Essay

Populismus: Die politische Bewirtschaftung unserer kognitiven Dissonanz

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Die akademische Definition von Populismus ist zwar politologisch korrekt, aber völlig blutleer. Sie beschreibt die Symptome auf der Makroebene, doch geht nicht in den "Maschinenraum": Sie erklärt nicht, warum diese Strategie bei ganz normalen Menschen im Alltag so erschreckend gut verfängt. Wenn man den Versuch unternimmt, wirklich hinter den Spiegel unserer alltäglichen gesellschaftlichen Reflexe zu blicken, zeigt sich ein viel schärferes, tragischeres Bild. Populismus sollte nicht allein als abstrakte Ideologie definiert werden, sondern als eine sehr konkrete, toxische "Dienstleistung" am menschlichen Verstand.

In der aktuellen Politikwissenschaft wird Populismus meist als sogenannte "dünne Ideologie" (thin-centered ideology) oder als politische Strategie verstanden. Die heute vorherrschende Sichtweise beschreibt Populismus im Kern über drei wesentliche Merkmale:

Erstens: Die Zweiteilung der Gesellschaft (Antagonismus), das heißt, der Populismus konstruiert ein Gesellschaftsbild, das in zwei homogene, unversöhnliche Lager gespalten ist. Auf der einen Seite das "reine, wahre Volk" und auf der anderen die "korrupte, eigennützige Elite".

Zweitens: der Alleinvertretungsanspruch (Anti-Pluralismus). Hierbei beanspruchen die Populisten für sich, als Einzige den wahren Willen des Volkes zu erkennen und zu vertreten. Wer nicht mit ihnen übereinstimmt, gehört per Definition nicht zum "wahren Volk"; politische Mitbewerber werden als fundamental illegitim abgewertet.

Drittens: Eine Anti-Establishment-Haltung, bei der die bestehenden Institutionen – etablierte Parteien, klassische Medien und oft auch die Wissenschaft – pauschal als abgehoben dargestellt werden, die gegen die Interessen der Menschen handeln.

Neben diesen Kernmerkmalen treten in der Praxis fast immer Verhaltensweisen und Strategien auf, die als Komplexitätsreduktion (Demagogie), Personalisierung und Wandelbarkeit erkannt werden können. Es werden drastisch vereinfachte, emotionale und vermeintlich logische Lösungen für äußerst vielschichtige gesellschaftliche Probleme präsentiert. Populistische Bewegungen sind in der Regel stark auf charismatische Führungsfiguren zugeschnitten, die sich als direktes Sprachrohr oder als "Stimme des Volkes" inszenieren.

Da Populismus an sich inhaltlich "dünn" ist, dockt er fast immer an andere, festere Ideologien an: Das kann Nationalismus sein (im Rechtspopulismus), aber auch Sozialismus (im Linkspopulismus). Zusammenfassend kann man sagen, dass Populismus stets behauptet, es gäbe einen einheitlichen Volkswillen, der von den gegenwärtigen Eliten verraten oder unterdrückt wird, und bietet sich selbst als alleinigen Vollstrecker dieses Willens an.

Diese Erklärungen und Definitionen werden in der ein oder anderen Weise immer wieder als Erklärmuster für Populismus zitiert. Die Definition beschreibt treffend die Merkmale des Populismus. Aber aufgrund der Flughöhe dieser Erklärungen bleiben sie zu unkonkret und abstrakt. Sie können nur begrenzt beschreiben, warum populistische Angebote für Menschen so attraktiv sind.

Blick in den Maschinenraum des Populismus

Populismus ist die systematische politische Bewirtschaftung menschlicher Denkfehler. Er ist keine Ideologie, sondern eine destruktive Methode, die darauf abzielt, notwendige systemische Veränderungen zu sabotieren, indem sie die Bequemlichkeit des Einzelnen gegen das Gemeinwohl ausspielt. Seine konkreten Wirkmechanismen basieren auf der Kommerzialisierung kognitiver Dissonanz, dem Tauschhandel "Illusion gegen Realität" und einer Sabotage von Lösungen.

Keine Partei ist vor Populismus gefeit. Es wird zwar gerne auf den Populismus des anderen gezeigt, um den politischen Gegner damit zu markieren und bereits kraft Populismusvorwurf zu delegitimieren, doch betreibt man das Geschäft des Populismus allzu gerne, wenn es den eigenen Zwecken dient. Damit wird aber nicht dem Populismus der anderen entgegengewirkt, sondern ein Klima geschaffen, in dem er auf die Spitze getrieben wird und zum Inhalt einer ganzen Partei wie der AfD werden kann.

Der Populist löst das Problem nicht, er instrumentalisiert es

Um zu verstehen, wie schnell und einfach Populismus zu aktivieren ist, stellen wir uns beispielhaft einen Lösungsansatz für das Problem der von Autos überfüllten Innenstädte vor, um es einmal ganz konkret durchzuspielen.

Jeder kennt und beklagt die Situation, in der Gegend herumkreisen zu müssen, auf der Suche nach einem freien Parkplatz. Gleichzeitig empfindet man die allgegenwärtigen Autos in der Stadt als belastend. Hier liegt ein klassischer Zielkonflikt vor. Eine Stadt kann nicht gleichzeitig den maximalen Raum für stehendes Blech bieten und eine hohe Aufenthaltsqualität für Menschen aufweisen. Das ist kein politisches Statement, sondern simple Geometrie. Ein möglicher rationaler Lösungsansatz wäre die Auslagerung des ruhenden Verkehrs in Quartiersgaragen, um den Lebensraum zurückzugewinnen.

Hier meldet sich jetzt die menschliche Natur, die alles will, aber auf nichts verzichten. Der Bürger wünscht sich eine leise, grüne, sichere Straße für seine Kinder. Gleichzeitig will er seinen Wagen kostenlos vor der Tür abstellen. Das Gehirn erzeugt eine gewaltige kognitive Dissonanz. Anstatt den eigenen, unlogischen Anspruch aufzugeben, sucht der Verstand nach einem Ausweg, der Bequemlichkeit ohne Schuldgefühle erlaubt. In genau diese Dissonanz stößt der populistische Akteur. Der Populist löst das Problem nicht, er instrumentalisiert es.

Er liefert dem Bürger die perfekte Ausrede für seinen Myside-Bias: "Nicht du bist das Problem, weil du öffentlichen Raum blockierst. Die "elitären Stadtplaner" sind das Problem, weil sie dir deine Freiheit (den Parkplatz) wegnehmen wollen." Wahlweise auch "die Lastenradfahrer, die dir ihren Lebensstil aufzwingen wollen". Der rationale Ansatz wird zum ideologischen Feindbild verzerrt. Der populistische Akteur profiliert sich als Retter des "kleinen Mannes" und seines Parkplatzes. Die Ironie und die eigentliche Tragik bestehen darin, dass der gewonnene Kampf ein reiner Pyrrhussieg ist: Der Bürger behält zwar seinen Parkplatz. Dafür behält er aber auch den Lärm, die Abgase, die Hitzeinseln und die Gefahr für seine Kinder. Der Populist zementiert einen Zustand, der die Lebensqualität seiner eigenen Wählerschaft objektiv und messbar degradiert. Und das für eine Illusion eines Parkplatzes, den es in der Realität vieler Städte erst nach langen Suchen gibt und der Weg dorthin oft weiter sein wird, als in einem System der Parkraumbewirtschaftung.

Populismus ist letztlich die politische Institutionalisierung unserer eigenen kognitiven Unzulänglichkeiten. Er instrumentalisiert unsere Bestätigungsfehler, aufgrund derer eigene, gewohnte Privilegien (wie das kostenlose Parken) bedingungslos verteidigt werden. Die realen, immensen externalisierten Kosten und der massive Flächenverbrauch der autogerechten Stadt werden dabei systematisch ausgeblendet. Der Populismus bietet die bequeme Illusion, dass wir uns nicht ändern müssen, und lässt uns dafür den ultimativen Preis zahlen: Eine dysfunktionale, feindselige Umwelt. Der Bürger klatscht Beifall, während ihm die lebenswerte Stadt gestohlen wird.

Dieses Beispiel aus der Stadt- und Verkehrsplanung sollte unsere psychologischen Systemfehler aufzeigen, aufgrund derer wir für Populismus empfänglich sind. Anstatt den notwendigen Kompromiss zwischen der Reichweite eines Verkehrsmittels und seiner Belastung für einen Ort konstruktiv zu diskutieren, wird die toxische Erhaltung des Status quo als politischer Sieg gefeiert und damit das Gemeinwohl sabotiert. Populismus bringt den Menschen real das Schlechteste ein, wird aber als Schutzmaßnahme verkauft.

Aus dem Kritisierten darf man nicht pauschal den Umkehrschluss ziehen, dass systemisches Denken immer garantiert die richtigen Lösungen hervorbringt. Es erhöht lediglich die Chance, Zielkonflikte und Folgen ehrlich zu berücksichtigen. Nicht jede Kritik ist automatisch populistisch. Es ist die Art und Weise der Kritik, die sie als populistisch erkennbar macht. Meist dann, wenn sie nicht differenziert sachlich daherkommt, sondern emotional aktivierend.

Wo uns der Populist packt

Neben der kognitiven Dissonanz lassen sich am Beispiel der Parkplätze noch andere Schwachstellen unserer Psyche identifizieren. Bei der Verlustaversion (Loss Aversion) wiegt der Verlust eines bestehenden Privilegs (kostenlos parken) psychologisch etwa doppelt so schwer wie der Gewinn einer neuen Qualität (ein schönerer Platz vor dem Haus). Die Menschen wissen genau, was sie aufgeben, können sich die gewonnene Lebensqualität aber im Vorfeld oft nicht plastisch vorstellen. Bei der Gewohnheitsblindheit (Status Quo Bias) haben wir uns über Jahrzehnte so sehr an autozentrierte Straßen gewöhnt, dass viele Menschen parkende Autos als "Naturgesetz" des städtischen Raums betrachten. Und schließlich, aber nicht abschließend die Tragödie der Allmende, bei der ein kostenloser öffentlicher Raum immer übernutzt wird: Wenn etwas keinen Preis hat, gibt es keinen Anreiz zur Sparsamkeit. Eine systematische Parkraumbewirtschaftung könnte eine wirksame ökonomische Antwort darauf sein.

Das Paradoxon des "winzigen Vorteils" einer freien Parkplatzwahl liegt darin, dass der vermeintliche Vorteil in der Realität oft gar nicht existiert. Der Autobesitzer kämpft für das Recht, direkt vor der Haustür parken zu dürfen und erliegt damit der Illusion der Bequemlichkeit. Die Realität in dicht besiedelten Gebieten ist jedoch oft eine 15-minütige Parkplatzsuche und das Zuparken von Gehwegen. Ein strukturierter Gang von einer zentralen Quartiersgarage, die in wenigen Gehminuten erreichbar ist, wäre zeitlich oft effizienter und planbarer. Und zur Kostenwahrheit von "kostenlosen" Parkplätzen gehört auch, dass irgendwer den Parkraum bereitstellen muss. Bisher wird dieser Raum massiv subventioniert, statt dass derjenige den Raum bezahlt, der ihn auch nutzt. Der Autobesitzer zahlt die Kosten trotzdem – nur eben indirekt über höhere Mieten, Steuern und eine schlechtere kommunale Infrastruktur.

Diese Wirkmechanismen lassen sich auf viele strittige Themen übertragen, etwa auf die Debatte um das von Gegnern als "Habecks Heizhammer" bezeichnete Heizungsgesetz, auf Fragen des Tierwohls und der Ernährung, auf den Nutzen der EU und des Euro oder auf die Erbschaftssteuer. Letztlich kann man zumeist diagnostizieren, dass Populismus die ehrliche Diskussion von Zielkonflikten verhindert.

Wenn Populismus eine Partei wird

Die Mechanismen des Populismus finden sich in unterschiedlicher Ausprägung in nahezu allen politischen Lagern. Bei manchen Akteuren treten sie gelegentlich auf. Bei anderen werden sie zum tragenden Organisationsprinzip. Die AfD bietet gegenwärtig eines der deutlichsten Beispiele in Deutschland. Bei ihr findet man alle Säulen, auf denen die Wirkung des Populismus beruht. Ihre Themen und Standpunkte scheinen danach ausgesucht zu sein, wie gut sie sich für eine populistische Darstellung eignen, und nicht danach, wie sich reale Probleme konstruktiv lösen lassen.

Wir finden bei der AfD die Kommerzialisierung kognitiver Dissonanz, wenn rationale Notwendigkeit (z.B. klimagerechter Umbau, Platz für Menschen statt Autos) auf bequeme Gewohnheit (kostenloses Parken, die bekannte Heizung, billiges Gas, das Schnitzel auf dem Teller) trifft und das Unbehagen erzeugt.

Die AfD löst dieses Unbehagen nicht durch Veränderung, sondern durch Absolution. Sie validiert die irrationalen Impulse der Menschen und redet ihnen ein, dass ihr Beharren auf dem Status quo ein Akt der Freiheit sei. Wir finden bei ihr den Tauschhandel "Illusion gegen Lebensqualität". Sie bietet den Menschen den Erhalt symbolischer oder eingebildeter Vorteile (den Parkplatz vor der Tür, die Illusion vom intakten Erbe der Großmutter, den nationalen Stolz ohne EU), während sie im Gegenzug ihre objektive Lebensgrundlage (sichere Städte, funktionierende Infrastruktur, wirtschaftlichen Wohlstand) demontiert.

Und auch die Sabotage der Lösung ist bei ihr zu finden: Da komplexe, integrierte Systeme (wie eine verkehrsberuhigte Stadt, Klimaneutralität oder ein transnationaler Wirtschaftsraum) schwer zu bauen und zu erklären sind, wählt der Populismus die asymmetrische Kriegsführung der Destruktion. Er muss nichts Eigenes aufbauen; er muss lediglich die Angst vor den "Systembauern" schüren, um selbst an die Macht zu kommen. Der Systembauer (ob Stadtplaner, Wissenschaftler im Allgemeinen oder eine Partei mit konkreten systemischen Lösungsvorschlägen), der die unbequeme Realität überbringt und abwägen muss, wird gehasst; der Zerstörer, der lediglich die bequeme Lüge flüstert und den Zorn validiert, erntet Applaus. Anstatt komplexe Lösungen zu bauen, füttert der Populismus die Illusion der Kontrolle (EU-Austritt), triggert irrationale Verlustängste (Erbschaftssteuer) und sabotiert konstruktive Entwicklungen.

Der Hass auf den Boten der Realität sitzt tief. Die Wut, die von der AfD auf politische Gegner geschürt wird, ist oft gar keine Wut auf konkrete Maßnahmen, sondern auf die unbequeme physikalische oder ökonomische Realität selbst. Wer systemisch denkt, überbringt die Nachricht, dass sich das Verhalten (ob beim Parken, Heizen oder Produzieren) ändern muss, weil der bisherige Weg nicht mehr funktioniert. Die populistische Lösung ist die bequeme Lüge: Man müsse nur den Boten (die "elitären Systemveränderer") aus dem Weg räumen, dann würde das zugrundeliegende Problem von selbst verschwinden.

Perspektivwechsel

Populismus ist der politische Parasit, der sich von den kognitiven Verzerrungen und Veränderungswiderständen des Menschen ernährt, indem er Menschen von der Notwendigkeit entlastet, eigene Überzeugungen zu hinterfragen und unbequeme Veränderungen zu akzeptieren – und ihnen dafür heimlich ihre Zukunft in Rechnung stellt. Populismus ist eine Kraft, die den kognitiven Kurzschluss des Bürgers nicht auflöst, sondern ihn politisch monetarisiert – und den Menschen dafür im Gegenzug die eigene Lebensqualität raubt.

Diese Betrachtungsweise verlässt den Elfenbeinturm und benennt genau das, was den Populismus sowohl gefährlich als auch erfolgreich macht: die mutwillige Instrumentalisierung menschlicher Irrationalität.

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