Schulen und Kitas: Ein Konzept in der Pandemie muss her

Gesundheit oder Bildung? Gesundheit und Bildung!

Die Pandemie dauert seit einem Jahr und betrifft alle Lebensbereiche, natürlich auch Schulen und Kindergärten. Ein Konzept, damit umzugehen, fehlt noch immer. Das ärgert die Kolumnistin, Ärztin und Mutter Natalie Grams.

Wie wohl alle Eltern treibt mich die Frage um, wie gut Schulen und Kindergärten die Gesundheit der Kleinen und Großen schützen. Klar, von "oben" verordnet ist dort viel, und das wechselt dann auch immer mal wieder. Und am Ende entsteht kein Konzept, sondern der Eindruck von heillosem Durcheinander. Von einem Flickenteppich der mal landes-, mal bundesweiten Regelungen und Verfügungen. Es folgen Konflikte von Schulen und Kitas mit den Behörden, Unsicherheit und zusätzliche Belastungen von uns Eltern, der Verlust von wenigstens einmal mittelfristiger Planungssicherheit etc. pp. – ganz ehrlich, was soll das?

Obendrauf kommt ein schlechtes Gefühl: Setze ich meine Kinder sehenden Auges einer Gefahr aus, wenn ich sie in Schule und Kita schicke, und damit womöglich sogar die ganze Familie? Oder richte ich mehr Schaden an, wenn ich sie zu Hause isolieren muss und ihnen wichtige soziale Entwicklungsmöglichkeiten vorenthalte? Vielleicht weiß die Politik am Ende gar nicht, was sie Eltern damit aufbürdet. Jedenfalls sorgt sie nach Lage der Dinge nun weder für den Schutz von Gesundheit noch für die Gewährleistung von Bildung.

Immerhin: Mein Bundesland, Baden-Württemberg, gibt Eltern die Option, ihre Kinder vorerst selbst dann nicht in Kita oder Schule zu schicken, wenn diese grundsätzlich geöffnet sind. Eine verlässliche Dauerlösung ist das natürlich nicht. Und hier wird ebenfalls die Verantwortung für den Infektionsschutz ganz gemein auf die Eltern abgeschoben. Dennoch ist das ja geradezu Gold im Vergleich zu Nordrhein-Westfalen, wo Anträge von Schulen auf Schließung auch bei hohen Inzidenzzahlen zum Teil einfach abgelehnt wurden – was die Entscheider offenbar auch noch für so etwas wie eine "klare Linie" halten.

Bei mir nebenan in Mannheim sind vor Kurzem mal wieder alle Kitas geschlossen worden, weil sich in regionalen Clustern mehr und mehr unter 15-Jährige infiziert haben. Generell scheinen die Zahlen in dieser Altersgruppe rasant anzusteigen, und mutierte, ansteckendere Virusvarianten wie B.1.1.7. kursieren. Und was passiert? Das grobe Muster, der "Plan", geht so: mal rein in Kita und Schule, mal raus aus Kita und Schule. Und wer positiv getestet ist, muss halt in Quarantäne.

Nun halten es die meisten Eltern für unverantwortlich, sich zwischen Gesundheit und Bildung zu entscheiden, ohne dabei einem von beidem gerecht zu werden. Bei einer kleinen – natürlich nicht repräsentativen – Umfrage von mir auf Twitter haben fast 80 Prozent angegeben, sie würden ihre Kinder mit einem ausgesprochen schlechten Gefühl in die Schule schicken oder sich gleich ganz gegen den "normalen" Schulbesuch entscheiden (wenn diese Option besteht, wie in Baden-Württemberg). Manche behalten ihre Kinder sogar trotz einer Präsenzpflicht zu Hause, womit sie quasi aus Vernunft gegen das Gesetz verstoßen. Das ist doch grotesk.

Und trotzdem steckt der Schulbetrieb nach einem Jahr Pandemie immer noch in den Kinderschuhen, wenn es um Konzepte geht, die eine echte Alternative zum normalen Präsenzunterricht anbieten. Es gibt solche Konzepte durchaus, einige Schulen haben sie selbst entwickelt. Und es liegen – finde ich als Mutter mit drei Kindern – sinnvolle Ansätze auf der Hand, wie man Gesundheits- und Bildungsaspekte abdecken kann und gleichzeitig Eltern mehr Planungssicherheit geben könnte. In Stichpunkten notiert bräuchte es:

  • endlich ein vernünftiges Testkonzept (und ausreichende (Schnell-)Testkapazitäten)
  • die rasche Durchimpfung der Lehrer, Lehrerinnen und Erziehenden, so dass wenigstens sie geschützt sind
  • einen organisierten Wechselunterricht in halben Gruppen oder Klassen
  • den Einbau von Luftfiltern, gerade jetzt, wo das Lüften wegen der niedrigen Temperaturen nicht wirklich gut möglich ist
  • bessere Möglichkeiten der Hygiene in Sanitärräumen und Klassenzimmern (allein die Raumgröße ist in vielen Einrichtungen nicht angemessen).

Damit ließe sich das Infektionsrisiko halbieren, mindestens. Das können doch keine unrealistischen Fantastereien sein? Damit müsste sich doch mehr erreichen lassen als mit dem jetzigen Prinzip des von Woche zu Woche gedachten Ja-Nein-Doch-Vielleicht?

Es ist seit Monaten widerlegt, dass bei Kindern und Jugendlichen ein vernachlässigbares Infektionsrisiko besteht. Wir wissen, dass Kinder und Jugendliche Viren in die Familien tragen können und die Pandemie weiter befördern: Symptomatische Kinder können das Virus genauso effektiv übertragen wie Erwachsene, und auch bei infizierten Kindern ohne Symptome ist eine Übertragung keineswegs ausgeschlossen. Bei Jüngeren sind ebenfalls schon "Long-Covid"-Verläufe beobachtet worden. Gleichzeitig ist der Impfschutz als Rettung der Situation zumindest für unter 15-Jährige derzeit nicht absehbar, weil die Studien hier noch laufen.

Aber es geht voran: Die Firma Moderna wird im "KidCove"-Programm ihren mRNA-Impfstoff in einer eigenen Phase-II/III-Studie mit Kindern ab dem sechsten Lebensmonat testen. Die entsprechende "TeenCOVE"-Studie für die Gruppe der 12- bis 15-Jährigen läuft bereits. In absehbarer Zeit könnten also auch Impfungen für unsere Kinder zur Verfügung stehen und helfen.

Noch ist vielen nicht klar geworden, dass Corona nicht übermorgen verschwunden ist, sondern uns auf Dauer begleiten wird. Und dass weitere solcher Pandemien folgen können, mit ähnlichen oder ganz anderen Viren. Ein Konzept, damit umzugehen, dass wir Gesundheit und Bildung zusammen bekommen, brauchen wir also so oder so. Es sollte ein Konzept sein, das unabhängig vom Impfen funktioniert – und auch unabhängig von der schwankenden Interessenlage regionaler Politik.

Übernahme mit freundlicher Genehmigung von spektrum.de.

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Kommentare (3)

G.B. (nicht überprüft)

Mi. 7 Apr 2021 - 14:45

Um dies zu verwirklichen bedarf es kluger und vernünftiger Entscheidungsträger, leider
mangelt es in der BRD akut an derartigen Menschen, da deren einziges Anliegen momentan auf die Wiederwahl gerichtet ist und alles andere sekundären Charakter hat.
Folglich müssen wir uns auf ein weiteres Jahr mit Corona-Chaos einstellen.

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Mi. 7 Apr 2021 - 22:44

"Ein Konzept, damit umzugehen, fehlt noch immer" - d.h. es fehlte von Anfang an; auch wenn Joe Spawn (unser Gesundheitsminister) da meinte, die Notfallpläne lägen bereit.
Sie lagen noch nicht einmal in der Schublade. Wie auch?
Sicher scheint mir lediglich, dass uns Corona u.ä. Viren unter den herrschenden System-Bedingungen "auf Dauer begleiten" werden.
Wir sollten uns darauf einrichten und das System korrigieren.

Assia Harwazinski (nicht überprüft)

Fr. 16 Apr 2021 - 09:02

In den 60er Jahren gab es Massenimpfungen gegen bestimmte Infektionskrankheiten an Schulen; sie wurden selbstverständlich und systematisch durchgeführt. Die Waschräume und Toiletten wurden mit kleinen Desinfektionsbecken versehen, in welche man die Schuhe eintauchen musste; das war für Kinder sogar fast eine Art experimenteller Spaß und wurde gerne befolgt. Es wurde umgehend und problemlos zum Konsens. Heute scheint die Konsensfindung in Sachen "Verhaltensweisen" und "Befolgen von Anweisungen" weitaus schwieriger zu sein, bedingt nicht zuletzt durch Zuwanderung, die den Transport unterschiedlicher kulturell und religiös geprägter Normen und Verhaltensweisen - darunter auch Hygiene-Verständnis - mit sich bringt. Dies wird von Erziehern, Lehrkräften und Reinigungspersonal seit Jahr(zehnt)en beobachtet und ist keine "rechte Propaganda". Möglicherweise spielt auch das Erziehungsverhalten der Eltern eine größere Rolle als gedacht, wenn beide Elternteile mehr oder weniger karriere-orientiert arbeiten und fehlende Zuwendung mit immer üppigeren Geschenken kompensieren usw. Oder wenn Kinder mit überzogenen Lern- und Leistungserwartungen überfordert werden und Eltern nicht akzeptieren können, wenn ein Kind lieber Fußball spielen möchte statt in den Klavierunterricht oder in die klassische Ballettstunde zu gehen. Man muss offen sein/werden dafür, dass Beides seine Berechtigung hat, und es gibt sogar Fußballer, die phantastisch tanzen...oder umgekehrt. Eine Ärztin aus Berlin, Renate Schüssler, plädierte vor Jahrzehnten für eine Einführung von Gesundheitserziehung als regulärem Fach in Grund-, Haupt- und Realschulen. In hauswirtschaftlichen Berufsschulen war dies früher eine Selbstverständlichkeit. Damit könnte man auch heute Einiges erreichen, das präventive (Aus-)Wirkung hat und alles hineinpacken, was zur besseren Bewältigung des Lebensalltags führt, gerade auch in Zeiten einer Pandemie. Aber in diesem Land ist man primär darum bemüht, Energie, Kraft, Zeit und viel viel Geld in flächendeckenden Religionsunterricht zu stecken - eine fragwürdige Angelegenheit! In einem Gesundheitsunterricht könnten religiös und kulturell bedingte Hygiene- und Sauberkeitsverständnisse ganz selbstverständlich nebenbei Bestandteil des Unterrichts sein; damit könnte man vermutlich sehr viel Spannung aus einigen Themen nehmen (Sexualkunde, Aufklärung, hierarchische Bedeutung der Reinigung bestimmter Körperteile, Ernährung, Fasten usw.).

Natalie Grams-Nobmann

Die Ärztin und Autorin wurde aufgrund ihrer öffentlichen Abkehr von der Homöopathie ab 2015 bundesweit bekannt und setzt sich seither für Aufklärung über irrationale Ansätze, Methoden und Haltungen in der Medizin ein. Ein besonderes Anliegen ist ihr die Impfaufklärung. Seit Mai 2017 gehört sie dem Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung und seit 2020 dem Beirat des Hans-Albert-Instituts an. Ihr neues Buch heißt "Was wirklich wirkt - Kompass durch die Welt der sanften Medizin". Sie podcastet unter "Grams' Sprechstunde" bei Detektor.fm.

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