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Der heilige Schein

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Dr. David Berger / Alle Fotos © Dennis Merbach

FRANKFURT/M. (hpd/sh) Am 5.10.2012 wurde die Herbst-Veranstaltungsreihe der GBS Rhein-Main – Säkulare Humanisten mit einem Vortrag des habilitierten Theologen David Berger zu seinem Buch „Der heilige Schein“ fortgesetzt. Diese Veranstaltung wurde gemeinsam mit dem Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) verantwortet.

 

Bericht und Kommentar von Jochen Beck

„…
25 Sie also vertauschten die Wahrheit Gottes mit der Lüge, sie beteten das Geschöpf an und verehrten es anstelle des Schöpfers – gepriesen ist er in Ewigkeit. Amen.
26 Darum lieferte Gott sie entehrenden Leidenschaften aus: Ihre Frauen vertauschten den natürlichen Verkehr mit dem widernatürlichen;
27 ebenso gaben die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau auf und entbrannten in Begierde zueinander; Männer trieben mit Männern Unzucht und erhielten den ihnen gebührenden Lohn für ihre Verirrung.
28 Und da sie sich weigerten, Gott anzuerkennen, lieferte Gott sie einem verworfenen Denken aus, sodass sie tun, was sich nicht gehört:
29 Sie sind voll Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier und Bosheit, voll Neid, Mord, Streit, List und Tücke, sie verleumden
30 und treiben üble Nachrede, sie hassen Gott, sind überheblich, hochmütig und prahlerisch, erfinderisch im Bösen und ungehorsam gegen die Eltern,
31 sie sind unverständig und haltlos, ohne Liebe und Erbarmen.
32 Sie erkennen, dass Gottes Rechtsordnung bestimmt: Wer so handelt, verdient den Tod. Trotzdem tun sie es nicht nur selber, sondern stimmen bereitwillig auch denen zu, die so handeln. …“
Aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer, Kapitel 1 (Einheitsübersetzung), verfasst um 56 bis 58 unserer Zeitrechnung. Er ist eine der 27 Schriften des Neuen Testaments der christlichen Bibel. Diese Stelle gehört zur „antiheidnischen Polemik“. Als „Heiden“ galten alle Menschen, die nicht Juden oder Christen waren. Deren Leugnung des jüdisch-christlichen Gottes ist die Ursünde, aus der die Einzelsünden hervorgehen, zu denen wiederum die Homosexualität gehört.

Zum ersten Mal hatten die Säkularen Humanisten einen kritischen Theologen als Referenten zu Gast. Im Vorfeld der Veranstaltung kam aus der säkularen Szene vereinzelte Kritik an der Einladung eines Theologen. Aber es gehörte nie zu dem Konzept dieser Veranstaltungsreihe, das Gespräch mit Andersdenkenden zu meiden. Damit wurde der Abend auch zu einer Art Begegnung zwischen säkularen und christlichen Humanisten, zwischen humanistischen Atheisten und Theisten. Neu war es auch, zwischen dem Vortrag und der Publikums-Fragerunde ein Podiumsgespräch des Referenten, mit jeweils einem Vertreter der Veranstalter (Jochen Beck, gbs Rhein-Main; Carsten Werner, HVD), zwischenzuschalten.

Dr. David Berger fühlte sich schon als Jugendlicher zu jenem konservativen Katholizismus hingezogen, der noch vorkonziliaren Vorstellungen und Riten nachtrauert. Als Schüler wollte er Priester werden. Aber wegen des Zölibats und seiner gleichgeschlechtlichen Beziehung – die er seit 1990 aufrechterhält – gab er dies auf und wurde Lehrer für Deutsch und katholische Religion. Allerdings engagierte er sich als Laientheologe zusätzlich in der katholischen Traditionalistenszene, er habilitierte, wurde Mitherausgeber der Zeitschrift „Theologisches“ und wirkte auch als korrespondierender Professor an der Päpstlichen Akademie des heiligen Thomas von Aquin im Vatikanstaat. Gelegentlich war er auch bei dem Kölner Kardinal Meisner zum Tee eingeladen.

Somit verkehrte er in Kreisen, die sein Intimleben für sündhaft halten. Immer wieder wurde er mit homophoben Einstellungen konfrontiert. Trotzdem scheute er sich nicht, zu dienstlichen Aufenthalten in Rom in Begleitung seines Beziehungspartners zu erscheinen, den er dann als seinen „Cousin“ vorstellte, was mitunter ein verstehendes Lächeln hervorrief.

Dr. Bergers Schilderung der Verhältnisse innerhalb des katholischen Klerus war zutiefst erschreckend. Der Anteil der Homosexuellen in der Priesterschaft sei überproportional hoch. Seiner Meinung nach liegt er sogar bei 50 Prozent. Da kirchenrechtlich homosexuelle Priester grundsätzlich suspendiert werden können – selbst dann, wenn sie den Zölibat einhalten – bestehe eine Atmosphäre der Erpressung und des Denunziantentums. Man verwendet oft den intimen Hintergrund der Betreffenden, um diese im Sinne päpstlicher Linientreue gefügig zu machen. Der Referent berichtete sogar von dem Fall eines homosexuellen konvertierten Geistlichen einer anderen Kirche, der  katholischer Priester werden wollte. Der Bischof musste wegen der sexuellen Orientierung zunächst ablehnen. Doch der Konvertit drohte damit, die Aktivitäten etlicher Priester im Schwulenmilieu publik zu machen und bekam seinen Willen. Auch Berger selbst wurde – nach eigener Darstellung – in der Zeit vor seinem Outing unter Druck gesetzt.

Die homophobe Einstellung des etablierten Katholizismus zeige sich nicht zuletzt auch in den Reden des Papstes vor dem diplomatischen Corps zum Neujahresempfang. Dort verurteilt Benedikt XVI. regelmäßig die Forderungen nach einer Gleichberechtigung Homosexueller. Auch durch seinen Nuntius bei den Vereinten Nationen lässt er entsprechend Stellung beziehen. Dort schreckt er nicht einmal vor der Kooperation mit Staaten zurück, welche Homosexualität strafrechtlich verfolgen. Nach Ansicht von Berger ist der Vatikan auch heute noch auf dem Standpunkt, dass Homosexualität strafrechtlich relevant sein sollte, auch eine Kooperation mit einer klerikalfaschistischen Diktatur von der Art Franco-Spaniens (1939 bis 1975) traut er Benedikt XVI. zu. Dem Papst gehe es politisch in erster Linie um die Stellung der Kirche. Der Leser mag sich an dieser Stelle an die Massenseligsprechungen spanischer Kleriker, welche während des Spanischen Bürgerkrieges von Republikanern getötet wurden, erinnern.

Er berichtete auch von einer Unterhaltung mit Kardinal Meisner, der die Kirchenaustritte als eine Art „Gesundschrumpfen“ verstehe. Die enormen finanziellen Rücklagen der Kirche würden es ihr gestatten, 20 Jahre ohne Kirchensteuern auszukommen, spätestens dann würde man sie auf den Knien bitten, ihre alten Positionen zu vertreten.

Gut zu wissen, dass diese „Kirche der Armen“ dem durch Mitgliederschwund bedingten Machtverlust mit Hilfe massiver Vermögensakkumulation entgegenwirkt.

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