NS und Kirche 06.11.2012 · Nr. 14288

Demokratie in Aktion


Teilnehmer der Bayerischen Bischofskonferenz 1931 / Foto: Historisches Lexikon Bayerns

(hpd) Mit dem heutigen Tag sind Millionen Amerikaner dazu aufgerufen, einen neuen Präsidenten zu wählen. Obwohl die meisten von uns sich wahrscheinlich eine zweite Amtszeit Obamas wünschen, wäre selbst ein Sieg Romneys immer noch ein Erfolg für die Demokratie, denn auch der beste Präsident wäre schon bald nicht mehr so gut, wenn er völlig ohne Angst, für Fehlentscheidungen vom Wähler abgewählt zu werden, in den Tag hinein regieren könnte.

Auch wenn man die US-Politik sicher in vielen Punkten kritisieren kann, muss man ihr doch zugutehalten, dass sie in über 200 Jahren nie in eine Diktatur abglitt. Wir Deutschen, die zwei Diktaturen miterlebt, miterlitten und leider auch mitgeleitet haben, sollten dies demütig eingestehen.

Heute vor 80 Jahren…

Wir sollten uns auch daran erinnern, dass heute vor 80 Jahren die letzten freien Reichstagswahlen stattfanden, in denen Adolf Hitlers Aufstieg zur Macht hätte verhindert werden können. Die Deutschen mussten fast 17 Jahre warten, bis sie bei den ersten Bundestagswahlen 1949 wieder Demokratie in Aktion erleben konnten.

Der heutige Tag sollte vor allem auch Anlass sein, die Rolle der katholischen Kirche in der Weimarer Republik genauer zu beleuchten. Immer noch behauptet sie von sich selbst, stets klar Stellung gegen den aufziehenden Nationalsozialismus bezogen und sich als Hüterin der Demokratie bewährt zu haben. Zumindest letztere Behauptung ist falsch. Der Münchner Erzbischof Michael Kardinal von Faulhaber erteilte der Demokratie am 27. August 1922 in einer Rede auf dem Deutschen Katholikentag eine Absage:

„Die Revolution war Meineid und Hochverrat, bleibt in der Geschichte erblich belastet und mit dem Kainsmal gezeichnet. Auch wenn der Umsturz ein paar Erfolge brachte, wenn er den Bekennern des katholischen Glaubens den Weg zu höheren Ämtern weit mehr als früher erschloß - ein sittlicher Charakter wertet nicht nach den Erfolgen, eine Untat darf nicht der Erfolge wegen heilig gesprochen werden.“

Dies war nur logisch, denn die katholische Kirche hatte die Demokratie immer erbittert bekämpft. Laut Römerbrief musste die staatliche Ordnung von Gott kommen, ein Prinzip, das die Bischöfe in einer christlichen Monarchie bestätigt sahen. Dass sich das Volk mit der Novemberrevolution selbst zur höchsten Instanz erhob, konnte sie nur irritieren. Auch die Trennung von Kirche und Staat in der Weimarer Republik und der mangelnde Gottesbezug in der Verfassung wurden mit Skepsis betrachtet. Dass die Regierung die Kirche an vielen Orten aus dem Bildungssystem verdrängte und ihr die Schulaufsicht entzog, konnte sie der ersten Demokratie auf deutschem Boden nie verzeihen. Dass sich die Bischöfe überhaupt mit dem Parlamentarismus anfreundeten, lag daran, dass sie mit der katholischen Zentrumspartei ein Vehikel für ihre Klientelpolitik hatten. Der politische Katholizismus wurde diesen Erwartungen nie ganz gerecht, da rein kirchliche Belange vor der katastrophalen wirtschaftlichen Lage im damaligen Deutschland zurückstehen mussten.

Die andere Behauptung stimmt tatsächlich. In ihren Wahlaufrufen sprachen sich die deutschen Oberhirten, die sich in der Fuldaer Bischofskonferenz zusammengefunden hatten, immer gegen die NSDAP (aber auch gegen linke und liberale Parteien) aus. Unter Evangelen schnitt die rechtsextreme Partei etwa doppelt so gut wie unter Katholiken ab. Je höher der katholische Bevölkerungsanteil, desto niedriger das NSDAP-Ergebnis und vice versa. Karten die mal den einen, mal den anderen Faktor bis auf Kreisebene aufschlüsseln, sehen fast wie inverse Bilder aus.

Warum aber lehnte die katholische Kirche den Nationalsozialismus entschieden ab? Eine erste amtliche Stellungnahme bringt nur wenig Erkenntnis. Im Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 19. August 1932, dem letzten Treffen vor der entscheidenden Novemberwahl heißt es:

„Es ist das Gesamturteil des katholischen Klerus und der treu katholischen Vorkämpfer der kirchlichen Interessen im öffentlichen Leben, dass, wenn die Partei die heiß erstrebte Alleinherrschaft in Deutschland erlangt, für die kirchlichen Interessen der Katholiken die dunkelsten Aussichten sich eröffnen.“

Die Bischöfe fürchteten also nicht, dass sich für Deutschland, Europa oder die Juden die „dunkelsten Aussichten“ eröffnen, lediglich die „kirchlichen Interessen“ sahen sie bedroht. Um  aber zu verstehen, warum genau Nationalsozialismus Katholizismus unvereinbar waren, müssen wir uns noch weiter zurückbegeben – bis ins Jahr 1930.

Erst zu diesem Zeitpunkt gelang der NSDAP bei den Reichstagswahlen der Sprung von der unbedeutenden Splitterpartei zu einer politischen Kraft, die die ohnehin fragile Weimarer Parteienordnung noch weiter erschütterte. Tausende Deutsche, darunter auch viele Katholiken, wollten der nationalen Sache dienen und Parteigenossen werden. Ein katholischer Priester fragte beim bischöflichen Ordinariat Mainz an, wie er mit Kirchenmitgliedern umgehen solle, die der NSDAP nahestanden. Dessen Leiter, Generalvikar Philipp Jakob Mayer, verfasste am 30. September eine längere Stellungnahme, die mit folgendem Fazit endete:

„Kann ein Katholik eingeschriebenes Mitglied der Hitlerpartei sein? - Kann ein katholischer Pfarrer gestatten, dass Mitglieder dieser Partei korporativ an kirchlichen Beerdigungen oder sonstigen Veranstaltungen teilnehmen? - Kann ein Katholik, der sich zu den Grundsätzen dieser Partei bekennt, zu den hl. Sakramenten zugelassen werden? Wir müssen dies verneinen.“

In dieser Konsequenz fand der Generalvikar aber nicht nur Zustimmung. Beispielsweise hatte der Regensburger Bischof Michael Buchberger seinen Vorstoß intern als „taktisch unklug und praktisch undurchführbar“ bezeichnet. Keineswegs aber begründete Mayer seine Haltung politisch, für ihn waren nur theologische Überlegungen ausschlaggebend. Er stieß sich vor allem an den Ausführungen des nationalsozialistischen Vordenkers Rudolf Jung, der in seinen Schriften festgehalten hatte:

„Wenn wir von einer deutschen Volkskirche reden, so denken wir dabei an eine Verschmelzung der beiden in deutschen Landen ausgebreiteten Kirchen. Sie müßte im Lossagen vom römischen Zentralismus, dem internationalen Geist und dem Alten Testament, diesen wesentlich jüdischen Dingen, bestehen und das Werk deutscher Priester sein, die ihr Volk lieben und von seinem Geist durchdrungen sind.“

Ein wichtiger Kritikpunkt war also, dass der Nationalsozialismus plante, die katholische Kirche Deutschlands mit der evangelischen zu vereinen und dem päpstlichen Einfluss zu entziehen. Nicht der Papst, sondern ein (noch zu bestimmender) Reichsbischof sollte die Nationalkirche leiten. Die antijüdischen Attacken bemängelte Mayer, da sie den Abschied vom Alten Testament einforderten. Man kann daraus aber keine klare Absage an den Antisemitismus ableiten. Laut Substitutionstheologie waren die Juden Gottes auserwähltes Volk, eben bis zu dem Zeitpunkt, als Jesus zur Erde gesandt wurde, um die Menschheit zu erlösen. Die Juden, die ihn ablehnten und ans Kreuz schlugen, waren fortan verdammt, während die Juden, die ihn anerkannten und das Christentum begründeten, fortan die Auserwähltheit für sich reklamieren durften. Ein Bischof konnte so ohne Probleme die Autorität von alttestamentarischen Personen wie Mose, der die 10 Gebote empfangen hatte, anerkennen, aber schon im nächsten Satz die gegenwärtigen Juden verteufeln.

Mayer bemerkte immerhin, dass die Rassenlehre zu Hass auf andere Völker führen könnte, doch ausschlaggebend waren derartige Warnungen nicht, wie Bischof Buchbergers Beispiel zeigt. Am 29. März 1931 befasste er sich in einem Artikel mit der Judenfrage:

„Nun läßt sich gewiß nicht leugnen, daß eine Schicht des Judentums diesen Kampf und Haß heraufbeschwört, wenn sie einen so übermächtigen und unguten Einfluß ausübt auf das geistige und wirtschaftliche Leben des deutschen Volkes, daß es darunter aufs Schwerste leidet, ja in seiner Existenz bedroht wird. [...] Die Presse, die ununterbrochen das religiöse und sittliche Leben des Volkes unterwühlt, ist zum guten Teil in ihren Händen. Viele jüdische Federn versündigten und versündigen sich bis heute durch eine massenhaft unter das Volk geworfene laxe und seichte antireligiöse und antichristliche Literatur, die an dem sittlichen Mark unseres Volkes, besonders auch unserer Jugend nagt. Mit schamlosem Zynismus bekämpfen jüdische Männer die christliche Sitte.“

In der Beseitigung des Judentums waren Nationalsozialismus und Katholizismus sich einig. Nicht jedoch in der Methode. Hitler bevorzugte Gas, während die Kirche in der Taufe die Endlösung des Judenproblems sah. Buchberger war also tatsächlich kein Rassist,  Antisemit aber sehr wohl. Und auch dass die Rassenlehre die Deutschen als höchstes aller Völker sah, war ein direkter Widerspruch zur katholischen Auffassung, dass jeder Mensch ein Sünder sei und alle gleichermaßen Jesus Christus als Retter benötigen.