Der heilige Sonntag – und die Angst vor offenen Geschäften

Die Bundesregierung will das Arbeitsrecht flexibilisieren und denkt auch über längere Ladensöffnungszeiten an Sonn- und Feiertagen nach. Kaum war das Vorhaben bekannt, meldeten sich die Kirchen zu Wort. Für sie gehört der Sonntag weiterhin zu den letzten Bastionen christlich geprägter Gesellschaftspolitik.

Geschlossenes Geschäft

Die Bundesregierung möchte den Arbeitsmarkt und die Konjunktur deutlich beleben. Aus diesem Grund haben die Koalitionsspitzen in ihrem "Programm für Aufschwung und Beschäftigung" zahlreiche Maßnahmen vereinbart, so beispielsweise eine Erhöhung des steuerlich begünstigten Sonn- und Feiertagszuschlags oder die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung. "Wir beginnen die Fesseln zu lösen, die unser System auch den Unternehmen auflegt", verkündete Bundeskanzler und CDU-Chef Friedrich Merz stolz.

Je nach politischer Verortung lassen sich die Maßnahmen begrüßen oder kritisieren. Aber sobald das Thema verlängerte Öffnungszeiten im Raum steht, erfolgt der umgehende Aufschrei der Kirchen, die den Untergang des Abendlandes herannahen sehen. So auch jetzt: Die evangelische Kirche sowie christliche Abgeordnete warnten vor einer Flexibilisierung der Ladenöffnungszeiten und betonten, der "freie Sonntag sei für die Gesellschaft als Ganzes wertvoll, unabhängig davon, ob ein Mensch an Gott glaubt oder nicht“.

Doppelstandards: Warum Shopping tabu sein soll

Während in anderen “christlichen“ Ländern wie Großbritannien, Frankreich und Spanien am Sonntag sogar Supermärkte geöffnet haben, herrscht in deutschen Fußgängerzonen die sonntägliche Ödnis. FDP-Chef Wolfgang Kubicki bringt es auf den Punkt: ”Eine echte Flexibilisierung wäre dringend notwendig. Wer Läden zwangsweise geschlossen halten will, darf sich nicht über sterbende Innenstädte beschweren.“

In dieselbe Richtung argumentierte am gestrigen Dienstag der Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), Peter Adrian. Er bezeichnete das geltende Ladenschlussgesetz als “Relikt der Vergangenheit“ und regte sogar eine Änderung des Grundgesetzes an, um dauerhaft verkaufsoffene Sonntage zu ermöglichen. Das Bundesverfassungsgericht hatte sich 2009 noch auf die Weimarer Reichsverfassung berufen, die dem Sonntag eine besondere Bedeutung für die ”seelische Erhebung“ zuschrieb – eine Formulierung, die heute wie ein Echo aus einer anderen Zeit wirkt. Angesichts eines Onlinehandels, der Einkäufe rund um die Uhr ermöglicht, erscheint ein starres Ladenschlussrecht vielen als Anachronismus.

Keine einheitlichen Regelungen wegen Föderalismus

Der Bundestag entscheidet über die Sonntagsarbeitszeiten, die Bundesländer regeln die Ladenöffnungszeiten. Aus diesem Grund gibt es in Deutschland keine einheitlichen Regelungen. Der von der CSU geführte Freistaat Bayern hat besonders strikte Regeln. So darf man beispielsweise in München nach 20 Uhr nicht einmal einen Liter Milch im Supermarkt kaufen (an Tankstellen hingegen schon). Und selbst als die bayerische Regierung 2025 sogenannten Smart Stores, die in der Nacht und sonntags ohne Personal auskommen, den Verkauf erlaubte, protestierte ein Bündnis aus kirchlichen Verbänden und Gewerkschaften. Die Allianz für den freien Sonntag war der Ansicht, dass das Gesetz zu viele Ausnahmen enthalte, die den Sonntagsschutz unterlaufen, und strebte eine Popularklage vor dem Verfassungsgerichtshof des Freistaats an.

Während Restaurants, Cafés, Museen, Kinos, Freizeitparks und Tankstellen selbstverständlich auch sonntags geöffnet sein dürfen, gilt für Buchhandlungen, Bekleidungsgeschäfte oder Supermärkte weiterhin ein nahezu sakrosanktes Verbot − außer, sie befinden sich in einem Bahnhof oder Flughafen. Warum ausgerechnet der Einkauf als Bedrohung für den Sonntag gelten soll, erschließt sich immer weniger. In einer säkularen Gesellschaft sollte nicht die Kirche darüber entscheiden, wie Menschen ihren freien Tag verbringen.

Gerade deshalb wäre Friedrich Merz gefordert, das Thema konsequent anzugehen. Wenn die Bundesregierung tatsächlich "die Fesseln lösen“ und neue Impulse für Wirtschaft und Innenstädte setzen will, sollte sie sich nicht aus Rücksicht auf kirchliche Befindlichkeiten mit halbherzigen Reformen begnügen. Ein modernes Ladenschlussrecht würde niemanden zum Sonntagsverkauf verpflichten, stattdessen würde es Händlern und Kunden die Freiheit geben, selbst zu entscheiden.

Kommentare

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Klartext

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.

Ralf Nestmeyer

Der Autor ist Historiker und Schriftsteller (zu seiner Website geht es hier). Er hat zahlreiche Reiseführer, Sachbücher und Krimis geschrieben und gehört zu den Gründungsmitgliedern von PEN Berlin.

Weitere Artikel des Autoren
Unterstützen Sie uns auf Steady!

Mehr lesen über:

Verwandte Artikel