Wie die Evangelikalen Brasiliens Politik mitbestimmen

Glaube, Macht und Bolsonaros Erbe

Es war eine herbe Niederlage, als Brasiliens Nationalmannschaft – immerhin fünffacher Weltmeister – nach dem 2:1 gegen Norwegen bereits im Achtelfinale aus der Fußball-Weltmeisterschaft ausschied. Die Debatten in den sozialen Medien werfen ein Schlaglicht auf die politischen und religiösen Debatten im größten Land Südamerikas.

"Cristo Redentor"
Die monumentale Christusstatue in Rio de Janeiro überragt die Stadt.

“Brasilien war besser, als seine Spieler noch Schürzenjäger, Trunkenbolde und leicht außer Form waren. Mit anderen Worten: als sie sich wie Katholiken verhielten.“ Dieser Tweet ging nach dem Spiel auf der Plattform X viral, veröffentlicht von einem Account namens ”Institute for Hispano Studies“. Die “evangelikale Sterilisierung“, hieß es darin weiter, habe die Luft aus Brasiliens Fußball gelassen, den Samba zerstört und ihm das Charisma geraubt. Überhaupt gehöre das evangelikale Christentum nicht nach Brasilien.

Die Diskussion wirft ein Schlaglicht darauf, wie fundamental sich die Religionslandschaft Brasiliens in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Laut seiner Verfassung ein säkularer Staat, ist Brasilien das Land mit der größten katholischen Bevölkerung weltweit. Doch die Dominanz der katholischen Kirche bröckelt kontinuierlich. Während sich 1991 bei einer landesweiten Befragung noch 82,9 Prozent der Brasilianer zum katholischen Glauben bekannten, waren es 2022 lediglich 56,7 Prozent. Dies ergaben Erhebungen des Brasilianischen Instituts für Geografie und Statistik (IBGE). Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil der Evangelikalen in der Bevölkerung von 9 auf 26,9 Prozent um fast das Dreifache an.

Während der katholische Glaube unter den Älteren dominiert – mehr als 65 Prozent der über 60-Jährigen bekennen sich zum Katholizismus –, gibt es unter den Jüngeren überdurchschnittlich viele Evangelikale. Bei den 15- bis 19-Jährigen sind es 28,9 Prozent, bei den 10- bis 14-Jährigen sogar 31,6 Prozent. Immerhin 9,3 Prozent gaben an, keiner Konfession anzugehören, laut IBGE ein neuer Höchststand.

Über konfessionsfreie Spieler in Brasiliens Fußballnationalmannschaft ist nichts bekannt. Von den 26 Kickern kennt man 20 als evangelikale Christen, andere geben sich öffentlich als Katholiken zu erkennen – solche Bekenntnisse haben in der Vergangenheit gewiss zur Gewinnung von neuen Gläubigen beigetragen. Nach dem WM-Aus ist es in dieser Hinsicht jedoch ruhig geworden.

Kinderprediger, Dämonenaustreibung und Zungenreden

Indes rühren andere Akteure die missionarische Werbetrommel. Zum Beispiel Kinderprediger wie die 9-jährige Ester Souza. Die Tochter einer Predigerfamilie im Bundesstaat São Paulo hat Millionen Anhänger in den Sozialen Medien. Sie alle kennen die Geschichte ihrer schweren Nierenerkrankung und der Rettung durch eine Transplantation – viele glauben: ein Wunder. In solch einem Umfeld gehören auch die angebliche Austreibung von Dämonen und das sogenannte Zungenreden zu den etablierten Praktiken.

Der Erfolg evangelikaler Gemeinden hat auch ganz pragmatische Ursachen: Als in den 1970er und 80er Jahren Millionen von Menschen aus armen, ländlichen Regionen in die Großstädte kamen, positionierten sich die evangelikalen Gemeinden als neue soziale Heimat – in der freilich drakonische Regeln herrschen. Die Missionierung durch US-amerikanische Gruppen trug entscheidend zur Verbreitung des Glaubens bei. 

Ein religiöses Umfeld, das ein traditionelles Familienbild mit strengen Geschlechterrollen vertritt, Homosexualität ablehnt und Schwangerschaftsabbrüche verdammt – das ist auch politisch anschlussfähig. So wurden die Evangelikalen zu Verbündeten des rechtspopulistischen Präsidenten Jair Messias Bolsonaro von der konservativen Partei Partido Liberal (PL), der das Land zwischen 2018 und 2022 regierte. Seinen zweiten Vornamen trägt er nicht von ungefähr: 2016 ließ sich Bolsonaro durch einen evangelikalen Geistlichen im Jordan taufen. Damit markierte er seinen Übertritt vom katholischen zum evangelikalen Glauben, wohl ein wesentlicher Faktor für seinen späteren Wahlerfolg, wie die brasilianische Sozialanthropologin Lilia Katri Moritz Schwarcz sagt.

Obwohl Bolsonaro die Wahl 2022 knapp gegen den Kandidaten Luiz Inácio Lula da Silva von der linksgerichteten Partido dos Trabalhadores verlor, bleibt seine Bewegung eine treibende Kraft. Bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen im Oktober kann Jair Bolsonaro selbst allerdings nicht mehr antreten – er sitzt wegen eines versuchten Staatsstreichs in Haft. Doch hat er seinen Sohn, Flávio Bolsonaro offiziell als politischen Erben und Präsidentschaftskandidaten der PL nominiert. 

Im Wahlkampf verfolgt Flavio Bolsonaro das Ziel, zwischenzeitliche Umfrageverluste bei der evangelikalen Wählerschaft wettzumachen und gleichzeitig auch Wähler aus anderen Konfessionen anzusprechen. Sein Slogan: “Vai com fé“, also ”Geh mit Zuversicht“ – manche würden wohl auch sagen: "Geh mit Glauben“.

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Inge Hüsgen

Die Autorin ist die Chefredakteurin des "Skeptiker", der Vierteljahreszeitschrift der GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften) sowie Redakteurin beim Humanistischen Pressedienst.

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