Fertilität und Säkularisierung: Erkenntnisse aus Finnland
Seit Jahrzehnten beobachten wir einen systematischen Rückgang der Geburtenraten in nahezu allen industrialisierten und postindustriellen Nationen. Hierfür werden häufig sozioökonomische Gründe angeführt: sozialer Status, wirtschaftliche Unabhängigkeit und ein Reframing der Altenpflege als gesellschaftliche statt familiäre Aufgabe. Forschende der Universitäten Helsinki und Turku sowie des Max-Planck-Instituts haben nun einen weiteren Treiber identifiziert: die Säkularisierung.
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Die vorliegende Review, die vor einigen Wochen im Journal Social Science Research publiziert wurde, führt Daten der finnischen Melderegister zwischen 1995 und 2019 zusammen und ergänzt diese um einen Blick auf bisherige Forschungsergebnisse. Das Kriterium, das zur Bemessung der Religiosität herangezogen wird, ist die Zugehörigkeit zur evangelisch-lutherischen finnischen Kirche. Die Forschenden zeigen einen direkten Zusammenhang zwischen fallender Kirchenmitgliedschaft und sinkender Geburtenrate.
Grafik: Schubert, H.-A., Skirbekk, V., & Nisén, J. (2026). Secularization and low fertility: How declining church membership changes couples' childbearing. Social Science Research. CC BY 4.0
Säkularisierung in Finnland: Einleitender Kontext
Die skandinavischen Staaten gelten gemeinhin als hochsäkularisiert und sozial progressiv. Gemäß einer 2011 durchgeführten Befragung geben zwischen vier und 14 Prozent der finnischen Bevölkerung an, mindestens einmal pro Monat einen Gottesdienst zu besuchen. 27 Prozent glauben an den christlichen Gott.
Gleichzeitig gehören etwa zwei Drittel der evangelisch-lutherischen finnischen Kirche an. Diese Diskrepanz erklärt sich durch das in Skandinavien weit verbreitete Mindset „Glaube an Zugehörigkeit“. Die Mitgliedschaft in der Kirche ist gerade in Finnland weniger an religiöse Überzeugungen geknüpft denn an soziale. Hinzu kommt, dass die evangelisch-lutherische finnische Kirche in der Bevölkerung ein hohes Ansehen und breiten Respekt für ihr ziviles Engagement genießt.
Grafik: Finlandestonia via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0
Seit den 2000er-Jahren allerdings erlebt die evangelisch-lutherische Kirche einen regelrechten Exodus, der zu großen Teilen auf das Verhalten jüngerer Generationen zurückzuführen ist. Unter den Millenials ist der Anteil nichtreligiöser Menschen mit 34 Prozent momentan am höchsten – Tendenz steigend.
Vor diesem Hintergrund postulieren die Forschenden, dass die fortschreitende Säkularisierung zweierlei Arten von Druck auf die Geburtenrate ausübt: Einerseits, weil die Geburtenrate nichtreligiöser Menschen hinter der religiöser Menschen zurückbleibt. Andererseits, weil mit steigender Säkularisierung auch die Wahrscheinlichkeit dafür steigt, dass religiöse Individuen Single bleiben oder eine weltanschaulich gemischte Partnerschaft eingehen.
Drei Hypothesen zur Fertilität
Hypothese 1: In säkularisierten Staaten ist die Geburtenrate religiöser Menschen höher als die nichtreligiöser Menschen.
Die Daten der finnischen Melderegister bestätigen diese Annahme. Von allen Gruppen haben nichtreligiöse Menschen die niedrigste Geburtenrate (1,63 Kinder). Angehörige der evangelisch-lutherischen finnischen Kirche weisen eine Geburtenrate von 2,0 Kindern auf, was interessanterweise ebenfalls unterhalb dem Fertilitätswert von 2,1 liegt, der bei einer Nettomigration von Null für eine stabile Bevölkerungszahl notwendig wäre.
Grafik: Schubert, H.-A., Skirbekk, V., & Nisén, J. (2026). Secularization and low fertility: How declining church membership changes couples' childbearing. Social Science Research. CC BY 4.0
Hypothese 2: In säkularisierten Staaten bekommen religiös homogene Paare häufiger Kinder als nichtreligiöse oder weltanschaulich gemischte Paare.
Auch diese Hypothese wird von der Review bestätigt. Die Forschenden erklären sich diesen Zusammenhang damit, dass in religiös homogenen Partnerschaften weniger Konfliktpotential in Bezug auf den Kinderwunsch als zentrales Element einer erfüllenden Partnerschaft besteht. Sämtliche Faktoren, die Religiosität und Fertilität auf individueller Ebene beeinflussen, sollen sich in homogenen Paaren synergetisch verstärken, so das Ergebnis der Studie.
Grafik: Schubert, H.-A., Skirbekk, V., & Nisén, J. (2026). Secularization and low fertility: How declining church membership changes couples' childbearing. Social Science Research. CC BY 4.0
Hypothese 3: Die Säkularisierung hat einen Beitrag zum jüngsten Einbruch der Geburtenrate geleistet.
Bis 2010 hatte Finnland (1,87 Kinder) eine deutlich höhere Geburtenrate als der EU-Durchschnitt (1,57 Kinder). Seit 2010 allerdings befindet sich die finnische Geburtenrate im freien Fall. Momentan bewegt sie sich bei etwa 1,4 Kindern, was einem historischen Tiefstand entspricht.
Während die ersten beiden Hypothesen Korrelationen untersuchen, stellt Hypothese 3 die Frage nach der Kausalität. Zwar haben seit 2010 sowohl das Tempo der Säkularisierung, bemessen nach der Kirchenbindung, als auch der Fall der Geburtenrate angezogen, eine unidirektionale Kausalität lässt sich allerdings weder aus den finnischen Melderegistern noch aus der herangezogenen Literatur entnehmen. Die Forschenden postulieren, dass es sich hier auch um einen wechselseitigen Mechanismus handeln könnte.
Zusammenfassung und Ausblick
Die Autor*innen konnten zeigen, dass eine stabile Korrelation zwischen der religiösen Überzeugung und der Wahrscheinlichkeit, Eltern zu werden, besteht. Bemerkenswerterweise ist diese Korrelation nahezu vollständig genderneutral. Während sozioökonomische Ansätze häufig einen Gender-Gap beobachten – gesteigerte Partizipation weiblicher Personen auf dem Arbeitsmarkt ist mit einer stärkeren Senkung der Geburtenrate assoziiert als gesteigerte Partizipation männlicher Personen – präsentiert sich der Zusammenhang zwischen Religiosität und Fertilität in Finnland erstaunlich universell.
Die Autor*innen bemerken zudem, dass die fortschreitende Säkularisierung über einen längeren Zeitraum einen logarithmischen Effekt auf die Geburtenrate auszuüben scheint: Aufgrund der sinkenden Verfügbarkeit religiöser Partner*innen gehen gläubige Individuen häufiger Partnerschaften mit nichtreligiösen Menschen ein, wobei sich in solchen Konstellationen tendenziell die Fertilitätserwartung der nichtreligiösen Person durchsetzt. Anders ausgedrückt: Religiöse Personen passen ihren eigenen Kinderwunsch nach unten an, um auf einem zunehmend säkularen Partnerschaftsmarkt kompetitiv zu bleiben.
Abschließend bleibt festzuhalten, dass der Löwenanteil des finnischen Fertilitätsrückgangs seit 2010 auf ausbleibende Erstgeburten zurückzuführen ist: Es bleiben schlicht und ergreifend mehr Paare kinderlos.
Die Review schließt daher mit einer durchaus interessanten Fragestellung: Ein harter kausaler Zusammenhang zwischen der seit 2010 rapide steigenden Säkularisierung und der gleichzeitig rapide fallenden Geburtenrate lässt sich aus einer rein statistischen Untersuchung nicht ableiten. Es besteht also die Möglichkeit, dass dieser Mechanismus in beide Richtungen wirkt: Statt einer steigenden Säkularisierung, die Druck auf die Geburtenrate ausübt, könnten wir es mit einer sinkenden Geburtenrate zu tun haben, die Druck auf religiöse Überzeugungen ausübt, weil religiös gefärbte Lebensmodelle aufgrund der erwähnten sozioökonomischen Faktoren für einen zunehmenden Teil der Gesellschaft nicht mehr realisierbar sind.
Kommentare (4)
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Da ist der Autor aber ganz…
Da ist der Autor aber ganz heißen Scheiß auf der Spur.
Norris und Inglehart, Sacred and Secular, zeigen den Zusammenhang zwischen Religiosität und Fertilitaet schon 2001 weltweit und meine Wenigkeit hat den Zusammenhang in Deutschland erforscht. https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/handle/10900/46920
Die zusätzlichen qualitativen Interviews legen nahe, dass Kinder zur religiösen Persönlichkeit gehören, während die Groesse der Familie von sozial-wirtschaftlichen Faktoren abhängt.
Vielen Dank für die…
Vielen Dank für die Verlinkung Ihrer so spannenden und nutzbringenden Dissertation, Herr Ramsel!
Das Fazit, dass Sie damals zogen, ist ein dem Gegenstand angemessen vorsichtiges. Sie begriffen Religiosität als etwas Multidimensionales und bilanzierten:
"So wie die Religiosität im Zentrum der Persönlichkeit des Individuums steht, so steht auch die Zeugung und Erziehung von Kindern im Zentrum der Persönlichkeit. Die „richtige“ Größe der Familie bestimmen dann soziale Normen. Religiösere Menschen hätten demnach deswegen durchschnittlich mehr Kinder als weniger religiöse Menschen, weil Kinder bei ihnen häufiger zentraler Inhalt ihrer Persönlichkeit sind. Diese Erklärung bedarf zweifelsohne einer genaueren empirischen Überprüfung. (...) Dabei ist es durchaus möglich, dass unterschiedliche Inhalte der Religiosität zu unterschiedlichem reproduktiven Verhalten führen."
Im hpd ist es sehr verbreitet, Kirchenbindung und Religiosität gleichzusetzen: Konfessionslose sind demnach keine Christen mehr, fertig. Auch in der bewussten Untersuchung scheint das als gesetzt zu gelten. Dass es so einfach nicht ist, weiß der mit Religion befasste Wissenschaftler.
Vielen Dank für Ihre…
Vielen Dank für Ihre Würdigung, Herr Eschholz. Als Forschungsdesiderat darf heute noch die Frage gelten, wie viel Prozent der Varianz die Religiosität in Bezug auf die Fertilitaet aufklärt. Ich würde hier gerne noch einmal zwischen Kinder (1) und keine Kinder (0) haben sowie wie viele Kinder unterscheiden. Stimmen meine Vermutungen müsste der Anteil im 1. Fall größer sein als im 2.
Die Anteile christlicher Religiosität unter den Konfessionsfreiem lässt sich anhand sozialwissenschaftlicher Surveys schnell bestimmen (Kreuztabellen). Die christliche Praxis der Konfessionsfreien ist anteilig zu vernachlässigen. Die Überzeugungen werden in der Religionssoziologie mit fuzzy beschrieben, weil Kohortenvergleiche zeigen, dass sich die Überzeugungen, ohne Praxis und sozialer Bindung, "ausdünnen".
Von der Forschung bislang vernachlässigt wurden religiöse Überzeugungen, Erfahrungen und Praktiken, die sich durch die christlichen Items nicht erheben lassen.
Nun, was folgt aus dieser…
Nun, was folgt aus dieser Tendenz? Säkulare und Humanist*innen sollten das Kinderkriegen nicht nur den Religiösen überlassen, sondern positive, lebens-bejahende, generative, selbstverständlich auf gleichberechtigten Partnerschaften basierende Lebens- und Familienmodelle stärker herausstellen und fördern.