BERLIN. (hpd) Das Theaterstück „Zornig geboren“ hatte am vergangenen Donnerstag Premiere im Gorki Studio Berlin – Es bietet eine ergreifende Geschichte um Unterdrückung und Rebellion
Auf einer langen Leinwand ist ein Meer voller Kriegsschiffe zu sehen. Zusammengebundene Wasserkanister dienen den Schauspielern als Sitzgelegenheit. Auch der Rest des Bühnenbildes – ein Tisch aus Steinen mit einer Palette darauf sowie Stellwände, auf denen gemalt wird - haben eher symbolischen Charakter und sind so für alle Szenen geeignet, sowohl für die, die in der Gegenwart spielen als auch für die aus der Zeit der Französischen Revolution. Das Stück, das hier im Gorki Studio, der Nebenbühne des Maxim-Gorki-Theaters Berlin, aufgeführt wird, ist von Darja Stocker und heißt „Zornig geboren“. Premiere hatte es am letzten Donnerstag. Inszeniert wird das Stück von Armin Petras, der auch bereits für die Uraufführung im Juni in Marl im Rahmen der Ruhrfestspiele als Regisseur tätig war.
Wenn der Marquis de Condorcet in sein Gegenwartskostüm schlüpft, ist er wieder Benjamin, der Sohn Olivias. Olivia arbeitete als Informantin der Résistance im besetzten Paris. Wie es ihr gelang, der für sie vorgesehenen Exekution zu entkommen, darüber schwieg sie ihr ganzes Leben. Langsam erschließt sich Benjamin das Geheimnis um ihre Vergangenheit: Im Dienste der SS-Männer wurde sie zur Zwangsprostitution gezwungen. Zwischen Benjamin und Condorcet liegen über 200 Jahre, doch haben sie beide das gleiche Ziel: Sie wollen Gerechtigkeit, Benjamin für seine Mutter und Condorcet im ausgehenden 18. Jahrhundert für all die benachteiligten Frauen und Sklaven, als Politiker und Philosoph setzte er sich für ihre Gleichberechtigung ein.
Auch Sophie, die Tochter Benjamins und ihr Freund, der Maler Micha kämpfen gegen die Unterdrückung der Schwächeren. Sie wollen ihren afrikanischen Freund Somu finden, der als vermisst gilt, nachdem sein Flüchtlingsboot auf dem Weg nach Europa an einem der Grenzzäune scheiterte. Passenderweise wird ihre Suche begleitet von den Rap-Gesängen der französischen Musikerin Keny Arkanas, die mit ihren Liedern gegen die Folgen von Kapitalismus und Globalisierung ansingt. Doch die Suche endet erfolglos: Der Freund wird gefoltert und anschließend getötet.
Olivia berichtet ihrer Nachbarin Mara von Olympe de Gouges, der großen Freiheitskämpferin zur Zeit der Französischen Revolution. Mara stammt aus Osteuropa und wurde nach Deutschland verheiratet. Das freiheitliche Leben, das sie sich dadurch erträumt hat, bleibt jedoch aus. Sie ist ergriffen von dem Einsatz der Madame de Gouges, die bis zu ihrem Tode für die Rechte der Frau und Bürgerin kämpfte, dafür aber 1793 unter der Schreckensherrschaft Robespierre mit ihrem Leben zahlen musste.

Die verschiedenen Geschichten fügen sich zusammen und zeigen dabei deutlich: Die Missstände haben sich verlagert, die Hilflosigkeit ist geblieben. Olympe de Gouges sagte noch vor dem Revolutionstribunal: „Meine Stimme wird sich noch aus des Grabes Tiefe Gehör verschaffen!“ Recht hat sie damit gehabt, doch für welchen Preis?
Darja Stocker äußerte sich zu ihrem Stück, ihr sei es wichtig gewesen, dass verschiedene Gedanken zusammen kämen: „Olivia, die in der Résistance gekämpft hat, die Idee der Aufklärung und der Fakt, dass man im gleichen Moment, in dem man sagt, jeder Mensch ist frei geboren, bereits die Hälfte der Menschheit ausgeschlossen hat.“
Die Autorin ist mit ihren 26 Jahren zwar noch sehr jung, doch wurde sie bereits für ihr Debütstück „Nachtblind“ 2005 mit dem Autorenpreis des Heidelberger Stückemarktes ausgezeichnet. Und auch ihr neues Stück „Zornig geboren“ ist ihr gelungen, es ist spannend und bewegend.
Die Schauspieler bringen die emotionale Aufgeladenheit des Stückes zum Ausdruck: Wütend wird Farbe und Wasser über die Bühne gespritzt, die Stellwände werden zerschnitten, zerrissen oder durch die Gegend geworfen. Die Wasserkanister brechen aus ihrer Bindung heraus als Condorcet im Kampf mitten in sie hinein fliegt. Die Inszenierung wird mit moderner Musik – unter anderem von Radiohead – und Lichteffekten ergänzt und bietet dem Zuschauer eine sehenswerte Vorstellung.
Sabine H. Vogel





