Wie Homöopathie in Millionen Haushalte gespült wird
In der Werbepostsendung "Einkauf aktuell", die die Briefkästen deutscher Haushalte verstopft und zu großen Teilen gleich im Altpapier entsorgt wird, fand sich jüngst ein Beispiel, wie Homöopathie als Medizin angepriesen wird und unter die Leute gebracht werden soll.
In den "chemiefreien Arzneitropfen" stecke "die Kraft aus fünf ausgewählten Arzneipflanzen". Aufgeführt sind: Spigelia anthelmia (Indianisches Wurmkraut), Iris versicolor (Schwertlilien), Gelsemium sempervirens (Carolina-Jasmin), Cimicifuga racemosa (Trauben-Silberkerze) und Cyclamen purpurascens (Europäisches Alpenveilchen)" deren Heilwirkung insbesondere auf einschlägigen Schwurbelseiten behauptet wird.
Das Besondere an den "chemiefreien Arzneitropfen": "Die Wirkstoffe wurden gemäß dem Ähnlichkeitsprinzip auf die zu behandelnden Nervenschmerzen abgestimmt: In unverdünnter Form können sie die typischen Krankheitssymptome auslösen. In spezieller Dosierung, wie in Restaxil, bewirken sie allerdings genau das Gegenteil – sie bekämpfen die Beschwerden!"
Na da wundert sich der Fachmann und der Laie greift zum Homöopathie-Lehrbuch. Nur in einer sehr verschwurbelten Welt können nicht vorhandene Wirkstoffe physiologisch die Gesundheit eines Menschen beeinflussen. Doch immerhin, das beworbene Restaxil "ist ein zugelassenes homöopathisches Arzneimittel bei Nervenschmerzen (Neuralgien)." Üblicherweise nimmt man bei solchen Schmerzen eher Antikonvulsiva oder Opiate; aber Anhänger der Homöopathie scheinen ein wenig masochistisch angehaucht zu sein. Nennen sie doch die Steigerung des Schmerzes "Erstverschlimmerung".
Auf der Werbewebseite für die "chemiefreien Arzneitropfen" finden sich zwei Sätze, die jedem Skeptiker aufzeigen, dass es sich keineswegs um ein Medikament handeln kann. Heißt es doch: "Bei Restaxil sind keine Nebenwirkungen bekannt", und "Es sind keine Arzneimittel bekannt, die Restaxil beeinflussen oder durch Restaxil beeinflusst werden." Das wundert nicht, kann doch Unwirksames keine Nebenwirkungen haben.
Wenn sich unbelehrbare Homöopathie-Gläubige damit selbst quälen: Nun gut, das kann jeder selbstverantwortlich tun. Aber es ist schon mehr als fragwürdig, dass eine deutschlandweit kostenlos verteilte Werbepostsendung das wirkungslose Wässerchen anpreist mit dem Satz "chemiefreien Arzneitropfen überzeugen unsere Experten". Damit könnten laut der Deutschen Post, die das Werbeblatt verteilt, immerhin über 15,6 Mio. Leser verunsichert werden. Darunter werden mit Sicherheit auch einige Menschen sein, die unter chronischen Schmerzen leiden. Auch und gerade denen wird Hokuspokus angepriesen, der zwar das Leiden nicht mindert, aber zumindest das Portemonnaie um rund 18,00 Euro erleichtert.
Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass "Einkauf aktuell" für Restaxil wirbt. Bereits im Dezember 2017 gab es eine solche Aktion (siehe Foto rechts).
PS: Ja, es steht groß "Anzeige" über der Werbung für Restaxil – doch welcher Leser vermutet eine komplette Titelseite ohne redaktionellen Inhalt?
Kommentare (11)
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So so... Chemiefrei *gg
So so... Chemiefrei *gg
"Spigelia anthelmia (Indianisches Wurmkraut), Iris versicolor (Schwertlilien), Gelsemium sempervirens (Carolina-Jasmin), Cimicifuga racemosa (Trauben-Silberkerze) und Cyclamen purpurascens (Europäisches Alpenveilchen)"
Das ist wie Tomaten ohne Gene. Frage mich gerade wie diese Pflanzen Jahrmillionen ohne Chemie überleben konnten.
Schamlose Volksverdummung aus
Schamlose Volksverdummung aus Habgier in Reinkultur.
Die Biochemie soll auch etwas
Die Biochemie soll auch etwas komplexer sein.
Ist mir auch schon
Ist mir auch schon aufgefallen, bei anderen Ausgaben von "Einkauf Aktuell" und anderen "Präparaten". Dass es "Homöopathie" ist, geht nur aus dem "Kleingedruckten" hervor – besser "Kleinstgedruckten": bei der Zielgruppe "ältere Menschen" (in "Einkauf Aktuell" unglaublich viel Werbung für "Kreuzfahrten") ist das besonders perfide – "Lupen raus!"
Das fällt mir auch bei
Das fällt mir auch bei Fernsehwerbung immer wieder auf. Da wird Homöopathie beworben ohne sie beim Namen zu nennen. Man will sie wohl auch Leuten unterschieben, die die beworbenen Mittelchen niemals kaufen würden, wenn sie wüssten, was es ist.
Ich habe neulich in einer
Ich habe neulich in einer Apotheke nach etwas gegen Halsschmerzen gefragt. Die erste Wahl der Apothekerin war etwas Homöopathisches. Ich habe dann nur knapp geantwortet: "Etwas, das wirkt bitte..." Nach verdutztem Blick gab sie mir "Chemie". Die hat geholfen...
Schon mal Homöopathie
Schon mal Homöopathie probiert?
"Schon mal Homöopathie
"Schon mal Homöopathie probiert?"
Schon mal Schröpfen probiert?
In meiner Nähe gibt es eine
In meiner Nähe gibt es eine Apotheke, wo mir eine Dame mit dem aggressiv vorgetragenen Wortlaut: "Schwangere bekommen von mir NUR Homöopathie!!!" den Verkauf eines Vitaminpräparates verweigert hat. Was hätte die wohl gesagt, wenn ich versucht hätte, meine Schilddrüsentabletten dort zu erwerben? Und was hätte mein Arzt dazu gesagt, der mir die verschreibt? Und wie wäre das Baby mit einem Mangel an SD-Hormonen klargekommen? Eine Diskussion darüber zu führen wäre sicher interessant gewesen, aber wahrscheinlich sinnlos. Also beschränke ich mich seither auf einen Boykott dieser Apotheke. Denn laut eigener Aussage bekommen Schwangere dort auch wichtige Medikamente nicht, sondern ausschließlich Homöopathie. So ein Verhalten finde ich unmoralisch und mir graut es davor, einmal in einer erneuten Schwangerschaft diese Apotheke als Not-Apotheke nutzen zu müssen.
Vielleicht sollte man diese
Vielleicht sollte man diese Werbung mal im Lichte des Heilmittelwerbegesetzes betrachten und prüfen ob man dagegen vorgehen kann...
In diesem Blättchen finde ich
In diesem Blättchen finde ich in JEDER Ausgabe pseudomedizinischen irreführenden Unsinn.
Dem ist aber nicht beizukommen, außer durch Einsicht der für das Blättchen Verantwortlichen - und die finanzieren sich mit diesem Kram. Was allerdings nach meiner Ansicht inzwischen zur Folge hat, dass seriöse Werbung dort gar nicht mehr geschaltet wird...
Zwei Dinge muss man zu so etwas wissen:
Zum einen ist der hirnverbrannten "Werbung" für Homöopathika so lange nicht beizukommen, wie ihre absurden Aussagen durch die Privilegien gedeckt werden, die das deutsche Arzneimittelrecht den Homöopathika bietet. "Zugelassene" Homöopathika dürfen gar mit Anwendungsindikationen werben - wie hier. Diese "Zulassungen" sind aber, was der im Arzneimittelrecht Bewanderte weiß, schlicht ein Witz, und zwar ein schlechter. Mit Zulassungen aufgrund wissenschaftlicher Wirk- und Nebenwirknachweise haben die nichts zu tun, oft werden sie als "Bestandsschutz" fortgeschrieben, aus der Zeit vor dem AMG 1978 (gerichtlich bestätigt).
Zweitens kann man oft ein werberechtliches Haar in der Suppe finden, z.B. keine oder unzureichende Kennzeichnung als Werbung. Ich habe persönlich da schon die eine oder andere auch größere Publikation an den Haaren gezogen. Aber hier - geht das nicht. Diese Blättchen gelten nicht als Presseerzeugnisse, da sie keinen journalistisch einzustufenden Inhalt haben und unterliegen damit auch nicht dem Pressekodex. Ich (nicht nur ich) pflege diesen Sachverhalt als "Käseblattprivileg" zu bezeichnen...
Ceterum censeo: Diesen ärgerlichen - und nicht mal ungefährlichen, wie der Beitrag ja auch darlegt - Unsinn müssen wir ertragen, weil der Gesetzgeber an einem Anachronismus festhält, der jeder Wissenschaftlichkeit und medizinischen Redlichkeit Hohn spricht. Eine wissenschaftliche Debatte über Homöopathie gibt es längst nicht mehr. Es gibt nur noch Erfolge der Homöopathie-Lobby...