Roberto J. De Lapuentes Essay "Rechts gewinnt, weil Links versagt"

Kritik der "Identitätslinken" aus der Perspektive eines "Soziallinken"

"Schwarzer Block"
"Schwarzer Block" bei einer Antikriegsdemonstration in Washington, D.C., 2003

Roberto J. De Lapuente, Kolumnist beim "Neuen Deutschland", legt mit "Rechts gewinnt, weil Links versagt. Schlammschlachten, Selbstzerfleischung und rechte Propaganda" einen Essay mit einer Kritik an den "Identitätslinken" aus der Perspektive eines "Soziallinken" vor. Auch wenn vieles polemisch und subjektiv und verallgemeinernd daherkommt, findet man doch viele treffende Einwände, welche eine sich wirklich als demokratisch und emanzipatorisch verstehende Linke selbstkritisch reflektieren sollte.

Warum gibt es Erfolge für die Rechten? Eine Antwort auf die Frage lautet: Weil die soziale Frage von den Linken vernachlässigt wurde! Genauer wird darauf hingewiesen, dass mehr Identitätsfragen für die Letztgenannten wichtig waren. Anders formuliert: Man habe sich mehr um die richtige Genderschreibweise gekümmert und demgegenüber die folgenreiche Wirtschaftsentwicklung ignoriert. Mittlerweile gibt es eine Fülle von Monographien, die derartige Deutungsmuster für das gemeinte Phänomen bemühen. Roberto J. De Lapuente reiht sich hier mit seinem Essay "Rechts gewinnt, weil Links versagt. Schlammschlachten, Selbstzerfleischung und rechte Propaganda" ein. Zugespitzt lautet seine Kritik: "Toleranzthema sticht Sozialthema" (S. 143). Der gelernte Industriemechaniker, der seit 2012 Kolumnist beim "Neuen Deutschland" ist, legte keine differenzierte und wissenschaftliche Arbeit, sondern einen polemischen und subjektiven Text vor.

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Bereits zu Beginn macht der Autor deutlich, dass es ihm nicht um "die" Linke weder als Partei noch als Spektrum geht. Er spricht von den "linken Fundis" oder den "linken Linken", wobei nicht immer klar ist, wen er damit genau meint. Einerseits sollen es die "Identitätslinken" sein, andererseits die Reformverweigerer. In den sozialen Netzwerken gebe es einen besonderen Wettbewerb, welcher "Deutschland sucht den wirklich wahrsten Linken" lauten könne. Bei den Gemeinten sei schon früh das Interesse an existenzielle Gerechtigkeits-und Verteilungsfragen verschwunden. Der Antimaterialismus und die Konsumkritik hätten diesbezügliche Themen überlagert, womit man die politischen und sozialen Folgen des Sozialabbaus ignorierte. Darüber hinaus überlagere häufig die Gesinnung die Kompetenz. Über den "Antifaschismus" bestimmter "Antifas" heißt es: "Wenn aber plötzlich alles als faschistisch beschimpft wird, was den eigenen Ansichten nicht entspricht, dann ist er nicht nur als Programm zu wenig – da wird er auch … eine Farce." (S. 57)

Die ökonomische Entwicklung habe man demgegenüber eher ignoriert. Ein anderes Interesse dominierte: "Der Antifaschismus der linken Linken aber beinhaltet oft ganz andere Schwerpunkte. Er will nicht warnen und mahnen – er will diskreditieren. Ein falsches Wort und man wird ohne Federlesen in die Regie vergangener Mörder eingereiht" (S. 87). Bei all dem ignoriere man auch die Demokratie als "kompromisslerische Staatsform". Andere Ansichten und Meinungen würden nur schwer ausgehalten (vgl. S. 108). Es gebe außerdem einige "Altvorderen", die das jüngere Publikum mit einem "linken Avantgardismus" anfütterten und letztendlich entpolitisierten (vgl. S. 120). Die Gemeinten hätten sich darüber hinaus in den letzten Jahrzehnten "besonders negativ ausgetobt. Sie haben aufgelistet, was sie abschaffen wollen und werden, aber wenig aufgezeigt, wie sie es anders anzustellen gedenken" (S. 148). In der Gesamtschau wird für eine realistische Perspektive plädiert: Links solle berücksichtigen, dass heute Veränderungen nur noch soft gelingen würden.

Erneut sei darauf hingewiesen, dass De Lapuente einen Essay vorgelegt hat. Dies erlaubt ihm sowohl eine schnoddrige wie subjektive Sprache. Bilder wie "Der Eierstock wird zum Kriterium …" (S. 68) geraten daneben, kalauernd geht es mit "Nicht nur Trotzkisten … mögen es natürlich trotzig" (S. 99) auch zu. Es wird zwar deutlich betont, dass mit der Kritik nicht alle "Linken" gemeint sind. Dafür hätte das kritisierte Phänomen aber genauer beschrieben werden müssen. Denn die ökonomische Frage ist in den letzten Jahren ja sehr wohl auch von "links" weiter angesprochen worden, wobei die Aufmerksamkeit für die Betroffenen der sozioökonomischen Umbrüche schwand. Hier hätte es auch immer wieder differenzierter zugehen können, auch hinsichtlich des ersten Teils des Titels "Rechts gewinnt …" Bei allen notwendigen Einwänden findet man in dem Essay aber immer wieder reflexionswürdige Einwände, welche sich eine demokratische und emanzipatorische Linke selbstkritisch vornehmen sollte. Der Binnendogmatismus ist nicht selten gerade dort stark.

Roberto J. De Lapuente, Rechts gewinnt, weil Links versagt. Schlammschlachten, Selbstzerfleischung und rechte Propaganda, Frankfurt/M. 2018 (Westend-Verlag), 222 S., 18 Euro

Kommentare (9)

typ (nicht überprüft)

Mi. 25 Jul 2018 - 10:42

Ist auch meine Einschätzung. Ich war jahrelang in radikal linken Zusammenhängen aktiv. Da wird so gut wie gar kein Klassenkampf mehr betrieben. Hauptthema ist Gender und jeder der dort widerspricht wird direkt als frauenfeindlich, transfeindlich oder einfach menschenfeindlich beschimpft und diskreditiert. Man hat gar keine Möglichkeit mehr zu diskutieren, weil einige wenige so laut sind, dass sie alle anderen meinung einfach niederschreien; das meine ich wörtlich, die schreien dich nieder.

Stimmt. Der Genderismus ist auch der Tod des Feminismus, nicht nur sozialer linker Politik. Das Niederbrüllen und die Diffamierungskampagnen sind für mich stalinistische Methoden. In Genderkreisen ist es z. B üblich geworden Feministinnen vom Schlage EMMA, insbesondere Alice Schwarzer als Rassistinnen zu beschimpfen. Neueste Moden sind der Kulturrelativismus und das Gerede vom weißen Mann und von weißer Frau. Völlig verwurschtelte Möchte-gern-Theorien, die aber gerne von jungen "Linken" nachgeplappert werden.

Fabian (nicht überprüft)

Mi. 25 Jul 2018 - 12:10

"Der Antifaschismus der linken Linken aber beinhaltet oft ganz andere Schwerpunkte. Er will nicht warnen und mahnen – er will diskreditieren. Ein falsches Wort und man wird ohne Federlesen in die Regie vergangener Mörder eingereiht"

Sicher dass er nicht "Riege" statt "Regie" meint?

Gruß
Fabian

Diego (nicht überprüft)

Mi. 25 Jul 2018 - 13:56

De facto sind die "Identitätslinken" gar keine Linken, sondern die nützlichen Idioten der Rechten. Das fängt mit derem permanenten Guerilla-Marketing für die AfD an (Dauerbashing sorgt auch für die Etablierung einer Marke) und hört noch nicht damit auf, in dem durch das Aufzwingen völlig absurder Diskussionen die Linke an sich als realitätsfremd dikreditiert.

Kay Krause (nicht überprüft)

Mi. 25 Jul 2018 - 16:15

Zusammenfassend kann man diesen Artikel nur bestätigen: die demokratische LINKE in ihrer Gesamtheit stellt nur noch ein Trauerspiel dar! Als Bürger, der zur sogenannten Arbeiterklasse (und damit zum maßgeblich staatsstützenden Teil der Bevölkerung) gehört, kann man heute keiner der im linken Spektrum befindlichen Parteien mehr mit Überzeugung seine Stimme geben! Und von den paar linken Hanseln, die dann tatsächlich als Volksvertreter gewählt werden, fühle ich mich keinesfalls "vertreten"!

A.S. (nicht überprüft)

Fr. 27 Jul 2018 - 15:43

Die Linken leiden an hypermoralischer Gesinnungsethik und zu wenig Verstand. Die klugen, weisen Köpfe sind abgewandert. Zu verantwortungsethischen Positionen ist die Linke intellektuell nicht mehr fähig. Schade.

Rudi Knoth (nicht überprüft)

So. 29 Jul 2018 - 11:16

Nun weiss ich nicht, ob Herr Jakob Augstein zu den "Identitätslinken" gehört, aber seine Haltung zum Sozialstaat wird hier beschrieben:http://www.spiegel.de/politik/deutschland/einwanderung-ein-deutscher-traum-kolumne-a-1217379.html.

Nun kann man auch den Begriff "Identität" in dieser Form kritisieren. Ich verstehe unter der Identität genau den einzelnen Menschen. Hier wird eher die Zugehörigkeit zu einem Kollektiv (Mann, Frau, weiß, schwarz etc) verstanden. Nun gut ich bin halt altmodisch.

Armin Pfahl-Traughber

Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber, Jg. 1963, ist hauptamtlich Lehrender an der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung mit den Schwerpunkten "Politischer Extremismus" und "Politische Ideengeschichte". Außerdem gibt er seit 2008 ebendort das "Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung" heraus.

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