Ein Bericht aus Bayern

"Alle Atheistensäue sind Nazisäue"

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Erlangen 1916 (Postkarte): Der Autor der Postkarten scheint die "gute alte Zeit" zurückzusehnen.
Erlangen 1916 (Postkarte)

Seit vergangenem Herbst bekommen zwei Mitglieder des Bundes für Geistesfreiheit (bfg) Erlangen immer wieder Drohnachrichten. Eine Anzeige bei der Polizei blieb folgenlos.

Alles begann am Reformationstag vor einem Jahr. Alexander Jungkunz, Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten, bat neben einem Pfarrer, einem Jesuiten, dem Sprecher einer muslimischen Begegnungsstätte und dem Verantwortlichen einer Luther-Ausstellung auch den Bund für Geistesfreiheit (bfg) Erlangen um eine Stellungnahme zum Lutherjahr. Wolf-Jürgen Aßmus, Mitglied im Vorstand, übernahm dies und prangerte in seinem Beitrag die enorme Summe von 250 Millionen Euro Steuergeld an, die für die Lutherdekade ausgegeben wurde. Außerdem machte er auf die dunklen Seiten des Reformators aufmerksam, seine Verachtung von Frauen, Behinderten, Bauern und vor allem Juden. Aßmus schrieb, dass Luthers "Programm zur Judenvernichtung die Nationalsozialisten 'inspirierte' – mit voller Rückendeckung beider christlicher Kirchen".

Postkarte 1

Kurze Zeit später bekam er eine Postkarte. Darauf zu sehen eine herbstliche, heile-Welt-Ansicht von Fachwerkhäusern und einem Kirchturm. In krassem Widerspruch dazu der mit Füller in Druckbuchstaben handgeschriebene Text auf der Rückseite: An die "Nazisau" Wolf-Jürgen Aßmus adressiert, bezeichnete der unbekannte Verfasser ihn als "Hassprediger und Christenhasser". Außerdem seien "alle Aheistensäue (…) Nazisäue" und umgekehrt. Und: "Atheisten haben die Juden ausgerottet, so wie ja auch Atheisten die Christen ausgerottet haben." – Keine Anrede, kein Absender. Eine Postkarte mit einem ähnlichen, naiven Sommermotiv ging bei den Nachbarn ein. Darauf warnt der Verfasser "nachdrücklich" vor dem Nachbarn "Wolf-Dieter Aßmus" – falscher Name, aber korrekte Hausnummer. Er sei "Atheist und Judenhasser" und würde "am liebsten (…) alle Juden vergasen und verbrennen." Eine dritte Postkarte an Bewohner seiner Straße mit ähnlichem Inhalt war nicht zustellbar.

Erst mal sei er erschrocken, sagt Aßmus, inhaltlich könne man das aber nicht ernst nehmen, der Text sei voll von Widersprüchen. "Das ist einfach so ein Religiot, würde ich sagen", meint er trocken. Geärgert habe er sich trotzdem. Wie immer, wenn er ungerechtfertigterweise angepöbelt werde.

Postkarte 2

Dann passierte erst einmal lange nichts. An Karfreitag dann fand in Erlangen, wie in einigen anderen Städten, eine Heidenspaßparty gegen das Tanzverbot statt. Ein weiteres Mitglied des bfg Erlangen hatte einen Leserbrief zur Berichterstattung in den Erlanger Nachrichten geschrieben, den die Zeitung veröffentlichte. Er verstehe "die klerikale Aufregung" angesichts einer Veranstaltung, die "von außen betrachtet lautlos stattfinden muss", nicht. Er fragte, ob sich die Geistlichkeit daran störe, "dass sich konfessionslose und ungläubige Menschen (Heiden) ungern vorschreiben lassen, was sie an diesem Tag zu tun und zu denken" hätten. Er forderte einen eigenen Feiertag für Konfessionsfreie, "an dem bundesweit der Opfer der Kreuzzüge, der Religionskriege, der Folteropfer der Inquisition und der Missbrauchsopfer auch der jüngeren Zeit" gedacht werden solle. An diesem Tag sollten Kirchen und Moscheen geschlossen bleiben, samt "Gottesdienst-, Orgel-, Läut- und Muezzinverbot, weil gegenteiliges Handeln allzu leicht als Verhöhnung der Opfer interpretiert werden könnte."

Das brachte auch ihm eine Hassbotschaft ein – mit anderem Schriftbild und noch bedrohlicherem Inhalt: "So eine atheistische Drecksau wie dich rottet man aus. Ich weiß ja, wo du wohnst", stand da. Ihn und Aßmus werde der Verfasser "mal besuchen". Zweiterem habe er außerdem ein Messer geschickt, "damit er sich damit die Kehle durchschneiden kann". Diese Drohung sollte sich nicht bewahrheiten: Bei Aßmus kam nach eigener Aussage kein Messer an. Man solle "einen Feiertag einrichten nur für Christen", hieß es in der Drohnachricht weiter, um "der hundert Millionen Christen (zu) gedenken, die von atheistischen Drecksäuen wie dir ermordet wurden". Die Polizei werde ihm wohl kaum helfen.

Drohbrief
Drohbrief

Das sollte sich bewahrheiten: Beide bfg'ler erstatteten Anzeige wegen Beleidigung, übler Nachrede und Bedrohung. Im Frühsommer wurden die Ermittlungen bereits wieder eingestellt, "weil der Täter bisher nicht ermittelt werden konnte."

Der vorerst letzte Akt der Hasskampagne ereignete sich vor gut einem Monat, diesmal allerdings auf ganz andere Art und Weise: Beide bfg-Mitglieder erhielten eine Lieferung Porno-DVDs (unter anderem "Das Kloster der Begierde" und die "Nonnenedition") mit teurem Expressversand und Identitätsprüfungsgebühr. Beide hatten nichts dergleichen bestellt und mussten die Situation der Versandfirma erklären. Sie gehen vom gleichen Absender aus. "In den Augen dieser wahrscheinlich streng religiösen Person war diese Porno-Auswahl sicher sehr gewagt", schmunzelt Wolf-Jürgen Aßmus, der nicht nur im bfg, sondern auch in der Linkspartei Mitglied ist und sich für homosexuelle Menschen und solche mit Parkinson engagiert. Seitdem ist nichts mehr passiert – vorerst.