Kenia: Tabu um Abtreibung tötet Tausende Frauen
Abtreibung ist in Kenia illegal, außer bei Gefährdung der Mutter. Die Gesellschaft des ostafrikanischen Landes ist stark religiös-konservativ geprägt, weshalb Schwangerschaftsabbrüche ein Tabuthema sind. Dennoch gibt es dort eine der höchsten Abtreibungsraten der Welt, was zu einer verheerenden Lage für Betroffene führt.
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Die in Nairobi ansässige Nonprofit-Organisation African Population and Health Research Center (APHRC) schätzt, dass allein im Jahr 2023 in Kenia mehr als jede zehnte Frau im reproduktiven Alter ungewollt schwanger wurde. Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche belaufe sich im selben Zeitraum auf knapp 793.000. Dazu wurden Daten von Kliniken verwendet sowie Interviews mit Ärzten und Patientinnen geführt. Das Aufeinandertreffen von hoher Nachfrage und gesellschaftlichen Tabus sorge dafür, dass jährlich 300.000 Kenianerinnen auf Hinterhofärzte und gefährliche Abtreibungspraktiken zurückgreifen. Laut APHRC sterben 2.600 dieser Frauen an den Folgen – das sind sieben Tote am Tag.
Der Arzt Samson Mwita berichtet von dramatischen Komplikationen in seiner Klinik, die 60 bis 90 Fälle pro Monat behandelt: „Man findet Patientinnen mit einer Gebärmutterruptur, Rissen am Gebärmutterhals, schweren Infektionen, Blutarmut, manche beginnen sogar Nierenversagen zu entwickeln.“ Selbst Nonnen seien inzwischen trotz des Widerstands der Kirche zu „regelmäßigen Kundinnen“ geworden.
Konservative Bemühungen verfangen
In dem mehr als 57 Millionen Einwohner starken Land ist eine einflussreiche Anti-Abtreibungs-Lobby aktiv, die sich vehement gegen die Verbreitung von Schwangerschaftsabbrüchen einsetzt. Angeführt wird diese vom Kenya Christian Professionals Forum (KCPF). Dessen ehemaliger Vorsitzender Charles Kanjama erklärte, Abtreibung sei für das Empfinden des durchschnittlichen Afrikaners abstoßend.
Auch von außerhalb erzeugen Konservative Druck, um Abtreibungen zu verhindern. So hat jeder republikanische US-Präsident seit Ronald Reagan – zuletzt Donald Trump – eine Regelung in Kraft gesetzt, durch die staatliche Finanzierung von Einrichtungen verboten ist, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Kenia ist zu einem wesentlichen Teil von der Gesundheitshilfe der USA abhängig, weshalb dadurch Reformen blockiert werden.
Frauen werden Opfer von Drangsalierung
Kritiker des Abtreibungsverbots, wie das Reproductive Health Network Kenya (RHNK), sehen keine Klarheit durch Gerichte gegeben und werfen der Regierung Tatenlosigkeit vor, wodurch die gesundheitliche Versorgung von gefährdeten schwangeren Frauen eingeschränkt werde. Bedrohungen und Belästigungen gegenüber Patientinnen und dem medizinischen Personal würden von staatlicher Seite toleriert. Es komme häufig vor, dass die Polizei sich direkt daran beteiligt, indem sie Ärzten und Pflegekräften drohe, Ermittlungen aufzunehmen, wenn sie nicht Bestechungsgelder zahlen. Selbst bei Fällen, die von den Betroffenen als legal eingeschätzt werden.
Prominent ist ein Fall von 2019, bei dem ein 16-jähriges Mädchen und ihr Arzt festgenommen wurden, nachdem sie aufgrund von schweren Komplikationen nach einer Abtreibung in einer Klinik Hilfe gesucht hatte. Der Arzt befand sich eine Woche in Untersuchungshaft. Das Mädchen musste über einen Monat in einer Jugendstrafanstalt verbringen, da es sich die Kaution nicht leisten konnte. Allgemein können Verstöße gegen das Abtreibungsrecht mit 14 Jahren Haft bestraft werden.
Der High Court sprach die Beschuldigten im März 2022 zwar frei und befand einen Schwangerschaftsabbruch für ein konstitutionelles Recht, dieses Urteil wurde jedoch vergangenen April von einem Berufungsgericht wieder aufgehoben. Mit der Frage der Legalität von Abtreibung wird sich nun der Oberste Gerichtshof Kenias befassen.
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