Beschneidung in Dänemark

Die konsequente Debatte

Traditionelles jüdisches Beschneidungswerkzeug (im Jewish Museum (New York City)), 19. Jahrhundert (CC BY-SA 2.0)
Traditionelles jüdisches Beschneidungswerkzeug (im Jewish Museum (New York City)), 19. Jahrhundert

LANGWEDEL. (hpd) Im Dänischen Parlament wird dieser Tage erneut das Thema der Zwangsbeschneidung an minderjährigen Jungen behandelt. Die Diskussion dreht sich dabei um ein mögliches Verbot von medizinisch nicht erforderlichen Vorhautamputationen an Minderjährigen.

Die Sitzung am vergangenen Mittwoch wurde von der Parlamentsgruppe für sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte veranlasst.

Lena Nyhus, Gründerin von “Intact Denmark”, sagte dazu: “Beschneidung bedeutet, ein gesundes Körperteil vom Körper eines Jungen abzuschneiden. Dänemark sollte eine Vorreiterrolle bei Kinderrechten einnehmen. Wir benötigen ein Schutzalter von 18 Jahren.”

Die Gesundheitspolitikerin Else Smith argumentierte während des Hearings, die Durchführung der Operation wäre nicht gefährlich genug, um ein Verbot zu rechtfertigen. Der Liberale Ole Birk Olesen hielt dagegen, dass auch die Amputation des kleinen Fingers eines Kindes bei korrekter Durchführung durch Ärzte keine Risiken beinhalte, und fragte, ob dann nicht auch dies ohne medizinischen Grund erlaubt sein sollte.

Gleiches könnte man selbstredend auch über die weibliche Genitalverstümmelung sagen, die unter klinischen Bedingungen ebenfalls mit minimalem Risiko durchführbar wäre - wenn man, wie Frau Smith, nur die Operation als solche, nicht aber die unvermeidlichen sowie möglichen körperlichen und psychischen Spätfolgen oder die Rechte des Kindes auf körperliche Unversehrtheit betrachtet.

Derzeit unterstützen die Rot-Grüne und die Liberale Allianz im Dänischen Parlament die Forderungen nach einem Verbot. Sie vertreten damit die Ansichten von rund 74 Prozent der Dänen, die einer YouGov-Umfrage zufolge ein Verbot befürworten. Nur 10 Prozent der Dänen sprachen sich dafür aus, dass die medizinisch nicht erforderliche Vorhautamputation an Minderjährigen legal bleiben solle.

Zu sehr ähnlichen Ergebnissen kamen auch Umfragen in Deutschland, wo jedoch die Politik seit Verabschiedung des umstrittenen Erlaubnisparagraphen 1631d BGB - den wiederholten Forderungen von Ärzteverbänden und Menschenrechtsgruppen zum Trotz - keine neuerlichen Beratungen zu diesem Thema angestoßen hat.

Kommentare (2)

Karin Richter (nicht überprüft)

Di. 28 Okt 2014 - 16:38

Ich hoffe inständig, dass sich ein hohes Schutzalter für diesen Eingriff dort durchsetzen wird, im Interesse aller Bürger Dänemarks, gleich welcher Herkunft oder Religionszugehörigkeit.
Sich aus welchen Motiven heraus auch immer von einem Teil seines gesunden Genitals zu trennen ist respektabel - als die intime Entscheidung eines mündigen Erwachsenen, Mann oder Frau, der die akuten Risiken des Eingriffs und die damit verbundenen dauerhaften Veränderungen in Optik und Sensorik überblicken und dafür die Verantwortung übernehmen kann.

Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Mi. 29 Okt 2014 - 10:04

Es tut sich etwas in Europa. Im dänischen Parlament ist in Teilen die Erkenntnis gewachsen, dass man Menschen gegen deren Willen nicht einfach - egal wie hoch die Risiken sind - ein Stück vom Körper abschneidet. Egal welches Stück dies sein mag. Da sich die Religionsgemeinschaften bisher bei der Mitwirkung zur überfälligen Abschaffung diese archaischen Restes eines Kindsopferritus in weihevoller Zurückhaltung üben, muss es wohl die Politik richten. Ein Verbot wird wohl unumgänglich sein, wobei ich persönlich dies schade fände. Zum einem verpassen die abrahamitischen Religionen eine weitere Chance, endlich einen Beweis dafür abzuliefern, dass sie willens sind, in der Moderne anzukommen (die Herbstsynode der rkK hat hier auch mal wieder versagt). Und zum anderen wird ein politisches Verbot der Zwangsbeschneidung (was über kurz oder lang kommen muss, um Europa weiterhin als menschenrechtsstaatlich definieren zu dürfen) Wasser auf die Mühlen der fundamentalistischen Gläubigen sein. Es wird für diese Gruppen ein neues Feindbild geben: den Rechtsstaat! Die böse böse Demokratie hindert die armen, verfolgten Religionsgemeinschaften, einen wirksamen Bund mit ihrem lieben Gott einzugehen. Dies wird sicher so kommen, von allerlei drohendem Geschnatter begleitet, angereichert mit der üblichen Beleidigung, die beschneidungsverbietende Politik sei nun endgültig antisemitisch und islamophob und auch noch katholophob, weil man gerade so schön beim Schimpfen ist. Doch da müssen wir durch und je nach dem, wie diese neuerliche öffentliche Debatte geführt wird, werden die Religionsgemeinschaften insgesamt einen mehr oder weniger großen Imageschaden erleiden. Warum waren denn auch 70% der Deutschen bereits 2012 gegen Zwangsbeschneidung? Weil es den meisten Menschen in unserer Zeit und Weltregion nicht mehr zu vermitteln ist, warum ein fragwürdig existenter Gott von einem ebenso fragwürdig existenten Abraham "verlangen" darf, dass künftig alle jüdischen Knaben vorhautamputiert werden müssen. Spätestens seit dem Holocaust, der die Theodizee-Debatte wieder angefacht hat, müsste selbst dem Gläubigsten klargeworden sein, dass dieser Gott JHWH - selbst wenn er existieren sollte - seinen Bund mit "seinem Volk Israel" gekündigt hat und nicht mehr bereit ist, ihm beizustehen. Damit ist nach logisch-atheistischen, aber auch nach theologischen Gesichtspunkten jede Grundlage für die weitere Fortführung der Zwangsbeschneidung entfallen. Sollten die Juden und Muslime weiterhin darauf beharren, ihren wehrlosen Kindern ein wichtiges und gesundes Stück deren Körper abzutrennen, dann zeigen sie für die meisten Menschen nur, dass es weder um medizinisch/hygienisch/ästhetisch, noch um theologisch Sinnvolles geht, sondern um reine Rechthaberei auf dem Rücken unschuldiger Knaben. Oder das Theodizee-Problem - das jüngst den Erzbischof von Canterbury zur Einsicht brachte, dass Gott wohl nicht existiert - spielt in der "modernen" Theologie keine Rolle mehr, weil man sowieso davon ausgeht, dass Gott nicht existiert und somit letztlich alles Wurscht ist. So oder so: Die Religionsgemeinschaften haben die Wahl, einen sozial und menschenrechtlich verträglichen Rest ihres Glaubens zu bewahren, um ihre Riten in Ruhe feiern zu können, oder sie kicken sich derart ins Abseits, dass sie niemand mehr ernstnimmt - was langfristig zur Folge hätte, dass auch die Politik ihre schützende Hand zurückziehen würde. Ich drücke jedenfalls dem dänischen Parlament alle Daumen, hier zu einer kinderfreundlichen Entscheidung zu kommen - im Namen aller dänischen Juden und Muslime, die noch ungeboren oder intakt sind. Beeilt euch!

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