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Österreichische Religionspolitik 05.12.2012 · Nr. 14533

Millionen fürs Nichtstun


Festsaal der Universität Wien / Foto:wikimedia commons (Florian Prischl)

WIEN. (hpd) In Österreich soll die erste islamisch-theologische Fakultät an einer öffentlichen mitteleuropäischen Universität entstehen. Mit diesem Schritt gibt die heimische Politik dem Druck sunnitischer Lobbyisten nach. Und belohnt sie für ihre Fehler.

Eine Analyse von Christoph Baumgarten

Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) und Fuat Sanac, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) waren sich schnell handelseins. Imame sollen in Österreich ausgebildet werden und das erfordere ein islamisch-theologisches Studium an einer öffentlichen Universität im Land. Das wird auf eine eigene Fakultät hinauslaufen. Anders ist das nicht zu organisieren. Begründet wurde die Entscheidung damit, dass viele Imame türkische Regierungsbeamte seien und nicht Deutsch sprechen. Der ausgesprochen religionsaffine Kurz und Religionsvertreter Sanac bezeichneten das als Schritt zur Integration. Warum das neben zwei konservativen Interessenvertretern irgendjemand auch so sehen sollte, wurde nicht näher ausgeführt.

Das ist bei näherer Betrachtung auch nicht einfach zu argumentieren. Wenn die Fakultät eingerichtet wird, kommt das einer Belohnung der IGGiÖ für ihre eigene Untätigkeit gleich. Sie hat es bislang nicht geschafft, wenigstens für sunnitische Geistliche eine Ausbildung in Österreich zu organisieren. Eine Ausbildung, wie sie – trotz der ebenfalls staatlich finanzierten theologischen Fakultäten – die katholische Kirche in eigenen Einrichtungen auf eigene Kosten seit Jahrzehnten praktiziert. Für ihre angehenden Kleriker gibt es private theologische Institute und Universitäten (wie in Heiligenkreuz und das ITI Trumau) und Priesterseminare. Die katholisch-theologischen Fakultäten an den öffentlichen Unis sind da nur Beiwerk. Was die Frage nach deren Sinnhaftigkeit noch akuter erscheinen lässt, aber das ist ein anderes Thema.

Warum die IGGIÖ das nicht selbst auf die Beine stellen konnte, hat sie bislang öffentlich nicht schlüssig erklärt. Und wurde von der Politik nie danach gefragt. Es kam auch nie die Frage, warum es eine öffentliche Aufgabe sein soll, Kleriker ausbzubilden. Stattdessen gibt es eine Einrichtung auf Steuerkosten als Geschenk für eine bislang unfähige Religionsgesellschaft. Auf den Punkt gebracht: Millionen fürs Nichtstun.

Das Ganze wird als Beitrag zu einer Integration ausgegeben, die ausschließlich unter religiösen Gesichtspunkten definiert wird. Auf Betreiben konservativer Politiker und ebensowenig fortschrittlichen Religionsvertretern, die einander stetig der gegenseitigen Wertschätzung und der Wichtigkeit der Akteure versichern.

Unwichtige Details wie die Wirklichkeit stören die wechselseitigen Schmeicheleien nur. Harmoniesucht geht vor Problemlösung. Eine österreichische Krankheit. Im Fall der IGGiÖ besonders ärgerlich. Dort schlägt sich das Bild von der intgrativen Kraft der Religion besonders mit der Wirklichkeit, wie der hpd mehrfach dokumentierte ("100 Jahre Pfusch", "Neue Konfession per Gerichtsentscheid", "Denn, wer A sagt..."). Die IGGiÖ kann nicht einmal den Anspruch erheben, alle Muslime zu vertreten. Die Aleviten sind ausgeschert. Die Shiiten werden durch Terminologie und Praxis von der IGGiÖ nicht vertreten. Die Religionsgemeinschaft ist eine Lobbyorganisation für religiöse Sunniten. Nicht mehr und nicht weniger.

Das wird auch den Alltag der islamisch-theologischen Fakultät prägen, für die die IGGiÖ de facto die Leitung übernehmen wird – nach katholischem und protestantischem Vorbild. Es wird eine sunnitische Einrichtung werden, vielleicht mit ein paar alibihaften liberalen und shiitischen Einsprengseln. Die Frage, wer außer der IGGiÖ etwas davon haben wird, stellt sich die Öffentlichkeit kaum. Gut, sie tut es auch bei den vier katholisch-theologischen und der evangelisch-theologischen Fakultät nicht. Auch die werden staatlich finanziert und kirchlich kontrolliert und dürfen sich als wissenschaftlich bezeichnen.

Wenn schon Unsinn, dann für alle

Das wird es bald unter sunnitischen Vorzeichen geben. Vom Standpunkt der Gleichberechtigung mag das noch angehen. Wenn schon demokratie- und wissenschaftspolitischer Unsinn, dann bitte für alle. Den Islam schlechter zu behandeln als die katholische und die evangelische Kirche geht nicht. Entweder Laizität oder ein staatliches Füllhorn für alle. Welchen Weg die österreichische Politik gehen will, wissen wir.

Allerdings gibt es sachliche Gründe, warum die IGGiÖ hier kein Mitspracherecht haben sollte. Sie schafft es nicht mal, sich eine Verfassung zu geben, die dem Alleinvertretungsanspruch für alle Muslime gerecht werden würde. Sie scheitert an der Aufgabe, auch nur einen nennenswerten Prozentsatz der österreichischen Muslime zu organisieren. Von halbwegs demokratischen Wahlen ganz zu schweigen. Ja, sie konnte bislang nicht einmal definieren, wie viele Muslime es in Österreich gibt. Oder wer überhaupt als Muslim zu zählen ist. Die Unterrichtsmaterialien für den islamischen Religionsunterricht und die islamischen Religionslehrer hat sie auch nicht im Griff. Und diese Gemeinschaft soll für personelle und inhaltliche Fragen an einer Fakultät zuständig sein?

Nur in einem ist die IGGiÖ gut. Im Handaufhalten. Das mag im Wesen von Religionsgemeinschaften generell liegen. Es mag auch ein Spezifikum der österreichischen (und deutschen) Politik sein, dass man religiösen Organisationen gegenüber besonders willfährig ist. Wer laut schreit, bekommt. Nachher sagt man, es sei wichtig für die Allgemeinheit. So einfach ist das für eine Religionsgemeinschaft.