Manchmal ist Nichtstun die beste Medizin

Mehr Vertrauen ins Immunsystem

Globuli
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Brauchen wir bei leichten Ohrenschmerzen Antibiotika oder Homöopathie? Sicher nicht. Manchmal ist Nichtstun die beste Medizin, meint die Ärztin Natalie Grams.

Neulich, mit Kind in der Notaufnahme – schlimme Ohrenschmerzen! Die diensthabende Notfallärztin des Wochenendes schaut in die Ohren des Kindes, stellt aber keine richtige Mittelohrentzündung fest, sondern nur eine leichte Rötung. Eigentlich also ein erleichternder Befund, eigentlich nicht krank: ein paar Tage Ruhe, abschwellendes Nasenspray, um die Belüftung im Ohr zu gewährleisten, und allenfalls ein leichtes Schmerzmittel dürften hier ausreichen und helfen.

Die Ärztin tippt den Befund in den Computer, dann hebt sie kurz den Blick, sieht mich an und fragt: "Was halten Sie denn von Homöopathie? Das hilft super. Gerade bei Kindern!" Ich entgegne schnell, nur halb entspannt: "Nichts. Gerade nicht bei Kindern!" Ich sehe das Stirnrunzeln der Ärztin, aber schon schiebt sie mit einem kleinen Stoßseufzer nach: "Dann schreibe ich Ihnen ein Antibiotikum auf." Moment, bitte was?

Warum nur trifft die Ärztin hier eine derart falsche Entscheidung und will ein Antibiotikum verschreiben? Das hat weder mit "moderner Medizin" noch mit "Evidenz" oder "leitliniengerechter Behandlung" zu tun, die oft und gerne von uns Ärzten beschworen werden. Nein, das ist hanebüchener Unsinn!

Natalie Grams schreibt seit Mai 2018 für Spektrum die Kolumne "Grams' Sprechstunde". Dieser Artikel erschien dort am 02. 05.2018.

Bei einer solchen kleinen, nicht bakteriellen Entzündung hilft ein Antibiotikum nicht nur nicht, es könnte sogar Nebenwirkungen für das Kind haben und darüber hinaus unnötig Resistenzen erzeugen. Zumal es bei einem solch marginalen Befund typischerweise wohl auch nicht wie vorgeschrieben zu Ende genommen werden wird. Und es ist einfach das falsche Signal! Natürlich verstehe ich das Dilemma, in der Notaufnahme schnell und ad hoc Entscheidungen treffen zu müssen, den Eltern ein Gefühl von "Hier kommen Sie schnell dran und werden auch gut behandelt" zu geben und sich dennoch abzusichern, so dass hinterher keiner kommen und sagen kann: Sie haben mein Kind nicht maximal therapiert. Doch wo führt das hin?

Zunächst zum Untergraben des Vertrauens in unser Medizinsystem. Der ewige vorwurfsvolle Totschlagsatz "Immer gibt es zu viele Antibiotika" erfährt hier Bestätigung. Aber ich finde das untergrabene Vertrauen in die Fähigkeiten unseres Körpers schlimmer. Warum halten wir es so schlecht aus, dass einfach einmal nichts getan und schon gar nichts gegeben werden muss? Dass die meisten Bagatellerkrankungen mit Zeit, einem Tee und etwas Muße wieder vergehen? Wir sind viel zu selten dankbar für unser wunderbares Immunsystem, das wie verrückt arbeitet und Erreger und Maläsen bewältigt, ohne dass wir viel davon mitbekommen. Und gerade bei Kindern können wir diesem Immunsystem, den Selbstheilungsfähigkeiten unseres Körpers beim effektiven Arbeiten zusehen. Es braucht dafür keine "Stimulation" durch erwiesenermaßen unwirksame Methoden der sogenannten Alternativmedizin. Vor allem jedoch braucht es kein Antibiotikum, wenn keine schwere bakterielle Infektion vorliegt.

Dafür benötigen wir Ehrlichkeit von ärztlicher Seite: "Wir müssen heute nichts geben, bitte melden Sie sich jederzeit, wenn es sich verschlechtert oder wenn Sie unsicher sind." Und es braucht Mut und Zutrauen von Patienten/Eltern-Seite – nach dem Motto: "Das schafft der Körper schon selbst."

Dass wir immer wieder das Bedürfnis verspüren, doch "irgendetwas" zu geben, mag an der Ohnmacht liegen, dass wir eben oftmals nichts tun können. Das hat Folgen, denn wer nichts weiß, muss alles glauben, um hier einen Buchtitel zu zitieren. Wer also nicht weiß, wie gut der Körper ohne Medizin zurechtkommt (der Mensch überstand Jahrtausende mit dem Immunsystem und Placebos) und wie unnötig oder überzogen die Heilsversprechen von Vitamin- oder Homöopathieprodukten sind, der muss glauben, dass es ständig eines Wunders von außen bedürfte.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Natürlich gibt es viele Situationen und Krankheiten, in denen wir die Medizin benötigen, weil es der Körper nicht allein schafft. Aber ich halte diese "Verlegenheitstherapien" einfach für schrecklich. Und ich empfinde es als die Aufgabe der Zukunft, mehr darüber aufzuklären, dass es uns allen nicht weiterhilft, Medizin auf diese Weise zu betreiben.

Manche betrachten die Aufklärung als eine Hinwegnahme von Hoffnung. Ich sehe das anders. Besteht Aufklärung nicht darin, dass wir bloßen Glauben und verzweifelte Hoffnung durch Wissen und Zuversicht ersetzen? Das spart uns in der Medizin ganz praktisch Geld, denn Unnötiges wird nicht länger oder nicht mehr so häufig verschrieben. Und es erspart uns die Illusion, es bräuchte eine Alternative zu guter Medizin. Denn diese besteht manchmal eben auch im Nichtstun und Nichthandeln.

Übernahme mit freundlicher Genehmigung von Spektrum.de.

Kommentare (8)

WoMA (nicht überprüft)

Do. 17 Mai 2018 - 13:54

"Nichtstun und Nichthandeln", sehr geehrte Frau Kollegin Grams, ist es doch gerade, was Eltern/Patienten in Not in die Fänge der obskuren "Alternativen" treibt! Die nehmen sich nämlich die Zeit und das Geld ihrer "Opfer", um ihnen den Placebo-Effekt ihrer Hokuspokus-Methoden als hochwirksam anzudrehen; natürlich im Gegensatz zu evidenzbasierter Medizin voll "unerwünschter Nebenwirkungen".
Zugegeben - es fällt schwer, in der ambulanten Notversorgung noch situations- u. gar leitliniengerecht zu therapieren, wenn vor der Tür die Notfälle Schlange stehen. Mit deren Länge steigt die Versuchung, schulmedizinischen und /oder alternativen Nonsense zu verordnen - zumal ich im Notdienst für längerfristige Folgen meines Handelns i.d. Regel eher selten gerade stehen muß.
Situations- u. diagnosebezogenes Aufklären, Handeln und Behandeln sollte die Maxime lauten. Leider fehlen dafür in diesem System adäquat ausgebildetes Personal und die Mittel - ein Ende des Dilemmas ist für mich auch nach über 40 Jahren nicht in Sicht.

Dennoch - Ihrem wertvollen Engagement weiter viel Erfolg!

Ich denke, dass genau dieser Umstand Frau Grams dazu motiviert hat, den Artikel zu schreiben.
Es geht ihr darum, dass dieses Vertrauen auch beim Patienten ankommt.

Frank Linnhoff (nicht überprüft)

Do. 17 Mai 2018 - 14:15

Da kann ich Ihnen, Frau Grams, als Vater von 3 Kindern nur zustimmen. Leider fällt es heutzutage vielen Müttern und Vätern kleiner Kinder sehr schwer nichts zu tun und daheim zu bleiben, statt zur Arbeit zu fahren, um dem kranken Kind nahe zu sein.

Hannelore Brenner (nicht überprüft)

Do. 17 Mai 2018 - 14:43

Grundsätzlich ist das ja richtig, wofür hier plädiert wird. Zu dieser Thematik gehört aber auch die Feststellung, dass dann, wenn wirklich Bakterien oder ganze Bakterienstämme zu einer schwerwiegenden Erkrankung führen, diese von deutschen Ärzten selten ernst genommen und erforscht werden und daher in vielen Fällen nicht die der Erkrankung gemäße antibiotische Behandlung stattfindet. Dies finde ich eine nicht minder unakzeptable Fahrlässigkeit und Inkompetzenz in der deutschen Medizin, und ich betone "in der deutschen", denn es gibt westliche Länder, die das Problem viel ernster nehmen. Wenn ich Unrecht habe, so beweise mir jemand das Gegenteil.

Petra Pausch (nicht überprüft)

Fr. 18 Mai 2018 - 11:26

Antwort auf von Hannelore Brenner (nicht überprüft)

Sehr geehrte Frau Brenner. Können Sie uns bitte erklären, was das Eine mit dem Anderen zu tun hat? Also: Was hat Ihr Kommentar mit dem Artikel zu tun?

Auch wenn es sicherlich schrecklich ist, dass es möglicherweise Ärzte gibt, die Schäden durch Bakterien nicht ernst genug nehmen: Was hat das mit Übermedikamentierung auf der einen und Heilsversprechungen durch Homöopathie auf der anderen Seite zu tun?

Lisa N (nicht überprüft)

Do. 17 Mai 2018 - 23:31

Wunderbar! Als Allgemeinärztin gebe ich Ihnen so recht!

Kay Krause (nicht überprüft)

Fr. 18 Mai 2018 - 08:39

Ungeachtet aller gegenteiligen Versprechen hält die Kirche nach wie vor ihre schützende Hand über diese Kinderschänder im Namen des "Herrn", diese Verbrecher, die sich anmaßen, Gottes Segen zu erteilen,über menschliche Schuld und Sühne zu urteilen, zu strafen und zu vergeben, Menschen in die Hölle oder in den Himmel zu schicken, den angeblich "rechten Glauben zu lehren, u.s.w. - die Liste der Anmaßungen ist lang! Aber die Zahl derer, die's inzwischen gemerkt haben, immer noch viel zu gering! Nur dadurch, dass man sich von ihm konsequent abwendet, kann man diesem mafiös geprägten Aberglaubensverein zeigen, dass man mit seinen Machenschaften nicht einverstanden ist!
Dabei stellt sich die Frage: Wo endet Aberglaube, und wo beginnt "wahrer Glaube, und: Wer entscheidet das?
Das wäre doch mal eine Diskussion im hpd-Forum wert.
Und eine weitere Frage: Wann hört der Staat(das sind wir alle!) endlich damit auf, diesen mafiösen Verein mit jährlichen Milliardenbeträgen aus unser aller Steuertopf am Leben zu erhalten???

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Fr. 18 Mai 2018 - 10:54

Antwort auf von Kay Krause (nicht überprüft)

Wo, Kay Krause, geht es in diesem Artikel um Kinderschänder?

Natalie Grams-Nobmann

Die Ärztin und Autorin wurde aufgrund ihrer öffentlichen Abkehr von der Homöopathie ab 2015 bundesweit bekannt und setzt sich seither für Aufklärung über irrationale Ansätze, Methoden und Haltungen in der Medizin ein. Ein besonderes Anliegen ist ihr die Impfaufklärung. Seit Mai 2017 gehört sie dem Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung und seit 2020 dem Beirat des Hans-Albert-Instituts an. Ihr neues Buch heißt "Was wirklich wirkt - Kompass durch die Welt der sanften Medizin". Sie podcastet unter "Grams' Sprechstunde" bei Detektor.fm.

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