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Argumente für Religion auf dem Prüfstand (1)

(hpd) Es gibt Argumente, die immer wieder angeführt werden, um zu belegen, dass an Religion etwas dran oder sie sogar notwendig ist für die menschliche Gesellschaft. Buchautor Alfred Binder stellt in einer Serie auf den Prüfstand, was für Religion zu sprechen scheint.

Im ersten Teil setzt er sich mit der Behauptung, dass alle Völker eine Religion hatten, auseinander und erörtert, welche Bedeutung diese Aussage hat.

Soweit wir wissen waren alle bisherigen Völker religiös. Sie glaubten, dass es zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt. Die alten Völker hatten sicher gute Gründe für ihren Glauben, wahrscheinlich verfügten sie über ein Wissen, das uns heutigen verbildeten rationalen Menschen nicht mehr zugänglich ist. Wahrscheinlich standen diese Menschen tatsächlich mit jenseitigen Wesen in Kontakt und wer weiß, ob das nicht auch heute noch bei archaisch lebenden Völkern der Fall ist.

Mit der Religion meisterten die Menschen über Jahrtausende die Probleme des alltäglichen Lebens und führten erfolgreich ihren Überlebenskampf. Aus all diesen Gründen wäre es sehr unwahrscheinlich, wenn die Religion nur ein Gespinst aus Fantasien, Täuschungen und Lügen wäre.

Was religiöse Erklärungen sind und was sie für das alltägliche Leben bedeuten

Dass die Menschen die Welt religiös interpretierten, bedeutete konkret, ihr alltägliches Denken und Handeln war von der Furcht vor und der Hoffnung auf Hilfe von Geistern bestimmt. Geburt, Jagderfolg, Krankheit, Tod, bei jedem Ereignis waren Geister im Spiel, jedes war letztlich durch Geister verursacht.

Religiöse Erklärungen sind solche, die Ereignisse in unserer Welt durch übernatürliche, jenseitige Kräfte oder Wesen verursacht sehen. Eine religiöse Erklärung benutzt auch, wer glaubt, dass ihm beim Bestehen einer Prüfung oder bei der Genesung von einer Krankheit ein Schutzengel geholfen hat oder dass es kein Zufall sein kann, wenn eine Minute, nachdem man an einen bestimmten Menschen gedacht hat, dieser anruft. Er will damit sagen, dass hier übernatürliche, paranormale Phänomene, wie etwa Telepathie, im Spiel waren. Paranormale Phänomene, auch PSI-Phänomene genannt, fallen unter religiöse Erklärungen, weil sie nicht mit den Naturgesetzen übereinstimmen, also mit übernatürlichen Kräften erklärt werden müssen. Das Telefonanruf-Phänomen erklären PSI-Gläubige mit Telepathie, der Gedankenübertragung. Ähnliche PSI-Phänomene sind die Telekinese, die Ortsveränderung eines Gegenstandes durch geistige Einwirkung, und die Teleportation, die Ortsveränderung eines Gegenstandes, ohne dass dieser einen Raum durchquert.

Natürliche und wissenschaftliche Erklärungen

Unter natürlichen Erklärungen verstehen wir solche, welche Dinge dieser Welt ohne Rückgriff auf eine jenseitige Welt und deren Kräfte zu erklären versuchen. Natürliche Erklärungen sollten mit den Naturgesetzen, den physikalischen, chemischen und biologischen Gesetzen, in Einklang stehen. Ein Ereignis ist genau dann ein Wunder, wenn es mit diesen Gesetzen nicht vereinbar ist. Einen Toten zum Leben zu erwecken, ist ein Wunder, weil es eben nicht mit den Gesetzen der Physik, Chemie und Biologie vereinbar ist. Ebenso die sogenannten PSI-Phänomene. Wenn PSI-Phänomene tatsächlich nachgewiesen und ohne Widerspruch zu den Naturgesetzen erklärtwerden könnten, würde es sich nicht mehr um PSI-Phänomene handeln. Wir hätten dann nur unser Wissen über die Funktionsweise der Natur erweitert. Wenn PSI-Phänomene nachgewiesen werden könnten und immer noch im Widerspruch zu den Naturgesetzen stehen würden, wäre das ein starkes Indiz dafür, dass es eine jenseitige Sphäre gibt.

Es gibt selbstverständlich auch falsche natürliche Erklärungen. Wenn zum Beispiel ein Volk glauben würde, die Ursache von Donner und Blitz seien Lagerfeuer – sie erwärmen die Luft so stark, dass sie ein Gewitter verursachen – dann wäre das eine natürliche, aber falsche Erklärung. Wäre es diesem Volk möglich, ihre natürliche These zu überprüfen, hätte es festgestellt, dass sie falsch war und damit kein Wissen darstellte. Als Wissen gelten nur Überzeugungen, die von mehreren Menschen überprüft und bestätigt werden können.

Natürliche Erklärungen müssen also nicht immer wissenschaftliche Erklärungen sein, aber jede wissenschaftliche Erklärung ist auch eine natürliche. Dass Feuer Wasser erwärmt, ist eine natürliche Erklärung für das Phänomen warmes Wasser, aber es ist noch keine wissenschaftliche. Wissenschaftlich sind Erklärungen erst dann, wenn sie durch praktische Überprüfungen und theoretische Begründungen bestätigt wurden. Theoretische Begründung meint, es wurden Gesetze gefunden, welche ein Ereignis erklären, in unserem Beispiel Gesetze der Thermodynamik.

Wissenschaftliche Erklärungen müssen auch widerspruchsfrei sein. Am wichtigsten ist aber, dass sie überprüft werden können. Solange eine Behauptung, die beansprucht wissenschaftlich zu sein, nicht bewiesen werden kann, gilt sie als Hypothese. Manchmal sagt man statt Hypothese auch These oder Theorie, aber jedes Mal ist gemeint, diese Behauptungen haben noch nicht den Status, wissenschaftlich bewiesen zu sein.

Die Wissenschaft ist kein Überzeugungssystem neben anderen, denn sie ist überhaupt kein Überzeugungssystem, sondern vor allem „eine Sammlung von Methoden, um sich bei der Prüfung von Vermutungen nicht zu täuschen“, wie es der Psychologe Christian Bördlein in seinem Buch „Das sockenfressende Monster in der Waschmaschine“ auf den Punkt bringt. Wissenschaftliche Prüfungen sind einfach sehr sorgfältige Prüfungen, welche Fehler so gering wie möglich halten. Allerdings sind Fehler menschlich und Wissenschaftler sind Menschen, deshalb können auch wissenschaftliche Behauptungen falsch sein. Dies zu erkennen und zu korrigieren, zeichnet die Wissenschaft aus. Wissenschaften arbeiten also nicht mit absoluten Gewissheiten, sondern mit Wahrscheinlichkeiten, mit Plausibilitäten.

Durch den ständigen Prozess der Ausscheidung falscher Erklärungen wächst das Wissen der Menschheit an. Dieser Prozess beschleunigte sich in den letzten zwei bis drei Jahrhunderten explosionsartig, in all den Jahrtausenden vorher, in denen die allermeisten der heute existierenden Religionen entstanden, kam er nur sehr langsam voran.

Warum die alten Völker religiös waren

Unsere Antwort auf die Frage, warum die Menschen in archaischen Zeiten religiös waren, ist zuerst einmal einfach: Diese Menschen hatten gar keine andere Möglichkeit, als sich die Welt mit einer religiösen Deutung zu erklären. Sie mussten sich die Dinge und Geschehnisse der Welt durch Geisterhände verursacht, bewegt, beendet oder zerstört denken. Natürliche Erklärungsmöglichkeiten standen ihnen nämlich nur spärlich zur Verfügung, wissenschaftliche überhaupt nicht. Die Menschen mussten erst die Wissenschaft entwickeln, um die Welt wissenschaftlich erklären zu können. Wie schon der schottische Philosoph David Hume (1711-1776) sehen auch wir die Ursache für die Entstehung der Religion in der Unwissenheit und Furcht der frühen Menschen.

Religiös Gläubige sprechen gerne abkürzend vom Glauben. Der adjektivlose Glaube soll den Eindruck vermitteln, hier liegt ein besonders verehrungswürdiger Gegenstand vor und bei demjenigen der ihn besitzt, dem Gläubigen, handelt es sich deshalb um einen besonders respektablen Menschen. In Wirklichkeit ist jeder religiöse Glaube im Kern nichts anderes als simpler Geisterglaube, jeder Gläubige nichts anderes als ein gewöhnlicher Geistergläubiger, einer der häufigsten Formen von Glauben überhaupt. Auch der Gott der Monotheisten ist ein Geist, angeblich der größte.

Der Geisterglaube wirft verschiedene Fragen auf: Warum ist gerade er entstanden? Wie ist Geisterwahrnehmung zu erklären? Warum kam es zum Glauben an jenseitige Welten und warum gab und gibt es Erfahrungen solcher Welten? Wie ist die oft heilende Wirkung schamanischer Medizin zu erklären, die ja auf dem Paradigma Geisterglaube beruht? In welchem Verhältnis sollen Naturgesetze und Geistererklärungen, also Zauberei, stehen? Warum waren Geistererklärungen so erfolgreich, wenn sie falsch sind?

 

Alfred Binder studierte Sozialarbeit und Philosophie. 2009 erschien sein Buch „Mythos Zen“, eine kritische Auseinandersetzung mit dem Zen-Buddhismus. Der vorliegende Text basiert auf einem Kapitel aus seinem neuen Buch „Religion. Eine kurze Kritik“, das im Herbst als erster Band der Reihe Kritikpunkt.e im Alibri Verlag erschienen ist.

Das Buch ist auch im denkladen erhältlich.

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