Selbst ohne Kirchensteuer würden nur wenige Menschen wieder in die Kirche eintreten

Die religiöse Bindung schwindet

Seit Jahren wird das vermeintliche Hauptmotiv für den Kirchenaustritt wie ein Mantra wiederholt: die Kirchensteuer. Sie gilt vielen als Symbol für eine überholte Institution, als finanzielle Belastung oder als bürokratische Zumutung. Doch eine neue repräsentative Umfrage zeigt: Diese Erklärung greift viel zu kurz. Der schwindende Rückhalt der Kirchen in der Bevölkerung lässt sich nicht allein monetär begründen. Die Zahlen dokumentieren einen tiefgreifenden kulturellen und gesellschaftlichen Wandel.

Laut einer vom Meinungsforschungsinstitut YouGov durchgeführten Umfrage im Auftrag der katholischen Kirche würden gerade einmal sechs Prozent der Befragten im Fall einer Abschaffung der Kirchensteuer (wieder) in die Kirche eintreten. 37 Prozent der Befragten erklärten hingegen, dass sie auch ohne Kirchensteuer keinen Grund sähen, (wieder) Mitglied zu werden. Sogar unter den über 55-Jährigen – also den Altersgruppen mit traditionell höherer Kirchenbindung – würde eine klare Mehrheit nicht zurückkehren. Diese Zahlen sind ein eindeutiges Statement: Die Bindung an die Institution Kirche ist in der Breite der Gesellschaft längst erodiert.

Mit anderen Worten: Es ist nicht der Beitrag auf dem Steuerbescheid, der Menschen von den Kirchen fernhält. Es ist das, wofür die Kirchen stehen – oder eben nicht mehr stehen. Viele empfinden die Kirche nicht mehr als moralische Instanz, spirituelle Heimat oder gesellschaftliche Kraft. Stattdessen haftet ihr das Image einer intransparenten, machtfixierten und überforderten Institution an, die über Jahrzehnte mit Skandalen, Missbrauch von Schutzbefohlenen und Relevanzverlust zu kämpfen hatte – und es weiterhin tut.

Die Kirchensteuer mag für einige ein Anlass zum Austritt sein, doch sie ist selten der eigentliche Grund. Wer sich innerlich längst entfremdet hat, wer keinen Bezug mehr zu Gottesdiensten, Sakramenten und der kirchlichen Ethik hat, der wird auch ohne finanzielle Verpflichtung den Weg nicht zurückfinden. Und wer bleibt, tut dies in der Regel aus Überzeugung – nicht aus Angst vor dem Steuerabzug.

Dabei erinnert der stete Versuch, die Ursachen des Mitgliederschwunds auf die Kirchensteuer zu reduzieren, an eine andere kirchliche Nebelkerze: die sogenannte Caritas-Legende. Sie suggeriert, ohne die Kirchen breche das soziale Netz zusammen – als sei christliche Wohlfahrt das einzige soziale Engagement in unserer Gesellschaft. Dem ist natürlich nicht so. Gerne wird zudem regelmäßig verschwiegen, dass die kirchlichen Sozialkonzerne wie Caritas und Diakonie weit über 90 Prozent vom Staat, also auch von den konfessionsfreien Bürgern und Steuerzahlerinnen finanziert werden – und nicht etwa aus der vielbeschworenen "Gemeindekollekte". Was bei Caritas & Co. als "Nächstenliebe" etikettiert wird, ist in Wahrheit zu einem gut alimentierten Dienstleistungsbetrieb mutiert, der nicht nur kirchliche Macht mit staatlicher Finanzierung kombiniert und absichert, sondern auch ein eigenes Arbeitsrecht mit unzeitgemäßen Moralklauseln aufrecht erhalten will.

Nicht die Kirchensteuer treibt die Menschen aus der Kirche – es ist der Verlust an Bedeutung der Institution selbst. Die Kirchen haben ihre gesellschaftliche Verankerung weitgehend eingebüßt, weil ihre moralische Autorität, auf die sie sich so lange beriefen, durch systematischen Missbrauch und institutionelles Wegsehen tief erschüttert wurde. In einer zunehmend säkularen Gesellschaft fragen sich viele nicht mehr, ob sie sich die Mitgliedschaft leisten können, sondern warum sie sie überhaupt brauchen.

Die Zahl derer, die heute keine Antwort mehr auf die Frage finden, wozu man überhaupt einer Kirche angehören sollte, wächst in Westeuropa rapide. In einer aufgeklärten, pluralistischen Gesellschaft, in der Menschen selbstbestimmt denken und entscheiden, braucht es keine Mittlerinstitution mehr, die Glauben verwaltet und überkommene Machtstrukturen hütet. Der Bedeutungsverlust der Kirchen in Deutschland ist nicht aufzuhalten – nicht durch Reformrhetorik, nicht durch karitative Aushängeschilder und schon gar nicht durch den Verzicht auf ein paar Prozentpunkte vom Gehalt.„"

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Kommentare (11)

Udo Endruscheit (nicht überprüft)

Di. 22 Jul 2025 - 14:00

Dieses uralte Narrativ der Kirchensteuer als Austrittsgrund aus den Amtskirchen hat mich schon vor Jahrzehnten empört. Dass die Kirchen dieses tote Pferd immer noch reiten, ist bezeichnend. Denn sie zeigen damit, dass ihr eigenes Menschenbild eines ist, dass dem Menschen als Motiv nur materielle Vorteile unterstellt und so etwas wie Altruismus und eigenes Denken und Entscheiden nicht zu kennen scheint. Das mit dem "Halt du sie dumm, ich halt sie arm" scheint nicht mehr recht zu funktionieren (in Ansätzen aber wohl immer noch).

Man kann das Kirchensteuer-Narrativ also eigentlich durchaus als Beleidigung der eigenen Klientel verstehen, die höchstens den Effekt hat, dass sich die Austrittswelle noch weiter beschleunigt.

Rene Goeckel (nicht überprüft)

Di. 22 Jul 2025 - 14:11

Ich habe jeglichen "Glauben" verloren als ich verstand, dass der Klapperstorch eine Lüge war. Entsprechend bin ich mit 15 Jahren ausgetreten. Heute kann ich mit meinen 76 Jahren sagen, dass ich ohne diese absurden Peinlichkeiten sehr gut im Leben zurecht gekommen bin. Ich kann nur hoffen, dass immer mehr Menschen diesen vollkommen unnötigen Ballast abwerfen und zu ihrer eigenen Mündigkeit finden.

Sind Sie also vor 60 Jahren ausgetreten, was damals wohl viel Mut erforderte, auch weil die katholische Kirche (von der evangelischen weiß ich es nicht) damals so unverschämt war, die Liste der Ausgetretenen öffentlich am Eingang auszuhängen.

Klares Ziel: die soziale Ausgrenzung und Druck zu erzeugen, dass möglichst Wenige den Austritt wagen! Gab es damals denn Gerichtsprozesse, um der Kirche derart hinterhältige Praktiken zu verbieten?

Deshalb hatte ich mich erst nach einem Umzug getraut, den Austritt zu erklären. Meine Mutter hatte sich genau deshalb bis zu ihrem Tod nicht getraut, um von den Nachbarn nicht "geschnitten" zu werden.

Rene Goeckel (nicht überprüft)

Mi. 23 Jul 2025 - 15:18

Antwort auf von Paul München (nicht überprüft)

Ich war evangelisch. Die einzige Reaktion war damals der Pastor, der regelmäßig bei uns auf der Matte stand. Dabei war er der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Probleme gab es sonst keine. Ich gab ab sofort überall "konfessionslos" an, sogar mit einem gewissen Stolz.

Roland Fakler (nicht überprüft)

Di. 22 Jul 2025 - 15:58

Ohne frühkindliche Indoktrination wären die Kirchen längst leer. Welchem vernünftigen Menschen könnte man die Erbschuld durch den Fehltritt eines mythologischen Paares und die Erlösung durch den Kreuzestod des Gottessohnes glaubhaft vermitteln?

Dr. Ingeborg Wirries (nicht überprüft)

Mi. 23 Jul 2025 - 06:40

Die Behauptung, die Kirchensteuer sei der Austrittsgrund ist genauso falsch wie die Behauptung, der Zölibat sei der Grund für den sexuellen Mißbrauch von Kindern/Jugendlichen in der katholischen Kirche. Die massenhaften Missbräuche in der evangelischen Kirche beweisen es. Der wahre Grund dafür ist das System Kirche. Beide Organisationen sind von oben bis unten, von hinten bis vorne maximal verlogen und maximal geld- und machtgierig.

Herbert Thomsen (nicht überprüft)

Mi. 23 Jul 2025 - 14:21

Warum immer noch die Zahl von 90 Prozent für die Wohlfahrtsverbände vom Staat und der Rest von den Kirchen. In den meisten katholischen Bistümern gibt es Beschlüsse, dass Kirchensteuern nicht für Sozialeinrichtungen wie Krankenhäuser und die Jugendhilfe verwendet werden dürfen. Nur bei Schulen und Kindergärten gibt es Zuschüsse aus der Kirchensteuer. Diese sind aber aus Sicht der Kirche Missionseinrichtungen. Die Zuwendungen aus der Kirchensteuer an die Wohlfahrtsverbände gibt es nicht mehr. Im höchsten Fall werden dort die Stellen des biblischen ordinierten Leitungspersonals von den Kirchen finanziert.

Christian Walther (nicht überprüft)

Mi. 23 Jul 2025 - 14:49

Das Fazit "Der Bedeutungsverlust der Kirchen in Deutschland ist nicht aufzuhalten“ muss nicht das Ende einer Befassung mit christlichen Inhalten darstellen. Wieviel Unfug und Lüge auch von Anfang an in der christlichen „Heilsbotschaft“ steckt - man sollte nicht eine über 1000-jährige kirchliche Kultur, also Bauten, Bilder, Musik, sozusagen als Müll betrachten. Das unterstelle ich dem Autor auch nicht. Doch wie man, auch bewahrend, mit solchen christlichen Zeugnissen umgehen könnte, sollte künftig auch auf hpd mal thematisiert werden. Ferner ist zu fragen, ob die meisten Bürgerinnen und Bürger z.B. durch Kants zwar berühmten, aber doch dürren Kategorischen Imperativ wirklich erreicht werden oder ob sie vielleicht doch eher nach positiven Vorbildern bzw. irgendeiner Autorität suchen. Übrigens erkenne ich für das, was man als moralische Orientierungshilfe bezeichnen könnte, derzeit nichts derart Knappes und Klares im Bereich des hiesigen Humanismus, auf das man Leute, die sich von den Kirchen verabschieden, unbedingt hinweisen sollte. Aber vielleicht habe ich etwas Wichtiges übersehen - ? 

Christian Walther, Marburg

Gerhard Baierlein (nicht überprüft)

Sa. 26 Jul 2025 - 15:25

Antwort auf von Christian Walther (nicht überprüft)

Die Menschen welche sich von den Kirchen abwenden sollten sich ihrer eigenen Stärken und Ideen bewusst werden und sich um schwächere Menschen kümmern die sich noch immer an
das ewige Leben im Paradies klammern, nur so wird die Menschheit befreit von Bevormundung und den Lügen der Pfaffia und kann ein realistisches Leben ohne Ängste leben. Ohne Tod wäre das Leben nicht mehr möglich!

Gerhard Baierlein (nicht überprüft)

Di. 29 Jul 2025 - 13:29

Antwort auf von Christian Walther (nicht überprüft)

Ich würde da ehr das Wort Aufklärung bevorzugen, missionieren tun die Pfaffen und missionieren betdeutig nichts anderes als Menschen verdummen und belügen mit erfundenen Märchenfiguren.

Ralf Nestmeyer

Der Autor ist Historiker und Schriftsteller (zu seiner Website geht es hier). Er hat zahlreiche Reiseführer, Sachbücher und Krimis geschrieben und gehört zu den Gründungsmitgliedern von PEN Berlin.

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