Zwangsheirat: Wenn nach den Sommerferien Stühle frei bleiben

Die Ferien haben begonnen oder stehen in Kürze bevor. Für die meisten Kinder ist das mit Freude verbunden. Doch nicht für alle. Unter dem Vorwand eines Urlaubs oder eines Familienbesuchs werden jedes Jahr vor allem Mädchen ins Ausland gebracht und dort gegen ihren Willen verheiratet. Deshalb klärt die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes an Schulen auf. Zwangsverheiratungen sind weder für Schülerinnen und Schüler noch für Lehrkräfte ein unbekanntes Phänomen. Dennoch greifen Gesetze oder Hilfsangebote oft nicht rechtzeitig.

Klassenzimmer

Auch in diesem Jahr hat Terre des Femmes (TdF) zum inzwischen fünften Mal gemeinsam mit der Berliner Polizei die sogenannte “Weiße Woche” an Berliner Schulen durchgeführt. Das Projekt sensibilisiert Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter für das Thema Zwangsverheiratung und soll insbesondere potenziell Betroffene erreichen. Gerade mit Beginn der Sommerferien startet für viele, gerade Mädchen und junge Frauen aus patriarchalen Strukturen, eine besonders vulnerable Zeit für Heiratsverschleppungen ins Ausland.

Nach den diesjährigen 40 Workshops konstatiert TdF-Sprecherin Myria Böhmecke: “In jeder Klasse sitzt mindestens eine Betroffene oder ein Betroffener”1. Die Nachfrage nach den Präventionsveranstaltungen ist laut TdF weiterhin hoch.

Sommerferien als kritische Zeit

Von einer Zwangsheirat spricht man, wenn eine Ehe gegen den Willen mindestens einer der beteiligten Personen geschlossen wird. Oft wird sie von Eltern oder anderen Angehörigen initiiert. Die Ehepartner stammen häufig aus der eigenen Community, derselben ethnischen Gruppe oder Religion; allermeist handelt es sich um religiöse Eheschließungen – was die Kontrollmechanismen im Vergleich zu legalen Ehen aber nicht geringer machen. Ein erheblicher Teil der Betroffenen ist minderjährig. In der Regel soll die Ehe mit Angehörigen angesehener Familien geschlossen werden, um den sozialen Status der eigenen Familie zu sichern oder zu erhöhen. Der Zwang zur Verehelichung oder zum Verbleib in der Ehe reicht von psychischem Druck bis hin zu körperlicher Gewalt.

Gerade die Sommerferien stellen eine besonders kritische Zeit dar. Den Betroffenen – oftmals Minderjährigen – wird etwa erzählt, sie würden lediglich Verwandte im Herkunftsland besuchen oder in den Urlaub reisen. Tatsächlich aber ist häufig bereits im Vorfeld arrangiert worden, dass dort ein zukünftiger Ehepartner/eine zukünftige Ehepartnerin auf sie oder ihn wartet, der nicht selten sogar deutlich älter als der oder die Betroffene ist. So berichtet eine Schulsozialarbeiterin aus einem TdF-Workshop: “Wir hatten jetzt eine Schülerin, die wurde mit 16 an ihren 60-jährigen Cousin verheiratet.”

Für viele endet die Reise in einer langjährigen Zwangsehe im Ausland. Manche kehren erst Jahre später gemeinsam mit ihrem Ehemann oder seiner Ehefrau nach Deutschland zurück. Dahinter steht häufig das Kalkül, die Betroffenen zunächst vollständig vom Ehepartner und dessen Familie abhängig zu machen und sie zugleich an konservative Traditionen und repressive Geschlechterrollen im Herkunftsland zu gewöhnen − verbunden mit der Erwartung, dass diese später auch in Deutschland weitergeführt werden.

Es geht um Jungfräulichkeit und Macht

Zwangsverheiratungen entstehen in Milieus, in denen das Kollektiv über dem Individuum steht. Der Einzelne hat sich den Interessen der Familie oder des Clans unterzuordnen. Die Rede ist von patriarchal geprägten Strukturen, deren Mitglieder häufig einen muslimischen Hintergrund haben. Doch auch unter Jesiden oder Christen aus der MENA-Region, die von Ehrvorstellungen geprägt sind, kommen Zwangsverheiratungen regelmäßig vor.

Der zentrale Beweggrund ist die Kontrolle der Sexualität weiblicher Familienmitglieder. Mit dem Eintritt in die Pubertät steigt für Mädchen das Risiko einer Zwangsverheiratung deutlich. Durch eine frühe Eheschließung soll verhindert werden, dass vorehelicher Geschlechtsverkehr stattfindet und sichergestellt werden, dass die Jungfräulichkeit bis zur Ehe erhalten bleibt. Aus Sicht der Familien geht es zugleich darum, die “Verantwortung” für die Tochter möglichst früh an einen Ehemann zu delegieren. Darüber hinaus dienen Zwangsverheiratungen der Sicherung von Macht und familiären Privilegien. Deshalb wird vielfach innerhalb desselben Clans, derselben Ethnie oder Religionsgemeinschaft geheiratet. Nebenbei: eine Praxis, die ausgesprochen rassistisch ist.

Zugleich berichtet Terre des Femmes, dass auch männliche Betroffene häufig keine freie Partnerwahl haben. Mitunter sollen Männer durch eine Zwangsehe von einer unterstellten oder realen Homosexualität “abgebracht” werden, oder die Familie bewertet seinen Lebensstil als zu liberal, sodass eine Heirat in traditionelle Strukturen als notwendig erachtet wird. In anderen Fällen ist die Partnerwahl auch für männliche Familienmitglieder von Beginn an familiär vorbestimmt – unabhängig von Liebe oder persönlicher Entscheidung.

“In jeder Klasse sitzt mindestens eine Betroffene oder ein Betroffener”
Myria Böhmecke, Terre des Femmes

Innerhalb der Zwangsehe dann zeigt sich laut TdF jedoch eine Geschlechterdiskrepanz: “Die Unterschiede liegen dabei eher in den Folgen für das zukünftige Leben. Frauen haben auch nach der Hochzeit viel weniger Freiheiten als Männer, und sie erfahren viel häufiger Gewalt.”

Neben archaisch-ehrkulturellen Gründen rechtfertigen Familien die Praxis der Zwangsheirat auch religiös. So kann etwa Koranvers 2:223 herangezogen werden, in dem Frauen als “Acker” oder “Saatfeld” degradiert werden, die der Mann “wann und wie” er will bestellen darf. Die Soziologin Necla Kelek verweist in ihrem Buch “Die fremde Braut – Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland” zudem auf einen Hadith, der die Heirat mit einer Jungfrau ausdrücklich empfiehlt2. Islamisten plädieren daher häufig für ein heiratsfähiges Alter von ab neun Jahren. 

Die Folgen

Die Folgen einer Zwangsverheiratung sind gravierend. Bereits in der Hochzeitsnacht wird von zwei sich kaum oder gar nicht kennenden Menschen erwartet, miteinander zu schlafen. Nicht selten verfügen beide über keinerlei sexuelle Erfahrung oder Aufklärung. In besonders reaktionären Strukturen wartet der Familienverband sogar vor dem Schlafzimmer auf das blutbefleckte Bettlaken als vermeintlichen Nachweis der Jungfräulichkeit – ein Mythos, der längst biologisch widerlegt wurde.

Für die Betroffenen markiert die Zwangsheirat in ihrem Leben eine enorme Zäsur. Sie verlieren ihr soziales Umfeld, müssen Schule oder Ausbildung abbrechen und geraten in eine häufig dauerhafte, meist auch wirtschaftliche Abhängigkeit. Vielen fehlt der Zugang zu sexueller Aufklärung oder Verhütungsmitteln. Ungewollte Schwangerschaften werden eher die Regel als die Ausnahme sein. Viele Betroffene erleben ihre Situation als ausweglos. Das Suizidrisiko steigt3.

Statistisch und öffentlich ignoriertes Gewaltverbrechen

In den Schulen erleben die Mitarbeiterinnen von Terre des Femmes, dass das Thema den Schülerinnen und Schülern keineswegs fremd ist. Nicht wenige kennen Zwangsverheiratungen aus dem eigenen familiären Umfeld, etwa wurden Eltern unter Zwang liiert, oder sie wissen von Fällen aus in ihrem Bekanntenkreis. So erzählten Schülerinnen in den Workshops: “Ich persönlich kenne mehrere, die unter 18 Jahren nicht-standesamtlich geheiratet haben.” Eine andere berichtete: "In meinem Heimatland betrifft das so viele Mädchen, aber auch hier... meine Freundin hat mit 16/17 geheiratet, sie dachte, ihr geht es danach besser, aber das ist nicht so.“

“Wir hatten jetzt eine Schülerin, die wurde mit 16 an ihren 60-jährigen Cousin verheiratet.”
Schulsozialarbeiterin aus einem TdF-Workshop

Bemerkenswert ist, wie lückenhaft die wissenschaftliche Datenlage und wie leise das politische Interesse am Thema Zwangsheirat bis heute sind. Der investigative Journalist Sascha Adamek bemerkt in seinem Buch “Unterwanderung”, “dass kaum ein Kriminalitätsphänomen über Jahre in Deutschland so erfolgreich verdrängt wird wie das der Zwangsheirat”4. Die letzte repräsentative Untersuchung stammt aus dem Jahr 2011. Im Auftrag des Bundesfamilienministeriums wurden damals 830 Beratungsstellen befragt. Für das Jahr 2008 registrierte es 3.443 Betroffene. Rund 60 Prozent berichteten von einer drohenden, 40 Prozent von einer bereits vollzogenen Zwangsverheiratung. Besonders auffällig ist die Altersstruktur: Circa ein Drittel war minderjährig, etwa 40 Prozent zwischen 18 und 21 Jahre alt. Trotz dieser alarmierenden Zahlen wurde die Forschung nicht systematisch fortgeführt.

Auch aktuelle Stimmen warnen vor einer unverändert hohen oder sogar verschärften Problemlage. Die Neuköllner Integrationsbeauftragte Güner Balcı sprach im Ronzheimer-Podcast über die anhaltende Existenz von Zwangsverheiratungen und Kinderehen in migrantisch geprägten Parallelgesellschaften Berlins. Sie berichtete von einem Jugendzentrum, dessen Mitarbeitende davon ausgehen, dass rund 90 Prozent der dort betreuten Mädchen ihren Partner nicht selbstbestimmt wählen können.

“Wir haben ganz viele, die nach den Ferien nicht zurückkommen”

Dass es sich keineswegs um Einzelfälle handelt, berichten auch die Lehrkräfte. Eine Schulsozialarbeiterin, die an der “Weißen Woche” von Terre des Femmes teilgenommen hat, schildert: “Wir haben ganz viele, die nach den Ferien nicht zurückkommen.”

TdF zählte allein im Jahr 2022 rund 500 geplante, befürchtete oder bereits vollzogene Zwangsverheiratungen, die Berliner Hilfsstellen gemeldet wurden. Die Beratungsstelle SOLWODI dokumentierte im Jahr 2025 bundesweit 261 Fälle von Zwangsehen. Demgegenüber weist die Polizeiliche Kriminalstatistik für 2024 lediglich 69 registrierte Fälle aus. Dieser Kontrast deutet auf eine erhebliche Dunkelziffer hin. Die meisten Fälle werden nicht angezeigt, obwohl Zwangsverheiratung einen eigenen Straftatbestand darstellt (§ 237 StGB). Entsprechend selten kommt es zu Verurteilungen. Zeugenaussagen fehlen, Angehörige decken einander, und wer aussagt, gilt schnell als Verräter und muss mit massiven Konsequenzen rechnen.

Wer aussagt, gilt als Verräter – wer ausbricht, als Schande

Hinzu kommt die hohe Abhängigkeit der Betroffenen. Terre des Femmes nennt drei zentrale Gründe, weshalb sich Betroffene trotz drohender Zwangsverheiratung keine Hilfe suchen: “Angst vor der Familie – Angst, die Familie zu verlieren – Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird und dann alles noch schlimmer wird.”

Denn archaisch-ehrkulturell geprägte Milieus binden ihre Mitglieder eng an Familie und Community. Viele Betroffene fürchten den Verlust ihres sozialen Umfelds, Stigmatisierung als “Schande” oder im Extremfall Gewalt bis hin zum Ehrenmord. Hinzu kommt die Angst, nach einem Bruch mit der Familie völlig auf sich allein gestellt zu sein. Sozialarbeiter ersetzen schließlich keine Familie.

Um in diesen Fällen als Lehrkraft oder pädagogische Fachkraft “sensibel zu reagieren und das Richtige tun zu können, braucht es Wissen und Verständnis”, so Myria Böhmecke von TdF. Es bedarf flächendeckender Aufklärungs- und Informationsveranstaltungen an Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen, damit junge Menschen frühzeitig über ihre Rechte und Anlaufmöglichkeiten erfahren und das pädagogische Personal Warnsignale rechtzeitig identifizieren kann. Schließlich muss alles dafür getan werden, dass Betroffene gar nicht erst verschleppt werden, denn sobald sie im Ausland sind, ist es oft schon zu spät.


1 Zitate von TdF-Pressemitteilungen sind entsprechend gekennzeichnet. Weitere Erläuterungen zum Phänomen der Zwangsheirat in diesem Text entstammen entweder den Expertisen des Verfassers oder sind mit anderen Quellen belegt.

2 Kelek, N. (2005). Die fremde Braut: Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland. Köln. S. 159

3 Siehe: Maul, T. (2006). Die Macht der Mullahs. Freiburg. S. 127 f.

4 Adamek, S. (2026). Unterwanderung: Der Politische Islam weiter auf dem Vormarsch. München. S. 48

Kommentare (4)

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Steffen Felger (nicht überprüft)

Do. 9 Jul 2026 - 00:20

Da haben wir ( = Deutsche ohne Migrationshintergrund) leider keine wirklich wirksame Handhabe.

Weshalb sollten wir - also der Staat - darauf keinen Einfluss haben können? Schon allein wegen der geltenden Gesetze zum Kinderschutz haben wir die Möglichkeit der Sanktionierung. Zudem werden Kinderehen nicht anerkannt und haben keine juristische Relevanz.

Selbstverständlich haben wir Einfluss. Auch wenn leider nicht jeder Fall öffentlich wird. Oder sich dem Zugriff entziehen kann weil die Opfer nicht zurück in ihr Heimatland (Deutschland) kommen.

Mark (nicht überprüft)

Do. 9 Jul 2026 - 10:11

Die Politik weiß da vor sich geht, aber es tut kaum etwas. Ich merke nicht, dass die Politik und Medien mit Besorgnis reagieren.

Michael Toppel (nicht überprüft)

Do. 9 Jul 2026 - 11:25

Der Anteil von 40 % an 18- bis 21-Jährigen zeigt, dass eine Anhebung des Mindestalters für eine Eheschließung auf 18 Jahre das Problem nicht lösen wird. Grundsätzlich halte ich zudem nichts davon, Jugendliche unter 18 pauschal weiter zu infantilisieren.

Das eigentliche Problem ist kein politisches, sondern ein soziales. Es geht um die Einbindung von Menschen in ihre familiären Strukturen. In diese einzugreifen, bedeutet letztlich, Menschen von ihrer Familie zu trennen – und genau das werden viele Betroffene verständlicherweise selbst ablehnen.

Was man tun kann, ist denjenigen, die ihre Familie verlassen wollen, einen niedrigschwelligen Ausweg zu ermöglichen. Deshalb sollte es Programme geben, die es Jugendlichen ab 14 Jahren erleichtern, unabhängig vom konkreten Grund von zu Hause auszuziehen.

Weitere Infantilisierung ist also nicht die Lösung, sondern man sollte ab 14 Jugendliche motivieren auf eigenen Beinen zu stehen. Denkbar wäre etwa, den Auszug aus dem Elternhaus zu ermöglichen, weil jemand in einem anderen Bundesland eine Schule besuchen möchte. Solche Regelungen würden zugleich auch Betroffenen von Zwangsehen oder anderen familiären Zwangssituationen einen realistischen Ausweg eröffnen.

Moritz Pieczewski-Freimuth

Der Autor lebt in Köln und verfasst Beobachtungen und Kommentare zu den Themen Politischer Islam, Integration, Neue Rechte, Antisemitismus und Geschlechterverhältnisse. In den vergangenen Jahren sammelte er fachliche und praktische Kompetenz u.a. beim Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam (FFGI) von Prof. Dr. Susanne Schröter, bei MIND prevention GmbH, der Mansour-Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention in Berlin, sowie in verschiedenen ideologiekritischen Initiativen.

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