Schachweltmeisterin Anna Musytschuk will nicht in Saudi-Arabien antreten
Der Sieg des aufrechten Gangs
Screenshot Facebook
Schach-Star Anna Musytschuk will ihre Weltmeistertitel nicht verteidigen. Nicht in Saudi-Arabien, wo Frauen verschleiert sein müssen. Wo sie nicht unbegleitet auf die Straße dürfen. Weltweit wird sie dafür gefeiert.
Anna Musytschuk fährt nicht nach Saudi-Arabien. Die Blitz- und Schnellschach-Weltmeisterin hat entschieden: Sie wird nicht am dortigen Weltturnier teilnehmen, obwohl ihr dadurch mehr Geld entgeht als sagte sie ein Dutzend anderer Turniere ab. Anna Musytschuk wird tatenlos zusehen, wie sie ihre beiden schwer erarbeiteten Titel verliert. Denn sie will keine verhüllende Kleidung tragen. Sie will nicht auf Begleitpersonen angewiesen sein, wenn sie das Hotel verlässt. Sie will sich nicht als eine "Kreatur zweiter Klasse" fühlen.
Anna Musytschuk hat ihre Entscheidung auf Facebook bekannt gegeben. Jetzt ist sie eine Heldin. Über 100.000 Likes hat sie für ihr Posting bekommen, und auch die ermutigenden, ermutigten Kommentare gehen weit in die Zehntausende. Die ukrainische Weltklasse-Schachspielerin hat einen Nerv getroffen. Indem sie dem saudi-arabischen Steinzeitregime (Verzeihung, liebe Leser aus der Steinzeit! Man sagt das heute so) in die Eier trat, hat sie zwei großen, weithin unerfüllten Wünschen unserer Zeit Ausdruck verliehen: Die Selbstachtung müsse dem Primat des Mammons trotzen. Und die Frauen dem religiös verbrämten, ultrasexistischen Patriarchat.
Viel zu oft drängt sich heute ja der Eindruck auf, unsere westlichen Menschenrechtsideale seien zwar schön und gut, würden aber im Zweifelsfall bereitwillig den Wirtschaftsinteressen geopfert: Mit antidemokratischen Gottesstaaten wie Saudi-Arabien kooperiert der Westen gern, aus finanziellen wie geostrategischen Gründen. Eine künftige Fußball-WM feiert vorgeblich den Geist des Sports, von massiver Korruption befeuert, auf dem Rücken von Arbeitssklaven in Katar. Deutschland, Urheber zweier Weltkriege, verdient sich am Waffenexport eine goldene Nase. Und wenn es nur weit genug weg von der Heimat geschieht, können Großkonzerne die Welt in ärmeren Ländern gern nach Belieben zerstören.
Dass Politik und Wirtschaftsinteressen längst auf einer Seite stehen, und zwar nicht der der Bürger, daran hat man sich seufzend gewöhnt. Kopfschüttelnd hat man ebenso zur Kenntnis genommen, dass in Rom nackte Statuen abgehängt werden, wenn der iranische Staatschef zu Besuch kommt. Die Pseudomoral und Heuchelei, die den großen Religionen innewohnen, durften so über den Geist des vorbehaltsfreien Interesses und der Kunstfreiheit triumphieren.
Kritiker monieren jetzt: Während des Turniers habe Saudi-Arabien ja für die Spielerinnen die Bekleidungsvorschriften gelockert. Nur hochgeschlossene Kleidung sei verpflichtend gewesen, nicht etwa die Verschleierung. Was aber nichts an den Tatsachen ändert, an denen Anna Musytschuks aufgeklärter Geist nicht vorbeisehen konnte: Im Gottesstaat Saudi-Arabien sind Frauen nach wie vor das verhüllte Andere, niemals hätte sie sich dort so frei und selbstverständlich bewegen können wie es jedem Menschen gebührt.
Die Sehnsucht war groß nach jemandem, der ein Zeichen setzt: Es gibt sie noch, die Liebe zur Idee der Menschenrechte. Die Selbstachtung, die ohne Geld und ohne Brimborium auskommt. Den durchgestreckten Rücken. Das ist die frohe Botschaft dieser Tage zwischen dem alten und dem neuen Jahr. Kein Papst hat sie herbeigejodelt, kein Bundespräsident heraussalbadert – eine 27jährige Frau hat gezeigt, dass es eine Würde gibt im Menschen, einen Stolz, einen Gerechtigkeitssinn. Eine Frau, die ihre Stellung als zweifache Schachweltmeisterin nicht durch Korruption, Männerbündelei oder religiöses Geschwurbel erreicht haben kann – sondern nur durch Intelligenz, Talent und Fleiß.
Anna Musytschuk hat, finanziell, einen hohen Preis dafür bezahlt. Jetzt wird sie reich beschenkt. Ihre Währung sind Respekt und Bewunderung von Menschen von überallher, die die Haltung von Anna Musytschuk hoffentlich nicht nur mit dem Facebook-Daumen quittieren, sondern selber weiter hinaustragen in die Welt – als Aufrechtgeher, die sich nicht gemein machen mögen mit Diskriminierung und Ismen aller Art, hinter denen doch immer Verdummung, Verunsicherung und Machtgeilheit stecken.
Kommentare (8)
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Den allgegenwärtigen
Den allgegenwärtigen Widerwärtigkeiten der "Religioten" den Kampf anzusagen, ist notwendig und mutig. Dank an Anna Musytschuk ! Wann begreifen diese machtgeilen Religiotie-Fantasten, dass sie mit ihren Ammenmärchen nur Unheil und Zwist verbreiten? Wann endlich siegt die Vernunft über Verdummung, und das ohne Unterschied der religiösen Ausrichtung?
Hach...
Hach...
Vielen Dank für den Artikel Herr Ungerer. Und kommen Sie gut ins neue Jahr!
Schön, dass es solche
Schön, dass es solche Menschen noch gibt. Menschen, die große Zeichen für große Themen (etwa Würde des Menschen, persönliche Freiheitsrechte, Gleichberechtigung der Geschlechter) setzen.
Hochachtung vor der Haltung
Hochachtung vor der Haltung dieser Frau!
Möge der Herr von oben weiter
Möge der Herr von oben weiter solche Frauen auf den rechten Weg schicken.
Macht er nicht? Also muss die Frau wieder alles selber machen! Viel Glück!
Wieso "Stolz"? Ein gewisses
Wieso "Stolz"? Ein gewisses Mindestmaß an Selbstachtung reicht. Und neben der Gewissheit, am Eingang sein Rückgrat nicht abzugeben, ein Eimer mit Seesand (>doppelt geglüht<), um auf den Schleimspuren der Bücklinge nicht auszurutschen...
"Von: Klaus Ungerer"
"Von: Klaus Ungerer"
Ich danke Dir, Klaus Ungerer, endlich mal für Deine klugen und immer wieder erheiternden Beiträge! Bitte mach so weiter!
Ein Nicht-Fan. Aber ein Bewunderer dieser Fähigkeiten.
Es ist wie üblich: Der Fisch
Es ist wie üblich: Der Fisch stinkt vom Kopf her. Und der heißt hier: Kirsan Iljumschinow, der Präsident des FIDE, ein Kalmücke, der nach dem Zusammenbruch der UdSSR auf undurchsichtige Weise sehr schnell reich wurde und in den maroden FIDE viel Geld hineingepumpt.
Solange der Präsident ist, wird sich da nicht viel ändern. Weltschachbundfunktionäre scheinen für monetäre Zuwendungen empfänglich zu sein und für seine dauernde Wiederwahl zu sorgen.