Das Christentum als Religion des Leidens
Schmerz und Religion
DEIDESHEIM. (hpd) Unsere subjektive Wahrnehmung unterscheidet zwischen Innen- und Außenwelt. Religionen können hier wie dort friedlich, aber auch aggressiv wirken. Dieser Bericht beschäftigt sich ausschließlich mit der Innenwelt im Monotheismus. Wie sollte der Gläubige nach dessen reiner Lehre mit sich selbst umgehen? Selbstbefriedigt oder autoaggressiv?
Schmerzen kennt jeder. Es sind subjektive Sinneswahrnehmungen eines Warn- und Leitsignals, das jeder situationsabhängig unterschiedlich intensiv wahrnimmt. So positiv ihr evolutionärer Grund ist, so sehr versuchen wir sie im täglichen Leben zu vermeiden. Doch wie steht es um gegen sich selbst gerichtete Körperverletzungen aus psychischen, kultischen oder sogar ästhetischen Gründen? Will uns Religion nicht von dem Übel erlösen? Uns in eine paradiesische Welt führen, in der es weder Krankheit, noch Leid gibt? Müssten geistliche Oberhäupter nicht eine schmerzfreie Welt predigen, als Verheißung auf eine Ewigkeit an der Seite Gottes? Religion verpasst sich selbst gerne diesen weihevollen Anstrich - siehe glückselig-ekstatische Gläubige auf religiösen Großveranstaltungen, aber auch das Komfortbedürfnis gewisser Bischöfe.
Aber was ist auf der anderen Seite mit den schmerzverzerrten Gesichtern von Säuglingen und Kindern bei religiöser Beschneidung? Sind das nur bedauerliche Begleiterscheinungen, notwendige Opfer, die man wie die Füllung des Klingelbeutels erbringen muss, um Gott zu gefallen? Oder gehören Schmerz und Entbehrung bewusst ins Diesseits, um die Hoffnung auf ein möglichst kontrastreiches Paradies zu schüren? Gibt es also eine Zweckehe zwischen Schmerz und Religion?
Ich will Antworten und beginne meine Suche in einer Kirche. Ruhe, muffiger Geruch, leise Stimmen, Düsternis und Ehrfurcht strömen mir entgegen, entschleunigen mich wohltuend vom Alltag. Wenigstens hier haben Schmerzen keinen Platz. Oder? Mein Blick geht hinauf zum Christenkreuz, einem altrömischen Hinrichtungsgerät. Ein blutüberströmter Mann schaut mich gequält aus leeren Augen an, ein ausgemergeltes Häuflein Elend. Der könnte uns gewiss etwas über Schmerzen erzählen, hätte er sein Martyrium überlebt. Jesus ist das große Vorbild christlicher Kirchen. Warum dient ausgerechnet ein derart Geknechteter, wie es Millionen Namenlose in der Geschichte der Menschheit gab - häufig genug aus religiösen Gründen - als Vorbild? Weil er litt um der Leiden und Sünden der Welt willen, wie es die Kirche sieht? Oder weil er als Underdog völlig sinnlos starb für "Romani ite domum" also "Romans go home", wie es Monty Python sah? Nun, Letzteres verströmt den Charme einer Plausibilität, denn faktisch war Jesus – so er je existierte - aus Sicht der Römer nichts als ein Terrorist, der gegen ihre großzügige Pax Romana aufbegehrte.
Das sei eine viel zu historische Sicht der Dinge, erläutern mir Pfarrer. "Jesus ist Vorbild, weil er uns in seiner Todesstunde erlöst hat. Wir, die wir ihn anerkennen, können nun fröhlich sein – dank ihm!" Fröhlich? Mir fallen spontan einige Punkte ein, die nicht nach Fröhlichkeit klingen, wenn ich an den monotheistischen Gott denke. Er bestraft uns, lediglich weil Eva Adam zum Obstverzehr verführt hat - etwas, was heute manche Frau vergeblich bei ihrem fleischgierigen Gatten versucht. Den Wahrheitsgehalt dieser Mythen lasse ich außen vor. Mir geht es um diesen Gequälten am Kreuz, der uns seine Passion hinterließ, um den Obstdiebstahl zu sühnen. Mir geht es um dieses Opfer der Religion, das erschreckend symptomatisch erscheint und in seiner Vorbildfunktion viele fatale Entwicklungen nach sich zog.
Ich forsche weiter und stoße auf Erstaunliches: Numerarier, Mitglieder bei Opus Dei, tragen ein Cilicium. Während des 2. Vatikanischen Konzils kleideten sich Kartäuser damit. Quer durch das Mittelalter trugen Mönche, Laien und hohe kirchliche Würdenträger das Cilicium. Im Neuen Testament hatte Johannes der Täufer eines an. Selbst im Alten Testament kleideten sich Könige mit einem Cilicium. Was zum Teufel ist ein Cilicium? Der Name leitet sich ab von Kilikien in Anatolien und bezeichnet einen groben, aus Ziegenhaaren gewebten Stoff, aus dem gewöhnlich Zelte hergestellt wurden. Es ist auch bekannt als Büßergewand, soll also bewusst kratzig und unangenehm zu tragen sein. Von "saq", dem hebräischen Wort dafür und dessen lateinischer Form "saccus" leitet sich unsere Redewendung "In Sack und Asche gehen" ab. Das klingt nicht besonders schmerzvoll. Jesus wurde gequält und bestialisch getötet. Ein kratziges Hemd hätte sein Leiden kaum gesteigert.
Ich bemühe medizinische Erkenntnisse: "Schmerz ist ein unangenehmes Sinnes- oder Gefühlserlebnis, das mit tatsächlicher oder potenzieller Gewebeschädigung einhergeht oder von betroffenen Personen so beschrieben wird, als wäre eine solche Gewebeschädigung die Ursache." (Definition der IASP = International Association for the Study of Pain) Nach dem biopsychosozialen Schmerzkonzept wird Schmerz als komplexe Wechselwirkung zwischen biologischen, psychischen und sozialen Faktoren empfunden. Er wird also subjektiv wahrgenommen - nicht allein durch neuronale Signale der Schmerznervenfasern. Schmerz an sich ist also keine Krankheit, sondern wird als sehr wandlungsfähig und – aus Sicht unserer Vorfahren – als unheimlich, ja mystisch wahrgenommen. Entstehung und Erkenntnisort der Schmerzen im Körper war lange Zeit unbekannt, bis Mediziner Nervenbahnen und das Gehirn in seiner tatsächlichen Funktion erkannten.
Lange davor - ab dem 4. Jh. n.u.Z., als das Christentum konstituiert wurde - trugen kirchliche Büßer dieses Cilicium. Es erzeugt permanent Reize, die als dem Schmerz verwandt wahrgenommen werden. Irgendwie passen Religion und sich wohlfühlen nicht gut zusammen, Religion und sich unwohlfühlen dafür umso besser. Selbstkasteiung aus religiösen Gründen ist hierbei die nächste wichtige Sprosse auf der Leiter zur Qual im Namen des Glaubens. Eines deren Ziele ist die Beschränkung der Triebhaftigkeit. Diese "Abtötung des Fleisches" dient dem Gläubigen innerlich frei zu werden für Höheres. Das kann geschehen durch Entzug von Nahrung oder Schlaf beim nächtlichen Gebet, aber auch durch dogmatisierte Sexualmoral - vom Verbot der Masturbation, über das Verbot außerehelichen Geschlechtsverkehrs und damit verbundener Verherrlichung der Jungfräulichkeit, bis zum Verbot der Wiederverheiratung oder homosexueller Partnerschaften. Dies alles dient der Erprobung der Leidensfähigkeit - schließlich ist der Weg ins Himmelreich steinig und hart.
Eine härtere Gangart ist die Selbstgeißlung. Die erste Notiz darüber im Christentum erwähnt den hl. Padulf, der 737 starb. Es ging den Gläubigen bei diesen Kasteiungen um "eine Transformation des Selbst, um eine Pädagogik der Existenz". Im gleichen Geist wie die schwarze Pädagogik, mit der Eltern seit alters her glaubten ihre Kinder durch Gewalt und Schläge erziehen zu können. Während das Ideal der altgriechischen Philosophie der Stoa die Leidenschaftslosigkeit war, verwandelte sich Disziplin bei frühen Mönchen in ein fatales Konzept zur Bekämpfung böser Leidenschaften: Sie meinten damit nicht nur Sexualität, der sie wegen deren Sinnenfreudigkeit etwas Teuflisches unterstellten, sondern dezidiert selbstzugefügte Schmerzen.
1260 begann im italienischen Perugia eine spirituelle Massenbewegung von Flagellanten oder Geißlern. Sie beriefen sich zunächst auf einen Engel, der verkündet habe, dass die Stadt vernichtet werde, wenn die Bewohner nicht Buße täten. Dadurch wurde aus der privaten Bußübung eine öffentliche Inszenierung. Durch Prozessionen von Ort zu Ort breitete sich die Bewegung in Italien aus. Mit erweiterter Losung selbstverständlich: Der Grund sei nun die Rettung der ganzen Welt vor dem Zorn Gottes. In der Folge erreichte sie Deutschland. Christoph Lehmann, ein Stadtchronist Speyers, überliefert eindrucksvoll, dass Gott ein Sadist ist, der seit dem Sündenfall seine perverse Freude daran zu haben scheint, anderen beim Leiden zuzuschauen. Den Text aus dem Jahr 1349 belasse ich in altem Frühneuhochdeutsch: "Die Geißler haben fürgeben und auch zum Augenschein fürgelegt einen Brieff, den ein Engel vom Himmel zu Jerusalem in St. Peters Kirchen geliefert haben soll, des Inhalts, daß Gott über der Welt Sünde und Bosheit hefftig erzürnt darum er die Welt habe wollen lassen untergehen. Auf der Jungfrau Marien und der heiligen Engel Fürbitt derselben verschont, doch den Menschen diese Straf und Buß verkündigen lassen, daß ein jeder 34 Tag in der Frembde umbreysen, seinen Leib geißeln und hiemit Gott versöhnen soll. Auffm Platz vorm Münster haben sie einen großen Ring gemacht, in ihrer Prozession alle mit bedecktem Haupt unter sich und traurig ausgesehen, Geißeln von dreyen Seylen, und vornen mit eysen Creutzlin in Handen getragen. In dem Kreyss haben sie ihre Kleyder abgelegt, den Leib mit einem Schurz gegürt und mit sonderm Gesang und Ceremonien sich über Rücken mit den Geißeln blutrünstig geschlagen." (Fritz Klotz: Speyer - Kleine Stadtgeschichte, Speyer 1971) Diese Bewegung mutierte zur sakramentalen Liturgie und trat in Konkurrenz zum kirchlichen Bußritus. Die Kirche bestand daher darauf, dass Geißlerzüge von Geistlichen betreut würden und die Teilnehmer vorher regulär beichten müssten. Die Umzüge verselbstständigten sich zu theatralischen Passionsspielen. Diese erregten Zuschauer dermaßen, dass sie Darsteller der Juden verprügelten, was in pogromähnlicher Verfolgung ausartete. Papst Gregor XIII. verbot diese Form daher 1574 und gestattete nur noch Jesuiten ihr Lehrdrama aufzuführen.
Wurde diese Schmerzsucht kirchenintern nie kritisiert? Oh doch! Der schwerwiegendste Einwand war, hier werde eine neue Form der Beschaulichkeit eingeführt, wo doch die Befolgung der benediktinischen Regel vollkommen genüge. Zur Verteidigung wurde versucht, die Tradition bis zur Geißelung Christi zurückzuverfolgen, um eine reale Unmittelbarkeit zu dessen Leid herzustellen. Aber soll Jesus uns nicht vom Leid erlöst haben? Steckt also mehr hinter dieser Sucht nach Kasteiung, als eine Imitation des Gottessohnes? In der Tat: Flagellanten waren nicht die ersten, die glaubten sich fürchterliche Schmerzen zufügen zu müssen, um Gott zu gefallen. Es begann lange vor dem Christentum: Der ägyptische Isis-Kult und der griechische Dionysos-Kult praktizierten ebenfalls Selbstgeißelungen. Juden betrieben sie bei großen Tempelzeremonien. Auch im Islam, der Jesus zum Propheten degradiert, gibt es Selbstkasteiung. Bekannte Beispiele sind die Trauer- und Bußrituale bei schiitischen Passionsspielen, besonders am Märtyrer-Gedenktag Aschura. Die dabei stattfindenden Selbstgeißelungen sind regional sehr unterschiedlich. Während in einigen Regionen mit scharfen Schwertern eine Wunde in die Stirngegend geschlagen oder mit Rasierklingen geritzt wird, bis über das Gesicht Blut strömt, wird anderswo der nackte Rücken mit einer Kettengeißel blutig geschlagen. Besonders heftige Formen sind aus Pakistan bekannt. Also ist der Ritus nicht originär christlich.
Aber nicht nur gegen sich selbst richteten Gläubige zu allen Zeiten ihre Marterinstrumente: Während des römischen Hauptfestes des Herdengottes Faunus wurden z.B. Frauen gegeißelt, um ihre Fruchtbarkeit anzuregen. Später ließen sich auch Christen gerne quälen. Aber was passiert denn eigentlich bei einer solchen Geißelung? Nun, ein Mönch bittet einen Priester ihn zu geißeln, macht den Rücken frei und betet dreimal das Confiteor. Während der ersten beiden Gebete antwortet der Priester mit Miseratur tui und schlägt mindestens dreimal zu. Beim dritten Mal spricht er das Indulgentiam, die Kurzformel der priesterlichen Absolution, und abschließend das Absolve Domine. Danach folgen noch drei Schläge. Jeder Mönch darf täglich um drei solcher Bußsitzungen bitten – also 18 Schläge pro Tag! Diese Prozedur ist auch Vorbild privater Selbstgeißelung in Betsaal oder Kirche. Man singt den Psalm 6, der so beginnt "Ach HERR, strafe mich nicht in deinem Zorn und züchtige mich nicht in deinem Grimm!" und fällt dabei auf die Knie. Dann beginnt die Geißelung, gefolgt von drei Bittgebeten für die Mitglieder des Ordens, alle Gläubigen und die ganze Menschheit. Der Prior beendet die Geißelung durch Händeklatschen. Na Gott sei Dank!
Eine weitere Steigerung durch sozialen Druck fremdgesteuerter Selbstkasteiung ist die Anwendung eines Bußgürtels: Eine mehrgliedrige Kette, deren eine Seite mit scharfen Metallteilen besetzt ist. Er wird straff um den nackten Oberschenkel gelegt, bohrt sich tief in die Haut und verursacht besonders im Sitzen große Schmerzen – bis hin zu Vereiterungen und Entzündungen. Noch heute tragen manche Mitglieder der katholischen Laienorganisation Opus Dei solche Bußgürtel. Falls das Christentum - wie Gläubige oft behaupten - keine Leidensphilosophie wäre, was hat dann zu den bisher geschilderten Abarten geführt? Ich gelange zur Überzeugung, dass Leid keine Abart, sondern das Glaubenszentrum ist – mit einem höchst weltlichen Hintergedanken. Noch heute werden, insbesondere am Karfreitag, Leiden und Qual zum Vorbild erhoben. Aber wäre Jesu Opfertod nicht umsonst gewesen, wenn wir uns jetzt sogar selbstkasteien? Was also steckt hinter dieser Sucht nach Schmerz? Die Symbolik des Leidenskreuzes jedenfalls ist in unserer Gesellschaft tief verwurzelt. Noch heute wird es in jeder Kirche, in vielen Schulen, in öffentlichen Gebäuden und Krankenhäusern zur Schau gestellt und angebetet.
Apropos Krankenhäuser: Mutter Teresa gilt vielen als positives Beispiel religiös motivierter Menschen. Hat der Engel von Kalkutta nicht den Schmerz der Armen bekämpft? Im Gegenteil: sie soll sogar die Gabe von Schmerzmitteln untersagt haben. Laut Mutter Teresa sei durch das Leid eine besondere Nähe zu Jesus erfahrbar. Schmerzen und Leiden seien daher positiv zu bewerten. Ist der Vatikan also doch für den qualvollen Weg zu Gott? Immerhin hat Johannes Paul II., zum Ende hin selbst leidend, Mutter Teresa 2005 selig gesprochen. Muss wirklich jeder die Passion nacherleben, wenn er ins Paradies will? Wer im Mittelalter Schmerzmittel anbot, schloss in den Augen der Kirche einen Pakt mit dem Teufel und wurde als Hexe oder Hexer verbrannt. Das galt auch für denjenigen, der auf diese Mittel hoffte. Schmerz war die Strafe Gottes und musste zur Errettung der Seele ertragen werden. Das Erdulden der Qual gibt Gott die Chance, sich barmherzig zu zeigen und zu erlösen. Steckt dahinter die Erkenntnis, dass uns Jesu Opfertod doch nicht erlöst hat, da es weiterhin Sünden gab? Erübrigte sich deshalb für syrische Christen sein Opfertod und bestreiten folgerichtig deren muslimische Nachfolger Kreuzestod und Gottessohnschaft Jesu?
Die Wiederentdeckung der griechischen Antike in der Renaissance leitete den Wandel zur Moderne ein: Der Philosoph Epikur hatte bereits im dritten Jh. v.u.Z. gefolgert, dass Furcht, Schmerz und Begierden die drei großen Klippen seien, die umschifft werden müssten, damit dauerhaft Lebenslust und Seelenruhe herrschen können. Im diesem Sinne gehört Schmerz zur sinnlich wahrnehmbaren Erfahrung jedes Einzelnen, also eine total moderne Sicht der Dinge. Die erste Äthernarkose 1846, die Entdeckung der Acetylsalicylsäure 1898 sowie weiterer Schmerzmittel im 20. Jh. hätten Epikur sicher erfreut. Sie haben den Schmerz zur lästigen Begleiterscheinung von Krankheit oder Verletzung degradiert. Er wird nicht mehr als Fügung höherer Mächte missverstanden, sondern als neurologisches Phänomen, dem mit modernen Mitteln beizukommen ist.
Jahrhunderte zuvor kamen die Schriften der Philosophen noch auf den christlichen Index. Das führte zu deren systematischen Vernichtung im Mittelalter. Ab dem Jahr 380 n.u.Z. rückte stattdessen die klassische Auffassung vom heldenhaften Schmerz der Kulturheroen, wie Prometheus oder Herakles, ins Zentrum eines "Heilsgeschehens". Es versah nach der konstantinischen Wende mit Erhebung des Christentums zur römischen Staatsreligion das menschliche Leiden mit einem Sinn - einem Folgenreichen. Epikurs Umschiffung des Schmerzes war vergessen. Ist er also deshalb so tief in Religion eingebettet, weil er sowieso unvermeidbar scheint und jeder sich ihm gegenüber positionieren muss? Zumindest das scheinen Studien zu belegen: Religiosität hilft tatsächlich beim Aushalten von Schmerz, doch dafür ist kein höheres Wesen oberhalb der siebten Kristallschale zuständig, sondern der wissenschaftlich bekannte Placebo-Effekt. Falls dies trotzdem eines der ursprünglichen Motive gewesen sein sollte, geriet es im Christentum völlig außer Kontrolle und Qual wurde zum pädagogischen Mittel, das dem Einzelnen einen Vorgeschmack auf eine Fortdauer in höllischer Verdammnis vermittelt. Das "Jammertal" des irdischen Daseins wurde Durchgangsstation zur eigentlichen Wirklichkeit: der Ewigkeit im Angesicht Gottes. Ganz ähnlich denken heute noch viele Muslime, für die das einzig Erstrebenswerte das Paradies ist. Die diesseitige Welt ist höllisch.
Dem neuen Christengott fiel recht schnell das Denken zum Opfer, das im Hellenismus die erstaunlichsten wissenschaftlichen Ergebnisse hervorbrachte, denn die alten Götter setzten den Menschen keine Schranken. Im 3. Jh. v.u.Z. berechnete Eratosthenes von Kyrene den Umfang der Erdkugel. 700 Jahre später interessierte das die Kirchenväter nicht mehr die Bohne. Von nun an galt der Satz des Augustinus "glaube, damit du erkennst". Die Leidensphilosophie ersetzte die Naturphilosophie. Mehr denn je galt, was Gott Eva bei ihrer Verbannung aus dem Garten Eden anhexte: "Viel Mühsal bereite ich dir, so oft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder." Das Martyrium wurde im Mittelalter zum Leuchtturm auf dem Weg ins Himmelreich. Auch die Frauenmystik mit ihren Visionen, ihrer spirituellen Erotik bis hin zur Hysterie, zeigte eine Affinität zum Schmerz.
Die Trennlinie zwischen Qual und Lust ist in der Tat sehr dünn. Bei Experimenten zeigte sich, dass die Strukturen für Lust- oder Schmerzempfinden im gleichen Hirnareal angesiedelt sind. Auch unser Belohnungszentrum antwortet schneller auf Schmerzimpulse als die eigentlichen Schmerzzentren. Ein erster Hinweis darauf, wie masochistisches Lustempfinden physiologisch funktioniert. Jetzt fehlt noch die soziale Komponente: Völkerkundler erfuhren, dass Leid in allen Kulturkreisen ein sozialer Kitt zur Sicherung der eigenen Identität ist. Kollektiv zugefügte Pein durch Schmucknarben, genitale Verstümmelungen bei Jungen und Mädchen und Auspeitschungen bei einigen afrikanischen Stämmen während der Initiationsriten markieren einen höheren gesellschaftlichen Status im Leben eines Individuums. Aber was unterscheidet die Schmiss-Narbe im Gesicht des Studenten einer schlagenden Verbindung von der Schmucknarbe eines jungen Afrikaners? Wenig, denn beiden bestätigt es ihren neuen Status innerhalb der Gruppe. Schmerzen sind bei Initiationsriten Pflicht. Nicht nur bei Selbstgeißelung, sondern auch, wenn Unschuldige in Mitleidenschaft gezogen werden.
Paul Spiegel, ehemaliger Zentralrat der Juden in Deutschland, schrieb in seinem Buch "Was ist koscher? Jüdischer Glaube - jüdisches Leben" (München 2003) zur Beschneidung: "Das Baby wird nicht betäubt, es erhält nicht einmal eine örtliche Narkose, denn den Bund mit Gott muss man sozusagen bei vollem Bewusstsein vollziehen. Natürlich schreit das Baby, natürlich tut ihm der Eingriff weh." Nicht nur die Markierung als Gottes Sklave ist also von Bedeutung, auch der Schmerz ist es, durch den das religiöse Opfer gehen muss. Dieser Schmerz wird weitergegeben an die Frau, die hin und wieder unter dem gröberen Sex mit einem beschnittenen Mann leidet. Dänische Studien belegen dies. Warum aber begehren kaum welche auf, denen als Kinder solches angetan wurde? Nun, der Ritus macht den Jungen zum vollwertigen Mitglied der Gemeinde, es ist seine unfreiwillige Solidaritätsbekundung für sozialen Schutz. Falls ein Mann Probleme mit seinem beschnittenen Penis hat, wird er dies selten zugeben. Er wäre die Lachnummer seiner patriarchalischen Community und stünde im Ansehen vermutlich noch unterhalb der Frauen. Ein richtiger Kerl hält den Verlust seiner Empfindungsfähigkeit klaglos aus. Es ist eben ein soziologisches Phänomen.
"Der Begriff Sadist wird heutzutage im allgemeinen Sprachgebrauch […] für Personen verwendet, welche sich am Leid anderer erfreuen können." (Wikipedia) In diesem Sinne tritt uns aus allen "heiligen" Büchern ein sadistischer Gott entgegen. Und der gläubige Mensch folgt ihm blind. Ein Widerspruch? Nein! Da dieser Gott sowieso nur eine schlechte Arbeitshypothese zur Erklärung der Natur ist, haben ihn Führer exakt so für ihre eigenen Zwecke erfunden: Sie brauchen Gefolgsleute als Schutzmantel und Ernährer. Zu was religiös indoktrinierte Menschen fähig sind, zeigen beispielhaft die großen Pyramiden in Ägypten. Das Gros der Arbeiter waren Freiwillige, die unter fürchterlichsten Bedingungen Frondienste leisteten, um diese Kolossalbauten zu errichten - weil der Pharao gottgleich schien. Wer ihm zu Diensten war wurde mit himmlischen Freuden belohnt. Ebenso jene, die Mohammed in den Krieg oder Konrad III. auf den Kreuzzug folgten und dabei ihr Leben als Märtyrer verloren. Es ging immer um ein Maximum an Belohnung – allerdings erst nach dem Leben, von wo niemand zurückkehrte um zu berichten. Aus diesem Grund musste das Leben auf Erden karg und entbehrungsreich sein. Darum müssen wir im Diesseits sexuell enthaltsam leben, fasten und oft auf Genuss verzichten. Das kompensiert laut Versprechungen der Kleriker das Jenseits im Überfluss. Würden Religionen dafür sorgen, dass wir bereits hier ohne Armut, sexuell erfüllt und schmerzfrei leben könnten, wäre die Verlockung des Paradieses untauglich als Motivation, den Feldherren in religiöse Kriege zu folgen oder ihnen einen Teil der Ernte, des Viehs oder der Töchter abzuliefern.
Deshalb müssen Gläubige entbehren, deshalb müssen sie Qualen bis hin zum Märtyrertod erleiden, um auf das Himmelreich zu hoffen, auf ihre religiöse Rente. Deshalb sind Schmerz und Armut essentielle Bestandteile des monotheistischen Prinzips. Ein wesentliches Rezept dagegen ist Demokratie mit ihrer diesseitigen Orientierung, die den Weg zum persönlichen Wohlstand noch im Leben möglich machte. Dies ist einer der Gründe, warum vor allem der Islam als am wenigsten aufgeklärte Religion derart massiv gegen die Moderne zu Felde zieht. Gleichheit, Freiheit und gutes Auskommen (= weniger Leid) lassen das Interesse am Paradies sinken – und damit die pekuniäre Unterstützung der Kleriker. Wenn es Menschen durch Bildung und Aufklärung im Diesseits besser geht, wird ihre Bereitschaft schwinden, einem bronzezeitlichen Aberglauben zu folgen und dabei ihr eigenes oder fremdes Leben auf Basis jenseitiger Heilsversprechungen wegzuschmeißen.
Kommentare (21)
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"Warum dient ausgerechnet ein
"Warum dient ausgerechnet ein derart Geknechteter, wie es Millionen Namenlose in der Geschichte der Menschheit gab - häufig genug aus religiösen Gründen - als Vorbild?"
In anbetracht der Tatsache, dass es als unfehlbar gepriesene "Propheten" gibt, die von sich als Politiker, Gesetzgeber und warlord reden machten, kann man eigentlich froh sein, dass das christliche Bild nicht anders ist.
Davon abgesehen, interessanter Einblick in die religiöse Philosophie des Leidens und ihrer Problematik.
Hallo! Danke für diese
Hallo! Danke für diese Auseinandersetzung. Erlauben Sie mir eine persönliche Anmerkung: Sie möchten sich (nach eigenen Angaben) auf die Suche nach Antworten machen. Soweit, so gut. Aber was sind die entscheidenden Fragen? Antworten darauf müssten anders aussehen. In Ihrem Beitrag schreiben Sie viel mehr Antworten in Ihre Fragen hinein, als dass man (meiner Meinung nach) von einer aufrichtigen Suche sprechen könnte. Auch schreiben Sie hier und da an historisch belastbaren Fakten und theologisch korrekten Aussagen vorbei. Fangen Sie doch ruhig mal an die für Sie und Ihr Leben entscheidenden Fragen zu stellen! Wer solche Fragen stellt, der wird auch Antworten (für sich!) finden. Denn für jeden stellen sich die Fragen des Lebens anders.
Herzliche Grüße
Twinkle
"Auch schreiben Sie hier und
"Auch schreiben Sie hier und da an historisch belastbaren Fakten und theologisch korrekten Aussagen vorbei."
An welchen historisch belastbaren Fakten schreibe ich vorbei? Und glauben Sie ernsthaft, es gäbe "theologisch korrekte Aussagen"?
Außerdem geht es in meinem Beitrag nicht um mich, sondern um die fatale Wirkung von Religion, die den Menschen zum Sünder erklärt, der deswegen z.B. den Tod verdient hätte, nur damit er auf eine angebliche Erlösung durch einen "Gott" hofft - natürlich nach entsprechender Anerkennung des "heiligen" Personals und Unterstützung der Kirchen, Synagogen oder Moscheen.
Sie dürfen mir auch gerne abnehmen, dass ich bereits als junger Mensch - von einem Gottesglaubens ausgehend - nach Antworten gesucht habe. Diese Suche währt inzwischen fast 40 Jahre (oho... die Zeit der Prüfung laut biblischer Zahlenmystik!) und dabei habe ich viele Antworten gefunden, die Gläubigen sicher nicht schmecken. Aber darauf kann ich keine Rücksicht nehmen. Mir ging es um die Annäherung an eine echte Wahrheit - und nicht um ein Nachbeten religiöser Instantwahrheiten oder ad hoc-Argumenten.
Mir bereitet diese sogenannte
Mir bereitet diese sogenannte christliche Religion Schmerzen, aber geistiger Art. Dieser unmenschliche Unsinn ist kaum zu ertragen. Wenn das ein Gott Leid in dieser Form gewollt haben soll, dann würde ich sagen, da hat uns ein Scheusal erschaffen.
Gut, das es so einen Gott nie gegeben hat und jener Jesus auch nur ein Ammenmärchen darstellt. Die Natur steht auf einem gesunden Boden die Kirche auf Morast. Es ist schon ein Kreuz mit dem Kreuz. Ab er nicht mit mir!
Glauben heißt nicht wissen
Glauben heißt nicht wissen wollen was wahr ist.
Friedrich Nietzsche
Was für ein seltsamer Glaube: Man wusste, Maria bekommt vom heiligen Geist ein Kind,
man wusste, es wird ein Junge! Hurra! Man wusste, er wird Jesus heißen.
Nur seltsamer Weise wusste man aber vorher nicht, die Gastfreundschaft ließ zu wünschen übrig und das Kind wurde in einem Stall geboren. Wann, wo und wie blieben
weitere Fragen. Wunder über Wunder, da machen wir doch glatt ein Kreuz hin!
Hallo Herr Kammermeier, ich
Hallo Herr Kammermeier, ich selbst erlebte es, wie man mit Schmerz, mich Gott nahe bringen wollte. Was man aber geschaffen hatte, ist, mich von ihm zu entfernen. Ja, ich gebe zu, dass man mir nicht nur Schmerz zufügte, da Gott ein "Lieber Gott, besonders für Kinder der liebe Gott ist, und der dann, nach der Prügel, ausgehändigt durch die Klosterschwestern, schmerzstillende "Zuckerchen" schenkte. Schenkte? Aus meiner Sicht war das eher ein "Beim Kind, sich Lieb Kind machen", wenn man zu brutal, zu gedroschen hatte. Tja, Hiebe und Liebe im Namen des Herren. Hiebe für das Kind, als Vorsorgemaßnahme, dass es auch ein liebes, gottgefälliges Kind ist und ein gottgefälliger Erwachsener wird, der schön brav Gott anhimmelt und dafür auch noch Geld bezahlt. Und wer nicht zahlt, der bekommt wieder Gottesprügel. Ups, dann haben ja bei Jesus, des Gottessohn, , wie wir ja nicht wissen, aber zu vermuten ist, die Schläge im Namen des Herren, auch nichts gebracht. So wurde er kurz vor seiner Kreuzigung noch einmal geprügelt, da er sicher auch nicht ... den Gottesobolus ... bezahlt hat. Motto: "Sohn, bist du nicht willig, so gebrauche ich Gewalt." "Und sei froh, der Schmerz, den du empfindest, der führt dich dann, schwupdiwups zu mir in das Himmelreich, ... zu deinem lieben Papi, dem lieben Gottvater. Nur die Mächtigen und Prächtigen des klerikalen Volkes, die erleiden keinen Schmerz. Es sind immer die Unterdrückten, die Wehrlosen, auch wenn diese keine Sünder sind, doch Vorsorge ist besser, als ... Also, fügt man dem Sündigen Menschen, welch Religion auch immer, vorsichtshalber mal Schmerz zu, um sie auf Linie zu halten. Faszinierend und auch sehr erschreckend ist nur, wie viele blitzgescheite Menschen, den Wahnsinn des Gottesschmerz glauben, um in den Himmel zu kommen. Oh (nicht) mein Gott, warum nur?
Lieber Alex W,
Lieber Alex W,
Ihr Kommentar hat mich betroffen gemacht. Plötzlich tritt zu meiner Analyse vom Schreibtisch aus ein menschliches Schicksal. Ja, die Leidensphilosophie ist an vielen Orten wirksam - am schlimmsten in den Köpfen vieler Menschen, die glauben damit etwas Gutes zu bewirken.
Danke für Ihren sehr bewegenden Kommentar!
Hallo Herr Kammermeier,
Hallo Herr Kammermeier,
bei den verschiedenen Religionen gibt es das Erreichen des Himmelreiches, oder wie auch immer die Religionen es nennen mögen, nur durch Schmerz. Und ich dachte immer, so wurde es mir zumindest... eingedacht, mit Fäusten und Tritten, dass man den ewigen Schmerz in der Hölle erleiden muss, wenn man nicht Glaubenskonform ist. Wenn man also zu einem guten Gläubigen ... zugerichtet ... wurde, dann darf und wird man schon in dieser, seiner Lebenszeit, erleben und spüren, mit Gottesgnade, ach wie niedlich, wie der Höllenschmerz, hier auf Erden, sich im Sanften anfühlt. Ja, ja, das ist Gottes Sanftmut, dargebracht durch seine Abertausenden von Schlägern. So führen die schlagenden, schmerzenden Religionen, den Menschen, welchen Glaubens auch immer, in die richtigen Bahnen ... zu Gott, Allah, usw. usw. Und wer eine besondere Position in dieser "Schmerzgemeinschaft" einnehmen will, der wird ein "Gottesmann. Diese werden von ihren, oft sehr sadistischen Ordensbrüdern auf schmerzliche Weise auf Line gebracht. Egal welch Orden man beitritt, du wirst dort getreten und Schmerz zu einem Willkommensgruß den du zu lieben hast. Gelobt sei der Gottesschmerz. Und da man doch so freizügig ist, andere an seinem Glück teilhaben lassen möchte, vertritt man die irrige Ansicht, das geteiltes Leid nur halbes Leid ist. Und so geben sie was sie bekamen an andere weiter. Oft an Kinder, die die Unschuld sind und von Gott nur das gute Glauben wollen, doch sehr bald enttäuscht werden. Doch die perverse Argumentation des Erwachsenen, des Gottesvertreters, schafft es, dass das Kind auch die Unmengen von Schlägen für etwas Gutes, Liebes, Gottgewolltes annimmt. Was bleibt ihm denn anderes übrig, wenn es nicht noch mehr geschlagen werden will, bis es endlich "Glaubt". So geschehen auch bei mir. Doch der Schmerz verging und ich entzog mich aus der Prügelgesellschaft. Mein Geld bekommen sie auch nicht mehr. Was ich aber dennoch betonen muss, ist, das nicht alles aus dieser Religionsgemeinschaft nur prügelnde Erzieher/innen waren. Nein, darunter gab es auch Menschen, die es mit der Liebe zu dem Kinde, dem Menschen wörtlich nahmen. Gelobt sei da ...
Gruß
Alex W.
Seien Sie mir nicht böse, ich
Seien Sie mir nicht böse, ich zweifle Ihre Aufrichtigkeit nicht an. Aber Ihre Kritik müsste schon sehr viel konkreter sein. Sie erkundigen sich nach den entscheidenden Fragen, die der Autor stellen will. Lesen Sie dazu einfach die Einleitung des Beitrages. Im nächsten Satz sprechen Sie von den Antworten, die anders aussehen müssten. Wie denn? Und auf Fragen, die sie gar nicht kennen?
Dann werfen Sie dem Autor vor, er habe nicht aufrichtig gesucht, weil er zu viele Antworten in seine Fragen hineinschreibe. Was soll das denn? Und wo schreibt der Autor an "historisch belastbaren Fakten" vorbei? Wie geht das überhaupt? Nennen Sie mal eine Stelle, wo der Autor nachweislich historisch falsch liegt. Und an theologisch korrekten Aussagen kann man nicht "vorbeischreiben", weil es die gar nicht gibt. Höchstens innerhalb der theologischen Fraktion, der der Autor nicht angehört.
Zudem beschäftigen Sie sich im Grunde gar nicht mit dem Artikel, sondern mit dem Autor. Welchen Anlass gibt es hier, ad personam zu argumentieren? Gibt Ihnen der Artikel irgendeinen Grund, den Autor für einen haltlosen und moralfreien Gottesleugner zu halten, der sich bislang nicht mit seinem Leben auseinandergesetzt hat?
Es bleibt: Was möchten Sie mit Ihrem Kommentar ausdrücken? Zweifellos ein Unbehagen aus Ihrer persönlichen Sicht. Dies sei Ihnen unbenommen. Aber Sie bleiben nicht nur völlig unkonkret, sondern missverstehen möglicherweise den Beitrag des Autors, der einen Versuch (Essay) zum Psychogramm des Schmerzes im Christentum vorlegt. Keinen pseudoreligiösen oder gar missionarischen Artikel, der aus weltanschaulicher Sicht zu kritisieren sei.
Abschließend versichere ich Ihnen, dass dies nur die Kritik an Ihrer Kritik ist, nicht an Ihrer Person.
Freundliche Grüße
Lieber Bernd Kammermeier,
Lieber Bernd Kammermeier,
was soll ich noch sagen? Sie haben das Thema wirklich erschöpfend behandelt. Es ist nun mal so: Monotheismen sind Unterwerfungsreligionen. Das kommt den Machtausübenden natürlich sehr entgegen, ob weltlich oder klerikal. Kommt noch der Glaube an ein irgendwie geartetes Weiterleben nach dem Tode hinzu, lässt sich dieser hervorragend als Angstfaktor instrumentalisieren. Nach außen hin manifestiert sich dies als Autoritätshörigkeit, nach innen in der von Ihnen treffend beschriebenen "Schmerzkultur".
Anzumerken wäre noch, dass sich Christentum und Islam auf der einen Seite vom Judentum auf der anderen Seite in dieser Ausprägung erheblich unterscheiden. Im Judentum ist der monotheistische Gott nämlich immerhin so gnädig, dass er mit dem Ende des Erdendaseins auch fertig ist mit seinem Gläubigen.
„Gott, so haben wir aus dem
„Gott, so haben wir aus dem Johannes-Evangelium gelernt, hat seinen eigenen Sohn hingegeben – und das heißt etwas klarer formuliert: umbringen lassen –, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Nun ist aber auch Jesus ein Geschöpf Gottes gewesen, und die Kirche betont immer wieder gerne, dass man in ihm einen wahren Gott und einen wahren Menschen zu sehen habe. Bei seiner Erschaffung – in diesem Falle also bei seiner Zeugung durch den Heiligen Geist – hatte Gott aber ein klares Ziel vor Augen: Dieser Mensch sollte die Menschheit erlösen, sei es, weil sie ihm unbesehen folgte und zum Glauben fand, sei es, weil er ihre Sünden auf sich nahm, indem er sich kreuzigen ließ. Selbst wenn der Kreuzestod also nicht zwingend vorgesehen gewesen sein sollte, so hat ihn doch der göttliche Schöpfer als eine Option zumindest billigend in Kauf genommen. Nach christlicher Lehre ist aber das menschliche Leben unverfügbar, weshalb ja auch Eingriffe wie Abtreibung oder Präimplantationsdiagnostik grundsätzlich abgelehnt werden und es für einen Christen nicht erlaubt sein kann, menschliches Leben zu erzeugen, um es als eine Art von Ersatzteillager einzusetzen. Wenn also kein Mensch gezeugt werden darf, um durch das spätere Entnehmen von Organen oder auch nur von bestimmten Zellen das Leben anderer Menschen zu retten, dann sollte es auch verboten sein, einen Menschen zu zeugen, dessen Existenz darauf ausgerichtet ist, zur Rettung der Menschheit gewaltsam beendet zu werden. Das Prinzip der Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens gilt auch für Gottessöhne, solange man behauptet, dass sie menschlich sind.“
Quelle: http://www.gkpn.de/Riessinger_Paepstliche-Reinigung.pdf (Seite 39).
Als Ergänzung füge ich hinzu, es sollte auch verboten sein, einen Menschen zu zeugen, dessen Existenz darauf ausgerichtet ist, dass er zur Rettung der Menschen nicht nur den Tod, sondern auch Schmerzen erleiden soll, die dann auch noch dazu führen, dass Glaubens-Infizierte meinen, sie sich in ähnlicher Form und Intensität zufügen und aushalten zu müssen sowie sie dazu verführen, dass sie in ihrem Leben Schmerz und Leid einen positiven Wert zumessen.
Es grüßt
Klarsicht
Sehr gute Ergänzung. Danke
Sehr gute Ergänzung. Danke dafür!
Das Christentum hat die
Das Christentum hat die Verdammung der "Welt" und alles was dazugehört (Lust) einfach aus der Gnosis kopiert (insbesondere bei Johannes und Paulus). Die Dichotomie zwischen Gott/Logos und Welt/Materia lag also schon auf der Straße, als die Christen sie in ihre Schriften inkorporiert haben. Dies nur als Zusatz, ein gelungener Artikel!
Genauer muss es
Genauer muss es höchstwahrscheinlich heißen: Nicht das Christentum hat einfach aus der Gnosis kopiert, sondern aus gnostischen Gruppen (und Judentum sowie antiker Theologie) hat sich maßgeblich das Christentum überhaupt formiert. Nichts umsonst sind die entscheidenden Texte der sich erst gegen Ende des 2. Jh. als dominant durchsetzenden katholischen Strömung zuerst beim Mustergnostiker und später zum Erzherätiker dämonisierten Marcion nachzuweisen. Nicht nur die Paulusbriefe, sondern auch das Lukasevangelium sind wohl originäre Produkte der Gnosis und nicht deren nachträgliche Überarbeitung von angeblich vorangehenden katholischen Texten. Bezüglich gnostischer Prägung des Lukasevangeliums wurde im April vom Theologieprof. Klinghardt von der TU-Dresden eine zweibändige Textanalyse veröffentlicht, die dafür den Nachweis zu führen versucht.
Diesen Annahmen folgend dürfte gnostischem Gedankengut eine zentrale Rolle bei Leidkultur und Weltentsagung des Christentums zukommen.
Vielen Dank für die
Vielen Dank für die Präzisierung. Detering geht ja sogar davon aus, dass Paulus Markionit ist. Jedenfalls ist die Metamorphose des Stammesgottes im AT zum Nous/Logos im NT, der dann zum Vater im Himmel wieder athropomorphisiert wird, eine Leistung verschiedener gnostischer Bewegungen. Bei der Formierung des Christentums vom 2. bis 4. Jh. musste dann wieder Bezug zum AT hergestellt werden, was Marcion vernünftigerweise abgelehnt hat.
Jesus, der zweite Adam, starb
Jesus, der zweite Adam, starb für unsrer Sünden. Weil Adam und Eva gesündigt haben, wurden sie und das ganze Menschengeschlecht sündig und deshalb bestraft.
Anstatt ihnen einfach zu verzeihen -- für etwas, das die ersten Menschen noch gar nicht wirklich durchschauen konnten, weil sie vom Apfel der Erkenntnis ja noch gar nicht gegessen hatten - , ließ der Gottessohn -- oder Gott selbst -- sich von diesen foltern und kreuzigen und war dann wieder mit ihnen versöhnt.
Das ist die Geschichte von einem allgütigen, barmherzigen und weisen Gott, an den mehr als eine Milliarde Menschen glauben.
Es gibt für das
Es gibt für das Beschneidungsritual allerdings auch eine historische Erklärung, für die sich ein Hinweis im AT findet: Abraham bekam von Gott den Befehl, seinen Sohn Isaak abzuschlachten (opfern). Als er dem Befehl nachkommen will stoppt ihn der Allmächtige und ändert seine Weisung. Nun soll die Beschneidung das Abschlachten ersetzen. – Bedenkt man nun, dass in den frühzeitlichen Hochkulturen das Menschenopfer weit verbreitet war und zu den Opfern Kinder der Eliten zählten, so darf man annehmen, dass sich dass diese eine Reform des Brauches anstrebten und die Beschneidung zum Ersatz für das Menschenopfer machten.
Lieber Herr Küpper,
Lieber Herr Küpper,
theologisch haben Sie recht. Doch historisch ist ein anderes Scenario wesentlich wahrscheinlicher: Natürlich gab es Kindsopfer (die ja auch von JHWH nicht nur in letzter Sekunde abgesagt, sondern auch gerne angenommen wurden (z.B. Jeftahs Tochter), doch die Knabenbeschneidung ist wohl im Rahmen einer neuen Idee in Babylon begründet worden.
Beschneidungen waren in jener Zeit aus Ägypten bekannt, wo Sklaven auf diese Weise markiert wurden. Ein freier Mensch war unbeschnitten, so auch die Babylonier. Die in die Zweistrom-Metropole verbannten Führer der kanaanitischen Stämme drohten dort unterzugehen. So entstand die Idee eines für alle Menschen einzigen Gottes (also weit über eine Monolatrie hinausreichend). Diese "Gegenreligion" (Jan Assmann) war radikaler, als alles bisherige. Ebenso radikal waren nun die Methoden, wie man bereits als Säugling in diese Gemeinden gezwungen wurde: durch Knabenbeschneidung am achten Tag. So konnte der Gedanke an ein jüdisches Volk reifen, um durch diese Identitätsstiftung nicht zu einem namenlosen Anhängsel an das neubabylonische Reich zu verkommen. Der Tanach wurde zusammengestellt und der Pentateuch wurde geschrieben - teils direkt aus babylonischen Quellen, teils aus älteren Schriften, teils aus mündlichen Überlieferungen - aber alles bearbeitet im Sinne der neuen Situation/Religion. Und da Abraham und Isaak erfundene Sagengestalten sind, wurde deren Lebensgeschichte zweckgerichtet als nachträgliche Begründung für ihre religiöse Revolution formuliert - basierend auf volksetymologischen Legenden.
Und dieser "Trick" hat funktioniert. Das Volk Israel konsolidierte sich, kehrte zurück, hatte dort noch eine Zeitlang gegen den kanaanitischen Polytheismus zu kämpfen, bis schließlich der Monotheismus obsiegte.
Da die Knabenbeschneidung bis dato bereits tradiert war, behielt man sie bei, schließlich stand in der Bibel, dass Gott dies so gebot. Und der war schließlich Eigentümer der Hebräer und ihres gelobten Landes. Vielleicht hat man auch aus diesem Grund die Beschneidung gewählt: Weil damit früher Sklaven markiert wurden. So definierten sie sich selbst als Sklaven ihres guten Hirten...
Lieber Herr Kammermeier, Ihre
Lieber Herr Kammermeier, Ihre Kommentare sind gut, aber ich habe den Eindruck, sie werden darüber hinaus, - mit jeden Beitrag noch besser.
Hier im Netz gibt es mit Sicherheit ganz viele, die ebenfalls, mit Hochgenuss diesen Beitrag gelesen haben.
vielen Dank für diesen
vielen Dank für diesen eloquenten Beitrag. Und vor allem den engagierten Kommentatoren noch ihr Wissen hinzuzufügen. Sehr aufschlußreich für mich, da mich der Gewaltaspekt der monotheistischen Religionen besonders interessiert.
„Judaismus, Christentum und
„Judaismus, Christentum und Islam behaupten von sich, monotheistisch zu sein. Wenn es tatsächlich so wäre, gäbe es zwischen ihnen jedoch keine Rivalität. Vielmehr behauptet jede dieser Weltanschauungen, im Alleinbesitz der Wahrheit und deshalb beauftragt zu sein, alle übrigen Wege religiösen Ausdrucks aus der Welt zu schaffen. Daher sind die genannten Religionen nicht monotheistisch. Sie sind monopoltheologisch. Hinter jeder Form von Monopoltheologie steht als treibende Kraft das innerweltliche Parteiinteresse seiner Vertreter. “
Quelle: Theologie: http://www.glaube-und-gesundheit.de/theologie.html
Es grüßt
Klarsicht