Interview mit Kaan Göktas

"Beschneidung hat mit dem Islam nichts zu tun"

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Beschneidungskampagne – vor dem Bundeskanzleramt
Beschneidungskampagne - vor dem Bundeskanzleramt

BERLIN. (hpd) Kaan Göktas lebt in Istanbul, ist Journalist und hat sich in den letzten Jahren vertieft mit der religiös begründeten Genitalverstümmelung von Jungen ("Beschneidung") befasst. Bereits im Jahr 2013 ist in der Türkei sein Buch "Oldu da Bitti Masallah" erschienen, mit dem er dazu ermutigen möchte, auf die Beschneidung Minderjähriger in einem islamischen Land zu verzichten. Der hpd sprach mit dem Autoren.

hpd: Herr Göktas, Sie nahmen am 8. und 9. Mai 2015 auch an der Internationalen Konferenz zu genitaler Selbstbestimmung in Frankfurt teil. In der Diskussion unter dem Titel “Myths and Multiple Standards – Mythen und unterschiedliche Maßstäbe” sprachen Sie über Genitalverstümmelung in islamischen Ländern. Warum nahmen Sie an dieser Konferenz teil und welche Erwartungen hatten Sie?

Kaan Göktas: Im Februar 2015 hat ein deutscher Radiosender mit mir ein Interview durchgeführt (Anm.: dieses Interview wurde auf Deutschlandradio Kultur, BR aktuell und Bayern 2 gesendet und ist auch bei youtube zu hören.) Die Veranstalter der Konferenz hörten mein Interview und haben mich eingeladen, was mich auch gefreut hat.

Es gibt zwei Dinge die falsch sind: 1. Beschneidung ist etwas Islamisches und der Islam fordert die Beschneidung, 2. Die Menschen in der Türkei lassen sich beschneiden, weil sie Muslime sind. Das ist beides falsch und muss korrigiert werden

Sie leben und arbeiten in der Türkei. Wie sieht es in der Türkei mit der Beschneidung Minderjähriger aus? Wie hoch ist der Anteil der beschnittenen Jungen?

In der Türkei sind – abgesehen von ca. 50.000 Christen – so gut wie alle Männer beschnitten. Das bedeutet, es gibt 35 Millionen betroffene Männer in der Türkei. Nicht nur sunnitische und schiitische Muslime, sondern auch 13 Millionen Aleviten sind beschnitten. Wegen des gesellschaftlichen Drucks geht man davon aus, dass manche Minderheiten, wie z.B. Jesiden, ihre Kinder ebenfalls beschneiden lassen. Die Beschneidung ist meistens eine große Veranstaltung. Die Kinder sind ca. 5–7 Jahre alt und werden mit Straßenumzügen gefeiert.

Gibt es bei der Beschneidung von Jungen medizinische Standards, die eingehalten werden müssen? Wenn ja, welche?

Dass die Beschneidung unbedingt in einem Krankenhaus stattfinden muss, ist in der Türkei eine sehr neue Entwicklung. Früher gab es Beschneider, die ihren Beruf gewerblich ausübten. Diese sind zu den Familien gegangen und haben dort Beschneidungen zu Hause und unter unhygienischen Verhältnissen ohne Betäubung praktiziert.

Welche Folgen haben die Beschneidungen bei den betroffenen Jungen?

In der Türkei ist besonders das Alter der beschnittenen Jungen in Verbindung mit der besonderen Betonung der Männlichkeit und des Penis problematisch (man sagt: “jetzt bist du endlich ein Mann, Du wirst den Mädchen gefallen”), vor allem in Bezug auf die damit in Verbindung stehenden gesellschaftlichen sexuellen Normen.

Die Kinder werden noch bevor sie ihre sexuelle Identität entwickeln, darauf getrimmt, dass der Penis und Männlichkeit etwas ganz besonderes seien. Wie Sie vermutlich wissen, ist die Quote von Gewalt gegen Frauen und Vergewaltigungen in der Türkei sehr hoch. Ganz zu schweigen vom medizinischen und psychologischen Schaden durch Beschneidungen, über den ich in meinem Buch ebenfalls berichte.

Sie haben 2013 ein Buch veröffentlicht mit dem Titel "Oldu da Bitti Masallah"? Was sind die wichtigsten Aussagen dieses Buches?

Das Buch hat drei Hauptaussagen:

  1. Man darf ohne die Einverständnis eines Kindes seinen Körper und seine Unversehrtheit nicht verletzen.
  2. Beschneidung ist medizinisch gesehen nicht notwendig oder gesund.
  3. Beschneidung gibt es im Islam nicht. Der Prophet Mohammed und die ersten Muslime waren auch nicht beschnitten.

Gibt es in der Türkei eine Debatte, ob Jungenbeschneidungen besser unterbleiben sollten? Wer führt eine solche Debatte und hat sie schon Folgen?

Nach Erscheinen meines Buches haben mich manche Eltern angesprochen und mir mitgeteilt, dass sie mein Buch gelesen haben und sich entschieden haben, ihren Sohn nicht mehr beschneiden zu lassen. In manchen Foren im Internet hat man darüber gesprochen. Aber die Resonanz ist sehr begrenzt. 99 Prozent der Bevölkerung glauben immer noch, dass Beschneidung gesund sei.

Cover

Ist die Jungenbeschneidung religiös oder traditionell motiviert? Oder macht eine solche Unterscheidung gar keinen Sinn? Wie wird das Festhalten an dieser Praxis begründet?

Beschneidung hat mit dem Islam nichts zu tun. Es gibt keinen Eintrag über Beschneidungen im Koran. Ganz im Gegenteil, im Koran steht: “Gott hat den Menschen vollkommen erschaffen und er darf nicht verändert werden.”

Mohammed war nicht beschnitten. Die ersten Gläubigen waren nicht beschnitten. Deren Nachkommen waren nicht beschnitten.

Man glaubt in der Türkei, dass Beschneidung islamisch wäre. In Wirklichkeit ist sie aber eher traditionell begründet. Man glaubt einfach, dass sie gesund sei. Sogar atheistische Eltern lassen ihre Kinder beschneiden, weil sie denken, dass das gesund sei.

Eine Frage noch dazu: wie sieht es generell mit den Rechten von Kindern in der Türkei aus? In Deutschland ist jetzt seit fast 15 Jahren beispielsweise das Schlagen von Kindern und die Ausübung von psychischer Gewalt verboten.

Auch in der türkischen Gesetzgebung ist es verboten, die Kinder zu schlagen und Gewalt ausüben. Aber wenn es um Beschneidung geht, sieht die Praxis anders aus. Wenn ein Kind vor Gericht zieht, weil es Gewalt durch seine Beschneidung erlebt hat, müssten die Eltern und der Arzt wegen Körperverletzung belangt werden.

Sie werden zitiert, dass hinter dem Festhalten an der Beschneidungstradition enorme wirtschaftliche Interessen steckten. Was bedeutet das konkret?

In der Türkei werden Beschneidungen in den privaten Kliniken gegen Bezahlung durchgeführt. Dazu noch die Feierlichkeiten mit allem was dazu gehört: neu gekaufte Klamotten, Geschenke, Mietkosten usw. Das ist ein großer Markt.

Sie wollten mit Ihrem Buch Eltern ermutigen, von Jungenbeschneidungen abzusehen und einen anderen Weg zu gehen. Schlagen Sie lediglich einen völligen Verzicht auf Beschneidungen vor oder empfehlen sie – etwa aus religiösen Gründen – sog. symbolische Beschneidungen? Solche Ansätze existieren beispielsweise im Reformjudentum.

Solange die Menschen volljährig sind können sie mit ihrem Geschlechtsteil machen was sie wollen. Die Gründe dafür können vielfältig sein: religiöse, ästhetische oder andere Gründe. Aber Beschneidung des Kindes ist Gewalt und eine schwere Körperverletzung.

Treffen Sie in der Türkei (die in Westeuropa als ein sich immer stärker islamisierendes Land (Stichworte: Erdogan und AKP) gesehen wird) mit Ihren Aussagen auf Zustimmung? Oder überwiegt Ablehnung?

Die religiöse Front bezichtigt mich, ein Missionar und Spion des Westens zu sein. Als würde ich die Menschen von der Religion abwerben.

Sind Sie wegen Ihrer Äußerungen und wegen Ihres Buches Repressionen von staatlicher Seite oder von Islamisten ausgesetzt?

Fast jeden Tag bekomme ich Bedrohungen, Beschimpfungen und Beleidigungen. Ich habe mich daran gewöhnt.

Herr Göktas, in Deutschland finden religiös begründete Jungenbeschneidungen seitens Muslimen und Juden statt. Immer wieder wurde Kinderrechtlern, die für eine Abschaffung der religiös begründeten Beschneidung an Minderjährigen eintreten, vorgehalten, antisemitisch zu sein. Wegen der deutschen Vergangenheit, wegen des Holocausts, dürften solche Forderungen in Deutschland nicht erhoben werden. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Was hat denn das mit Antisemitismus zu tun? Egal welche Religion mit Gewalt die Geschlechtsorgane des Kindes beschneiden will – man sollte das nicht zulassen.

Es gibt einen Unterschied zwischen der Diskriminierung einer Religion und ihrer Anhänger und der Ablehnung einer falschen Religionsausübung. So wie ich im Islam gegen die Beschneidung bin, bin ich auch gegen die Steinigung, Todesstrafen und Hand abschneiden, wenn man klaut. Das heißt aber nicht, dass ich islamfeindlich bin.

Herr Göktas, vielen Dank für dieses Gespräch.

Die Fragen stellte Walter Otte für den hpd.