Norwegen

Norwegische Kirche erlebt Exodus

Norwegische Kirche
Die Norwegische Kirche verliert rasant an Mitgliedern

In nur vier Tagen verlor die evangelisch-lutherische Kirche Norwegens 15.000 Mitglieder. Verantwortlich dafür ist kein Finanz- oder Missbrauchsskandal, sondern die Einführung eines neuen Online-Registrierungssystems, das der Bevölkerung auf einfache Weise ermöglicht, sich für oder gegen die Mitgliedschaft in der Kirche zu entscheiden.

Knapp drei Viertel der norwegischen Bevölkerung sind als Mitglied der evangelisch-lutherischen Kirche registriert, insgesamt 3,8 Millionen Menschen. Was kein Wunder ist, denn die Norwegische Kirche (Den norske kirke) und der Staat Norwegen sind seit Jahrhunderten eng miteinander verwoben. Bis 1969 wurde die evangelisch-lutherische Kirche noch offiziell als Staatskirche Norwegens bezeichnet und erst 2012 kam es zu einer umfassenden Novellierung des Staatskirchenrechts. Erst seitdem ist der norwegische König nicht mehr zugleich Oberhaupt der evangelisch-lutherischen Kirche Norwegens.

Ihr Status als De facto-Staatskirche ließ in der Vergangenheit immer wieder Zweifel an der Aussagekraft der Mitgliederstatistik der Norwegischen Kirche laut werden. So hatte beispielsweise eine Umfrage der führenden norwegischen Zeitung Aftenposten im Frühjahr 2016 offenbart, dass überhaupt nur 48 Prozent der Mitglieder sich selbst als Christen einstuften. 33 Prozent gaben an, sie seien Atheisten, 14 Prozent erklärten, nur an einen diffusen Schöpfergott zu glauben und 1 Prozent der Befragten waren sogar aktive Mitglieder einer völlig anderen Religionsgemeinschaft.

Um der Kritik an ihrer Mitgliederstatistik entgegen zu treten, richtete die Norwegische Kirche nun einen neuen Online-Service ein, der es der Bevölkerung ermöglicht, sich auf einfache Weise als Mitglied der Kirche zu registrieren – oder seinen Austritt zu erklären. Laut der britischen Zeitung The Independent erklärte Kristin Gunleiksrud Raaum, Leiterin des Kirchenrats, dass niemand gegen seinen Willen gezwungen werden solle, Mitglied einer religiösen Gemeinschaft zu sein. "Alle, die irrtümlicherweise als Mitglied der Norwegischen Kirche geführt werden oder die keine Mitgliedschaft wünschen, können nun ganz einfach ihren Status ändern – und wir bekommen so eine korrektere Mitgliederübersicht."

Als das Registrierungs-Portal am 15. August online ging, zeigte sich, dass die Bevölkerung die Registrierungs-Seite hauptsächlich dazu nutzt, der Kirche ganz offiziell den Rücken zu kehren. Innerhalb der ersten 24 Stunden nach dem Start der Plattform erklärten 10.854 Menschen ihren Austritt. Innerhalb der ersten vier Tage waren es 15.053. Im selben Zeitraum nutzten nur 549 Menschen die Möglichkeit, sich als Mitglied der Kirche zu registrieren. Insgesamt verzeichnete die Norwegische Kirche im Jahr 2016 bislang 24.278 Austritte und 1.369 Anmeldungen.

Bischöfin Helga Haugland Byfuglien, Präses der norwegischen Bischofskonferenz, erklärte, dass man durch das Portal mit einer erheblichen Anzahl von Austritten gerechnet habe, dass man vor der Wahl jedes Einzelnen Respekt habe und dass man dieses Signal ernst nähme. "Unsere Aufgabe wird es sein, die Botschaft Christi weiterzugeben und zu vermitteln, welch wichtige Rolle die Kirche im Leben der Menschen haben kann."

Kommentare (10)

David (nicht überprüft)

Mi. 24 Aug 2016 - 10:39

Danke für die gute Nachricht, aber wenn die Religion weg ist wird sie verbrannte Erde hinterlassen haben. Das kommt zu spät, trotzdem muss man weiter für den fortschritt kämpfen, denn vielleicht schaffen wir es doch noch.

Jann Wübbenhorst (nicht überprüft)

Mi. 24 Aug 2016 - 13:17

Ich schlage ein leicht abgewandeltes Verfahren für Deutschland vor:
Jeder, der sich als Christ versteht und Kirchenmitglied bleiben möchte, wird aufgerufen, sich innerhalb einer angemessenen Frist (von z.B. einem Jahr) auf einem entsprechenden Portal zu registrieren. Die Registrierung ist auch analog möglich und kann beim Gottesdienst oder beim Gemeindebüro abgegeben werden.
Nach Ablauf der Frist erlischt für alle, die sich nicht registriert haben, automatisch die Kirchenmitgliedschaft.

Kay Krause (nicht überprüft)

Do. 25 Aug 2016 - 11:18

Antwort auf von Jann Wübbenhorst (nicht überprüft)

Der Vorschlag ist excellent! Aber niemals werden die beiden deutschen Großkirchen sich darauf einlassen, auf diese Weise ihre Pfründe schwinden zu sehen!

Mark (nicht überprüft)

Mi. 24 Aug 2016 - 13:34

Auf diese Weise werden sie die Karteileichen los, die wirklich Gläubigen bleiben zurück

Markus Schiele (nicht überprüft)

Mi. 24 Aug 2016 - 20:35

Wäre es zuviel verlangt, so ein freiwilliges, unkompliziertes und kostenfreies (!) Registierungssysterm auch für Deutschland zu fordern?

Kirchenoberen und unseren - ach so christlichen - Politikern dürfte es davor grausen ...

Karin Resnikschek (nicht überprüft)

Mi. 24 Aug 2016 - 20:57

Super: mal eine gute Nachricht - aus Norwegen. Die Menschen, die Gott oder Kirche brauchen, sollen das haben. Aber die anderen sollen endlich nicht mit mehr Tricks und Hinterzimmerjuristerei - wie in Deutschland - in die Kirche(n) und Moscheen oder die von Konfessionsfreien mitbezahlten Sozial- und Bildungseinrichtungen gezwungen/gedrängt werden. Oder mit manipulierten Zahlen wie im Fall des Schulfachs Ethik, das die Kirchen seit 40 Jahren behindern, obwohl viel mehr Bedarf da wäre. Karin Resnikschek

Mark Fraser (nicht überprüft)

Do. 25 Aug 2016 - 08:03

So müsste es auch in Deutschland möglich sein - sage ich als Kirchenmitglied und Christ.

pavlovic (nicht überprüft)

Do. 25 Aug 2016 - 09:45

Man muß in erster Linie hier auch mal Respekt dafür zollen, dass bereitwillig Macht aus der Hand gegeben wird. Das ist keinesfalls selbstverständlich! In aller Regel sind die meisten Emanzipationsprozesse blutig, schmerzhaft und unversöhnlich, oftmals gekoppelt an Generationenwechsel, also keinesfalls durch Einsicht oder eben bereitwilliger Aufgabe von Positionen.

Thomas Schalow (nicht überprüft)

Mo. 12 Sep 2016 - 14:40

Von 3800000 Mitgliedern, sind ca.23000 Mitglieder ausgetreten. Das sind etwa 7%. Da kann man noch nicht von dem Tot einer Kirche sprechen. Mfg, Thomas

Daniela Wakonigg

Die Autorin ist studierte Philosophin, Theologin und Germanistin. Sie lebt in Münster (Westf.) und arbeitet als freie Autorin und Journalistin für Hörfunk- und Print-Medien. Sie ist u. a. Redakteurin der Zeitschrift MIZ und war von 2016 bis Anfang 2024 stellvertretende Chefredakteurin des hpd.

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