Corona und die Gretchenfrage

Nun sag, wie hast du's mit der Impfung?

Diese Frage, gepaart mit Verschwörungsideen, spaltet die Öffentlichkeit. Der Graben entzweit Familien, zerstört Freundschaften. Am Anfang war die Skepsis, das Misstrauen. Alle wurden davon erfasst. Die Kakophonie der Wissenschaftler und Politiker verunsicherte viele. Die einen suchten nach Ursachen, Zusammenhängen und Hintergründen. Sie lechzten nach seriösen Informationen und recherchierten intensiv. In der Hoffnung, das Mosaik ergebe irgendwann ein schlüssiges Bild.

Ihre Haupterkenntnis: Das Virus ist vielschichtig, hinterhältig und fies, seine Erforschung hoch komplex. Die Untersuchungsresultate, die laufend veröffentlicht wurden, brachten in den letzten Monaten immer neue Erkenntnisse über den Erreger und seine pandemischen Auswirkungen.

Auf der anderen Seite sind die Esoteriker, Impfgegner, Verschwörungstheoretiker, Alternativmediziner und Rechtsradikalen, die allem und jedem misstrauen: Der Schulmedizin, der Pharmaindustrie, den Wissenschaftern, den Politikern und überhaupt den Mächtigen.

Für sie ist das Virus ein Geschenk des Himmels. Endlich konnten sie ihrer Wut auf "die da oben" Ausdruck verleihen. Endlich hatten sie den (angeblichen) Beweis, dass sie mit ihrem Weltbild und ihrem Glauben richtig liegen: Die Politik ist korrupt, bekannte und geheime Mächte drangsalieren und manipulieren uns, die Globalisierung ist des Teufels, die Migrationsströme zerstören unsere Identität und Kultur. Der Diskurs um die Deutungshoheit in der "Akte Corona" ist längst zum Glaubenskrieg geworden.

In dieser aufgeheizten Atmosphäre ist die Impfung der Lakmustest. Coronaleugner und Skeptiker, die sich weigern, wissenschaftliche Erkenntnisse zu akzeptieren, machen mobil. Die Freiheitliche Bewegung Schweiz (FBS) sammelt bereits Unterschriften für die Initiative "Für Freiheit und körperliche Unversehrtheit (Stopp Impfpflicht)".

Dabei betont Gesundheitsminister Alain Berset bei jeder Gelegenheit, dass die Impfung freiwillig sei. Die Wutbürger glauben ihm natürlich kein Wort. Als würde er lügen, sobald er den Mund öffnet. Als gäbe es kein Parlament, das die Bundesräte kontrolliert.

Eine seltsame Diktatur

Manche Hardliner sprechen sogar von der Corona-Diktatur – und schreien die Parole bei Demos ins Mikrophon. Dabei übersehen sie, dass die Kundgebungen von den staatlichen Behörden bewilligt worden sind. Und dass sie von Polizisten geschützt werden, damit Linksautonome die Demonstrationen nicht stören. So sieht ihre Diktatur aus.

Das Hauptargument der Kritiker lautet wie bei der Masernimpfung, das Vakzin schwäche das Immunsystem. Gleichzeitig behaupten sie, Masern, Röteln und andere Krankheiten würden die Abwehrkräfte stärken.

Das gilt für sie auch für die Corona-Infektion, die sie mit der Grippe vergleichen. Es braucht aber keine wissenschaftliche Ausbildung, um erkennen zu können, dass das Coronavirus bei einem schweren Krankheitsverlauf das Immunsystem an den Rand des Kollapses bringt. Oder zum Tod führt. Was übrigens in seltenen Fällen auch bei Masern der Fall ist.

Die Skeptiker wollen auch nicht wahrhaben, dass Impfungen viel harmloser sind als die Krankheit selbst und sie das Immunsystem kaum schwächen. Für den Körper ist eine Impfung eine Art schwache Krankheit, bei der die meisten Geimpften nur den Pieks der Nadel spüren.

Die wirkliche Resistenz

Die Impfverweigerer sind zwar nicht gegen das Virus resistent, allerdings gegen wissenschaftliche Erkenntnisse und empirische Erfahrungen.

Selbst wenn es mit der Impfung gelingen sollte, die Pandemie in wenigen Monaten in den Griff zu bekommen, werden sie sich in ihrer ideologischen Verblendung nicht belehren oder bekehren lassen. Sie werden sich auf alle Fälle stürzen, bei denen Geimpfte Nebenwirkungen erlebt haben.

Dass die erste Generation von Impfungen in seltenen Fällen zu Komplikationen führen wird, ist zu erwarten. Dass die in Rekordzeit entwickelte Impfung aber viele Menschenleben retten wird, werden sie ausblenden.

Und dann wundern sie sich, dass ihr Verhalten an eine sektenhafte Verblendung erinnert, die Merkmale einer Gehirnwäsche aufweist.

Übernahme mit freundlicher Genehmigung von watson.ch.

Unterstützen Sie uns bei Steady!

Kommentare (16)

Konrad Schiemert (nicht überprüft)

Mo. 7 Dez 2020 - 12:48

"Dass die erste Generation von Impfungen in seltenen Fällen zu Komplikationen führen wird, ist zu erwarten."
Das ist sehr logisch, könnte aber dazu führen, dass zu viele Leute auf die "Abwarten, wie die Andere auf die Impfung reagieren"-Option setzen und so wird die Herdenimmunität kaum zu erreichen.

Jaheira (nicht überprüft)

Mo. 7 Dez 2020 - 12:56

Ich möchte Herrn Stamm anregen, sich zu informieren, was Skeptiker der Regierungspolitik, WHO und RKI tatsächlich so denken. Hier lese ich nur hasserfüllte Fantasien über "die da".

Die da freuen sich über ein neues Virus? Wer denn genau freut sich?

"Auf der anderen Seite sind die Esoteriker, Impfgegner, Verschwörungstheoretiker, Alternativmediziner und Rechtsradikalen, die allem und jedem misstrauen: Der Schulmedizin, der Pharmaindustrie, den Wissenschaftern, den Politikern und überhaupt den Mächtigen."

... und die Linken (z. B. Nachdenkseiten), die Neoliberalen, die Selbständigen, die Eltern, die Juristen, die Psychologen, die Schulmediziner, die Virologen.... Ich finde es manipulativ, aus einer großen, heterogenen Gruppe willkürlich Esoteriker, Nazis etc. herauszugreifen.

Was ist daran schlecht, den Mächtigen zu misstrauen? Die wollen immer nur unser Bestes und haben keine eigenen, divergierenden Interessen? Offenbar fordert Herr Stamm mehr Obrigkeitshörigkeit. Man muss sich den Autoritäten unterwerfen - außer es geht um Religion?

Hat der Herr Stamm wirklich nicht mitbekommen, dass manche Menschen Impfungen wegen schweren Nebenwirkungen fürchten? Zudem, wenn es nur unzureichende Kurzzeit-Prüfungen in Bezug auf die Sicherheit und sogar in Bezug auf die Schutzwirkung gibt. Wenn der Autor DAS nicht mitbekommen hat, was ist dann eigentlich die Qualifikation, um auf hpd schreiben zu dürfen? Hass auf "die da" - Richtigen?

Karl-Heinz Büchner (nicht überprüft)

Di. 8 Dez 2020 - 22:39

Antwort auf von Jaheira (nicht überprüft)

Ja natürlich Jaheira, es gibt immer Menschen, die mit ihrem Bauch besser kommunizieren als mit ihrem Hirn. Aber das ist doch kein Grund in panischer Angst davonzulaufen. Es gibt in diesem Land über 20 Mio. Menschen, die zu irgendeiner Risikogruppe gezählt werden. Wir alle haben die in unserer Umgebung - jeder vierte, den Du kennst, gehört dazu. Die werden alle vor Dir geimpft, Du kannst also in aller Ruhe beobachten, ob die wegsterben wie die Fliegen und dich dann immer noch gegen die Impfung entscheiden - wenn Du gefragt wirst. Eine Impfpflicht wird es nicht geben - negative Folgen für Impfverweigerer möglicherweise schon, aber das ist ja auch in Ordnung. Schließlich sollte es jedem auch was Wert sein, nach seinen Vorstellungen leben zu können, oder?

Dass sie mit einem Argumentum ad Hominem und schachen Argumenten antworten, spricht nicht gerade für Sie und Ihre gefühlte Überlegenheit.

Sind Nachteile für Atheisten auch "schon in Ordnung? Schließlich sollte es jedem auch was Wert sein, nach seinen Vorstellungen leben zu können, oder?"

Hallo Jaheira,
Du musst nicht alles auf dich beziehen. Es gibt jede Menge Menschen ("Querdenker", Aluhutträger, Esoteriker, Homöopathen etc.) die mit ihrem Bauch besser kommunizieren als mit ihrem Hirn. Ob du dazu gehörst, weiß ich nicht.
Atheisten müssen übrigens mit jeder Menge Nachteile leben, die ihnen allerdings nicht durch die Umstände, sondern durch die Glaubenskonzerne beschert werden, denen der Gesetzgeber das gestattet hat.

struppi (nicht überprüft)

Mo. 7 Dez 2020 - 22:23

Wenn es freiwillig ist, dann ist doch alles gut. Für jemanden unter 60 gibt es aber kaum einen Grund sich zu impfen.

Gute Gründe sind:
1. Wer nicht erkrankt, steckt seltener bis gar nicht an.
2. Wer nicht erkrankt, ist nicht krank. Wenn Sie Interesse haben wochenlang eine potentiell lebensbedrohliche Erkrankung zu durchleiden, bitteschön. Ich habe kein Interesse an einfach vermeidbarem Leid. Darum bin ich auch gegen Influenza geimpft. Ich habe einfach besseres vor.

Das ist nicht richtig! Die unter 55-Jährigen haben zwar ein deutlich verringertes Risiko für schwere Verläufe im Falle einer Infektion, weshalb sie sich in der Schlange der Impfwilligen auch gaaanz hinten anstellen müssen - immun sind sie aber keineswegs. Mehrere Tausend Corona-Tote in D waren unter 55. Das würde ich jetzt nicht mit "kaum ein Grund" bezeichnen.

Toll, wie hier der Egoismus klar zu Tage tritt. Ich vermute mal, Struppi, Du hast keinen Kontakt mit Menschen über 60? Deinen Eltern? Deinen Großeltern? Und es würde Dich auch keineswegs belasten, wenn Du sie - weil Du es ja nicht nötig hast, Dich zu impfen - ansteckst?

Karl-Heinz Büchner (nicht überprüft)

Do. 10 Dez 2020 - 00:02

Antwort auf von Petra Pausch (nicht überprüft)

Ach, sobald Eltern und Großeltern geimpft sind, ist es wurst, ob Filius als Virenschleuder herumläuft oder nicht. Im Gegensatz zur Maske schützt die Impfung ja den Träger und nicht sein Gegenüber.

M. Landau (nicht überprüft)

Di. 8 Dez 2020 - 03:53

Das war zu erwarten. Die Corona-Leugner-Impfgegner geben Laut. Hauptsache dagegen! Wo-Für sind diese Leutchen eigentlich? Sie sind dafür dagegen zu sein.

Und schon plärrt es wieder aus der Politik: »Man muss die Sorgen dieser Bürger ernst nehmen«. Das ist nett, aber »Sorge« und »Schwachsinn« sind nicht nur unterschiedlich buchstabierte Worte, sie haben auch ganz andere Bedeutungen.

Es hat mal 'Pflichtimpfungen' gegeben. Bspw. gegen Pocken und Tuberkulose. Nur so war es möglich diese Krankheiten unter Kontrolle zu bringen bzw. eine starke Verbreitung zu vermeiden. Nun, das ist eine Weile her.

»» Das gilt für sie auch für die Corona-Infektion, die sie mit der Grippe vergleichen.

Der Vergleich ist durchaus nicht verkehrt - bei GLEICHEN Voraussetzungen - heißt: KEIN Impfstoff. Dann ist die Grippe genauso gefährlich wie lebensbedrohlich.

https://www.aerzteblatt.de/archiv/197155/Spanische-Grippe-Ein-Virus-Millionen-Tote

Mit dem Verweis auf die Grippe, outen sich die Corona-Leugner und Impfgegner als inkompetente Schwätzer. Erwischt sie eine 'einfache Grippe', wie sie es nennen, und sie sind nicht geimpft, was wohl die meisten unter ihnen nicht sein dürften, kann sie das genauso umbringen wie COVID-19 oder ... Eine kleine Verletzung reicht um elendig an Tetanus zugrunde zu gehen, wenn man nicht geimpft ist. Ach, das ist nur ein Kratzer - und schon ist es aus.

Das ist kein Glaubenskrieg, sondern die übliche Verblödung durch irgendeinen Aber-Glauben, woran auch immer. Nur am Rande sei noch angemerkt, dass diese, im Vergleich zur Bevölkerungszahl wenigen Deppen der Verbreitung der Seuche, Vorschub leisten und damit die Gefahr für alle erhöhen. Eine Impfung ist zwar keine lebenslange Garantie, aber sie erhöht die Überlebenschancen aller beträchtlich.

Impft die Deppen in den Ar__!

Karl-Heinz Büchner (nicht überprüft)

Di. 8 Dez 2020 - 22:26

"Dass die erste Generation von Impfungen in seltenen Fällen zu Komplikationen führen wird, ist zu erwarten."
Ja, und auch die zweite, dritte und jede weitere Generation. Es gibt keinen einzigen Impfstoff, der noch keine seltenen Nebenwirkungen gezeigt hat. "Seltene Nebenwirkungen" treten auch auf, wenn überhaupt niemand geimpft wird - dann werden sie aber auch nicht der nicht erfolgten Impfung in die Schuhe geschoben. Es ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu erwarten, dass von - sagen wir 83 - Mio. Bundesbürgern einigen Dutzend irgendetwas Unvorhergesehenes passiert. Wenn sie geimpft waren, wird sicher ein Impfschaden angenommen, wenn nicht, wars wohl Schicksal oder vielleicht auch die Angst vor der befürchteten Zwangsimpfung. Wer weiß das schon?

Karl-Heinz Büchner (nicht überprüft)

Do. 10 Dez 2020 - 00:06

"Gleichzeitig behaupten sie, Masern, Röteln und andere Krankheiten würden die Abwehrkräfte stärken."
Wobei anzumerken ist, dass die Infektion mit Masern, Polio, Röteln, Pocken oder Diphterie nur die Abwehrkräfte der Überlebenden stärkt.

UltimaRatio (nicht überprüft)

So. 13 Dez 2020 - 16:12

Es gibt keine Schulmedizin und auch keine Alternativmedizin.

Karl-Heinz Büchner (nicht überprüft)

Do. 17 Dez 2020 - 16:20

Antwort auf von UltimaRatio (nicht überprüft)

Eigentlich schon,
nämlich die Medizin der merkwürdigen Schule des Samuel Hahnemann oder die des skurrilen Edward Bach.
Evidenzbasierte Medizin folgt keiner Schule, sondern der Ratio

Sunder Martin (nicht überprüft)

Fr. 1 Jan 2021 - 15:16

Hallo Herr Stamm,
sind Sie sicher daß die Politik nicht korrupt ist?

Hugo Stamm

Der Autor befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene. Er schreibt zudem für watson.ch.

Weitere Artikel des Autoren
Unterstützen Sie uns auf Steady!

Mehr lesen über:

Verwandte Artikel