Wenn der Papst erzkonservative Bischöfe exkommuniziert und gleich auch noch feststellt, dass wegen einer unerlaubten Bischofsweihe die ganze Glaubensgemeinschaft der Piusbrüder mit der katholischen Kirche gebrochen hat, dann ist das nicht nur für Gläubige interessant. Auch aus säkularer Außenansicht ist der Vorgang relevant – weil er eine Parallele im Weltlichen hat.
Der katholischen Amtskirche den Rücken zu kehren – für Otto Normalchrist ist das in Deutschland durchaus ein Problem. Wer monatelang vergeblich darauf wartet, um bei den online zugeteilten Kirchenaustritts-Terminen zum Zug zu kommen, kann ein Lied davon singen. Für kirchliche Amtsträger ist der "Austritt" wesentlich einfacher, wie der Fall der katholischen Piusbrüder zeigt: Vier Priester legen sich bäuchlings auf den Boden, lassen sich zu Bischöfen weihen – und zack: sind sie vom Papst aus der katholischen Kirche verbannt. Exkommunikation. Und mehr als das: Aus Vatikan-Sicht hat die gesamte Glaubensgemeinschaft mit der römischen Kirche gebrochen.
Wie die Piusbrüder ticken
Die Piusbrüder sind nicht zum ersten Mal bei der Zentrale in Rom angeeckt. Schon 1975 hatte der Vatikan ihnen die kirchenrechtliche Legitimation entzogen, weil diese sich gegen Modernisierungen in der katholischen Kirche gestellt hatten. Der deutsche Papst Benedikt XVI. war später wieder auf die Piusbrüder zugegangen. Wie diese Gemeinschaft mit rund 700 Priestern und mehreren 100.000 Laien tickt, zeigt eine "Katholische Glaubenserklärung, gerichtet an Papst Leo XIV.", die sie erst kürzlich, am 14. Mai 2026, veröffentlicht hatte.
Hier einige Zitate daraus:
"Es gibt nur einen einzigen Glauben und eine einzige Kirche, durch die wir gerettet werden können. Außerhalb der römisch-katholischen Kirche und ohne das Bekenntnis des von ihr seit jeher gelehrten Glaubens gibt es weder Heil noch Vergebung der Sünden. Folglich muss jeder Mensch Glied der katholischen Kirche sein, um seine Seele zu retten, und es gibt nur eine einzige Taufe als Mittel, um in sie aufgenommen zu werden. Diese Notwendigkeit betrifft die gesamte Menschheit ohne Ausnahme und schließt unterschiedslos Christen, Juden, Muslime, Heiden und Atheisten ein. (...)
Das im Dekalog enthaltene und in der Bergpredigt vollendete Sittengesetz ist das einzige, das zur Erlangung des Seelenheils taugt. Jeder andere Moralkodex – beispielsweise einer, der auf der Achtung der Schöpfung oder auf den Rechten der menschlichen Person beruht – ist völlig unzureichend, um eine Seele zu heiligen und zu retten. Er kann das einzig wahre Sittengesetz in keiner Weise ersetzen. (...)
Die widernatürliche Sünde der Unkeuschheit ist von solcher Schwere, dass sie stets und unter allen Umständen vor Gott nach Strafe schreit und dass sie mit jeder Form wahrer und christlicher Liebe radikal unvereinbar ist. Daher kann eine solche "Lebensweise" unter keinen Umständen als eine Gabe Gottes anerkannt werden. Einem Paar, das dieses Laster praktiziert, muss geholfen werden, sich davon zu befreien, und es darf in keiner Weise – weder formell noch informell – von den Amtsträgern der Kirche gesegnet werden. (...)
Die Unterordnung der Institutionen und Nationen als solchen unter die Autorität unseres Herrn Jesus Christus ist eine unmittelbare Folge der Menschwerdung und der Erlösung. Demzufolge stellt der Laizismus der Institutionen und Nationen eine implizite Leugnung der Gottheit sowie der universellen Königsherrschaft unseres Herrn dar."
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass andere Religionen und Weltanschauungen für die Piusbrüder so wenig zählen wie die von menschlichen Organisationen proklamierten Menschenrechte. Institutionen und Staaten haben sich unterzuordnen. Man könnte es auch so ausdrücken: Der katholische Gottesstaat ist das Ziel.
Die durch die Piusbrüder provozierte Spaltung der Kirche erscheint symptomatisch für die Spaltung unserer heutigen Gesellschaft. In beiden Sphären erleben wir den Zusammenbruch des Pluralismus-Verständnisses. Demokratie wie auch eine weltweite Kirche können aber nur funktionieren, wenn unterschiedliche Strömungen anerkennen, dass man sich auf gemeinsame Spielregeln und einen verhandelbaren Korridor von Grundsätzen einigt. Die Piusbruderschaft spielte da nicht mit. Die Parallele zur politischen Radikalisierung des rechten Randes ist unübersehbar. Besonders der Blick in die USA zeigt, dass der Aufstieg des Rechtspopulismus und die Verhärtung kirchlicher Strukturen keine getrennten Phänomene sind. Man sucht auch in der Kirche das, was Donald Trump in der Politik verspricht: Die Rückkehr zu einer vermeintlich goldenen Vergangenheit.
Auch die Trump-Regierung ist religiös radikal
In der katholischen Kirche scheint es zu gelingen, solcherart radikale Strömungen an den Rand zu drängen. Eben weil da ein absoluter Herrscher in Rom sitzt, der mit seinem "Basta" und seinen weltweit fast 1,5 Milliarden Anhängern im Rücken radikale Strömungen mit einem Machtwort austrocknen kann. Aber in weltlichen Gesellschaften, demokratisch organisierten zumal, sieht es anders aus. Da funktionieren Machtworte nicht so einfach.
Und doch erleben wir in der zweiten Ära Trump jeden Tag, wie zuvor Undenkbares möglich wird. Und dieses Regierungshandeln wird auch noch mit religiöser Rechtfertigung unterlegt, die an Radikalität dem Gedankengut der Piusbrüder kaum nachsteht. Man denke an das "Deus Vult" ("Gott will es"), das sich der US-amerikanische Verteidigungsminister Pete Hegseth, der sich nur noch "Kriegsminister" nennt, auf den Arm tätowieren ließ. Der Schlachtruf aus der Zeit der Kreuzzüge passt heute wieder ganz gut, wenn Hegseth' Chef Donald Trump damit droht, den islamischen Iran in die Steinzeit zurückzubomben.
Da schmeckte es dem Herrscher in Washington so gar nicht, dass sein Landsmann Leo XIV., bürgerlicher Name Robert Francis Prevost, es wagte, Trumps Politik zu kritisieren – von den brutalen Deportationen der Grenzbehörde ICE bis zur militärischen Machtpolitik der USA. Verbal schlug der US-Präsident hart zurück. Und nicht nur das. Er verbreitete auch ein KI-erzeugtes Bild, das die "wahre" Hierarchie demonstrieren sollte. Trump in Jesus-Pose, der mit seiner aufgelegten Hand heilt. Die Botschaft: Trump als Christus – und Leo ist halt nur sein Stellvertreter. Mit dem von ihm gegründeten Friedensrat möchte Trump am liebsten auch noch die Vereinten Nationen ersetzen. Was für die Piusbrüder der ersehnte Gottesstaat ist, ist für Trump die erträumte und von ihm geführte Weltregierung.
Auch Trump-Vize J.D. Vance instrumentalisiert seinen Glauben geschickt. Seine vor ein paar Jahren erfolgte Konversion zum Katholizismus erscheint heute wie ein geschickter Schachzug, um die gut 20 Prozent Katholiken in der US-amerikanischen Bevölkerung anzusprechen – damit diese ins republikanische Lager wechseln. Die von radikalen Predigern aufgepeitschten Evangelikalen sind dort ohnehin schon. Auch Neu-Katholik J.D. Vance erklärte dem Papst im Zusammenhang mit "gerechten Kriegen" die Bibel und deren Auslegung. Und der libertäre Strippenzieher im Hintergrund, Peter Thiel, schwadroniert schon lange vom biblischen Begriff des Katechon – eine geheimnisvolle Kraft, die den Antichristen aufhalten und damit die Apokalypse verhindern soll.
Piusbrüder mag man in ihrer Radikalität nicht ernst nehmen. Doch die Regierung der USA hat ihr Handeln längst mit nicht minder radikalem religiösem Gedankengut unterfüttert. Sie nutzt diese ideologische Untermauerung für ihr menschenverachtendes Handeln. Und: Anders als die bäuchlings auf dem Boden liegenden Piusbrüder hat sie martialische Polizisten gegen Widerstand im Inneren. Und Massenvernichtungswaffen gegen den Rest der Welt.







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