NRW: Säkulare Sozis gegründet

Wolfgang Dohn, Karl Dvorak, Lale Akgün, Fatos Aytulun (sitzend v. l.) Karl- Heinz Meier, Klaus Gebauer, Johannes Schwill, Norbert Reitz (stehend v. l.)
Wolfgang Dohn, Karl Dvorak, Lale Akgün, Fatos Aytulun (sitzend v. l.) Karl- Heinz Meier, Klaus Gebauer, Johannes Schwill, Norbert Reitz (stehend v. l.)

Am vergangenen Wochenende gründete sich in Bochum die nordrhein-westfälische Landesgruppe der Säkularen Sozis. Damit gibt es im zehnten Bundesland innerhalb der SPD eine Arbeitsgruppe, die sich für eine säkulare Politik stark macht.

Nach eigenem Bekenntnis wollen sich die Säkularen Sozis "innerhalb von Partei, Politik und Gesellschaft für eine säkulare Religions- und Weltanschauungspolitik einsetzen." Gegen diese Bestrebungen gab es von Anfang an Widerstand innerhalb der Partei. Ein "Arbeitskreis Laizisten in der SPD" wurde vom Bundesvorstand nicht anerkannt.

Umso dicker sind die Bretter, die auch die neugegründete Landesgruppe der "Säkularen Sozis" zu bohren hat. Für die innerparteiliche Diskussion in der SPD haben sich die "säkularen Sozialdemokraten in NRW" viel vorgenommen.

Der neugewählte Sprecher Johannes Schwill (Bochum) nannte vorrangig die seit 100 Jahren ungeklärte Frage der staatlichen Leistungen an die Kirchen, die anders als Kirchensteuern zusätzlich aus öffentlichen Steuermitteln finanziert werden. So müssten die fast 40 Prozent der konfessionell ungebundenen Staatsbürger die kirchlichen Organisationen mitfinanzieren. Die Weltanschauungspolitik des Staates dürfe nicht an Lobbyinteressen orientiert sein, sondern müsse die Gleichbehandlung aller Bevölkerungsgruppen berücksichtigen. In der Weimarer Reichsverfassung und gleichlautend im Grundgesetz steht der Auftrag, diese aus grauer Vorzeit stammenden Zahlungen an die beiden großen Kirchen zu beenden.

Die ebenfalls als Landessprecherin gewählte Dr. Lale Akgün (Köln) stellte klar, dass die Privilegierung von Religionsgemeinschaften, ihren Mitgliedern staatlich getragenen Religionsunterricht zu erteilen und dies – auch noch vor Eintritt der Religionsmündigkeit – durch einen gemeinsamen, integrativen Unterricht für alle abgelöst werden sollte, der vielfältige religiöse wie weltanschauliche Inhalte vermittelt und damit zum gegenseitigen Verständnis von Traditionen und Lebensentwürfen in einer pluralen Gesellschaft beitragen kann. Eine moderne Religions- und Weltanschauungspolitik solle nicht nur anderen Parteien überlassen werden.

Bei der Gründungsversammlung am 16. März 2019 gab es gleich zu Beginn eine lebhafte Diskussion über das Thema: "Religion – Kitt oder Keil in der Gesellschaft?" Überwiegende Zustimmung fand die These des Ägyptologen Jan Assmann, dass die monotheistischen Religionen durch die mosaische Unterscheidung zwischen wahr und falsch, Glauben oder Unglauben an nur einen Gott ein immanentes Gewaltpotential hätten.

Kritisch diskutiert hingegen wurde die sechste These aus dem Leitkulturkatalog des früheren CDU-Innenministers de Maiziére, dass Religion und Kirchen uneingeschränkt "Kitt" in der deutschen Gegenwartsgesellschaft seien.

Dr. Klaus Gebauer erläuterte anschließend historisch fundiert den Unterschied zwischen dem französischen Laizismus als kämpferischem Programm gegen die Macht des feudalen Klerikalismus sowie dem allgemeinen, für die deutsche Debatte vorzuziehenden Begriff "Säkularität" als Konzept umfassender Weltlichkeit und Diesseitigkeit von Staat und Gesellschaft.

Kommentare (13)

Andreas E. Kilian (nicht überprüft)

Mo. 18 Mär 2019 - 14:23

Wer hat tausende von Ein-Euro-Jobbern gezwungen Kirchhöfe zu fegen, damit die Kirchen das Betreuungsgeld bekamen?
Wer zieht vom Hartz-IV - unabhängig von der Konfessionszugehörigkeit - immer noch die Kirchensteuer ein, um sie den Kirchen zur Betreuung zu geben?

Wer sagte noch einmal, dass der, der nicht arbeitet, auch nicht essen soll?
Wie viele Menschen mussten aufgrund der Hartz-IV-Sanktionen (Null-Prozent-Existenzminimum!) ihr Leben lassen und sterben auch heute noch im Winter auf der Straße?

Wer Säkularität und Humanismus ernst nimmt, kann diese Partei nie wieder wählen!

Ernst-Günther Krause (nicht überprüft)

Mo. 18 Mär 2019 - 16:59

Antwort auf von Andreas E. Kilian (nicht überprüft)

Für rational halte ich es, die Initiative säkularer Sozis zu begrüßen. Nur die Vertreter des Volkes in den Parlamenten können die Finanzierung des geistlichen Führungspersonals der Kirchen (Staatsleistungen) beenden. Bevor es so weit kommen kann, sind viele Hürden zu nehmen. Die erste ist, in der eigenen Partei mit säkularen Zielen wahrgenommen und akzeptiert zu werden. Dabei sollten sie säkular denkende Parteiungebundene unterstützen. Schließlich vertreten die säkularen Sozis säkulare Interessen.

Andreas E. Kilian (nicht überprüft)

Di. 19 Mär 2019 - 16:43

Antwort auf von Ernst-Günther Krause (nicht überprüft)

Wenn eine Mini-Splittergruppe jetzt schon weiß, dass ihr Anliegen bei der Mehrheit der Partei kein Gehör finden kann, dann halte ich es für rational, wenn sie die Partei verlässt und dort tätig wird, wo sie dem wählenden Bürger am ehesten dienen kann. Alles andere ist heuchlerische Augenwischerei zum Stimmenfang.

Ernst-Günther Krause (nicht überprüft)

Mi. 20 Mär 2019 - 11:24

Antwort auf von Andreas E. Kilian (nicht überprüft)

Auch die Zahl der Religionsfreien, der Humanisten, der Atomkraftgegner usw. war früher sehr sehr klein - sowohl innerhalb der Gesellschaft als auch innerhalb der Parteien. Wenn ausschließlich die Kandidaten von Parteien als gewählte Vertreter des Volkes die Möglichkeit haben, mittels Gesetzen bestehende Zustände zu verändern, dann ist es sehr vernünftig, innerhalb von Parteien und von außerhalb der Parteien Einfluss zu nehmen. Gemeinsam kämpfen, statt isoliert kämpfen. In der Regel steigen dann die Erfolgschancen. Die Verbesserungen beim Nichtraucherschutz entstanden beispielsweise durch Druck von innen und von außen.

Andreas E. Kilian (nicht überprüft)

Do. 21 Mär 2019 - 21:46

Antwort auf von Ernst-Günther Krause (nicht überprüft)

Religionsfreie, Humanisten und Atomkraftgegner haben eigene Parteien gegründet!

Zudem ist Ihre Prognose gerade von der Realität überholt worden, siehe: „Kein Platz für säkulare Interessen in der SPD“.

Kay Krause (nicht überprüft)

Di. 19 Mär 2019 - 18:34

Antwort auf von Ernst-Günther Krause (nicht überprüft)

Moin, Herr Namensvetter! Ich simme Ihne 100% zu! Aber für mich ergibt sich die Frage: Sind das wirklich "unsere" Volksvertreter"? Vertreten diese Parlamentarier real die Mehrheitsmeinung der deutschen Staatsbürger?Ich meine :NEIN! Richtig wir haben sie gewählt, nun sind sie da und furzen in ihre Sessel. Aber welche Alternativen hatten wir schon?Die LINKE? Nein! hat sich vor ein paar Jahren auch mit den Kirchen verbündet, in der Hoffnung, dadurch mehr Wähler unter den Pseudo-Christen anzusprechen. Die Partei?
nimmt doch kaum einer ernst. Die Piraten? Ein konfuser Verein! Die Humanisten? Sind (NOCH!) eine verlorene Stimme. Warum treten die öffentlich so wenig in Erscheinung?
Herr Krause, ich habe keine Ahnung, vielleicht können sie einem Mitglied Ihrer Ahnengalerie weiterhelfen?
m.f.G., Kay,v.Krause

Ernst-Günther Krause (nicht überprüft)

Mi. 20 Mär 2019 - 11:31

Antwort auf von Kay Krause (nicht überprüft)

Selbstverständlich sind das "unsere" Volksvertreter, auch wenn sie nicht nur unsere, sondern auch die Interessen von anderen Wählern vertreten. Ich habe 1977 die Nichtraucher-Initiative München e.V. (NIM) und 1988 die Nichtraucher-Initiative Deutschland e.V. (NID) gegründet und seitdem geführt. Nach 40 Jahren hat sich die NIM aufgelöst - wegen Erfolgs. 1977 wurde nahezu überall geraucht. Heute ist das erkennbar anders. Alles braucht seine Zeit. Unsere Milliarden und Abermilliarden Neuronen (Michael Schmidt-Salomon) reagieren nicht einfach auf Knopfdruck völlig anders.

Kay Krause (nicht überprüft)

Mo. 18 Mär 2019 - 16:52

Liebe säkulare Es-Pe-Disten! wundert Ihr Euch noch, wenn die große Mehrheit Eurer alten Wähler-Klientel kein Wort Eurer Reformwilligkeit mehr glaubt?! Genau so wie die Kirchen hattet ihr nach dem 2.Weltkrieg -74 (in Worten: vierundsiebzig!) Jahre Zeit für die reale Duchsetzung der Trennung von Staat und Kirchen; habt aber bei neuen Konkordaten mit diesem Gangster-Verein immer nur brav mit dem Kopp genickt! Ihr Wenigen, die Ihr auch in Eurer über 100 jahre alten ARBEITERPARTEI keinen Rückhalt habt, mein Respeckt und meine besten Wünsche seien Euch sicher! Aber die christlichen Sesselfurzer werden (wie immer) die Oberhand behalten
Mit real-sozialdemokratischen Gruß,
Kay Krause

Peter Hemecker (nicht überprüft)

Mo. 18 Mär 2019 - 19:21

Als in der Kommunalpolitik tätiger Bürger beobachte ich schon seit langem, dass die Nähe zwischen Politik und Verwaltung einerseits und den Kirchen andererseits immer mehr zunimmt. Während den Kirchen die Mitglieder in Scharen davonlaufen, scheinen die Politiker die Kirchen immer mehr in alle Bereiche des Lebens mit einzubeziehen, was vor abergläubischen Zeremonien, wie Segnungen von öffentlichen Gebäuden u.ä. nicht Halt macht.

Auch die SPD, die einstmals von der 'Religion als Opium des Volkes' sprach, ist mittlerweile durch und durch verquickt mit den Kirchenleuten und stellt das auch noch groß zur Schau. Diese kleine Gruppe von kirchenkritischen Mitgliedern, von denen der obige Artikel handelt, hat überhaupt keine Chance innerhalb der Partei. Soweit ich weiß gibt es nur die Piratenpartei und die Partei der Humanisten, die sich eindeutig für die Trennung von Staat und Kirche positionieren. Da es bei der Europawahl keine Prozenthürde gibt, sollte man beim 'Kreuzchen machen' daran denken.

Ich erlaube mir, in diesem Zusammenhang auf die FDP zu verweisen. Auch diese (meine) Partei tritt für die Trennung von Staat und Kirche ein, leider nicht in der Konsequenz, die ich persönlich für notwendig erachte.
Als Partei hat die FDP immerhin arbeitsfähige und gut vernetzte Strukturen, anders als die "Humanisten" oder die "Piraten".

Dann frage ich mich, warum die FDP, die die meisten Jahre der vergangenen 70 Jahre BRD mit in der Regierung saß und auch in den meisten Bundesländern Mitverantwortung trägt und trug, nichts zu einer Trennung von Kirche und Staat beigetragen hat.

Ich erinnere mich an ein WDR-Interview, in dem der FDP-Mann Gerhart Baum zu diesem Thema gefragt wurde und fast hysterisch die Frage mit den Worten abwendete "Um Himmels Willen, davon haben wir uns sehr schnell getrennt, das hat uns nur geschadet, davon wollen wir auch nichts mehr wissen." Weitere Nachfragen des Moderators wurden von ihm abgewürgt.

Hallo A.S.! Ich schätze Ihre Kommentare sehr! Aber Neo-Liberalismus? Eine Umfallerpartei, die ständig seit Jahrzehnten zwischen rechts, links und Mitte hin und her schwankt, noch nie ein klares politisches Konzept hatte; für die es immer die Hauptsache war, als Zünglein an der Waage mit zu mischen und letztlich die politische Richtung zu bestimmen Nein danke! Ich weiß, sie meinen es gut mit mir, aber dafür stehe ich zu weit links, und gebe die Hoffnung nicht auf, dass SPD und Linke endlich zur Besinnung kommen. Was ist der Mensch ohne Hoffnung? "a armer Hund!" würde Meister Baierlein sagen!

Thomas Göring (nicht überprüft)

Di. 19 Mär 2019 - 18:35

Passend zu diesem Artikel lese ich gerade in der F.A.Z. das Folgende:

https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/atheisten-duerfen-keinen-arbeitskreis-in-der-spd-gruenden-16096047.html

Demzufolge verweigert der religionshörige Parteivorstand seinen "GenossInnen" schon seit mehreren Jahren stur & arrogant die Gründung eines säkularen Arbeitskreises.

Der Parteivorstand verbietet solch einen Arbeitskreis kurzerhand.

Somit dürfte sich die Sache allmählich wohl erledigt haben. Ende - aus - vorbei.

Wer außer Großkapital & Kirchen & Islamverbänden braucht diese Partei noch - und wozu genau?

Warum fällt mir beim Thema "SPD" bloß immer mal wieder das "Seifenlied" von Kurt Tucholsky & Hanns Eisler ein? (Das ist zwar schon etwas älter, aber im Kern irgendwie doch zeitlos.)
https://www.youtube.com/watch?v=Fd5xvhYYVl4

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