Das Erstarken der AfD bedroht die Freiheit von Forschung und Lehre – das zeigte die bundesweite Aktionswoche "Wissenschaft gegen Faschismus". Doch wer Menschenrechte und die Offene Gesellschaft verteidigen will, darf auf dem linken Auge nicht blind sein.
Die Umfragewerte der AfD steigen weiter. Mit 27 Prozent bundesweit baut die Partei ihre Position als stärkste Kraft aus. In Sachsen-Anhalt, wo im September Landtagswahlen anstehen, kommt sie sogar auf 42 Prozent. Vor diesem Hintergrund fand vom 1. bis 7. Juni die Aktionswoche "Wissenschaft gegen Faschismus – Verantwortung der Wissenschaft in Zeiten faschistischer Gefahr" statt – mit mehr als 120 Veranstaltungen an über 70 Hochschulstandorten bundesweit.
Den Höhepunkt bildete eine Podiumsdiskussion an der Berliner Humboldt-Universität mit prominenten Akteuren: Rahel Jaeggi, Professorin für Praktische Philosophie, Rechts- und Sozialphilosophie an der Humboldt-Universität, die Integrationsforscherin Prof. Naika Foroutan (Direktorin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung), der Jurist Maximilian Steinbeis (Verfassungsblog) sowie Kaja Schwab vom Bündnis Studis gegen Rechts. Moderiert wurde die Debatte von der Aktivistin Margarita Tsomou. Die Diskussion offenbarte Warnsignale für die Wissenschaftsfreiheit in Deutschland, gleichwohl legte sie auch einige intellektuelle Verengungen frei.
Wie real die Gefahr für die akademische Freiheit durch das Erstarken autoritärer Kräfte ist, zeigte Schwab anhand von konkreten Beispielen. So ist im aktuellen "Regierungsprogramm" der AfD für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September die Rede vom Aus ganzer Forschungszweige. Disziplinen wie die Gender Studies sollen schlicht abgewickelt werden, während man im Gegenzug einen Lehrstuhl für Bevölkerungswissenschaften plant – um die Gründe für den Geburtenrückgang bei den Deutschen zu erforschen.
Der Jurist Maximilian Steinbeis untersucht mit seinem "Thüringen-Projekt" wie autoritäre Kräfte das Rechtssystem von innen heraus kapern können. Er warnte vor einem trügerischen Vertrauen in die Institutionen: In Deutschland herrsche der Glaube, dass das Rechtssystem uns automatisch schütze, so Steinbeis. Doch das Recht lasse sich auch missbrauchen. Sein Appell: Den Kampf strategisch vor die Gerichte tragen, ohne sich jedoch auf einen garantierten Ausgang zu verlassen.
Schwierige Begriffsbestimmung
Aber was ist das überhaupt, Faschismus? Die Begriffsbestimmung erwies sich in der Diskussionsrunde als umstritten. So betonte auch Rahel Jaeggi die Notwendigkeit einer zeitgemäßen Faschismusanalyse. Schon heute seien wir Zeugen von schleichenden "Faschisierungsprozessen", von Diskursverschiebungen ins Autoritäre.
Und warum ist die AfD so erfolgreich? Auch bei dieser Frage herrschte auf dem Podium weitgehend Ratlosigkeit – dies sei ein "offenes Forschungsfeld". Jaeggi argumentierte, der Faschismus sei kein Gegenspieler der liberalen Demokratie, sondern gerade ein Produkt der liberalen Mitte – die ihn durch Entsolidarisierung und soziale Kälte fördere. Naika Foroutan verwies auf die andauernde Debatte in der Soziologie, ob der Rechtsruck strukturell oder kulturell bedingt sei – schließlich sei er auch in ökonomisch stabilen Regionen festzustellen.
Debattenkritik
So alarmierend die Analyse der autoritären Bedrohung auch war, zeigte sie dennoch auch ihre blinden Flecken: Während zu Recht vor dem christlich-abendländischen Kulturnationalismus in der AfD gewarnt wurde, blieben andere Formen autoritären Denkens unerwähnt. Die Abkehr von Aufklärung, Wissenschaft und Menschenrechten wird auch von religiösen Fundamentalisten betrieben – ein Phänomen, das breitere Betrachtung verdient, gerade in der akademischen Forschung. So registrieren Beobachter ein Erstarken des Politischen Islam, der mit ganz ähnlichen Narrativen in Deutschland Anhänger gewinnt. Der AfD-Politiker Maximilian Krah versuchte das Verschmelzen beider Welten, indem er mit traditionellen Familienwerten und Geschlechterrollen bei türkischstämmigen Wählern auf Stimmenfang ging.
Eine stärkere Differenzierung hätte die Debatte auch hinsichtlich eines anderen Themas aufgewertet, des Palästina-Konflikts. Wenn Naika Foroutan wohlwollend bemerkt, dass die Bewegung Fridays for Future fließend in "palästinasolidarische Proteste" übergegangen sei, blendet sie die zunehmenden Fälle von antisemitischer Gewalt aus, die die Hochschulen nach dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 und der militärischen Reaktion Israels verzeichnen. "Antisemitismus an Universitäten kann sowohl vom muslimischen Milieu als auch dem linken oder rechten Spektrum ausgehen", heißt es dazu in einem Bericht des WDR-Magazins "Westpol".
Über das akademische Milieu hinaus
Die Botschaft des Podiums war so prägnant wie alarmierend: Wenn es nicht gelinge, der sozialen Kälte wirksame Proteste entgegenzusetzen, drohe die AfD bald das Kanzleramt zu erobern. Vor diesem Hintergrund ist es nur folgerichtig, dass Kaya Schwab eine solidarische Alternative und Debattenräume fordert, die über das akademische Milieu hinausgehen.
Will Wissenschaft jedoch, wie Rahel Jaeggi betont, ein echter gesellschaftlicher Reflexionsraum sein, darf sie auf dem linken Auge nicht blind sein. Der Kampf gegen autoritäre Kräfte bleibt nur dann glaubwürdig, wenn er sich auf die universellen Prinzipien der Menschenrechte besinnt – und sich nicht mit den autoritären Dynamiken des Fundamentalismus gemein macht.






16 Kommentare
Kommentar hinzufügen
Netiquette für Kommentare
Die Redaktion behält sich das Recht vor, Kommentare vor der Veröffentlichung zu prüfen und über die Freischaltung zu entscheiden.
Kommentare
H. Lambert am Permanenter Link
Ich möchte der Schlussfolgerung von Frau Hüsgens ausdrücklich zustimmen. Heute ist die Gefahr der linken Blickverengung viel größer als die der rechten.
Der Plakattext ist ein Witz: Grade die Art der an der Humbolduni, uam, vermittelten Bildung ist der Wegbereiter für eine sozialistische Diktatur!
Peter Friedrich am Permanenter Link
Frau Hüsgens zeigt auf, wie sich der deutsche Rechtsextremismus der AfD mit rechtsextremistisch-islamistischen Ausprägungen zusammen tut.
Stefan Fleischer am Permanenter Link
Hier würde ich zur Vorsicht raten. Die Linke hat keine Blickverengung, vielmehr eine Blickerweiterung.
Und noch schlimmer: Sie bedienen damit die rechte Panik-Mache einer drohenden sozialistischen Diktatur, sobald mal staatlich in Auswüchse des Kapitalismus eingegriffen werden soll. Das bedient der neoliberale und wirtschaftslibertäre Flügel der AfD auch!
Wenn der Sozialstaat weiterhin aber einer sein soll, werden wir um sowas nicht drum herum kommen. Und ja, dass kann auch heißen, dass enteignet wird! Natürlich nicht der Tischler und der Bäcker, sondern die ganz Großen! Und genau für die macht die AfD eben auch ihre Politik!
Helmut Lambert am Permanenter Link
Aber Herr Fleischer, Sie wollen einem alten, früheren Marxisten was von dessen Qualitäten erzählen! :-).
adam sedgwick am Permanenter Link
Ein Blick in den neuesten Diercke Schulatlas zeigt in einer Karte Deutschlands den Anteil an Ausländern und in einer zweiten Karte das Wahlverhalten.
Nun zur AfD: Allerdings liegt genau auf der Linie des Verhaltens autoritärer, autokratischer und faschistoider Parteien und Regierungen, nämlich die Bekämpfung der Presse-, Meinungs- und Kunstfreiheit! Diese Freiheiten wurden im Regime von Orban, und werden weiterhin von autokratischen Systemen wie den USA unter Trump, vielen arabischen Ländern, aber auch Russland und Belaruss eingeschränkt oder ganz aufgehoben. Klar, bei einer umfassenden Freiheit des Geistes müssten sich die Regierenden ständig rechtfertigen, aber hätten sie überhaupt überzeugende Argumente? Nein, natürlich nicht! Deswegen forcieren sie diese Einschränkungen, mangels überzeugender Argumente!
Wie man den gefährlichen Zuwachs an AfD Wählern einschränkt oder gar deutlich aufhält ist noch kein funktionierendes Rezept der bürgerlichen Parteien bekannt geworden. So wie sie sich bisher verhalten, klappt es nicht. Ich denke, man muss nicht ständig betonen wie stark die AfD geworden ist. Bessere Werbung gibt es ja nicht. Am besten, man redet gar nicht mehr über sie, sondern macht einfach solide politische Arbeit wie die drei Dinge: Errichten bezahlbarer Wohnungen, bezahlbare Wohnungen und noch mal bezahlbare Wohnungen, dann ein funktionierender ÖPNV! Funktionierende Bildung wäre auch nicht schlecht, natürlich eine perspektivische Umwelt- besser Mitwelt-Politik! Das reicht erst einmal!
Carsten Ramsel am Permanenter Link
> Muss man das verstehen?
In der Sozialpsychologie gibt es die Theorie, ganz einig ist sich die Forschung da nicht, dass besonders jene Menschen als fremd und bedrohlich wahrgenommen werden, die man nicht kennt. Befragungen zeigen zudem, dass der Anteil der Ausländer in den östlichen Bundesländern häufig überschätzt wird. Zuletzt könnte man prüfen, ob autoritäres Denken in Ostdeutschland verbreiteter ist als in Westdeutschland.
Stefan Fleischer am Permanenter Link
Dem kann man nur zustimmen!
Die Liste der Widersprüchlichkeiten in der AfD ließe sich jedenfalls fortsetzen: z.B. heteronormatives Familienbild + Biodeutschentum predigen, aber eine queere Parteichefin haben. MdB Kay Gottschalk fährt E-Auto und hat eine Solaranlage auf dem Dach, die Behauptung "was gegen die da oben machen" aber in echt doch nur Politik für Reiche...
Den Wähler:innen ist das aber alles egal. Wahrhaftigkeit, Rationalität und Faktizität spielen da keine Rolle mehr.
Um es mal ganz platt zu sagen, man hört in linken Kreisen ja oft, dass auf den Kapitalismus der Faschismus folge... Und das scheint sich hier auch zu bestätigen. Und so lange CDU/CSU/SPD nicht gewillt sind, regulatorisch in die Wirtschaft einzugreifen und weiterhin der Neoliberalismus das Denken bestimmt, wird das alles auch nicht besser.
Und wenn's richtig eskaliert, geh ich auch als Akademiker Steine schmeißen. Ich sitze lieber in einer AfD-BRD im Knast, als meinen Kindern erklären zu müssen, warum wir nichts getan haben.
G.B. am Permanenter Link
Wehret den Anfängen! daß in Deutschland noch einmal eine Nationalistische Partei derartig
nach dem Motto, wenn es dem Esel zu gut geht, begibt er sich aufs Eis, die Demokratie muß doch irgendwie kaputt gemacht werden, danach ist dann wieder Heulen und Zähneklappern angesagt und niemand hätte das gewußt, das es derartig ausgeht.
Das sagt ihnen ein 81. Jähriger der die Folgen der Nationalisten noch am eigenen Leib zu spüren bekommen hat.
Es gibt m.E. keine besser Staatsform als eine Demokratische, leider werden diese Länder
immer weniger, auch das "gelobte Land" USA stürzt immer weiter ab in eine Despotische
und Finanzgesteuerte Kriegsmacht unter D.T.
Jochen Sieck am Permanenter Link
Ich glaube mittlerweile, der Satz "Wehret den Anfängen" hat auch einigen Schaden angerichtet.
Außerdem glaube ich erkannt zu haben: wir haben ein Stück weit verlernt, Demokratie und offene Gesellschaft argumentativ zu verteidigen, statt mit moralischen Floskeln. Es gibt gute und sachliche Gründe, warum dieser Gesellschaftsentwurf besser ist als der Autoritarismus: Wohlstand, Gleichberechtigung und persönliche Freiheit. Die Populisten wollen über Empörung emotionalisieren und die Debatte in den Sumpf gefühlter Wahrheiten zerren. Da dürfen wir nicht mitspielen! Mit der moralischen Abwertung Andersdenkender tun wir aber genau das - und spielen damit ungewollt den Populisten in die Hände, indem wir die wichtigste Debatte unserer Zeit selbst emotionalisieren! Wir Humanisten sollten einen kühlen Kopf bewahren und ruhig sowohl die Vorteile unserer offenen Gesellschaft rezitieren als auch die Lügen und falschen Argumente der Autoritaristen zu zerlegen. Dann verhindern wir zumindest eine weitere Emotionalisierung der Diskussion.
Mutant77 am Permanenter Link
Faschismus ist die Überhöhung der eigenen Ideologie und Ausgrenzung aller anderen.
Statt die Debatte auf Extremismus zu lenken, sollte man wieder beginnen verschiedene Sichtweisen und Lebensvorstellungen zu akzeptieren und für jeden eine lebenswerte Umgebung zu schaffen. Dieser Popanz, das das was man nicht gut findet bekämpft und verhindert werden muss, ist mit Sicherheit nicht die Lösung.
H. Lambert am Permanenter Link
Die "Überhöhung der eigenen Ideologie und die Ausgrenzung aller anderen" ist nicht nur Grundlage des Faschismus! Auch von Kommunusmus, Sozialismus, Castrismus, Rote Kmaerismus... Schon vergessen?
Mutant am Permanenter Link
Wieso sollte ich etwas vergessen, wovon ich nicht gesprochen habe?
Mutant am Permanenter Link
Im übrigen sehe ich das nicht so. Aber ich habe auch bemerkt das Menschen die sich für Sozialisten halten, heute eine zum Teil faschistische Attitude haben.
Roland Fakler am Permanenter Link
Sehr schöner und treffender Schlusssatz: "Der Kampf gegen autoritäre Kräfte bleibt nur dann glaubwürdig, wenn er sich auf die universellen Prinzipien der Menschenrechte besinnt – und sich nicht mit den autoritär
G.B. am Permanenter Link
Nein Roland ist auch keine Lösung, Du hast recht, aber warum wird dann in der BRD die AfD immer stärker? was ist los mit der Vernunft in Deutschland?
Roland Fakler am Permanenter Link
Lieber Gerhard, die AFD wird vor allem deswegen immer stärker, weil die Regierung die anstehenden Probleme nicht lösen kann, vor allem Migration und Wohnungsprobleme.