Italien

Mailand: Plakatkampagne von Atheisten zensiert

UAAR Kampagne
"Darf ich entscheiden, wenn ich groß bin?"

Die Mailänder Verkehrsbetriebe weigern sich, ein Plakat der italienischen Union der Atheisten und rationalistischen Agnostiker (UAAR) in ihren Transportmitteln zu zeigen. Geworben wird auf dem Plakat dafür, dass Kinder frei von religiöser Indoktrinierung aufwachsen und ihre Weltanschauung selbst wählen dürfen, wenn sie groß sind. Die Mailänder Verkehrbetriebe sehen in dem Motiv einen Verstoß gegen ihre Vorschrift, keine religiöse Werbung zu zeigen. In Werbeplakaten für eine Papstmesse sahen sie dagegen kein Problem.

Im November vergangenen Jahres stellte die italienische Union der Atheisten und rationalistischen Agnostiker (UAAR) erstmals ihre Plakatkampagne "Darf ich mich entscheiden, wenn ich groß bin?" vor. Das Plakat der Kampagne zeigt links das Bild eines Babys und rechts eine Aufzählung diverser Glaubens- bzw. Nicht-Glaubensrichtungen: Katholik, Atheist, Agnostiker, Orthodoxer, Muslim etc.. Darunter die Frage: "Darf ich entscheiden, wenn ich groß bin?".

Auf der Website der Kampagne ist zu lesen, dass Sara – so der Name des Babys – "keine religiöse oder nicht-religiöse Überzeugung hat. Und es ist ihr Recht, weiterhin keinen Glauben zu haben, bis sie, und sie allein, sich anders entscheidet. (…) Die UAAR will, dass sie weiß, dass sie dieses Recht hat." Ein Hauptziel der Kampagne ist es laut deren Website, Familien darüber aufzuklären, dass es möglich ist, ein Kind von der katholischen Religionslehre in Schulen zu befreien.

Mitte Januar, pünktlich zum Schulanmeldebeginn für 2018, war die UAAR mit Plakaten und Flyern der Kampagne in 54 italienischen Städten präsent. In Mailand jedoch stieß sie laut Bericht der International Humanist und Ethical Union (IHEU) auf unerwarteten Widerstand.

Von der Werbeagentur IGPDecaux, die für die Werbung in den Transportmitteln der Mailänder Verkehrsbetriebe ATM zuständig ist, erhielt die UAAR die Mitteilung, dass ATM dem Zeigen der Plakate nicht zustimmt, da es verboten sei, Werbung mit religiösem Inhalt in den Transportmitteln der Mailänder Verkehrsbetriebe aufzuhängen. Erstaunlicherweise sahen die Mailänder Verkehrsbetriebe trotz dieser angeblichen Verpflichtung jedoch keinerlei Problem darin, im März 2017 sämtliche Verkehrsmittel mit Werbeplakaten für eine Papstmesse im nahe gelegenen Monza zu tapezieren.  

Auf diesen Umstand wiesen auch die Atheisten der UAAR hin und baten deshalb darum, die bemerkenswerte Regelung über den Verzicht auf religiöse Werbeinhalte einsehen zu können, gegen die eine Werbekampagne für das Recht auf religiöse Wahlfreiheit verstößt, Papstplakate hingegen nicht. Bislang wurde der Bitte der UAAR seitens der Mailänder Verkehrsbetriebe nicht nachgekommen.

Für Alessandra Stevan von der UAAR Mailand handelt es sich bei der Entscheidung der Mailänder Verkehrsbetriebe ATM eindeutig um Zensur und Diskriminierung. Roberto Grendene, Leiter der UAAR-Kampagne, hat angekündigt, dass man weiter nachforschen werde, wie es zu dieser Entscheidung gekommen sei, und dass die UAAR ggf. rechtliche Schritte einleiten werde.

Damit währenddessen auch in Mailand Familien von der Plakatkampagne erreicht werden, fährt die UAAR dort mit einer mobilen Plakatwand durch die Straßen. Darauf ist nicht nur das Plakat der Kampagne zu sehen, sondern auch zu lesen, dass dieses von den Mailänder Verkehrsbetrieben zensiert wurde. 

Kommentare (8)

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Fr. 9 Feb 2018 - 12:20

Treffende Plakat, schöne Aktion! Mehr davon, überall, jeden Tag, bis diese Kindesmisshandlung vorbei ist.

lorenzo (nicht überprüft)

Fr. 9 Feb 2018 - 12:49

Das Plakat ist großartig! Es wäre leicht, davon eine deutsche Version zu machen. Das wäre doch eine Anregung, oder nicht?

Noncredist (nicht überprüft)

Fr. 9 Feb 2018 - 13:02

> Erstaunlicherweise sahen die Mailänder Verkehrsbetriebe (..) keinerlei Problem darin, (..) für eine Papstmesse im nahe gelegenen Monza zu tapezieren.

Bringt Geld.
Die Kampagne der Atheisten hingegen erzeugt böse Anrufe von Menschen, die sich gestört fühlen. Und da getriggerte Gefühle nunmal nichts zählen, denn damit kann man keine Löhne bezahlen, ziehen sie die Papstplakate gerne vor. Es wird als "zielgruppenorientiertes Informieren" abgeheftet :)

David (nicht überprüft)

Fr. 9 Feb 2018 - 15:09

na das wäre doch etwas für eine neue Bustour durch Deutschland mit philip möller

Tom Brandenburg (nicht überprüft)

Mo. 12 Feb 2018 - 22:23

Hier lohnt es sich noch einmal daran zu erinnern: Als wir in HH den Deutschen Humanistentag 2013 vorbereiteten, wollten uns die Verkehrsbetriebe HVV die U-Bahn-Werbung mit „Gut ohne Gott“ versagen. Dieser Zensur-Versuch machte erst die Medien auf den DHT richtig aufmerksam... Nota bene

Frank Nicolai (nicht überprüft)

Di. 13 Feb 2018 - 11:23

Als die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) sich seinerzeit weigerten, "Gottlos glückliche" Busse durch die Stadt fahren zu lassen, war das der Beginn der "atheistischen Buskampagne"...

http://www.buskampagne.de/

Resnikschek Karin (nicht überprüft)

Mi. 14 Feb 2018 - 12:11

Super action, super Kommentare (toll: eine Busaktion) - man sieht, wie mächtig und schlau die Kirchen sind. Harmlose "Werbeverbote" erweisen sich überall als äußerst wirkmächtig (Ethiklehrern ist Werbung an Schulen verboten - so kommen nur Relilehrer zu Wort). Ein unerhörter Missstand. Karin Resnikschek Tübingen

Daniela Wakonigg

Die Autorin ist studierte Philosophin, Theologin und Germanistin. Sie lebt in Münster (Westf.) und arbeitet als freie Autorin und Journalistin für Hörfunk- und Print-Medien. Sie ist u. a. Redakteurin der Zeitschrift MIZ und war von 2016 bis Anfang 2024 stellvertretende Chefredakteurin des hpd.

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