Rezension
„Rückverwilderung” gegen die moderne Welt
Eine Bildungswissenschaftlerin aus Cambridge stellt zentrale Errungenschaften der Moderne − von Rationalität und empirischer Wahrheit bis zu Humanismus und Universalismus − grundlegend infrage. Ein Blick auf ein Buch, das zeigt, wie die Ablehnung der Moderne ausgerechnet im progressiven Bildungsdiskurs in bemerkenswerte Nähe zu Denkmustern geraten kann, die man sonst aus ganz anderen politischen Lagern kennt.
Foto: Ahmad Odeh via Unsplash Unsplash License
Im Streit der Skeptikerbewegung um „Wokeness” und „Anti-woke”, die ultimativ zur Spaltung führte (der hpd berichtete hier und hier) hielt der Philosoph Andreas Edmüller am 21. Oktober 2023 einen Vortrag bei der langen Nacht der Wissenschaften in Nürnberg. Darin ging es unter anderem um die Frage, ob das „WOKE-Phänomen” einen „Frontalangriff auf die Werte von Wissenschaft und Aufklärung” darstelle. In ihrem neuen Buch „Rewilding Education“, die „Rückverwilderung der Bildung“, der im anerkannten Wissenschaftsverlag Routledge erschienen ist, beschreibt Hilary Cremin, Head of Faculty of Education in Cambridge, ihre Vorstellungen bezüglich Erziehung und Epistemologien (ways of knowing) der westlichen Moderne und beantwortet damit die Frage von Edmüller. Ob man das als „Woke-Phänomen“ bezeichnen möchte, sei dahingestellt, aber der eine oder die andere sollte gegenüber Edmüller vielleicht ein Wort der Entschuldigung verlieren.
Beginnend mit der Einleitung beschreibt Cremin die westliche Moderne als eine Krisenerzählung und reiht sich damit in die Reihe der Stimmen ein, die wir sonst aus der radikalen Rechten kennen. Das Bildungssystem wird dort im ersten Kapitel beschuldigt, „die schlimmsten Auswüchse der Moderne und des Denkens der Aufklärung“ zu reproduzieren. Unter anderem, weil Epistemologien, welche „körperliche Wahrnehmung und Empfindung einbeziehen“, ebenso wichtig seien wie der Intellekt und im aktuellen Bildungssystem vernachlässigt würden. Später wird im Buch auch ausdrücklich erklärt, was diese ways of knowing seien: zum Beispiel Ausdruckstanz. Nun ist an Ausdruckstanz nichts auszusetzen, es ist jedoch kein Weg des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns und zu behaupten, dass diese Form des Erkenntnisgewinns, die „das Herz ebenso wie den Verstand anspricht“, mehr in Einklang mit den Methoden des „Globalen Südens” stehe als Vernunft und Rationalität, grenzt nicht nur an Rassismus.
Was Cremin unter dieser Moderne versteht, die sie ablehnt, lässt sie uns auch wissen. Es ist „die europäische Aufklärung des 18. Jahrhunderts”, in der es darum ging, „Religion und Aberglauben durch Wissenschaft, Rationalität und Vernunft zu ersetzen”. Entsprechend argumentiert sie, dass „die Vorherrschaft von Moderne, Kapitalismus, Humanismus und empirischer Wahrheit eingeschränkt werden muss”. Wobei Humanismus für Cremin „im Sinne der Aufklärung verstanden [wird], also als Würdigung der Errungenschaften des Menschen“, welche sie selbst mit „Demokratie, Gerechtigkeit, Vernunft” gleichsetzt. Demokratie, Gerechtigkeit und Vernunft sind also einzuschränken? Klingt ganz nach einem „Frontalangriff auf die Werte von Wissenschaft und Aufklärung”.
In der Herleitung ihrer Thesen stützt sich Cremin auf die bekannten Denker der „Philosophie der Postmoderne” (ihre Beschreibung). Explizit genannt werden Jean-François Lyotard und Michel Foucault. Es dürfen aber auch Referenzen zur „postkolonialen Theorie” (ebenfalls ihre Beschreibung) nicht fehlen. Explizit genannt wird hier unter anderem Gayatri Chakravorty Spivak. Entsprechend versteht Cremin Wahrheit und Wissen auch nicht als objektiv und allgemeingültig, sondern als abhängig von Macht und Einfluss, woraus sie ableitet, dass die „empirische Wahrheit eingeschränkt werden muss”. Dies folgt zwar nicht logischerweise, ist aber der Weg, den Cremin wählt. Ebenso ist nicht klar, wie sie zu der Aussage kommt, dass naturwissenschaftliche (scientific) Ergebnisse „sich oft nicht in die Praxis übertragen” ließen. Insgesamt wirkt es, als wolle Cremin aufgrund durchaus existenter Missstände der real existierenden Moderne das Kinde mit dem Badewasser ausschütten und das gesamte Projekt „Moderne” beerdigen.
Als Empfehlung für die Verbesserung des Bildungssystems sollte das Buch entsprechend eher nicht herhalten. Wer jedoch verstehen will, wie Teile des sich als progressiv verstehenden Bildungsbürgertums des 21. Jahrhunderts über die Romantiker des 19. Jahrhunderts und deren Ablehnung der Moderne, der Vernunft und des Universalismus in Gedankenwelten landen können, mit denen sie an völkische Vorstellungen und an die Ablehnung abstrakter Gleichheitsvorstellungen anschlussfähig sind, wie wir sie aus einem ganz anderen politischen Lager kennen, der wird hier fündig.
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