Kirchenaustritt wegen geschlechtergerechter Sprache

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Der "Verein Deutsche Sprache" wehrt sich gegen sprachliche Veränderungen, die mehr Geschlechtergerechtigkeit herstellen sollen (Symbolbild).
Symbolbild

Dem Chef des Vereins Deutsche Sprache wird es in der Kirche zu bunt. Er sieht sich gezwungen, gegen Ende des Jahres auszutreten. Aber nicht etwa wegen der vielfachen Fälle von vertuschter sexueller Gewalt gegen Minderjährige, sondern weil einige Kirchen eine geschlechtergerechte Sprache nutzen möchten.

Die Kirchen in Deutschland rühmen sich nicht gerade damit, sonderlich progressiv zu sein. Da reicht ein Blick etwa auf deren Haltungen zur Sterbehilfe, zu Schwangerschaftsabbrüchen oder zur Gleichberechtigung von Mann und Frau. Doch zumindest im Hinblick auf die Vermeidung einer geschlechterungerechten Sprache gibt es in ihren Reihen ein paar Avantgardist:innen, die sich durchaus mit Fingerspitzengefühl gegenüber Benachteiligten und Verständnis für einen sich abzeichnenden Zeitgeist hervortun.

Auch im Bistum Hildesheim hat Bischof Heiner Wilmer vor kurzem eine mehrseitige Handreichung für eine geschlechtersensible Sprache veröffentlicht, in der ähnlich zu entsprechenden universitären Handreichungen das Für und Wider der verschiedenen Formen anhand praktischer Beispiele erläutert wird. Die Doppelnennungen finden dort ebenso Erwähnung wie etwa Neutralisierungen, Umschreibungen, wechselnde Geschlechternennungen oder aber der Genderstern und -doppelpunkt. Generell zielt das Papier auf eine inklusivere Ausdrucksweise in Wort und Schrift sowie in der Bildsprache ab. Darin wird auch auf Webseiten verwiesen, die allgemein von mehr und mehr Menschen genutzt werden, um besser zu gendern.

Dem Gründer und Vorsitzenden des Vereins Deutsche Sprache (VDS), Walter Krämer, war das allerdings zu viel. Die ausbleibenden grundlegenden Reformen und die vielen Kirchenskandale der letzten Jahrzehnte hatten ihn bisher nicht dazu bewogen, dieser Institution den Rücken zu kehren. Doch wegen der beschriebenen Handreichung hegt Krämer nach 72 Jahren Mitgliedschaft nun den Plan, die Kirche zu verlassen. Dazu schrieb er an Bischof Wilmer einen Brief, in welchem er Enttäuschung und Entsetzen über ein "würdeloses Anbiedern an den Zeitgeist" zum Ausdruck brachte.

Massenweise ans Tageslicht kommende und systematisch vertuschte Vergewaltigungen von Minderjährigen sind demnach – dem Handeln von Herrn Krämer gemäß – kein Grund, aus der Kirche auszutreten. Eine geschlechtergerechte Sprache, die für Inklusion steht und diese mit einfachen Mitteln unterstützen kann, hingegen schon.

Der stramme Rechtskurs der Sprachpuristen

An Theatralik und Doppelmoral mangelt es dem VDS generell nicht. Erst vor kurzem hat dieser einen "Aufruf zum Widerstand" gestartet, um die deutsche Sprache vor einem vermeintlich "zerstörerischen Eingriff" zu schützen. Eine geschlechtersensible Anpassung der Sprache möchten diese Gendergegner also gleich als Vernichtung oder Abschaffung umdeuten. Das ist ein von Fake News getriebenes Framing, das sonst eigentlich hauptsächlich von Pegida, AfD und anderen Nationalist:innen bekannt ist. Daher verwundert es auch wenig, dass vornehmlich Wutbürger:innen das Schriftstück aus der Feder von Herrn Krämer und seinen Kolleg:innen unterzeichneten.

Mit einer anderen Aktion namens "Rettet die deutsche Sprache vor dem Duden!" wollte der VDS auf ein angeblich zu übergriffiges Vorgehen des Dudens hinweisen. Dieser hatte es doch glatt gewagt, in seiner Online-Version von vormals rein maskulinen Personenbezeichnungen Abstand zu nehmen und stattdessen weibliche und männliche Formen zu nennen. Aufgrund solcher Vorstöße und wegen der kontinuierlichen Nutzung von Begriffen wie "Genderwahn", "Lügenmedien" und "Überfremdung" verortet etwa die Schriftstellerin Kirsten Boie den Vorsitzenden des VDS im Milieu des Rechtspopulismus.

Walter Krämer, der von sich selbst sagt, keine Zeitung mehr zu lesen, schreibt auch gerne von einer "Unterwerfung der Medien unter eine obrigkeitsstaatliche Einheits-Sichtweise der Dinge". Eine lebendige Sprache, die sich auch von anderen beeinflussen lässt, sieht Krämer als verwerfliche Durchmischung, die es streng abzulehnen gelte. Unter anderem wegen dieser Haltung wird dem VDS von einigen Germanist:innen attestiert, intolerant, unaufgeklärt und sprachpuristisch zu sein, was letztlich auch nationalistische Tendenzen bediene. Im Einklang mit den abstrusen Thesen von ganz rechts außen nennt der VDS die öffentlich-rechtlichen Sender "Erfüllungsgehilfen des angelsächsischen Kulturimperialismus" und warnt vor einer 500 Millionen Menschen umfassenden Masseneinwanderung aus Afrika – für letzteres nutzt er entmenschlichende Begriffe wie "Überschwemmung".

Auffallend ist, dass neben bekannten Rechtspopulist:innen wie Erika Steinbach und Matthias Matussek auch Komiker:innen wie Hape Kerkeling oder Dieter Hallervorden und sogar ganze Städte wie Gotha und Landshut Mitglied im VDS sind und damit – ob gewollt oder ungewollt – zu einer Normalisierung rechter bis hin zu rechtsextremer Ideen beitragen. Umso wichtiger ist es, wie der Juniorprofessor für germanistische Sprachwissenschaft Stefan Hartmann schreibt, über die mindestens rechtspopulistischen Bestrebungen des Vereins und dessen Kooperationen mit antifeministischen Organisationen wie etwa Agens e.V. aufzuklären. Solch ein Verein dürfe ihm zufolge nicht länger als biederer Altherrenverein verharmlost werden, sondern müsse als das benannt werden, was er ist: ein über die Sprache fungierendes Scharnier zu den Neuen Rechten.

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