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Rezension 01.04.2009 · Nr. 6710

Streiter im weltanschaulichen Minenfeld

(hpd) Zwischen Atheismus und Theismus, Glauben und Vernunft, Säkularem Humanismus und Theonomer Moral, Staat und Kirche. Unter diesen Gesichtspunkten erschien eine Festschrift zum 80. Geburtstag des profilierten Religionswissenschaftlers und prominenten Kirchenkritikers Hubertus Mynarek. Der Titel hält was er verspricht.


Auf 346 Seiten erweisen Mitstreiter und Weggefährten von Albert bis Schepper dem Jubilar mit Sachbeiträgen „Zum Verhältnis Glaube und Vernunft", „Atheismus - Pantheismus - Theismus", zur „Probleme der Ethik" und „Erinnerungskultur - Eigenerfahrungskultur - Zeitgeist-Analyse" ihre Reverenzen. Den Abschluss bilden Würdigungen zu Werk und Person, - von Uta Ranke-Heinemann und pikanterweise bis Joseph Ratzinger.

Hans Albert, der Spiritus Rector des Kritischen Rationalismus und Poppers Platzhalter auf dem Kontinent, schreibt über „Joseph Ratzingers Glaube im Lichte kritischer Vernunft" und entlarvt dabei nicht nur seine wissenschaftliche Unredlichkeit, sondern stärkt auch mit erkenntnistheoretischer Beweisführung, den Verdacht einer kognitiven Mittelmäßigkeit. Dabei zeigt er auf, dass der Papst immer wieder im Namen der Vernunft gegen so genannte „Ungläubige" zu Felde zieht und dabei de facto für die Einschränkung des Vernunftgebrauchs plädiert, um seinen Glauben vor möglicher Kritik zu schützen. Aber geradezu skandalös empfindet Albert wie Ratzinger mit dem Theodizee-Problem umgeht und konstatiert, dass, wer keine vernünftige Lösung dafür vorweisen kann auch den Anspruch aufgeben müsse eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens geben zu können. Der Theologe Uwe Gerber untersucht die Dichotomie zwischen Glauben und Vernunft aus römisch-katholischer sowie protestantischer Sicht. Dabei geht er auch der Frage vom Ende der Eindeutigkeit nach. Mit der Apologie des „Köhlerglaubens" befasst sich interessanterweise ein Jurist, Michael Kilian, ein Wanderer zwischen zwei Welten. Vom Protestantismus zum Katholizismus konvertiert, stellt er mit seinen esoterischen Neigungen die Ehrfurcht vor die Erkenntnis. Unter dieser Prämisse versucht er dann verständlich zu machen, warum er auch den Bauern mit ihrem Köhlerglauben Respekt entgegen bringt. Der im Iran geborene Facharzt für Psychiatrie, Nossrat Peseschkian, untersucht das Verhältnis zwischen Religion als Sinngebung und Wissenschaft als Sinnfindung. Danach beschließen die Herausgeberinnen Karola Baumann und Nina Ulrich den ersten Teil mit einer kritischen Auseinandersetzung der Regensburger Rede des Papstes.

Mit Gesichtspunkten zum neuen Atheismus aus liberaler protestantischer Sicht, eröffnet der evangelische Pfarrer Andreas Rössner den zweiten Teil der Sachbeiträgen. Ihm folgt der freireligiöse Prediger und Philosoph Eckhart Pilick. Sein Thema, Heiliger Einklang aller Wesen: Schellings Naturphilosophie im Spiegel der Dichtkunst E. Th. Hoffmanns. Pilick sieht in der Kunst Ausdruck einer Einheit von Ratio und Sinnlichkeit. Dabei führt er aus, wie Hoffmanns Dichtung das pantheistische Denken Schellings in dessen Naturphilosophie befruchtet. Daran anschließend stellt der Unitarische Philosoph Wolfgang Deppert die Frage: Atheistische Religion für das dritte Jahrtausend oder die zweite Aufklärung? Er führt zunächst durch eine Galerie der Gefühle. Dabei macht er das Problem der Verunsicherung transparent, welches stets ein Glücksstreben begleitet und sieht Religion als Weg, der in die Lage versetzt, handlungslähmender Wirkung einer Verunsicherung zu begegnen. Ein Orientierungspfad zur Überwindung von Deutungsmonopolen soll gleichzeitig das Kompetenzproblem der Demokratie lösen.

Der dritte Teil ist der Ethik gewidmet. Eröffnet wird er von dem Philosophen und Religionswissenschaftler Erich Satter, Ehrenmitglied des Bundes Freireligiöser Gemeinden Deutschlands und Wissenschaftlicher Beirat der Freien Akademie. Er fordert eine realistische Moralwissenschaft, statt eines utopischen Weltethos. Mit dem Hinweis, dass nicht Gott oder die ewige Seeligkeit das Ziel menschlichen Sinnstrebens ist, sondern die Kultur, stellt er die Ethik des Moralphilosophen Victor Kraft in den Mittelpunkt. Der Soziologe Rainer Schepper schreibt zum Postulat ethischer Befreiung aus den Fesseln der Moral und der Journalist Ingolf Bossenz befasst sich mit der globalen Umweltkrise und ökologischer Religion. Danach lässt der Literaturwissenschaftler Markus Mynarek, - Sohn des Jubilars, - mit seinem Beitrag: Die Unmoral der Kirchenmacht nach Schiller, Dostojewski und dem Longtime-Bestseller „Das Buch von San Michele" aufhorchen. Es werden nicht nur Schiller und Dostojewski als Kritiker der Kirche und der Inquisition herausgestellt, sondern auch Axel Munthe als Tierschützer vorgestellt und damit die Ethik auf den Umgang mit Tieren erweitert. Die Abhandlungen über Probleme der Ethik schließen mit einem Beitrag zur Sterbehilfe. Die Erfahrungen des Mediziners Fritz Eichin gehen dahin, dass dem Arzt aktive Sterbehilfe verboten ist, jedoch zu Tode pflegen erlaubt. Dabei fürchte er, dass es zur Pflicht des Tötens dergestalt kommen könnte, dass lebenswichtige Therapien nicht mehr bezahlt werden. In Bezug auf die Doppelmoral der Katholischen Kirche wird dann der Verdacht geäußert, dem Polnischen Papst die Bitte auf Sterbehilfe erfüllt zu haben.

Der vierte und letzte Teil bildet eine Zeitgeistanalyse. Sie beginnt mit einem Beitrag des Religionspsychologen Jürgen Redhardt: „H. Mynareks `Jugend im Osten des Dritten Reiches´ - eine Fundgrube gediegener Erinnerungsliteratur". Im folgt ein „Zwischenbericht aus einem abweichlerischen Leben", des bekannten Kirchenrechtlers Horst Herrmann und er schließt mit Beobachtungen des Staatsrechtlers Michael Kilian zum Zeitgeist. Hier steht der Kulturpessimismus im Zentrum. Horst Herrmann sieht in seinem eigenen ketzerischen Leben Parallelen zu dem des Jubilars. In seiner Zeitkritik gesteht er, die bohrende Frage mit sich herumzutragen, in eine Zeit hineingeboren zu sein, die er als Epoche des Abreißens und nicht des Aufbauens empfindet. Seinen eigenen Weg kurz skizzierend schließt er: „Was bin ich froh, was bin ich dankbar, dass Hubertus Mynarek schon früh einen anderen Weg gewählt hat. Und ihn unverdrossen bis heute weiter geht. Das muss ihm erst einer nachmachen: 40 Jahre Abweichler - da kann kein Bischof mithalten. Ein solches Leben wäre den lila, purpurn, weiß Gekleideten zu schwer. Dafür sind sie nicht geeignet. Ihnen reicht die simple ´Nachfolge Christi´. Doch sie wissen gut genug, dass ein einzelner Abweichler vom Range Mynareks ihren eigenen Lebensentwurf als zweitrangig entlarvt".

Den Sachbeiträgen folgen zahlreiche Würdigungen von Person und Werk des Jubilars, sowohl aus Presse wie durch Aussagen von Persönlichkeiten. Das geht u. a. von „Publik-Forum" über „Stern" und „Spiegel" bis zur FAZ und den „Vorgängen" der Humanistischen Union, den „Unitarischen Blättern" sowie „Der Humanist". Sehr informativ und erhellend, - besonders gegenüber gelegentlichen Missverständnissen, - ist das Interview Mynareks mit der Zeitschrift MIZ. Die persönlichen Würdigungen nun wieder, zeigen eine breite Palette der Anerkennung, welcher der Jubilar genießt. Darunter u. v. a. Franz Buggle, Gerd Lüdemann, Karheinz Deschner, Michael Schmidt-Salomon - und Joseph Ratzinger. Dieser kann 1969 noch schreiben: „Am meisten bereichert und belehrt fühle ich mich durch die Ausführungen von Hubertus Mynarek". Auf die ethischen Qualitäten des Papstes und deren Nachhaltigkeit macht dann Uta Ranke-Heinemann aufmerksam. Das Bistum Essen hatte ihr mit den Worten: „Was Ratzinger sagt, ist falsch" ihren Lehrstuhl entzogen. Gegenstand war die Berufung auf Ratzingers Aussage, dass es bei der Jungfrauengeburt nicht um ein biologisches, sondern ein ontologisches Faktum gehe. Als sie ihn danach um Vermittlung bat, verleugnete er sich.

Ein sehr interessantes und für den ethischen Humanismus bemerkenswertes und wichtiges Buch, von beachtlichem wissenschaftlichem Niveau. Unter diesen ernsthaften und überaus sachlichen Streitern im weltanschaulichen Minenfeld fühlt man sich einfach wohl.

Erich Satter


Carola Baumann / Nina Ulrich (Hrsg.) „Streiter im weltanschaulichen Minenfeld". Zwischen Atheismus und Theismus, Glauben und Vernunft, Säkularem Humanismus und Theonomer Moral, Staat und Kirche. Festschrift für Prof. Dr. Hubertus Mynarek. Essen, Verlag Die Blaue Eule,346 Seiten. SBN 978-3-89924-247-8, Preis 46,- Euro.