Österreich

Besorgniserregender Jahresbericht der Dokumentationsstelle Politischer Islam

Islamistische Extremisten auf einer Demonstration
Islamistische Extremisten auf einer Demonstration mit Plakataufschriften wie "Köpft alle, die den Propheten beleidigen" und "Unsere Toten sind im Paradies, eure Toten sind in der Hölle!"

Ein neuer Bericht der Dokumentationsstelle Politischer Islam (DPI) für Österreich dokumentiert ein Erstarken islamistischer Kräfte, die die weltpolitische Lage um den Konflikt Israel-Palästina zu instrumentalisieren wissen. Die Ablehnung von Gleichberechtigung der Geschlechter als "westliche" Dekadenz und negative Einstellungen gegenüber der Mehrheitsgesellschaft sowie ihren Werten und Gesetzen werden aktiv gefördert und religiös-extremistische Propaganda auch an Jugendliche adressiert. Besonders auffällig ist eine über den Nahostkonflikt vermittelte Annäherung islamistischer an linke antiimperialistische Akteure.

Die Dokumentationsstelle Politischer Islam (DPI) des Österreichischen Fonds zur Dokumentation von religiös motiviertem politischen Extremismus hat ihren Jahresbericht 2024 veröffentlicht, und dieser enthält Besorniserregendes. Nicht nur wurden islamistische Terrororganisationen wie Hamas verharmlost und offen Sympathien für diese bekundet, die Ablehnung demokratischer Werte und als "westlich" verstandener Lebensformen gehört darüber hinaus zum festen Programm von Online-Propaganda, die sich zunehmend auch an Jugendliche richtet. Dabei versuchen sowohl transnationale als auch einheimische Akteure, zunehmend auch deutschsprachig, Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen.

Religiös-extremistische Akteure nutzen alle zur Verfügung stehenden Maßnahmen, wie Online-Medien, Straßenaktionen, Popkultur, Moscheegemeinden und Bildungseinrichtungen, um ihre Ideologie zu verbreiten. Dabei gehört es zur Strategie, Kritik als Angriffe auf "den Islam" und die muslimische Gemeinschaft in ihrer Gesamtheit umzudeuten und Islam und Islamismus in eins zu setzen. Westliche Demokratien werden hingegen dämonisiert und antisemitische Ressentiments geschürt.

Oft werden diese Ideologien von Laienpredigern ohne formelle theologische Ausbildung verbreitet, die in Settings wie studentischen Zirkeln oder Gemeinschaftsunterkünften für Geflüchtete nach offenen Empfängern suchen. Die so verbreiteten Islaminterpretationen nehmen abseits institutionalisierter Moscheestrukturen Einfluss auf Teile der Gesellschaft und sind oft besonders radikal. Gerade in diasporischen Lebenssituationen kann sich so eine Identitätsstiftung über extremistische Formen des Islam herausbilden und zu einer Radikalisierung führen. Diese findet oftmals ihren Ausdruck in der Ablehnung als "westlich" empfundener Lebensstile, in antisemitischen Narrativen, der Ablehnung von Geschlechtergerechtigkeit als "westlicher" Dekadenz und einer Aktionsfrömmigkeit, die Druck auf andere Geflüchtete oder Studenten ausübt.

Eigene Studie über afrikanische Muslime in Wien

In einer eigenen Studie wurde speziell die Situation diasporischer Muslime aus Afrika in Wien untersucht. Diese kam zu dem Ergebnis, dass die Gleichberechtigung von Mann und Frau abstrakt von zwei Drittel der Befragten bejaht wird. Bei konkreter Nachfrage zu Themen wie Einforderung des Kopftuchs, Zwangsverheiratung, FGM (Female Genital Mutilation / weibliche Genitalverstümmelung) und Züchtigungsrecht der Männer über Frauen sinkt der Anteil jedoch auf 40 Prozent, während 50 Prozent die Dominanz des Mannes über die Frau bevorzugen. Insofern verwundert es vielleicht auch nicht, wenn Frauen eine höhere Wertschätzung lokaler Gesetze und Werte zeigen als Männer. Auch korreliert die Wertschätzung dieser Gesetze und Werte mit der Aufenthaltsdauer, so dass afrikanische Muslime, die schon länger in Wien leben, diese höher schätzen. Entsprechend zeigen auch Muslime, die zur Segregation neigen, deutlich negativere Einstellungen gegenüber als "westlich" empfundenen Werten in allen Bereichen.

Es gehört zur Strategie, Kritik als Angriffe auf "den Islam" und die muslimische Gemeinschaft in ihrer Gesamtheit umzudeuten und Islam und Islamismus in eins zu setzen.

Den größten Einfluss auf die Einstellung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft und ihren Werten hat erwartungsgemäß die Beherrschung der deutschen Sprache. Wer die Sprache besser beherrscht, ist in der Regel besser integriert und hat ein positiveres Bild der Mehrheitsgesellschaft, ihrer Werte und Gesetze.

Zunahme der Bedeutung des Internets

Wo radikale religiöse Vorstellungen nicht aus einem Herkunftsland mitgebracht werden, findet die Verbreitung religiös-extremistischer Ideologie hybrid statt, und wie in vielen Lebensbereichen zeigt sich auch dort eine Zunahme der Bedeutung des Internets. Deutschsprachige YouTube-Kanäle wie "LoveAllah" (28.000 Abonnenten), "Muslim Interaktiv" (18.000 Abonnenten) oder "Im Auftrag des Islam" (21.000 Abonnenten) erreichen ihre Zielgruppe natürlich nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland und der deutschsprachigen Schweiz. Die Abonnentenzahlen sind zwar im Vergleich zu rechten YouTubern eher klein, aber zu den Angeboten auf Deutsch kommen unzählige YouTube-Auftritte in englischer und arabischer Sprache. So wird auch berichtet, dass sich der verhinderte Attentäter auf das Taylor-Swift-Konzert in Wien über TikTok und andere Soziale Medien radikalisiert hat.

Besonders hervorgehoben wird im Bericht des DPI die Influencerin Hanna Hansen mit 190.000 Followern auf Instagram und fast 150.000 Followern auf TikTok. Vormals Model, DJane und Profi-Kickboxerin verbreitet sie Narrative wie das von der moralischen Überlegenheit der Polygamie oder der Notwendigkeit einer Kindererziehung nach dem Vorbild der "frommen Altvorderen". Mit ihren Inhalten richtet sie sich auch gezielt an Frauen – insbesondere Konvertitinnen – und vermittelt ihnen zum Beispiel, dass Kinder vor den Einflüssen der westlichen Welt zu schützen seien, die mit "dem Islam" unvereinbar seien. Dazu gehören für sie auch LGBTQ-Personen und -Themen, die sie als schädlich für Kinder und Gesellschaft ansieht.

Wer die Sprache besser beherrscht, ist in der Regel besser integriert und hat ein positiveres Bild der Mehrheitsgesellschaft, ihrer Werte und Gesetze.

Besonderen Augenmerks bedarf auch die Verbindung von Online- und Offline-Welten, wie von Generation Islam, die 2024 mit "Kalifatsdemos" in Hamburg von sich reden machten, an denen nach Presseberichten bis zu 2.000 Personen teilgenommen haben sollen. In ihren Videos betreibt Generation Islam grundsätzlich eine Gleichsetzung von Islamismus und Islam, um sich gegen Kritik zu immunisieren, die Verderbtheit der westlichen Gesellschaften anzuprangern und einen "Kampf 'des Westens' gegen 'den Islam'" zu behaupten. Im Bericht der DPI heißt es dazu: "Die Gleichsetzung von Islam und Islamismus und die Vereinheitlichung aller Gläubigen in einem Opfernarrativ sind wesentliche Motive, die diese Gruppierungen immer wieder Aufnehmen." In diesen Zusammenhang wird auch der Nahostkonflikt gestellt, für den zunehmend ein Kalifat als Lösung dargestellt wird. Damit verbunden ist konsequenter Weise eine grundsätzliche Ablehnung einer Zwei-Staaten-Lösung.

Anknüpfungspunkte zwischen Islamisten und Linken

Im Themenkomplex Israel-Palästina findet sich auch der im Bericht beobachtete Anknüpfungspunkt zwischen islamistischen und linken antiimperialistischen Strömungen. Besonders erwähnt wird die ursprünglich feministische österreichische Journalistin Nicole Schöndorfer, die seit dem 7. Oktober 2023 ihre digitalen und realweltlichen Aktivitäten auf Israel und Palästina fokussiert. Schöndorfer unterstützt die Hamas, inklusive ihres dezidiert militanten Flügels, den al-Qassam-Brigaden und bezeichnet die Terrorgruppe als die legitime Führung im Gazastreifen. Sie verweist dazu auf die Tatsache, dass sie legitim gewählt wurde, ungeachtet der Tatsache, dass die letzten Wahlen fast 20 Jahre in der Vergangenheit liegen. Auch ignoriert sie die Tatsache, dass die Hamas Widerstand gegen ihre Führungsrolle gewaltsam unterdrückt sowie Wahlen verhindert hat. Neben Propaganda der Hamas teilt Schöndorf Inhalte von Medien, die mit der Hisbollah und der Islamischen Republik Iran verbunden sind. Die Einstufung der Hamas als Terrororganisation weist sie zurück und bezichtigt Personen, die ihre Haltung dahingehend nicht teilen, auch mal der "Islamophobie".

Damit finden sich auch bei linken antiimperialistischen Akteuren, beispielhaft gezeigt an Schöndorfer, bei Islamisten verbreitete Narrative: Antisemitismus wird mit dem Narrativ vom "Kampf 'des Westens' gegen 'den Islam'" vermischt, wobei sowohl "der Westen" als auch "der Islam" monolithisch gedacht werden. Der Tatsache, dass es sowohl im Westen als auch unter Muslimen unterschiedliche Haltungen gibt, wird üblicherweise keine Rechnung getragen. Wenn überhaupt unterschiedliche Haltungen zur Kenntnis genommen werden, dann dergestalt, dass von der Erzählung der Hamas abweichende Einstellungen – auch islamistische – grundsätzlich "dem Westen" zugeschrieben werden, wie zum Beispiel die Etikettierung der Hai'at Taḥrīr aš-Šām (HTS, "Komitee zur Befreiung der Levante") als "Werkzeug" Israels. Unter der Annahme, dass der Konflikt zwischen Israel und Hamas auch für den Rest von 2025 bestehen und vermutlich auch in 2026 weitergehen wird, ist zu erwarten, dass es zu einer weiteren Annäherung zwischen Islamisten und dem linken antiimperialistischen Spektrum kommen wird.

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Kommentare (6)

PJ (nicht überprüft)

Mi. 10 Sep 2025 - 14:59

Frage an den Autor:
Gibt es Studien zur Homogenität der beschriebenen Gruppen?
Dabei denke ich an Sprache, Herkunftsregion, Bildung, Religiosität.

Aus anekdotischem Wissen ist mir über Migranten aus der Türkei bekannt: ein Gastarbeiter hat seine Brüder, Cousins, Nachbarn etc. beim Heimatbesuch von Westeuropa überzeugt und diese Männern haben sich bei Ankunft im Westen in der gleichen Stadt angesiedelt.
Unter türkisch-stämmigen Menschen findet sich diese Konzentration nach der Herkunftsregion anscheinend auch in zweiter, dritter und vierter Generation in DE, AT, CH, BE und NL.
Durch diese Ansammlung von Menschen aus liberaleren und konservativeren Herkunftsregionen gibt es eine Korrelation mit der Sympathie für die Grauen Wölfe und zur Islamisierung.

Seb (nicht überprüft)

Mo. 15 Sep 2025 - 21:52

Antwort auf von PJ (nicht überprüft)

Ja, solche Untersuchungen gibt es und sie bestätigen grundsätzlich das anekdotische Gefühl. Eine mir bekannte wäre die Folgende:

https://cris.maastrichtuniversity.nl/ws/portalfiles/portal/139059944/wp2023_019.pdf

A.S. (nicht überprüft)

Mi. 10 Sep 2025 - 21:09

Haben die "Linken" denn nicht begriffen, dass so manche Religion selber imperialistisch ist? Besonders auffällig sind der christliche und der islamische Imperialismus.

Eigentlich sind alle missionierenden Religionen imperialistisch.
Da läuft der Imperialismus "friedlich" über die Mission, nicht über Krieg. Der Krieg kommt dann bei sich bietender Gelegenheit dazu. Kleine missionierende Glaubensgemeinschaften haben noch keine militärische Option, ihnen bleibt nur der Weg über Mission.

Die "antiimperialistischen postkolonialen Linken" haben sich meiner Meinung nach vor den Karren des islamischen Imperialismus spannen lassen.

N.B.: In "heiligen Kriegen" werden Gläubige "militärisch missbraucht" - oder muss man sagen: "militärisch bestimmungsgemäß benutzt"?

Roland Fakler (nicht überprüft)

Do. 11 Sep 2025 - 13:34

Islamkritik ist nicht Fremdenfeindlichkeit, sondern Verteidigung unserer Werte gegen eine totalitäre Ideologie. Wir sollten Muslime davon überzeugen, dass es sich unter dem Grundgesetz besser und freier leben lässt als unter der Scharia. Andererseits muss unser Staat dem Islam klare Grenzen setzen. Hier gilt das Grundgesetz und nicht die Scharia. Wir müssen Glaubenseiferern klar machen, dass wir die freiheitliche Demokratie gegen eine rückständige Ideologie verteidigen werden. Wenn sie unsere Werte anerkennen, haben sie hier eine Zukunft, wenn sie unter der Scharia leben wollen, müssen sie sich ein anderes Land suchen. Es gibt 56 islamische Staaten. Wir haben in Deutschland genug Diktaturen gehabt: die Diktatur des Staatschristentums und der Herrscher von Gottes Gnaden, den Faschismus und den Kommunismus, jetzt brauchen wir nicht noch den Scharia-Staat und das Kalifat, um festzustellen, dass Diktatur Schreiße ist.

Tim Mangold (nicht überprüft)

Sa. 13 Sep 2025 - 12:48

Sehr spannend, vielen Dank für den Artikel! Also Islamophobie ist für mich nicht grundsätzlich ein Problem. Warum auch? Der Islam lässt je nach Auslegung, und solche wären sehr leicht, viele Dinge zu tun, die mit eine freundlichen und humanistischen Denkweisen nichts zu tun haben. Nein, da bin ich gerne zumindest in Teilen islamophob. Bei einer Interpretation des Islams, die mit humanistischen und freundlichen Denkweisen in Einklang stehen kann ich mir ja noch sagen, dass da jemand an seltsame Dinge glaubt, die aber keinem schaden - so gut, von mir aus, irgendwie. Aber islamophob nehme ich mir nicht per se als undiskutierbare Haltung an. Dass Kinder und Jugendliche, junge Erwachsene auch, die Fluchterfahrungen gemacht haben, bei religiös konservativ indoktrinierenden Eltern aufgewachsen sind, Eltern und weitere Bekannte haben, die von Gleichberechtigung nichts halten, dann nicht schnell genug jemanden hatten, der ihnen Gleichberechtigung als positive Werte zeigt, dann vielleicht noch Ausgrenzungserfahrungen gemacht haben und eine diffusen Verbindung zu Gaza haben, besonders solche sind, die diese miese Propaganda der Hamas abkaufen, auch primitive Einstellungen von Predigern in Moscheen übernehmen oder Identitätsstiftung von merkwürdigen Figuren auf Youtube, Facebook, Instagram, Tiktok akzeptieren, aber auch von realen Verfehlungen die von manchen Akteuren in der sogenannten westlichen Welt begangen wurden erkennen und daraus Identität bilden, reime ich mir mal zusammen. In diesem Sinne bleibt auch dann nur das Gespräch, frühzeitiger Kontakt der andere Wege aufzeigt im direkten Umfeld, ebenfalls in Social Media Ansprachen an Muslime und solche die es werden wollen, die eine fortschrittliche Ethik zeigen, Bildung der Zivilgesellschaft im Umgang mit solchen Phänomen, gegebenenfalls aber auch Abschiebungen von Akteuren, die schlicht schlimme Straftaten begehen und dafür zu sorgen, dass Flüchltingsaufnahme in einer Art läuft, in der man erkennt, wer ein potentieller Gefährder ist und wer nicht (Die letzten beiden Punkt auch zum Schutz hießiger Muslime, die keine schlimmen Straftaten begehen - was ja die überwältigende Mehrheit ist, manche Muslime, so wie manche anderen (vielleicht auch ich ^^), sind ja schlicht komisch, aber deswegen noch lange keine gefährlichen Leute).

Sebastian Schnelle

Der Autor ist promovierter Philosoph und betreibt den Podcast "vorpolitisch", in dem er sich mit gesellschaftspolitischen Fragen der Gegenwart beschäftigt und mit Gästen v.a. aus Wissenschaft und Forschung spricht. Er hat zum Islamismus geforscht und publiziert und arbeitet aktuell an einem Buch über die Neue Rechte in Deutschland und ihre Ideengeschichte.

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