Ein heimatloser Linker und Philosoph, revolutionärer Humanist

Leo Kofler

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* 26. April 1907 in Chocimierz (Ost-Galizien, heute: Ukraine); Δ 29. Juli 1995 in Köln
österreichisch-deutscher Philosoph;
auch unter den Pseudonymen Stanislaw Warynski oder Jules Dévérité bekannt.

 

Leo Kofler ist einer der weniger bekannten marxistischen Sozialphilosophen in der Bundesrepublik Deutschland. Er hatte eine eigene Interpretation des Marxismus, bei der er Soziologie, Geschichte, Ästhetik und Anthropologie miteinander verband. Seit Mitte der 1950er Jahre entwarf er seine Konzeption eines sozialistischen Humanismus.

1907 wurde er als Sohn eines assimilierten jüdischen Grundbesitzers im österreich-ungarischen Ostgalizien geboren. Im I. Weltkrieg flohen die Koflers nach Wien. Nachdem er die Volks-, Bürger- und Handelsschule besucht hatte, arbeitete Kofler bis zur Weltwirtschaftskrise als Angestellter und wurde danach arbeitslos. 1927 trat er in die Sozialistische Angestelltenjugend ein und betätigte sich als Referent der sozialistischen Wiener Bildungszentrale. Er studierte Gesellschaftswissenschaften beim Austromarxisten Max Adler. Diese spezifische Erfahrung einer ausgesprochen homogenen und umfassenden Arbeiterkultur und der dazu gehörenden linken Sozialdemokratie, sowie die Adlersche Betonung idealistischer Momente im Marxismus haben Kofler nachhaltig geprägt. Auf der Flucht vor den Nazis wurde er 1938 gefasst und kam in ein Arbeitslager.

1947 ging Kofler voller Hoffnungen auf einen demokratisierten und entbürokratisierten deutschen Sozialismus in die Sowjetische Besatzungszone. Im folgenden Jahr habilitierte er sich an der Universität Halle. Schon bald geriet Kofler mit seinem antibürokratischen Marxismusverständnis in Konflikt mit den sich etablierenden Stalinisten. Nach einer öffentlicher Kritik wurde er Anfang 1950 beurlaubt. Er verließ daraufhin die SED und wurde zum ideologischen Feind und „Trotzkisten" erklärt.

Nach Berufsverbot und Verhaftungsdrohungen floh er Ende 1950 über Westberlin nach Köln. Da er als Marxist damals in der Bundesrepublik keine Chance auf eine Professur hatte, engagierte er sich vor allem in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit. Als Ergebnis der gewerkschaftlichen und sozialistischen Bildungsarbeit veröffentlichte er eine Reihe von Schulungsheften zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft und zu seiner Konzeption eines sozialistischen Humanismus.

In mehreren Schriften untersuchte und kritisierte er zu Beginn der 1950er Jahre die stalinistische Bürokratie. Auf der anderen Seite betrachtete er die vermeintlich 'nivellierte Mittelstandgesellschaft', auch weiterhin als eine repressive Klassengesellschaft und übte heftige Kritik an Theorie und Praxis der Sozialdemokratie. Er blieb mehr der reformkommunistischen Tradition treu und verstand sich trotz aller Kritik auch weiterhin als organischen Teil der Arbeiterbewegung, als revolutionären Humanisten. Erst 1972 erhielt er eine soziologische Honorarprofessur an der Universität Bochum, die er bis 1991 inne hatte.