Aktivistin im Gespräch mit einer 11. Klasse über Hijab und Feminismus
Aus einem hpd-Artikel wurde eine Schulstunde: Nachdem Naz Jiyan, Sprecherin von Free Iran Now, im Beitrag über die Miss-Germany-Finalistin mit Hijab die Normalisierung der Verschleierung aus der Perspektive einer Iranerin kritisiert hatte, lud eine Lehrerin eines Kasseler Gymnasiums sie kürzlich zu einem Webtalk mit ihrer 11. Klasse ein. Aus ihrer Biografie heraus sprach Jiyan mit den Schülerinnen und Schülern über den Hijab als Instrument sozialer Kontrolle und die Bedeutung eines universalistischen Feminismus. Der hpd dokumentiert die Einleitung von Naz Jiyan. Daraus entwickelte sich eine respektvolle Debatte.
Guten Morgen zusammen.
Ich freue mich sehr, heute in diesem Online-Meeting bei euch zu sein. Auch wenn wir uns nur über den Bildschirm sehen, bedeutet es mir viel, heute virtuell in Kassel zu Gast zu sein, um mit euch über zwei Themen zu sprechen: den Hijab und Feminismus.
Ich werde heute nicht aus einem Lehrbuch zu euch sprechen. Alles, was ich euch erzähle, basiert auf meiner eigenen Geschichte. Ich bin im Iran geboren und aufgewachsen – einem Land, das ich zutiefst liebe, das mich aber aufgrund seines Systems dazu gezwungen hat, alles zurückzulassen.Für mich war der Hijab schon immer ein Symbol der Unterdrückung. Schon als junges Mädchen war ich strikt dagegen. Es erschien mir unlogisch und zutiefst unfair. Warum sollte ich – oder irgendeine andere Frau – gezwungen werden, sich zu verhüllen, nur um angeblich andere vor ihren eigenen Blicken oder Gedanken zu schützen? Entscheidend war jedoch der Zwang. Wenn einem etwas aufgezwungen wird, verändert das alles. Ich habe es gehasst.
Mit 16 Jahren begann ich meine erste Freiwilligenarbeit. Ich engagierte mich in einer NGO, die mit afghanischen Geflüchteten arbeitete. Viele der Kinder mussten arbeiten und konnten deshalb keine Schule besuchen. Wir organisierten Unterricht, brachten ihnen Lesen, Schreiben, Mathematik und Computerkenntnisse bei. Unser Ziel war es, ihnen eine Perspektive außerhalb dieses Kreislaufs aus Armut und Kinderarbeit zu eröffnen.
Dort begann ich zu verstehen, dass Feminismus für mich nicht nur eine Theorie ist, sondern praktisches Handeln bedeutet.
Später studierte ich Ingenieurwesen – nicht aus Leidenschaft, sondern weil dieser Weg von außen an mich herangetragen wurde. Parallel arbeitete ich weiter für verschiedene NGOs.
Eine Organisation unterstützte suchtkranke Frauen auf ihrem Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben. In sogenannten Safe Houses fanden sie einen sicheren Schlafplatz, warme Mahlzeiten und Unterstützung bei der Jobsuche.
Ein anderes Projekt führte mich zu Sexarbeiterinnen. Sexarbeit ist im Iran verboten, ebenso Schwangerschaftsabbrüche. Dadurch entstand ein Schwarzmarkt für ungewollte Kinder. Wenn Frauen ihre Babys nicht behalten konnten, wurden diese häufig verkauft. Unsere Aufgabe war es, die Frauen davon zu überzeugen, die Kinder stattdessen in unsere Obhut zu geben. So konnten wir sie schützen. Betreut wurden die Babys von sorgfältig ausgewählten obdachlosen Frauen, die dafür Unterkunft, Verpflegung und eine neue Perspektive erhielten. Ein System, das zwei besonders verletzlichen Gruppen gleichzeitig half.
Während dieser Jahre wurde meine Ablehnung des Hijabs immer stärker. Der Hijab ist für mich nicht nur ein Stück Stoff. Er ist ein Instrument der Kontrolle. Es geht nicht nur darum, was Frauen tragen, sondern darum, wie sie denken, auftreten und in der Gesellschaft existieren dürfen.
Ich begann, mich zu wehren. Immer häufiger ließ ich meinen Schal um den Hals fallen, anstatt meine Haare zu bedecken. Dafür wurde ich dreimal verhaftet und kam jeweils nur gegen Kaution frei.
Doch die Repressionen im Iran verschärften sich. Schließlich protestierte ich offen für meine grundlegenden Menschenrechte. Ich wollte nichts weiter, als als Frau in meinem eigenen Land frei leben können.
Nach einer weiteren Festnahme kam ich in Untersuchungshaft. Ich erlebte Schläge und psychologische Folter. Spätestens da wurde mir klar, dass ich im Iran nicht mehr sicher war. Ich musste meine Heimat verlassen.
Mein Weg führte mich zunächst nach Italien. Dort studierte ich Internationales Recht und Global Governance – endlich das Fach, das meiner eigentlichen Leidenschaft entsprach.
Später kam ich nach Deutschland, nach Kassel. Zunächst arbeitete ich in einer Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete und als Dolmetscherin. Ich wusste aus eigener Erfahrung, was Flucht bedeutet.
Heute arbeite ich seit vier Jahren bei der Welthungerhilfe als Safeguarding Expert. Meine Aufgabe ist es, besonders schutzbedürftige Erwachsene und Kinder vor Missbrauch und Ausbeutung zu schützen.
Mein Weg – vom Widerstand gegen den Hijab im Iran über die Arbeit mit Straßenkindern, suchtkranken Frauen und Sexarbeiterinnen bis zu meiner heutigen Tätigkeit in Deutschland – hat mir eines gezeigt: Feminismus ist kein westliches Konzept. Feminismus ist der universelle Kampf um das Recht, über den eigenen Körper, das eigene Leben und die eigene Zukunft selbst bestimmen zu können.
Vielen Dank, dass ihr mir zugehört habt. Ich freue mich auf eure Fragen.
Auf diese persönliche Einführung folgte eine intensive Diskussion. Zunächst wollten die Schülerinnen und Schüler mehr über Naz Jiyans Arbeit im Iran und ihre Verhaftungen erfahren. Anschließend verlagerte sich das Gespräch auf die grundsätzliche Frage, ob Frauen unter dem Label des Feminismus ausgebeutet werden können – und welche Rolle der Hijab in diesem Zusammenhang spielt. Die Offenheit der Klasse und das Engagement der Lehrerin zeigen, wie gewinnbringend der direkte Austausch über kontroverse Themen sein kann.