Kommentar

Wie lange dauert das Mittelalter in Rottenburg?

Rottenburg am Nekar
Rottenburg am Nekar

Ende November brachten zwei Gemeinderätinnen der Bischofsstadt Rottenburg mit einem gemeinsamen Leserbrief im Schwäbischen Tagblatt eine Lawine ins Rollen. Über diesen ungewöhnlichen Weg machten sie den BürgerInnen ihrer Stadt und der Umgebung bekannt, dass die katholische Dom- und Moritzgemeinde in Rottenburg in der Sülchen- und Klausenkapelle keine Trauerfeiern ohne Priester mehr zulassen werde. Bisher gab es dort etwa 5 bis 10 nicht-christliche Trauerfeiern pro Jahr mit einem bezahlten Trauerredner für "Ungläubige"; also ohne katholischen Priester.

Das Schwäbische Tagblatt recherchierte und schrieb ein paar Artikel: "Unreligiöse Trauerfeiern nicht möglich"; "Kein Ort für Trauerredner". Es wurde bekannt: Der Gemeinderat sei zwar über den Beschluss der Kirchengemeinde informiert worden, aber nur in nichtöffentlicher Sitzung.

In ersten Reaktionen fragten sich die Leute: "In welchem Zeitalter leben wir eigentlich?"

Der zuständige Pfarrer Harald Kiebler äußerte sich darauf wie folgt: "Da lass ich nicht jemand wie einen kommerziellen Trauerredner hin stehen, wie wenn’s nur ein Tisch oder ein Pult wäre."

Nein, es ist natürlich ein hochgeweihter Ort, an dem nur Geweihte etwas zu sagen haben.

Schon im Alten Testament werden solche Orte mit Androhung der Todesstrafe vor Ungeweihten geschützt. (4Mos 18:3) Dazwischen gab es allerdings einen Rebellen namens Jesus, auf den sich diese Christengemeinde beruft, und der manchen Unfug in der hebräischen Bibel angeprangert hat, der auch gesagt haben soll, dass das Gesetz für den Menschen da sei und nicht der Mensch für das Gesetz.

Obwohl dieser Jesus sehr bescheiden lebte, forderte er blinde Gefolgschaft. Es führe nämlich kein Weg an ihm vorbei zum Vater, – damit meinte er den jüdischen Gott. Er sei der Weinstock und der Rest der Menschheit – im besten Fall – Reben und alle die nicht an ihn glaubten, seien verdammt… Diese Anmaßung führte nicht zum Frieden, sondern zu schlimmer Verfolgung. Schon Paulus und die Evangelisten begannen jene zu beschimpfen, die nicht den angeblich "richtigen Glauben" hatten. Wie sollten sie auch. Von Anfang an war alles vieldeutig, unklar, widersprüchlich. Kaiser Konstantin erzwang dann die Einheit des Glaubens mit Dogmen und machte diesen Glauben zur Staatsreligion. Kirchenväter wie Augustinus und Thomas von Aquin schufen die Rechtfertigung für die Verfolgung der Falschgläubigen.

Was ist nun, wenn ich keine Rebe bin, sondern ein selbständig denkender Mensch? Wenn ich anders als der Herr Jesus nicht an Geister glaube, nicht an Wunder, nicht an die Unsterblichkeit und erst recht nicht an die Erlösung von einer Erbschuld, für die ich nichts kann, durch seinen elenden Tod am Kreuz? Dann bin ich ein Ungläubiger!

Sobald die Kirche die Macht hatte, verfolgte sie "Abweichler", "Falschgläubige", "Ungläubige". Jahrhundertelang wurden sie von der heiligen katholischen Kirche und seinem Helfershelfer, dem "christlichen" Staat, gejagt, verbrannt, gedemütigt, außerhalb des Friedhofs in ungeweihter Erde verscharrt.

Da die Achse zwischen Kirche und Staat zu gegenseitigem Nutzen und stets zur Verdummung der Herde, seit 1500 Jahren noch  immer gut funktioniert, trat das weltliche Oberhaupt der Stadt, Bürgermeister Neher, für die Kirche in den Ring und behauptete, dass die Leute ohnehin nur aus der Kirche austreten, um Geld zu sparen. Man könne nicht Dienstleistungen beanspruchen, wenn man dafür nicht bezahlt hat, fügte eine Dame vom "Bodenpersonal" der Kirche hinzu.

Damit lösten sie einen Sturm der Entrüstung aus, und damit beginnt in Rottenburg die Neuzeit. Viele Leser kamen aus der Deckung. Einer verkündete seinen Austritt aus der Kirche für den nächsten Tag. Eine ehemalige Landtagsabgeordnete, Gemeinderäte, einfache Bürger warfen der Organisation, die sich seit Jahrhunderten für unfehlbar hält, die es geschafft hat, jede Kritik zu verbieten oder in den Wind zu schlagen, die gut davon lebt, Sünden zu vergeben, ihre eigenen Sünden vor. Von der Inquisition, von Prunk-und Protzbauten, wie dem neuen Bischofspalais, von Kindesmissbrauch, von Volksverdummung, von Unmenschlichkeit und christlicher Lieblosigkeit war da die Rede. Und was Pfarrer Kiebler wohl vergessen hat: Kein Priester arbeitet unentgeltlich. Auch sie werden gut bezahlt, vor allem die Bischöfe. Dafür dass diese Kirche jährliche Subventionen in vielfacher Millionenhöhe vom deutschen Staat beziehe – die Kirche zahlt keine 10% für den Unterhalt ihrer kirchlichen Einrichtungen – habe sie auch die Pflicht ungläubigen Steuerzahlern ihre damit vom Staat mitfinanzierten Kirchenräume zur Verfügung zu stellen. Das Gesamtvermögen der katholischen Kirche wird von Carsten Frerk auf über 430 Milliarden Euro geschätzt. Es ist in 1500 Jahren auf sehr dubiose und kriminelle Weise zusammengekommen: aus Urkundenfälschungen, hier wäre nur die konstantinische Schenkung zu nennen, aus Ämter- und Ablassverkauf, aus Sklaverei und Leibeigenschaft, aus betrügerischen Reliquiengeschäften und den damit verbundenen Wallfahrtsschwindeln, aus dem Besitz der getöteten Ketzer, Hexen, Juden, Heiden.

Man einigte sich auf einen Kompromiss und wolle vorläufig, bis für diese "Ungläubigen" eine Lösung, d.h. eine Aussegnungshalle gebaut sei, weitere Feiern mit ungeweihten, gar ungläubigen Rednern zulassen.

Bleibt noch die Frage, warum sich überhaupt "Ungläubige" die Klausen- oder die Sülchenkapelle, die Grablege von Nonnen bzw. der Rottenburger Bischöfe, als Abflughalle zu den Pforten des Himmels wünschen? In den Leserbriefen stellte sich heraus, dass es dabei eher um Christen geht, die sich von der Kirche zwar entfremdet haben, die ausgetreten sind, die aber doch noch eine leise Hoffnung hegen, dass ihnen, wenn schon kein Priester oder Bischof, so doch Jesus selbst die Himmelspforte öffnen werde.

Scheinbar gibt es in Rottenburg keine geeigneten Hallen für Abschiedsfeiern von Atheisten und "richtigen Ungläubigen". Solche Leute sind in einer Bischofstadt nicht willkommen und waren dort wohl auch nie vorgesehen. Warum sollte man denen irdische Erleichterungen schaffen, die Gott mit der Hölle bestraft? Wird nicht die ganze Stadt, die nun mal Bischofsstadt ist, allein durch die Anwesenheit solcher Leute entweiht?

Die ehemalige Tübinger Landtagsabgeordnete Rita Haller-Haid schrieb sinngemäß: Sie würde, wenn sie Rottenburgerin wäre, in ihrem Testament festlegen, dass ihre Leichenfeier niemals in einer dieser Kirchen stattfinden dürfe. Auch für mich wäre es ein gruseliger Gedanke, über den Leichenteilen von Nonnen oder über der Gruft der Rottenburger Bischöfe, die die Gläubigen immer in Unmündigkeit halten wollten, vom irdischen Leben verabschiedet zu werden.

Aus dieser Geschichte würde ich folgenden Schluss ziehen: Solange diese Kirche Macht und Geld hat, weil sie viel zu eng mit dem Staat verbunden ist und damit auch Unmengen Geld von Ungläubigen bezieht, sind das Mittelalter und ihre Sticheleien gegen Falschgläubige nicht zu Ende. Der Staat müsste endlich seine Komplizenschaft mit der Kirche lockern und säkulare Einrichtungen für alle Bürger schaffen, wo dies notwendig ist. Die Kirchen sollten sich als Vereine organisieren und sich wie jeder Verein hauptsächlich von Mitgliedsbeiträgen finanzieren. Dann können sie tatsächlich sagen: Mitbestimmen und mitsingen darf, wer im Verein ist und Beitrag zahlt!

Erstveröffentlichung: rolandfakler.de

Kommentare (9)

Kay Krause (nicht überprüft)

Mo. 11 Dez 2017 - 13:04

Dieses Verbot für zukünftige freigeistige Trauerfeiern in besagter Kapellehätten die daran interessierten Herrschaften leicht vermeiden können, indem sie beizeiten derKirche ein paar hundert Euro gespendet hätten! für Geld ist von den Katholen im Grunde alles zu haben. Nicht nur der Teufel würde seine Großmuttermit Aussicht auf guten Profit verkaufen!Und noch eine Frage sei gestattet:Was haben die katholische Kirche und Jesus gemein?

@Kay
Aufwachen! Jesus ist eine literarische Figur - eine Personifikation des Lebens und der Natur. Jesus ist eine Handpuppe der Theologen. Die Jesusfigur kann man wiederum einteilen in Christus (Gesalbter -> Machthaber/Theologen) und das Lamm Gottes (die Glaubenden, welche man geistig tötet - die Opferlämmer).

Roland Fakler (nicht überprüft)

Di. 12 Dez 2017 - 14:27

Antwort auf von Thomas B. Reichert (nicht überprüft)

„Jesus ist eine literarische Figur“. Das ist eine Theorie. Meine Theorie – und ich habe mich sehr viel mit dieser Figur beschäftigt – wäre, dass über die reale Figur eines jungen Rebellen und Reformers, der am Kreuz gestorben ist, die damals herrschenden Ideen vom kommenden Messias von den Evangelisten (die die hebräische Bibel kannten) und von Paulus (der die griechischen Mythen kannte) gelegt wurden. Paulus suchte eine Rechtfertigung für den eigentlich sinnlosen Tod Jesu am Kreuz. Er kannte die Mythen von griechischen Göttern, wie Dionysos, Asklepios, Herakles, die leiden und sterben und auferstehen mussten, um durch ihr Leid die Menschheit zu erlösen und als Jude wusste er, wie wichtig ein Blutopfer ist, um Sünden zu tilgen.
Warum ist Jesus für mich auch eine geschichtliche Figur? Es gibt einige Punkte, die man einem glänzenden Helden nie andichten würde, die ich aber bei vielen realen geschichtlichen Figuren finde: z.B. dass er abgelehnt wurde, sogar von seiner Familie; dass er Ängste hatte (Todesangst), vor allem, dass er ein Tauziehen mit seinen Mitmenschen ausgelöst hat.
(Ganz typisch für eine reale Figur, aber untypisch für eine erfundene). Ein junger Mann weiß, dass alle auf den Messias warten, er greift das auf, glaubt, dass er das ist, bekommt dadurch einen Lebenssinn und einen grenzenlosen Größenwahn. Das Volk bejubelt ihn zwar anfangs, weil es immer einen Messias sucht, aber letztlich lässt es ihn fallen und er wird von den Herrschenden niedergemacht. So ist das Leben. Das ist Wirklichkeit und der wahre Kern der Jesusgeschichte.
Selbstverständlich werde ich weiterforschen und mir andere Theorien anschauen. Letztlich suche ich die Wahrheit nicht den Glauben.

"Selbstverständlich werde ich weiterforschen und mir andere Theorien anschauen. Letztlich suche ich die Wahrheit nicht den Glauben."

Dazu möchte ich auf das Buch "Jesus, Römer, Christentum" von Roland Weber hinweisen. Darin stellt er eine bedenkenswerte These zur Entstehung der Figur "Jesus" vor.

@Bernd Kammermmeier Danke für den Hinweis! Ich nehme aber an, dass die Theorie von Herrn Weber mit dieser identisch ist, die ich kenne.
https://www.youtube.com/watch?v=HS0WSEuousE&t=5s
Leider ist sie für mich nicht besonders überzeugend. Ich schau sie mir aber nochmal näher an. Das beste und überzeugendste, was ich bisher gelesen habe, ist Karlheinz Deschner.
„Abermals krähte der Hahn.“

Newin, das ist es nicht.
Ich empfehle Ihnen ebenfalls "Jesus, Römer, Christentum" von Roland Weber zu lesen.
Ist gut geschrieben und nimmt einen weniger widersprüchlichen Standpunkt ein. In Kenntnis dieser Hypothese hätte Tertullian möglicherweise nicht seufzen müssen: Credo quia absurdum ...

Für Nichtkirchenmitglieder wurde selbstverständlich Raummiete erhoben.
Jeder, der sich intensiver mit der Geschichte dieser Kirche beschäftigt, kommt ins Stauen, wie wichtig ihr Macht und irdische Güter sind und wie nebensächlich Ethik, wissenschaftliche Erkenntnis, Gerechtigkeit, Staatstheorie, der ökologische Zustand der Erde, mit einem Satz: das irdische Glück für die Schäfchen ist. Es ist scheißegal! Je mehr sie leiden, desto näher stehen sie Jesus und desto mehr nützen sie der Kirche.

Maren (nicht überprüft)

Di. 12 Dez 2017 - 16:20

Ein sehr lesenswerter Artikel, der die nicht immer nachvollziehbaren Dogmen der Kirche aufzeigt.
Es leuchtet mir trotzdem nicht ein, warum sich jemand entscheidet aus der Kirche auszutreten, dann aber doch einen ihrer Räume nutzen will… Ich finde das inkonsequent. Anstatt sich nur über die Missstände zu beschweren und auszutreten, sollte man sich als Gläubiger entweder für eine bessere Zukunft der Kirche einsetzen, um so ihrem zunehmend schlechter werdenden Ruf entgegenzuwirken (schließlich besteht die Kirche "vor Ort" weniger aus Bischöfen und Hierarchien, als vielmehr aus ehrenamtlich engagierten Damen und Herren für vielerlei wohlwollende Zwecke) oder man tritt eben aus und verzichtet dann auch auf besagte Räumlichkeiten... Gläubig hin oder her.

@ Maren. Das Leben ist komplizierter als man denkt. Sobald man mit Menschen zusammenlebt, muss man Kompromisse machen. Das Glauben ist noch komplizierter, weil es keinen erkennbaren festen Punkt gibt. Oft ist es eben so, dass man nicht selbst über die Art und Weise des Abschieds entscheiden kann, sondern dass diese Entscheidung von Angehörigen getroffen wird, die hier in der Gegend meist konservativ christlich geprägt sind. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Gerade deswegen sollte die Kirche über das Grab hinweg, als Dienst am Menschen, im Sinne einer Friedensbotschaft eine „Versöhnungfeier“ für gläubige und ungläubige Angehörige mit einem von der Familie gewählten Trauerredner zulassen.
Man denke nur an den ungläubigen Nietzsche, der nach seinem Tod von seiner christlichen und faschistoiden Schwester vereinnahmt wurde. Sie hat ihn in der Familiengruft - Vater war Pfarrer - an der Kirchenmauer mit allen christlichen Ehren beerdigt, vermutlich hat er sich gleich darauf im Grab umgedreht.
Oft geht es hier nicht um Atheisten, wie ich im Artikel geschrieben habe, sondern um Christen, die sich der kath. Kirche aus begreiflichen Gründen entfremdet haben.

Natürlich sehe ich auch das anerkennenswerte Engagement und die Opferbereitschaft der Kirchenmitglieder, aber die Kirche, vor allem die katholische, ist nun mal eine totalitäre Hierarchie. Wenn die Frauen dort mehr Rechte wollen, müssen sie sich wehren. Ohne Kritik, bleibt alles, wie’s ist….Dabei hätten die Frauen heute die Macht, den ganzen Laden auf den Kopf zu stellen….wenn sie nur wollten oder die nötige revolutionäre Gesinnung hätten, aber genau die hat ja die christliche Erziehung verhindert.

Unterstützen Sie uns auf Steady!

Mehr lesen über:

Verwandte Artikel