Zoos sind Minderheitenbespaßung

Schimpansenkind im "Freigehege" des Zoos Bremerhaven
Schimpansenkind im "Freigehege" des Zoos Bremerhaven

Wie der Verband der Zoologischen Gärten (VdZ), Dachorganisation der 56 größeren Zoos hierzulande, in einer eigenen Pressekonferenz Anfang Juli 2020 verlautbarte, habe eine von ihm selbst in Auftrag gegebene Forsa-Befragung ergeben, dass 82 Prozent der Deutschen Zoos grundsätzlich befürworten. Tatsächlich hat ein Drittel der Deutschen in den letzten fünf Jahren kein einziges Mal einen Zoo besucht.

Die online durchgeführte Befragung dokumentiere die "hohe Beliebtheit" der Zoos in der Bevölkerung. "Diese Ergebnisse erfüllen uns mit Stolz", so VdZ-Präsident Jörg Junhold, zeigten sie doch "neben der hohen Akzeptanz, dass es unseren Zoos gelingt, als Brücke zwischen urbaner Lebenswelt und den Anliegen des Natur- und Artenschutzes zu fungieren."

Konterkariert wird die Forsa-Umfrage durch eine Anfang des Jahres (also vor Corona) vorgelegte repräsentative YouGov-Untersuchung, die zeigt, dass knapp ein Drittel der Deutschen (31 Prozent) in den letzten fünf Jahren kein einziges Mal einen Zoo besucht hatte: 53 Prozent brachten es auf ein bis vier Zoobesuche (in fünf Jahren), neun Prozent auf fünf bis neun Zoobesuche, drei Prozent auf zehn bis 14. Nur ein Prozent der Deutschen hatte in den letzten fünf Jahren 15 oder mehr Zoobesuche absolviert, 31 Prozent waren nie da.

Zoos sind Minderheitenbespaßung auf Kosten lebenslang eingesperrter und zur Schau gestellter Wildtiere.

Im Klartext: Nur 4 Prozent der Deutschen haben in den zurückliegenden fünf Jahren mehr als 10 mal einen Zoo besucht, waren also zweimal oder öfter pro Jahr in einem Zoo. Auch wenn vielleicht eine Mehrheit der Deutschen Zoos grundsätzlich befürwortet, geht doch nur eine verschwindend kleine Minderheit in nennenswertem Ausmaß dorthin: Zoos sind Minderheitenbespaßung auf Kosten lebenslang eingesperrter und zur Schau gestellter Wildtiere, wie auch auf Kosten des Steuerzahlers, der für die jährlich zigmillionenschwere Dauersubvention von Zoos und zooähnlichen Einrichtungen – in Deutschland gibt es mehr als 850 – aufzukommen hat.

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Kommentare (14)

Arne Schmitz (nicht überprüft)

Mo. 17 Aug 2020 - 12:41

Das war mal ein ziemlich dummer und unreflektierter Artikel, wenn ich das so offen sagen darf. Mit diesen Argumenten können wir fast jede Art von Kulturbetrieb einstellen. Wieviele Menschen waren denn in den letzten 5 Jahren in einer Oper oder dem Theater? Als Vater von Kleinkindern war ich zum Beispiel dutzende Male in Zoos, aber nicht einmal im Theater (auch wenn ich da gerne hingehen würde), aus Mangel an Zeit und Babysittern.

Das Bild des Zoos als Ort eingesperrter und zur Schau gestellter Wildtiere geht auch an der Zielsetzung moderner Tierparks vorbei. Viele dieser Zoos sind heutzutage aktiv am Artenschutz und Nachzuchtprogrammen beteiligt und sorgen mit für den Artenerhalt. Auch sorgen sie bei der Bevölkerung (insbesondere Kindern und Jugendlichen) für ein erhöhtes Bewusstsein für den Umgang mit Tier und Natur. Erst durch das Erleben eines Wildtieres wird das gerade für die jüngeren Kinder erst so richtig verständlich.

Anekdote: Mein Doktorvater ist in einer Großstadt aufgewachsen, und hat erst recht spät in seinem Leben das erste mal eine lebendige Kuh gesehen und war völlig entsetzt über deren Größe. Daher sieht man wie wichtig lebende, reale Tiere zur Bildung des Weltbildes bei jungen Menschen und Kindern sind.

Wir können natürlich gerne über die Haltungsbedingungen in Zoos sprechen, aber wenn ich meine Kindheitserinnerungen aus diversen Zoos mit denen vergleiche, die ich heute, 30 oder mehr Jahre später mache, muss ich sagen, dass die Zoos sich unglaublich verbessert haben. Gehege sind größer, Tiere haben mehr Rückzugsmöglichkeiten. Neu gebaute Zoos gehen da noch deutlich weiter, da sie meist von Anfang an mit größeren Grundstücken und Bebauungsplänen arbeiten können.

Junius (nicht überprüft)

Mo. 17 Aug 2020 - 14:14

Mit der Argumentation könnte man alle Museen und Theater schließen, und die allermeisten anderen staatlich subventionierten Kulturveranstaltungen auch.

Gerd (nicht überprüft)

Mo. 17 Aug 2020 - 14:35

Es mag sein, das eine Minderheit regelmäßig in den Zoo geht.. Über 40 Millionen Besuche gibt es jedes Jahr in Zoos. Sollte deshalb die Subventionierung eingestellt werden?

Es gibt wesentlich weniger Besuche in Opern und Theater. Sollen diese auch nicht mehr Geld bekommen?

Die Argumentation ist an den Haaren herbeigezogen.

Peter Hemecker (nicht überprüft)

Mo. 17 Aug 2020 - 15:42

Herr Goldner bekommt hier zum wiederholten Mal in diesem Jahr eine Plattform für seinen Kreuzzug gegen Zoos. Eigentlich schade für so ein informatives und kontroverses Medium wie den hpd.

Zum Thema: Zoos sollten in der Tat von einer Minderheiten- zu einer Mehrheitenbespaßung entwickelt werden. Die städtischen Verantwortlichen sollten Zoos den Kitas, Schulen, Familien, Senioren, Vereinen, usw. näherbringen und kostengünstige Angebote zum Besuch, zur Patenschaft und dergl. machen.

Thorsten Niedballa (nicht überprüft)

Mo. 17 Aug 2020 - 15:46

Trotz meiner eigenen Abneigung gegen Zoos:
Wenn 82 Prozent der Deutschen Zoos befürworten und 2/3 aller Deutschen in den letzten 5 Jahren in einem Zoo waren, klingt mir das (leider) gar nicht nach einer Minderheit. Die Häufigkeit der Besuche heranzuziehen ist doch rein willkürlich.

Konrad Schiemert (nicht überprüft)

Mo. 17 Aug 2020 - 19:50

Ich kann mir gut vorstellen, dass kleine Tiere artgerecht gehalten werden können, aber große Tiere und Vögel kaum. Die beste Lösung also: Zoos schließen.

Leo K. (nicht überprüft)

Mo. 17 Aug 2020 - 21:15

‘... auf Kosten lebenslang eingesperrter und zur Schau gestellter Wildtiere.‘

Ja. Als Kind habe ich auch Geschichten über Großwildjäger gelesen und die eingefangenen Tiere bedauert.

Nur, das sind kindliche Vorstellungen, die mit der heutigen Wirklichkeit nichts zu tun haben.

Die Tiere im Zoo stammen in aller Regel von Linien, die seit 100, 150 oder mehr Jahren bei Menschen leben.

Es sind längst viel mehr Haus- als Wildtiere, gerade die sozialen Arten sehen Menschen als Familienmitglieder oder sogar als Freunde (Selbst Löwen begrüßen ausgewählte Pfleger mit 'Köpfchen geben').

Zootiere wären längst nicht mehr in der Lage, sich in freier Wildbahn selbst
zu ernähren.

Aber auch der Minderheitenvorwurf geht ins Leere, denn wenn 30% nicht dort waren, waren 70% ja ganz offensichtlich da, ein Wert, von dem z. B. Opernhäuser und Museen träumen dürften.

Hinzu kommt, daß viele wohl mit Kindern in den Zoo gehen dürften, es geht hier also durchaus auch um den
Bildungsaspekt.

Und schließlich, was wäre denn die Alternative zum Zoo?

Die Safari?

DAS kann doch eigentlich niemand wollen!

Fernsehen?! Es gibt nun wirklich tolle(!) Dokumentationsfilme, die Tiere „aller Art“ in ihrer natürlichen Umgebung zeigen. Mit viel lehrreicher Information dazu. Im Zoo durchs Gitter zu spähen und ein psychisch gestörtes Großsäugetier beim Rumliegen anzuschauen oder 30 s lang über die Entdeckung einer irgendwo versteckten Schlange zu triumphieren, hat nun wirklich nichts mit Bildung zu tun. Zoos mögen sinnvoll gewesen sein, als es noch kein Farbfernsehen gab, geschweige denn Streaming hochwertiger und professionell erstellter Filme. Seit 40 Jahren sind sie obsolet.

Antimodes (nicht überprüft)

Di. 18 Aug 2020 - 08:07

Zoos haben mehr Aufgaben als Leute zu bespaßen, ebenso wie botanische Gärten keine teuren Picknickplätze sind. Sie dienen auch der Lehre, der Erziehung, der Vermehrung und letztlich der Verfügbarkeit zur wissenschaftlichen Forschung. Zoolinien schaffen Verständnis und Material, welches wir nicht in großem Umfang aus den zerstörten Lebensräumen extrahieren können.
Inwiefern Tiere dort zur Bespaßung anderer Leiden, hängt sicherlich auch von den Begebenheiten ab. Zootiere werden meist vergleichsweise alt, geheilt wenn sie erkranken und genießen eine sichere Versorgung. Wenn sie dazu noch Platz und Unterhaltung haben, sehe ich darin kein grundsätzliches Problem.

Sie schreiben: "Zootiere werden meist vergleichsweise alt, geheilt wenn sie erkranken und genießen eine sichere Versorgung. Wenn sie dazu noch Platz und Unterhaltung haben, sehe ich darin kein grundsätzliches Problem."

Solchen Service nennt man auch Knast.

Vielen herzlichen Dank an Colin Goldner für seine lange wertvolle Arbeit. Könnten all die geschundenen Kreaturen seine Texte lesen, wären sie ihm sicher sehr dankbar.

Antimodes (nicht überprüft)

Mi. 19 Aug 2020 - 10:58

Antwort auf von Rainer Praetorius (nicht überprüft)

Greifvögel kommen auch gerne zu ihrer Futterquelle zurück. Sie bevorzugen das sichere Futter und die guten Schlafplätze gegenüber den Unwägbarkeiten und dem Revierkampf. Sie haben sich ja auch für ein Leben in der Enge einer deutschen Industriegesellschaft entscheiden, statt in der Savanne Ausdauerjagd zu betreiben. Eine "natürliche" Umgebung ist einer geformten nicht bedingungslos vorzuziehen, was nicht bedeutet, dass ungestörte Biotope nicht außerordentlich wertvoll sind. Ich bin der Meinung, dass gute Haltungsbedingungen einen Betrieb mit vielen, aber nicht allen, Tieren ermöglichen können. Auf die Vorteile von Zoolinien auf Forschung und Lehre sind Sie nicht eingegangen.

Haha. Dann machen wir doch die Käfige einfach auf und schauen, welche Tiere nach ein paar Wochen noch (oder wieder) da sind. Nur Löwen etc. und alles was größer ist als wir bleibt bitte im Hausarrest :-).

Math (nicht überprüft)

Di. 18 Aug 2020 - 10:21

Stimmt, auch andere Minderheitenbespaßungseinrichtungen (Theater, Oper etc.) werden aus Steuergeldern subventioniert. Habe ich nichts dagegen, selbst wenn ich persönlich nur selten ins Theater gehe und noch nie in einer Oper war. Wenn aber Tierqualeinrichtungen wie Zoos mit meinem Steuergeld subventioniert werden, habe ich sehr wohl was dagegen, egal wieviele Menschen solche Einrichtungen gut finden und/oder dort hingehen. (ps das vielzitierte Artenschutzargument zählt für mich nicht: Zoos tragen nichts Nennenswertes dazu bei; ebensowenig zu Forschung und Bildung.)

Elke Petermann (nicht überprüft)

Mi. 19 Aug 2020 - 03:18

Zoos (=Gefangenhaltung und Zurschaustellung von Wildtieren) werden hierzulande zwar mehrheitlich befürwortet - theoretisch sozusagen -, aber nur von einer kleinen Minderheit in nennenswertem Ausmaß - praktisch sozusagen - in Anspruch genommen. Bei genauerer Hinsicht wird die vermeintlich große Beliebtheit von Zoos doch erheblich relativiert. Würde man die obligaten Besuche von Kindergarten- und Grundschulgruppen rausrechnen, wäre die Minderheit noch kleiner, die in nennenswertem Ausmaß dorthin geht. Zoo sind keineswegs so besucherattraktiv, wie die Forsa-Befragung mit 82% Zoobefürwortern nahelegt. Und eben das ist aus tierethischer Sicht von großer (und erfreulicher) Relevanz: es sind offenbar weit weniger Menschen als man meint, die Spaß am Besichtigen eingesperrter Tiere haben.

Colin Goldner

Der Autor ist klinischer Psychologe, Sachbuchautor und Wissenschaftsjournalist. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Sekten, Psychokulte, sogenannte Alternativmedizin und sonstige Heilslehren aus aller Welt. Er wurde insbesondere aufgrund seiner Arbeiten über Tendzin Gyatsho (den gegenwärtigen Dalai Lama) sowie Bert Hellinger und dessen Familienaufstellungen bekannt. Sein Buch über die Psychoszene setzte Standards für die Beratungsarbeit. Seit 1988 schreibt er u. a.

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