativen.

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