Miss Germany-Kandidatinnen mit Hijab

Hier wird der Schleier romantisiert, gegen den Frauen im Iran kämpfen

kopftuch_hijab.jpg

Symbolbild
Symbolbild

Im Finale des Miss Germany-Awards standen am Samstag zwei Frauen mit Kopftuch. Der Wettbewerb versteht sich längst nicht mehr als reiner Schönheitscontest, sondern will Frauen "empowern", die eine Vorbildfunktion einnehmen. Der Knackpunkt: Das mediale Hochstilisieren der Kandidatinnen mit Hijab glorifiziert eine Praxis, gegen die Frauen im Iran unter Lebensgefahr protestieren. Für iranische Frauen und säkulare Migrantinnen in Deutschland ist das "ein Schlag ins Gesicht", sagt eine Sprecherin der Initiative Free Iran Now gegenüber dem hpd.

Um eines vorwegzunehmen: Die beiden Finalistinnen mit Hijab, Büsra Sayed und Amina Ben Bouzid, sind dem Autor nicht bekannt. Beide sind volljährig und mündig. Es ist ihr gutes Recht, ein Kopftuch zu tragen und damit bei einem Casting anzutreten. Ebenso liegt es in der Freiheit eines privatwirtschaftlichen Events, seiner Jury und am Ende auch den mitvotierenden Zuschauern, sich für Kandidatinnen mit Kopftuch zu entscheiden – oder eben dagegen. Unter die Top 3 haben es Sayed und Ben Bouzid nicht geschafft. Gewonnen hat Rose Mondy, eine Streamerin, die sich in der Männerdomäne des Streamens durchgesetzt und noch dazu einen Fluchthintergrund hat.

Thematisiert gehört jedoch, dass das Kopftuch niemals nur eine private Funktion hat, sondern sich immer auch im Verhältnis zu anderen Frauen und der Gesellschaft artikuliert. Verstärkt wird die Signalwirkung der Verschleierung, wenn sie zum Akt des Empowerments hochgejazzt wird. Damit verliert der Hijab der Kandidatinnen endgültig seinen behaupteten "privaten" Charakter.

"Sichtbarkeit" von Frauen mit Kopftuch erhöhen

Aber von vorne: Am vergangenen Samstag standen insgesamt neun Frauen im Finale der diesjährigen Wahl zur Miss Germany. Darunter eben auch Büsra Sayed und Amina Ben Bouzid – zwei Kandidatinnen mit traditioneller islamischer Verschleierung. Die Jury entscheidet laut eigener Aussage nicht mehr nur nach Schönheitskriterien. Stattdessen will der Award Frauen auszeichnen, die "Verantwortung übernehmen".

Der Verdienst der beiden "Hijabis", wie es oft verniedlichend heißt, was bereits ein Symptom der Relativierung der Verhüllungspraxis ist: Büsra Sayed ist Gründerin eines Modelabels, das Kopftücher für nahezu jeden Anlass vertreibt und die "Sichtbarkeit" von Frauen mit traditioneller Verschleierung erhöhen will. Sie trat als Nachwuchstalent in der Kategorie "Female Founder" an. Amina Ben Bouzid unterstützt beruflich von Frauen geführte Marken in ihren Wachstumsprozessen. Sie kandidierte in der Kategorie "Female Leader". Neben Sayed und Ben Bouzid oder der Gewinnerin Rose Mondy standen im Finale etwa auch eine Biologin und eine Pressesprecherin der Bundeswehr. Die neun Finalistinnen hatten sich zuvor gegen rund 2.600 Bewerberinnen durchgesetzt.

Der Anspruch von Miss Germany ist also kein modischer mehr, sondern ein kultureller, ja politischer: "Wir geben Frauen eine Plattform für ihre wichtigen Themen, die sie vorantreiben wollen. Wir setzen uns dafür ein, kulturelle Relevanz zu schaffen und gleichzeitig nachhaltige, zukunftsweisende Projekte zu fördern. Unser Antrieb ist, weibliche Vorbilder zu kreieren, um Empathie für eine Welt in Balance zu fördern", heißt es auf der Website der Veranstalter. Untermalt wird der Contest mit – wie könnte es anders sein – dem Claim "Empowerment".

Indes klingt die Motivation der Hijab-Kandidatinnen so: Es sei an der Zeit für "neue Vorbilder, die vielleicht anders aussehen", so Büsra Sayed gegenüber dem NDR. Und: Man wolle erste Schritte gehen für "Mädchen, die sich mit uns identifizieren" und später "in unsere Fußstapfen treten können", sagt Amina Ben Bouzid gegenüber der Welt. Außerdem sei ihre Kandidatur eine Form der Auflehnung gegen erfahrenen "Alltagsrassismus", wie im NDR erklärt wird. Nun schlügen ihnen wegen ihres Antretens mit Kopftuch neue Wellen der Kritik entgegen, erklärt Büsra Sayed gegenüber der Welt. Sobald Frauen in die "Sichtbarkeit gehen", gebe es eben wieder "etwas, das kritisiert wird".

Doch: Ihr Protest gegen Diskriminierung ist selektiv, denn sonst würde er auch die aufgrund ihres Geschlechts entrechteten Iranerinnen einschließen. Ihre feministische Pose bleibt gratismutig.

Kritik ist Anerkennung von Mündigkeit

Zunächst einmal ist es doch gut, dass "etwas" kritisiert wird. Davon lebt eine Demokratie. Kritik ist ein Zeichen des Zusammenlebens. Bei Hass allerdings hört es auf. In diesem Sinne argumentiert auch der Soziologe Aladin El-Mafaalani: Kritik entstehe gerade dort, wo etwas Teil des gesellschaftlichen Alltags geworden ist. Auf das Kopftuch angewandt hieße das: Wir kritisieren den Hijab, weil er Teil der Gesellschaft geworden ist – und gerade weil er Teil der Gesellschaft ist, wird er kritisiert. Das ist letztlich auch eine Anerkennung von Mündigkeit. Ein Signal von Zugehörigkeit der Person – nicht zwangsläufig eine Gutheißung des Kopftuchs als "Teil Deutschlands".

Das Gegenteil also von Rassismus oder Frauenfeindlichkeit. Kandidatinnen mit Kopftuch nicht zu kritisieren, wäre vielmehr ein Rassismus der niedrigen Erwartungen. Wenn Teile der Gesellschaft damit ein Problem haben – laut einer Insa-Umfrage lehnen etwa 51 Prozent der Deutschen das Kopftuch bei Lehrerinnen, also in einer anderen Vorbildfunktion, ab – dann sollte man diese Kritik auch äußern dürfen und sie den Trägerinnen zumuten.

Wir kritisieren den Hijab, weil er Teil der Gesellschaft geworden ist – und gerade weil er Teil der Gesellschaft ist, wird er kritisiert. Das ist letztlich auch eine Anerkennung von Mündigkeit.

Entsetzen: Teheran blutet, Miss Germany idealisiert

Warum aber die Aufregung? Ist das Kopftuch nicht einfach ein "Stück Stoff"? Nein. Fangen wir beim Offensichtlichsten an. Meist sind es doch gerade jene, die das geflügelte Wort Empowerment rufen, die sich gleichzeitig auch gerne der Parole "none of us is free, until all of us are free" bedienen. Blicken wir also in den Iran – dorthin, wo das Kopftuch staatlich erzwungen wird und Jina Mahsa Amini sterben musste, weil sie es angeblich "nicht richtig" trug. Verraten die Empowerment-Rufer nicht ihre eigenen Parolen? Denn: Längst nicht alle sind frei.

Gegenwärtig versuchen die USA und Israel das islamistische Regime im Iran in die Knie zu zwingen. Genauer gesagt führen sie einen Krieg, den nicht sie erklärt haben, sondern die Islamische Republik faktisch seit ihrer Ausrufung 1979 gegen mehrere Feinde zugleich führt: gegen selbstbestimmte Frauen im Inneren, gegen den "kleinen Satan" Israel und den "großen Satan" USA im Äußeren. Um erstere geht es hier.

"Während man hierzulande eine 'Miss Germany' mit Kopftuch als Fortschritt feiert, betreibt das Regime in Teheran einen grausamen Krieg gegen die eigene Bevölkerung – ein Krieg, der bereits über 30.000 Menschen das Leben gekostet hat, die lediglich das System der Geschlechterapartheid beenden wollten", teilte die in Deutschland lebende iranischstämmige Aktivistin Naz Jiyan von der Initiative Free Iran Now dem hpd mit.

Ein Im-Stich-Lassen. Ein Fall in den Rücken. Naz Jiyan untermauert ihr Entsetzen angesichts des Contests: "Hier im Westen wird das Kopftuch zum Diversitäts-Statement verklärt, während Frauen im Iran seit fast 50 Jahren für jedes kleine Recht kämpfen und sterben, das diese Frauen im Westen längst frei genießen." Ohne jede Not also wollte man Frauen mit Kopftuch zur Miss Germany küren – wenngleich nur etwa vier Flugstunden entfernt Frauen für das Nichttragen ermordet werden.

Kopftuch: Praxis zur Kontrolle weiblicher Sexualität – auch hierzulande

Das Kopftuch ist im Iran und überall dort, wo der Politische Islam die Norm bestimmt – also auch in Teilen Deutschlands – ein Instrument der Geschlechterapartheid. Nach fundamentalistischer Lehre sollen Mädchen spätestens ab der Geschlechtsreife eines tragen, um gegenüber der männlichen (heterosexuellen) Bevölkerung möglichst reizarm aufzutreten. Schließlich könnte es sonst zu zina, also zu außerehelichem Sex, kommen.

Warum tragen aber immer Frauen das Kopftuch und nicht etwa die Männer? Weil dem weiblichen Geschlecht die Rolle des "Unreinen" und "Verführerischen" zugeschrieben wird. Männer, so die implizite Annahme, könnten sich nicht selbst kontrollieren. Also wird diese Verantwortung den Frauen aufgebürdet.

Das Kopftuch ist ein tiefer Einschnitt. Einmal angelegt, soll es nicht wieder abgelegt werden – sonst drohen erhebliche Sanktionen. Es greift in die Entfaltungsfreiheit ein, besonders bei Kindern auch in die Entwicklungsfreiheit. Bewahrt werden sollen Sittsamkeit und die "Ehre" der Familie, die, wie ein orientalisches Sprichwort besagt, "zwischen den Beinen der Frauen liegt".

In diesen Dienst stellt sich auch das Motto der Hijab-Marke der Kandidatin Büsra Sayed, das da lautet: "Designed to make your modest life easier." (zu deutsch: "Entwickelt, um Ihnen Ihr bescheidenes (im Sinne von: zurückhaltendes) Leben zu erleichtern.")

Kurzum: Das Kopftuch ist kein gewöhnlicher Kopfschmuck, sondern ein Werkzeug repressiver Sexualität und sexueller Repression.

Die Sache mit der Freiwilligkeit

Das Kopftuch obendrein als Empowerment zu feiern, verkehrt den Begriff des "Empowerments" in sein Gegenteil. Ursprünglich bedeutete Empowerment Selbstermächtigung, also Befreiung von den Zwängen der identitären Community, nicht deren Glorifizierung.

Wahrscheinlich würden die Kandidatinnen, würde man sie fragen, behaupten, die Entscheidung für ihren Hijab sei freiwillig oder gar Ausdruck ihrer Freiheit gewesen. Das mit der "Freiwilligkeit" allerdings ist so eine Sache. Zum einen existieren zahlreiche Berichte über Jungen und bereits verschleierte Mädchen, die an Schulen als eine Art "Moralpolizei" auftreten und unverschleierte Mädchen dazu drängen, ebenfalls ein Kopftuch zu tragen. Zum anderen hören wir immer wieder von Gewalt in der Erziehung oder in der Ehe, mit der Frauen gezwungen werden, ein Kopftuch zu tragen. Maryam H., eine 34-jährige Afghanin aus Berlin, und Raghad Kabawa, eine 29-jährige Syrerin aus Osnabrück, wurden beide Opfer eines sogenannten Ehrenmordes – unter anderem, weil sie ihr Kopftuch abgelegt hatten, um nur zwei Schicksale hier beispielhaft aufzuführen.

Verraten die Empowerment-Rufer nicht ihre eigenen Parolen? (...) Ursprünglich bedeutete Empowerment Selbstermächtigung, also Befreiung von den Zwängen der identitären Community, nicht deren Glorifizierung.

Doch die Macht-Techniken zur Durchsetzung des Kopftuchs können auch subtiler sein: Mit dem Kopftuch geht häufig einen Statusgewinn innerhalb orthodoxer muslimischer Communitys einher. "Bedeckte" Frauen gelten als besonders ehrbar, während unbedeckte Frauen als niederen Ranges wahrgenommen werden. Zugleich kann damit die Zugehörigkeit zu einem Mann gekennzeichnet werden – als Zeichen besonderer Treue, teilweise auch der Unterordnung.

Soll heißen: Wenn Mädchen in muslimischen Communitys beobachten, dass verschleierte Frauen privilegiert werden, kann allein daraus ein erheblicher sozialer Druck entstehen, sich – ganz ohne offene Gewaltandrohung – für das Kopftuch zu "entscheiden". Diese "Entscheidung" mag formal frei erscheinen, doch wer sich gegen ein Kopftuch entscheidet, wird oft benachteiligt. In einem derart unfreien System kann von wirklicher Freiwilligkeit nicht die Rede sein.

Der neue Chic im Westen besteht nun sogar darin, den Hijab wahlweise als Empowerment oder gar als Feminismus zu re-branden. Empowerment – in welchem Sinne denn? Im Sinne von Sichtbarkeit, sagen zumindest die Kandidatinnen. Doch Hand aufs Herz: Haben Sie den Eindruck, das Kopftuch sei in Deutschland unsichtbar?

Und als Feminismus – wie genau ist das gemeint? Oft wird argumentiert, der Hijab sei die Antithese zum männlichen Blick in westlich-kapitalistischen Gesellschaften, der den Frauenkörper zum Schönheits- oder Sexualobjekt deklariert. Der feministische Widerspruch liege demnach in der Entscheidung zur Bescheidenheit. Blöd nur, dass diese Bescheidenheit die Reaktion auf eine Annahme der fundamentalistischen Sexualmoral des Islam ist: nämlich, dass der unbedeckte Frauenkörper Unruhe, sogenannte fitna, stiften könnte. Wer diese Logik übernimmt, übernimmt damit auch ihre Prämisse und geht damit dem islamischen Patriarchat auf den Leim.

In Deutschland sollte es Frauen selbstverständlich erlaubt sein, sich frei für oder gegen das Tragen eines Kopftuchs zu entscheiden – ausgenommen Frauen in neutralen staatlichen Funktionen. Davon sind wir jedoch, wie erläutert, meilenweit entfernt. Sollte sich eine der Kandidatinnen tatsächlich – ohne Nachteile oder Bevorzugungen – freiwillig für das Kopftuch entschieden haben, beteuert Naz Jiyan von Free Iran Now gegenüber dem hpd, "Dann ist diese Freiheit kein Verdienst der Religion, sondern das Ergebnis westlicher Werte wie Demokratie und Meinungsvielfalt. Im 'echten' Islam – im Iran, in Afghanistan oder im Sudan – bleibt die Frau ein rechtloses Objekt zweiter Klasse."

Die Sache mit der Repräsentation

Letztendlich maßten sich Jury und Kandidatinnen des Miss-Germany-Wettbewerbs an, Kopftuchträgerinnen könnten 42 Millionen Menschen in Deutschland repräsentieren. Dabei stellt sich die Frage, wie viele Frauen in Deutschland sich tatsächlich von einer Kopftuchträgerin repräsentiert fühlen würden. Angesichts der hohen gesellschaftlichen Skepsis gegenüber dem Islam dürften das nicht besonders viele sein. Andererseits öffnet Kandidatin Büsra Sayed dieses Fass selbst, wenn sie der Welt gegenüber anmerkt, dass "Deutschsein" schließlich nicht von einer Kopfbedeckung oder Frisur abhänge.

Natürlich gehören Kopftücher inzwischen zur Realität in Deutschland. Ob sie jedoch auch repräsentativ für Deutschland im Geiste der Werte des Grundgesetzes sind, darf durchaus zur Diskussion gestellt werden. Das "System Kopftuch" steht jedenfalls – mit seiner Konditionierung weiblicher Sexualität und der damit verbundenen Schlechterstellung der Frau – in deutlichem Konflikt zur Gleichberechtigung der Geschlechter. Wenn zudem unverschleierte Frauen in patriarchalen muslimischen Communities verächtlich gemacht werden, widerspricht das auch fundamental der Religionsfreiheit.

Gleichsam problematisch wäre eine Miss Germany im Hijab auch aus einem anderen Grund: Sie nimmt – ähnlich wie etwa eine Lehrerin mit Kopftuch – eine Orientierungsfunktion für junge Mädchen ein. Genau diese Rolle wurde mit dem Award ja ausdrücklich angestrebt. Die Imamin und Frauenrechtlerin Seyran Ateş bemerkte im Podcast based., dass sich junge, unverschleierte Mädchen in der verstärkten Gegenwart verschleierter Frauen, zu denen sie aufschauen könnten, durchaus oft eingeschüchtert fühlten. Die signalisierte Scham könne sich auf sie übertragen. Infolgedessen könnten die Mädchen das Gefühl entwickeln, "schlampig" und weniger wert zu sein.

Darüber hinaus bemerkt Naz Jiyan von Free Iran Now, dass eine Nominierung von Frauen mit Hijab zur Miss Germany ein "Schlag ins Gesicht für jede Zuwanderin ist, die die Geschlechterapartheid hinter sich lassen wollte".

Der Miss Germany-Award mit Kopftuchträgerinnen als Finalistinnen verstärkt schließlich auch einen ohnehin wachsenden gesellschaftlichen Vertrauensverlust. Dieser betrifft gerade diejenigen, die wir eigentlich gewinnen müssten: säkulare Migranten ebenso wie Teile der Mehrheitsgesellschaft, die eine Normalisierung des Politischen Islam ablehnen. Die einen könnten wir verlieren, weil sie sich nicht mehr als Teil einer Gesellschaft fühlen, die sich eigentlich als liberal präsentiert. Die anderen könnten wir an die AfD verlieren, da Rechtsaußen ein Monopol auf "Islamkritik" bilden will.

Unterstützen Sie uns bei Steady!