Lale Akgün im Gespräch mit dem hpd

Islam in Deutschland und IS – Was tun?

Lale Akgün
Lale Akgün

BERLIN. (hpd) Kaum ein Thema sorgt seit Wochen für eine derartige Auf­merksamkeit in den Medien wie der spekta­kuläre Vor­marsch des IS im Nahen Osten. Der Welt­öffent­lichkeit zeigt sich eine brutale Gruppe, die alle Anders­denkenden rigoros verfolgt, barbarisch tötet, und vor religiösen und ethnischen “Säuberungen” und Völker­mord nicht zurück­schreckt. Menschen, die nicht ihrer Ideologie folgen, sind vogel­frei, werden geköpft, gekreuzigt, gehängt, gesteinigt, erschossen. Da, wo der IS die Macht hat, gelten die Menschen­rechte nicht mehr – Barbarei ist all­tägliche Realität in den von IS eroberten Gebieten.

Sie handeln im “Namen des Islam”, sie berufen sich auf den Koran und halten sich für die einzig wahren Muslime. Und sie haben Zulauf, auch von jungen MuslimInnen aus Europa, aus Deutschland, darunter vielen Konver­titInnen. Es ist Konsens unter dem Main­stream der Muslime in Deutschland, dass die IS nicht für den Islam steht. Hilflos steht man aller­dings vor der Frage, ob bzw. wie man die jungen Muslime davon ab­halten kann, nach Syrien oder in den Irak zu reisen, um sich dieser Terror­bande anzu­schließen, oder aber etwa hier­zulande Terror­aktionen zu verüben. Welche Rolle können islamische Organisationen spielen, um gegen Islamismus, Salafismus und Terrorismus anzugehen? Über diese Fragen und über Handlungs­vorschläge, die der­zeit diskutiert werden, hat der hpd mit Lale Akgün gesprochen.

Lale Akgün, in Istanbul geboren, Päda­gogin und Psycho­login, von 2002 bis 2009 Mitglied des Deutschen Bundes­tages und Islam-Beauftragte der SPD-Bundes­tags­fraktion, plädiert seit Jahren für einen liberalen Islam und kritisiert die Politik der orthodox-konservativen Islam­verbände. Diese repräsentierten nur eine Minder­heit unter den Muslimen in Deutschland und wären keines­wegs berechtigt, für “die” Muslime sprechen, die in ihrer großen Mehrheit liberal einge­stellt seien. Lale Akgün sieht große Probleme auf die säkulare deutsche Gesellschaft zu kommen, wenn es den Islam­verbänden auf Dauer gelingen sollte, die Deutungs­hoheit über den Islam zu er­halten, der dann ein aus­schließlich konservativer Islam wäre. Sie sagt: “Es wird in vielen Moscheen ein Islam propagiert, der mit Angst operiert, mit blindem Gehorsam und Straf­androhung bzw. Bestrafung, wenn man nicht folgt.” Sie setzt auf Veränderungen. Das geht aber nur mit den MuslimInnen. Und der Staat darf nicht weiter­hin den konser­vativ –funda­menta­listischen Islam in Deutschland fördern. Sie war zudem Teil­nehmerin der 2. Kritischen Islam­konferenz im Jahr 2013.

 

hpd: Frau Dr. Akgün, die Terroristen der ISIS verüben in Irak und Syrien unsägliche Gräuel­taten im Namen des Islam. Miss­brauchen diese Leute den Islam oder können sie sich auf den Koran und islamische Traditionen berufen?

Natürlich kann man jede Religion miss­brauchen, denn jede Religion bietet den ideologischen Unter­bau zu Handlungen, die man selbst schwer recht­fertigen könnte. Aber wenn man Gott als Kron­zeugen anführt, sieht die Sache schon anders aus. Dann hat man für alles eine über­geordnete Recht­fertigungs­ebene.

Auf der anderen Seite sehe ich, wie Imame predigen und Dinge mit dem Koran ver­teidigen, was vielen Muslimen absurd vor­kommt. Zum Beispiel, dass es nach dem Koran erlaubt sei, dass gefangen genommene Frauen den Männern als Sex­sklavinnen dienen. Und dass ein Mann tausend von ihnen haben darf. Dass es Islam­gelehrte gibt, die das so auslegen, ist leider eine Tatsache.

Das sagt nicht nur ein einzelner Imam, das sagen einige, auf Türkisch, auch mitten in Istanbul. In sozialen Medien ist dies für jeder­mann einseh­bar. Da das so ist, kann man dann sagen, dass diese Imame den Islam miss­brauchen? Es ist ihre Inter­pretation des Islam, auch wenn es mir persönlich absurd erscheint. Ich kann keines­falls sagen, sie miss­brauchen den Islam. Auch diese absurde Art von Frauen­feind­lichkeit ist Terror, Terror gegen Frauen.

 

Sie haben vor kurzem formuliert: “Wenn eine Gruppe im Namen des Islam Menschen umbringt und ganze Land­striche terrorisiert, wie soll man das dann bezeichnen, wenn nicht als islamischen Terror?”

Ob es den Otto Normal­muslimen wie mir gefällt oder nicht: dieser Terror wird argumentativ aus dem Koran abge­leitet, so wie diese Gruppen den Koran ver­stehen. Deshalb nenne ich es “islamischen Terror”.

 

Mittlerweile haben in einigen Ländern Europas und des Nahen Ostens – nach anfäng­lichem Zögern – zahlreiche islamische Geistliche ISIS verurteilt, den ausge­übten Terror als un­islamisch bezeichnet. Auch Fatwen [islamische Gutachten] gegen ISIS sind erlassen worden. Können derartige Erklärungen etwas bewirken und Menschen davon abhalten, sich ISIS anzuschließen oder deren Taten zu befür­worten? Wird man gewalt­bereite Fanatiker damit theologisch beein­flussen können?

Man sollte nicht vergessen, dass jahre­lang häufig in die andere, in die fanatische Richtung gepredigt worden ist. Diejenigen, die die theo­logischen Grund­lagen des fanatischen, ideo­logischen Islam gelegt haben, tragen eine ebenso große Schuld wie die­jenigen, deren Hand das Schwert hält. Sie haben die Saat des Bösen gesät und wundern sich jetzt über das Ausmaß der Gewalt. Sie haben diese einfachen Menschen fanatisiert. Sie haben ihnen weis­gemacht, dass der fanatische Islam der wahre Islam sei. Je fanatischer die Handlung, desto stärker der Glaube. Das heißt dann für viele: jeder Schritt zurück in die Mäßigung ist auch ein Schritt zurück im Glauben.

Das Problem bei Fanatismus ist ja gerade, dass es nie genug ist, dann muss es auch permanent eine Steigerung geben. Deswegen sind auch die ISIS-Leute noch fanatischer als die Taliban. In ihren eigenen Augen sind sie damit die noch besseren Muslime.

Diese Gefahr ist von denen, die lange mit dem Feuer gezündelt haben, geflissentlich übersehen worden. Sie wollten “ein bisschen” Fanatismus, aber das gibt es nicht. Die Stich­wort­geber haben es nicht mehr in der Hand, wenn der Fanatismus, den sie verbal propagiert haben, in Gewalt­ver­brechen umkippt. Die Geister, die man ruft, wird man nie mehr los.

 

Die führenden Geist­lichen Saudi-Arabiens sind bislang nicht als Hüter von Humanität und Menschen­rechten aufge­fallen, sondern befür­worten und fordern drako­nische Strafen nicht nur bei Ver­brechen, sondern auch beim Abfall vom Glauben. Was ist es wert, wenn etwa der saudische Großmufti, Scheich Abdel Asis bin Abdullah, ISIS entgegen­hält, extremistische und militante Ideen seien nicht Teil des Islam, sondern sein größter Feind.

Wie bitte? Ist denn das, was in Saudi Arabien praktiziert wird, nicht fanatisch? Wo werden dann denn den Menschen die Köpfe abge­hauen? Auf saudischen Marktplätzen. Der Scheich führt hier ein eklatantes Beispiel für Doppel­moral vor; wenn er die Regeln auf­stellt, ist es wohl nicht so schlimm mit dem fanatischen Islam.

 

Haben die Proteste dieser Geistlichen innerhalb der muslimischen Community eine Auswirkung?

Sie können mit einem Appell Menschen weder in die eine noch in die andere Richtung bewegen. Jeder Prozess braucht Zeit. Niemand kann über Jahre Menschen in den Moscheen immer weiter mit dem politischen Islam ideo­logisieren und dann, wenn es zu viel wird, mit einem Appell alles auf null zurück­setzen wollen. So läuft das Spiel nicht. Und vor allem nicht partiell. Sie können nicht jahre­lang gegen Anders­gläubige hetzen und sich dann wundern, wenn die weniger Intellek­tuellen Gewalt gegen Anders­gläubige aus­üben. Sie können nicht jahre­lang Unter­drückung gegen Frauen propagieren und sich dann wundern, wenn diese Leute gewalt­tätig gegen Frauen werden.

Ich denke, die meisten Muslime hatten in der Vergangenheit keinen Zugang zu diesem ideo­logisierten Islam. Ein Beispiel: In meiner Kind­heit war es in den Dörfern völlig normal, dass sich Menschen um­armten, fest­hielten und küssten. Männer und Frauen. Und jetzt? Ein Hände­druck zwischen Mann und Frau soll Sünde sein. Wer setzt so einen Unsinn in die Welt? Doch die­jenigen, die den Islam immer rigider, immer orthodoxer aus­gelegt haben. Und das zeigt Wirkung, nicht sofort, aber über die Jahre.

 

Wie beurteilen Sie den am Freitag vorletzter Woche in Deutschland statt­gefundenen Aktionstag in vielen Moscheen gegen jegliche Gewalt und Terror? Seitens der islamischen Verbände sind Friedens­gebete und andere Aktionen durch­geführt worden. Der Vor­sitzende des Zentral­rats der Muslime, Aiman Mazyek, hat dazu gasagt: “Unsere Aktion ist keine Dis­tanzierungs­orgie.”, aber die Muslime in Deutsch­land wollten nicht schweigen “wenn der Islam gekid­nappt wird von Terroristen und Verbrechern”.

Das hört sich sehr voll­mundig an, aber: Kann eine Religion gekidnappt werden? Von wem und wofür? Um im Bild zu bleiben: welches Löse­geld soll Herr Mazyek denn zahlen, dass der Islam wieder frei gegeben wird? Herr Mazyek and friends haben es jetzt mit der Angst zu tun bekommen, mit der Angst, dass man sie auch in diese Schublade stecken könnte, und sie wollen sich jetzt öffent­lich rein­waschen. Wovon? Von den Gräuel­taten? Das ist nicht not­wendig. Ich gehe durchaus mal davon aus, dass Herr Mazyek keiner Fliege was zu leide tun könnte.

Aber er sollte mal darüber nach­denken, was für Moschee­vereine in seinem Zentral­rat organisiert sind, welche Kontakte diese Moschee­vereine in den Nahen Osten haben, mit wem sie dort in welcher Beziehung stehen, welcher Ideologie sie nahe stehen und welche finanziellen Abhängig­keiten bestehen. Er sollte sich gründ­lich darüber informieren und kritisch darüber nach­denken, was in den Moscheen des Zentral­rats in Deutschland erzählt wird, und was frustrierte junge Leute davon geistig mitnehmen. Eine solche kritische Ein­stellung würde mir Respekt ein­flößen – nicht aber die oft wiederholte Behauptung, in ZMD-Moscheen gäbe es keine Extremisten. Herr Mazyek möge mir verzeihen, aber mir als Muslimin mit Insider-Wissen kommen diese ohnehin reichlich spät inszenierten Aktionen vor wie eine Art “Schau­laufen”. Titel der Schau: “Wir sind Deutschlands integrierte Muslime”.

 

Könnte es nicht sein, dass die islamischen Verbände in Deutschland, die nur einen kleinen Teil der Muslime repräsen­tieren und die orthodox-konservativ ausgerichtet sind, die Empörung über die ISIS-Verbrechen nur nutzen wollen, um sich selbst als moderate Ansprech­partner für Staat und Gesell­schaft zu präsentieren?

Das sind sie ja schon. Der Staat will den Islam in Deutschland unbedingt nach dem Modell des Staats­kirchen­rechts formen, und andere Ansprech­partner als den Koordinations­rat will er nicht dabei haben – damit das alles nicht zu kompliziert wird. Also muss er sich seinen Partner schönreden.

 

Anfang September haben Vertreter der Standorte für Islamisch-Theologische Studien in Deutschland in einer Erklärung den ISIS-Terror verurteilt und Deutungen des Islam abgelehnt, “die ihn zu einer archaischen Ideologie des Hasses und der Gewalt pervertieren.” Sie plädieren für eine Islam-Inter­pretation, “aus der sich Humanität, Gewalt­freiheit, Wert­schätzung der Plurali­tät und Respekt für Menschen unge­achtet ihrer Zugehörig­keiten schöpfen lassen.” Und sie betonen, dass die “Deutungs­hoheit über den Islam nicht Extremisten und Gewal­tätern” über­lassen bleiben dürfe. Die Erklärung ist mittler­weile von etwa 90 islamischen Geistlichen und Professoren unter­schrieben worden. Welche Bedeutung hat Ihrer Meinung nach diese Stellung­nahme für die muslimische Community in Deutschland?

Ich finde die Stellungnahme prima und bin schon lange der Meinung, dass die Deutungs­hoheit des Islam nicht den Extremisten und Gewalt­tätern über­lassen werden darf, aber auch nicht allein den Ver­bänden des Koordinations­rates der Muslime in Deutschland. Bei den Extremisten und Gewalt­tätern haben wir schnell Konsens, sie sind für alle gleicher­maßen indis­kutabel.

Aber auch der Koordinations­rat darf nicht den Islam in Deutschland dominieren. Wenn er jede Ent­wicklung als eine Nivellierung des Glaubens, als eine Art “Islam light” – wie die Vertreter des Koordinations­rats gerne sagen – kritisiert, wird er zum Toten­gräber des Islam. Ich dagegen bin der Meinung, - und diese Meinung teile ich mit vielen liberalen Muslimen - die Muslime - und nicht nur der Koordinations­rat – müssen das Recht haben, den Islam weiter­zuent­wickeln. Dabei stelle ich nicht die Prinzipien meiner Religion in Frage, aber sehr wohl das Verharren im 7. Jahrhundert. Ich frage mich nicht, was hat der Prophet damals gemacht, ich frage mich, was hätte der Prophet heute gemacht? Das Wort “Verstand” kommt im Koran 49 Mal vor, 49 Mal fordert er uns auf, unseren Verstand einzu­setzen. Und einer der berühmtesten Aus­sprüche des Propheten lautet: “Der Glaube eines Menschen geht so weit wie sein Verstand; der keinen Verstand hat, kann auch keinen Glauben haben”. Dem muss man ja nichts mehr hinzu­fügen, oder?

 

Lale Akün bei der 2. Kritischen Islamkonferenz, Foto: © Frank Nicolai
Lale Akün bei der 2. Kritischen Islamkonferenz, Foto: © Frank Nicolai

Medienberichten zufolge sollen sich rund 400 junge Muslime aus Deutschland im Nahen Osten der Terror­gruppe IS ange­schlossen haben. Sie werden in den Medien - auch seitens der Geheim­dienste - als “Looser” beschrieben: ganz über­wiegend Schul- und Aus­bildungs­abbrecher, extrem niedriger Bildungs­stand, ohne “bürgerliche” Perspektive und viele wohl auch mit einer Drogen- oder Kriminal­karriere. Was tun?

Nebenbei gesagt: Es soll ja auch eine ganze Reihe von gebildeten Muslimen darunter sein. Aber ganz ehrlich: Als Psychologin denke ich, dass man für die, die sich bereits in dieser grauen­vollen Welt befinden, nicht mehr viel tun kann, außer ihre Traumata zu bear­beiten, wenn sie wieder­kommen. Die rest­liche Arbeit kommt der Polizei und dem Verfassungs­schutz zu. Aber wir können einiges dafür tun, dass es keinen weiteren Nach­wuchs in dieser Richtung gibt. Durch Aufklärung, Kontakt­aufnahme und Bildung. Das braucht Zeit und Geld und ist eine Investition in die Zukunft unseres Landes.

 

Bisweilen wird von einer spezifischen Form des Jugend­protestes gesprochen – was halten Sie von einer der­artigen Ein­schätzung?

Nein, das ist völlig falsch und bagatellisiert die Fakten. Jugend­protest heißt, dass die Jugendlichen sich auf­lehnen gegen die Lebens­form ihrer Eltern­generation. Sie wollen anders leben. Für Jugend­proteste stehen Idealismus und romantische Vor­stellungen. Nehmen Sie die vegane Lebens­weise als Beitrag zum Erhalt unseres Planeten oder das Infrage­stellen der Leistungs­gesell­schaft. Derartige Protest­bewegungen ent­wickeln sich aus dem Zeit­geist. Bei den gewalt­bereiten muslimischen Jugend­lichen haben wir es mit einer verführten Gruppe zu tun. Sie werden von Erwachsenen ange­leitet, die ihr Denken in bestimmte ideologische Bahnen lenken und sie zur Gewalt­verherr­lichung verführen.

 

Ist dabei zwischen männlichen und weiblichen Salafisten/Dschihadisten zu unterscheiden?

Ja natürlich, diese Rollen­vor­bilder werden doch vor­gegeben und durch entsprechende Islam-Inter­pretationen gerecht­fertigt.

 

Die Deutsch Türkischen Nachrichten (DTN) haben vor kurzem gemeldet, dass britische Dschihadis­tinnen tausende jezidischer Mädchen und Frauen aus dem Irak zur Prostitution in Bordellen zwingen, Kunden sollen die männlichen ISIS-Kämpfer sein. DTN bezeichnet dies als “perverses Vorgehen” gegen Jeziden.

Das ist natürlich ein wider­licher Vorgang, kann aber sozial­psychologisch erklärt werden.

Diese Frauen, die aus ihrem Leben ausge­brochen sind und sich freiwillig einer völlig frauen­feindlichen Ideologie unter­worfen haben, haben natürlich auch das Frauen­bild dieser Ideologie über­nommen. Das heißt: diese Musliminnen, oft Konvertitinnen, sehen die Welt mit den Augen der ISIS-Männer und behandeln Frauen so, wie diese Männer sie behandeln würden, eigent­lich noch schlimmer.

Religionswechsel ist für die Psyche eines Menschen kein einfacher Schritt. Konvertiten meinen oft, sie müssten sich mit jedem Atem­zug verge­wissern, dass ihre Ent­scheidung richtig war. Deswegen sind sie oft von der neuen Religion über­zeugter als die­jenigen, die in die Religion hinein­geboren sind. Und wenn sie dann – wie im Falle dieser Frauen – zu so einem fanatischen Haufen kommen, müssen sie sogar die noch toppen, um zu beweisen, dass sie wirklich zur Truppe gehören. Und genau das machen diese Frauen.

 

Salafisten haben in der letzten Zeit auch in Deutschland mediale Aufmerk­samkeit durch spektakuläre Aktionen erlangt – zu nennen wäre beispiels­weise das Auftreten der “Sharia-Police” in Wuppertal, auch im Rhein­land soll es ähnliches geben, Aufkleber mit der Aufschrift “Sharia controlled Zone” sind dort in der Umgebung von Moscheen ge­funden worden. Für wie erheb­lich schätzen Sie die Gefahren für die deutsche Gesellschaft ein, die von Salafisten ausgeht?

Ich schätze die Gefahr für die nicht-muslimische Gesellschaft als geringer ein als für die muslimische. Ich denke nicht, das die “Scharia-Polizei” von Nicht-Muslimen ernst genommen wird und auch nicht, dass die Jungs von der “Scharia-Polizei” Druck auf Nicht-Muslime ausüben wollen bzw. damit Erfolg haben.

Meine Sorge ist, dass der konservative Islam in den nächsten Jahr­zehnten den muslimischen Teil der Gesellschaft immer mehr unter Druck setzen und einen Islam nach seinen Vor­stellungen etablieren will. Das würde eine Absonderung von Teilen der Muslime fördern, und damit würde ein Keil in die Gesellschaft getrieben, so dass die Muslime dann immer mehr auseinander driften würden. Aber letzten Endes wären auch gewalt­tätige Aus­einander­setzungen zu befürchten. Die fanatischen Muslime würden zuerst den liberalen Muslimen das Leben zur Hölle machen und dann den Nicht-Muslimen.

 

Könnten zum Dschihadismus tendierende junge Muslime und Musliminnen durch besonders konservative Religions­ange­bote davon abgehalten werden, sich an dem Mord­treiben von ISIS zu beteiligen?

Wieso das denn? Denken Sie, dass besonders konservative Religions­angebote dem radikalen Verständ­nis dieser Gruppe am nächsten kommen? Welche Angebote sollen die Moschee­vereine den jungen Leuten denn machen, wenn sie sich über­haupt nicht mit der Ideologie, die hinter der Gewalt steckt, aus­einander­setzen bzw. aus­einander­setzen wollen, aus­einander­setzen können? Denn bevor Islam­verbände den Weg gehen, der aus der Gewalt heraus­führt, müssten sie sich wohl erst mal den Weg an­schauen, der in die Gewalt hinein­führt! Das aber findet kaum statt. Man begnügt sich mit dem Slogan: Das ist un­islamisch oder: Das hat mit dem Islam nichts zu tun.

Wie sieht denn dieser Weg in die Gewalt aus? Es wird in den Moscheen viel­fach ein Islam propagiert, der mit Angst operiert, mit blindem Gehor­sam und Bestrafung, wenn man nicht folgt. Dazu zählen auch allseits beliebte Vor­stellungen von Sünde. Sie müssten sich mal die Sünden­kataloge der Imame an­schauen. Im Prinzip ist zumeist alles Sünde, was nicht direkt mit dem Glauben zu tun hat. Ganz besonders für Frauen, vom lauten Lachen über kurze Haare bis zu einem Essen bei “Deutschen”. Aber wer stellt diese Kataloge auf? Und vor allem: wie sieht die Bestrafung aus? Da sind wir dann ganz schnell bei der Gewalt!

 

Der Islamismusexperte Admad Mansour aus Berlin, der mit Projekten gegen Radi­kali­sierung von jungen Muslim­Innen befasst ist, vertritt die Aufvfassung, dass Auf­klärung erforder­lich sei und Eltern­arbeit. Er fordert, dass die “Verbände und die Moscheen Verant­wortung und die Inhalte, die von Radikalen instrumentalisiert werden in Frage stellen und ernsthaft diskutieren. Damit meine ich die Angst­pädagogik, Geschlechter­trennung, Tabuisierung der Sexualität und Exklusivitäts­ansprüche.”

Dem stimme ich zu, wie ich ja eben schon angedeutet habe. Das heißt konkret: Die Moschee­vereine und ihre Imame müssen ihr erz­konservatives Islam­verständnis und ihre rückwärts­gewandten Inhalte auf den Prüf­stand stellen. Und sich mit den von ihnen bislang tabuisierten Themen aus­einander­setzen, das betrifft Gleich­berechtigung von Mann und Frau, Umgang mit der Sexualität, Umgang mit Anders­gläubigen, und mit anderen Lebens­formen. Und sie müssen Wege finden, damit zeit­gemäß umzugehen. Glauben Sie mir, danach würde sich die Frage, ob der Islam eine gewalt­tätige Religion sei, ganz schnell erübrigen. Im Klartext: Statt permanent zu wieder­holen, der Islam sei keine gewalt­tätige Religion, müssten die Verant­wortlichen der Islam­verbände mal theologisch nach vorne schauen. Vor allem müssen sich die Islam­verbände und Moschee­vereine mit den universalen Menschen­rechten aus­einander­setzen. Menschen­rechte sind unteilbar. Und es gibt auch keine anderen, durch die Religion relativierten, Menschen­rechte für Muslime – mit anderen Worten: Islamische Menschen­rechts­erklärungen mit Scharia-Vor­behalt sind wertlos.

 

In Niedersachsen plant die Landesregierung Maßnahmen zur Salafismus-Prävention. Sind da ausgerechnet DITIB und SCHURA die richtigen Ansprech­partner?

Ja, wenn man den Bock zum Gärtner machen will, dann sollte man den konservativen Verbänden Steuer­gelder zur Ver­fügung stellen, damit sie Salafismus­prävention machen können. Entschuldigen Sie, aber das kann unter den heutigen Bedingungen doch niemand ernst­haft in Erwägung ziehen, oder?

 

Sie haben in der Vergangenheit wiederholt für einen liberalen Islam plädiert und darauf verwiesen, dass die Mehr­heit der in Deutsch­land lebenden Muslime deutlich weniger traditionell und religiös konservativ einge­stellt seien, als es das öffentliche Erscheinungs­bild der Islam­verbände vermuten lasse. Ist dies auch heute noch Ihre Auf­fassung?

Ja, immer noch. Obwohl die Zahl der religiös-konservativen Muslime in den letzten Jahren zuge­nommen hat, auch durch die politischen Prozesse in der Türkei. Die meisten Muslime in Deutsch­land kommen ja aus der Türkei, und da vor allem aus den länd­lichen Gegenden. Das sind die Menschen, die früher einen All­tags­islam gelebt haben. Durch die Islami­sierung des gesellschaft­lichen Lebens hat sich auch ihre Einstellung zur Religion gewandelt. Trotzdem dürfen wir nicht ver­gessen, dass nur knapp 14 Prozent aller Muslime einem islamischen Verband in Deutschland angehören. Interessant ist auch, dass sich diese Zahlen seit Jahren nicht verändern. Trotz Erdogan und seiner Politik.

Wenn also Politiker mit den Verbands­vertretern sprechen, sollten sie immer im Kopf be­halten, dass diese NICHT für DIE Muslime reden, sondern nur für ihre Community, oder - wie im Falle von DITIB – für die türkische Politik, die dahinter steht!

 

Medial beherrschen die orthodox-konservativen Verbände die Szene und zeigen nicht gerade ein liberales Islam­verständnis. Aber diese Verbände wollen bestimmen - über islamischen Religions­unterricht und dessen Inhalte, über die Aus­bildung und Ein­stellung islamischer Religions­lehrerInnen. Die Politik macht da weit­gehend mit. Stellt diese Entwicklung nicht einen (unzulässigen) Eingriff in die Religions­freiheit von MuslimInnen in Deutschland dar, wenn nur bestimmte (orthodox-konservative) Islam-Vorstellungen in Schulen und Hoch­schulen vertreten werden sollen?

Die orthodoxen Verbände haben sich in der Politik breit gemacht, und mit der Waffe der Idschaza (Lehr­erlaubnis für den islamischen Religions­unterricht) halten sie jetzt die Hoch­schulen und die Schul­ministerien in Schach. Die Lehrerinnen und Lehrer, aber auch die Hoch­schullehrer haben Angst, den Verbänden zu wider­sprechen, weil sie dann die Idschaza verlieren und, wenn sie nur einen zeitlich befristeten Vertrag haben sollten, entlassen werden könnten.

An deutschen Schulen und Universitäten wird heute zumeist ein orthodoxer Islam gelehrt. Denken Sie, was Prof. Khorchide alles wider­fahren ist, nur weil er einiges gesagt hat, was den Verbands­muslimen nicht passte – so etwa, dass auch Nicht-Muslime ins Paradies kommen können. Übrigens, theologisch ein alter Hut, aber für diese ultra­orthodoxen Verbände ein No-Go. Khorchide musste Abbitte leisten, sprach von “Miss­verständnissen”, damit er seinen Posten behalten konnte. Das ist eine sehr traurige Entwicklung.

Wenn der Staat dieser Entwicklung – dass nämlich die konservativen Verbände und nur sie die islamische Aus­bildung von Schülern und Studenten kontrollieren - taten­los zuschaut, dann werden zukünftige Generationen von ewig gestrigen Muslimen an deutschen Schulen und Universitäten staatlich aus­gebildet werden. In wenigen Jahren wird sich diese Entwicklung verselb­ständigt haben – und dann wollen die Verbände von Salafismus­prävention reden? Da lache ich aber laut. Dann heißt es nur noch: “Gute Nacht, Deutschland!”

 

Zum Schluss: Sie werden im Jahr 2013 mit der Bemerkung zitiert: “Es kann auch einen anderen Islam geben; einen auf­geklärten, der den Verstand als Voraus­setzung für den Glauben sieht. Damit dieser Islam sich weltweit etablieren kann, braucht es mehr muslimische Protestanten, die sich gegen den vor­herrschenden konser­vativen Main­stream stellen.” Wo sind in der aktuellen Situation diese “muslimischen Protestanten”? Wo kann man ihre Stimmen hören?

Na, hier. Sie hören ja meine Stimme ganz laut und deutlich.

 

Frau Dr. Akgün, vielen Dank für das Interview.

 

Das Interview führte Walter Otte für den hpd.

 


Mehr von Lale Akgün: u.a. Aufstand der Kopftuch­mädchen. Deutsche Musliminnen wehren sich gegen den Islamismus. Piper, München u. a. 2011 mit einer Besprechung in der ZEIT

Kommentare (12)

Oliver Tausend (nicht überprüft)

Di. 30 Sep 2014 - 14:13

Es ist vollkommen haltlos davon zu sprechen, dass die IS-Terroristen den Islam oder den Koran "missbrauchen." Sie halten sich lediglich an das, was geschrieben steht.

Von Missbrauch zu sprechen anstatt zuzugeben, dass der Koran (wie natürlich auch die Bibel) ein durch und durch blutrünstiges Buch ist, der u. a. alle Ungläubigen als Feinde bezeichnet (4:101) und ausdrücklich zum Märtyrertod (4:74) aufruft, ist doppelt unredlich: Man vergeht sich sowohl am Glauben (aus Sicht der Fundamentalisten) als auch an der Vernunft und am kritischen Denken.

In dieser Weigerung der sog. religiös Gemäßigten, die Papierform ihrer angeblich heiligen Bücher vollständig und ohne Beschönigung anzuerkennen (nicht gutzuheißen) und damit zuzugeben, dass diese unendlich grausam und als moralische Orientierung nutzlos und gefährlich sind, liegt m. E. unsere kollektive Unfähigkeit begründet, mit religiös motivierten Terroristen umzugehen.

Wie schrieb doch Hamed Abdel-Samad in seinem Buch "Der islamische Faschismus"? Wir müssen eine Debatte führen über den Einfluss von Religion im Allgemeinen.

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Di. 30 Sep 2014 - 19:07

Antwort auf von Oliver Tausend (nicht überprüft)

Genau das fiel mir bei der ersten Antwort ebenfalls auf - inwiefern wird da eine Religion 'missbraucht'? Und ganz am Ende - sinngemäß: 'Verstand als Grundlage für Glauben'. Geht bei mir nicht.

Oliver Tausend (nicht überprüft)

Mi. 1 Okt 2014 - 12:13

Antwort auf von Hans Trutnau (nicht überprüft)

So sehe ich das auch, Herr Trutnau. Die Aussage zeigt nur, dass allen Menschen - auch und gerade religiösen - das Bedürfnis innewohnt, seine Glaubenssätze tatsächlich für empirisch wahr zu halten, um vor sich selbst und anderen nicht dumm dazustehen. Daher neigen wir als dazu, unsere unbewiesenen Glaubenssätze zu rationalisieren. Das gelingt sogar bei empirisch und wissenschaftlich klar widerlegten Glaubenssätzen wie sie die Religionen propagieren (Gott erhört Gebete usw.) Und bei Religion gelingt es sogar besonders gut, denn wenn viele das gleiche glauben, kommt man für empirisch falsche Behauptungen über die Welt nicht in die Psychiatrie; nein, man hat sogar den Freifahrschein für "religiöse Toleranz".

Papst Johannes Paul II. soll sinngemäß gesagt haben, dass man den "Glauben" (bzw. die "Offenbarung") entweder nur vollständig akzeptieren oder vollständig verwerfen könne.

Man muss kein Freund dieses oder eines anderen Papstes sein, um ihm da klar zuzustimmen. Vor dieser Entscheidung steht jeder und da soll man sich nicht durchmogeln mit hermeneutischer Bibelexegese oder der unheiligen Vermählung von Glauben und Vernunft.

Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Mi. 1 Okt 2014 - 12:55

Es dreht sich im Kern um die sattsam bekannte Rosinenpickerei bei sogenannten "Heiligen" Schriften. Für mich gilt: Nicht, ob ich etwas Gutes in einem Buch finde, ist ausschlaggebend, sondern ob ich etwas Schlechtes darin finde. Ich greife in mein Regal und schlage ein Buch auf, zitiere einen zufällig aufgefundenen Text: "Man stelle sich doch einmal folgendes vor: In einer Kellerwohnung, aus zwei dumpfen Zimmern bestehend, haust eine siebenköpfige Arbeiterfamilie. Unter den fünf Kindern auch ein Junge von, nehmen wir an, drei Jahren. Es ist dies das Alter, in dem die ersten Eindrücke einem Kinde zu Bewusstsein kommen. Bei Begabten finden sich noch Spuren der Erinnerung aus dieser Zeit. Schon die Enge und Überfüllung des Raumes führt nicht zu günstigen Verhältnissen. Streit und Hader werden sehr häufig schon auf diese Weise entstehen. Die Menschen leben ja so nicht miteinander, sondern drücken aufeinander. Jede, wenn auch kleinste Auseinandersetzung, die in geräumiger Wohnung schon durch ein leichtes Absondern ausgeglichen werden kann, sich so von selbst wieder löst, führt hier zu einem nicht mehr ausgehenden widerlichen Streit. Bei den Kindern ist dies natürlich noch erträglich; sie streiten in solchen Verhältnissen ja immer und vergessen es untereinander wieder schnell und gründlich. Wenn aber dieser Kampf unter den Eltern selber ausgefochten wird, und zwar fast jeden Tag, in Formen, die an innerer Rohheit oft wirklich nichts zu wünschen übriglassen, dann müssen sich, wenn auch noch so langsam, endlich die Resultat eines solchen Anschauungsunterrichtes bei den Kleinen zeigen." etc. pp. Wer mag das geschrieben haben? Ein früher Sozialdemokrat, der auf die Missstände in armen Familien hingewiesen und für höhere Sozialleistung geworben hat, damit es allen gleich gutgeht? Ein Psychologe oder engagierter Sozialarbeiter? Ein Politiker der Linken? Nein, es stammt unverfälscht aus "Mein Kampf" von A. H.!!! Isoliert kann doch niemand etwas gegen den Text (und die ihm folgenden Seiten) einwenden. Ein so großes, zusammenhängendes Stück des sozialen Engagements würde ich mir für den Koran wünschen. Und trotzdem ist "Mein Kampf" ein verachtenswertes Buch, weil es sehr viele deutlich BÖSE Stellen enthält, weil seine Kernaussage menschenverachtend, rassistisch und chauvinistisch ist. Diktatorisch und rechthaberisch. Es nutzt doch gar nichts, aus den "Heiligen" Texten rosinengepickte Faltblätter zu machen, solange die Langfassungen noch völlig problemlos benutzt werden dürfen. Dass gemäßigte Muslime gerne die barmherzigen Stellen herauspicken - geschenkt. Dass fundamentalistische Muslime die Tötungsstellen herauspicken, dass ist unser Problem. Und ein Problem des Islams und jeder monotheistischen Religion. Möge man dort in gemäßigten Kreisen die Faltblätter kreieren, die noch guten Gewissens übrigbleiben dürfen, dann MUSS jedoch Schritt 2 folgen: Die theologische Ächtung der vollständigen Bibel und des vollständigen Koran. Erst dann könnte man vollmundig versprechen, Islam oder Christentum seien barmherzig und friedfertig. Und man könnte guten Gewissens auf die Nutzer des vollständigen Islam deuten und sie für unislamisch erklären. So, wie wir die, die "Mein Kampf" in seiner Gänze glauben, getrost als Nazis bezeichnen dürfen. Die paar Rosinen, wie die oben zitierte, machen daraus kein Buch eines Vorkämpfers für soziale Gerechtigkeit.

David (nicht überprüft)

Do. 2 Okt 2014 - 01:25

Sind alle Religion gleich? Nein, genausowenig wie alle Ideologien gleich sind, genausowenig wie Federball und Boxen gleich sind.

Beinhalten alle Abrahamitischen Religion gewalteverherrlichende Inhalte? Ganz sicher.

Sind alle Abrahamitischen Religionen gleich gewaltverherrlichend? Ganz sicher nicht. Das Leben und die Aussagen eines mittelaterlichen warlords sind objektive betrachtet weit aus gewaltverherrlichender als das Leben und die Aussagen eines gewissen Wanderpredigers.

Fazit: Die übliche Vorgehensweise eines Gläubigen, durch Ignoranz oder hanbüchener Uminterpretation einen religiösen Text für das 21. Jhd. zu "rationalisieren", funktioniert nicht bei klaren Anweisungen oder Vorgaben. Und genau diese haben wir im Islam. Und leider sind nicht wenige davon intolerant und gewaltverherrlichend.

Es fehlt - intellektuelle Ehrlichkeit und Kritikfähigkeit.

Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Do. 2 Okt 2014 - 11:15

Antwort auf von David (nicht überprüft)

@ David: Alle Religionen sind gewiss nicht gleich. Doch diejenigen, die dem abrahamitischen Stamm entspringen, sehr wohl. Das Judentum, wie wir es heute kennen, setzte sich bis zum 2. Jh. v.Chr. gegen den kanaanitischen Polytheismus durch. Kaum war es etabliert, kamen die ersten Häresien, die bekannteste wurde zunächst das Christentum. Doch die Verzweigung ging immer weiter, die Konzile von 325 (->Gottessohnschaft) und 381 (->Trinität) markierten im Grunde Häresien, die von vielen nicht akzeptiert wurden. Das ist das Wesensmerkmal einer Entwicklung mit Absolutheitsanspruch: Ablehner dieser Idee müssen niedergerungen werden, weil man sich sonst unglaubwürdig macht. Im besten Fall durch Konversion, im schlimmsten durch Ermordung! Mit jeder bedeutenden Häresie wurden die Konkurrenten zahlreicher, denn anfangs sind alle Neuausrichtungen des Monotheismus zarte Pflänzchen, die oft absterben. Als zwischen 400 und 800 der Islam entwickelt wurden (die Frage der Existenz Mohammeds kann man ausklammern), war auf dem Boden der Ablehnung der Dreifaltigkeitslehre in den Ostgebieten des Christentums möglich. Doch wirklich durchgesetzt hat sich die radikale Rückbesinnung auf die Ursprünge des Monotheismus im Judentum (ausgerechnet im Judentum!) erst, als ein oder mehrere "Religionsstifter" ein ausreichend großes Machtpotential aufgebaut hatten, um dies auch durchzusetzen. (In dieser Hinwendung zum Judentum bei gleichzeitiger Häresie liegt einer der Gründe für den tiefsitzenden Hass der islamischen Welt gegen Israel. Es musste von Anfang an verhindert werden, dass die Christen der Ostgebiete sich einfach wieder dem Judentum zuwenden, sondern den neuen Pfad zum Islam beschreiten). Beim Aufstieg des "Wanderprediger-Christentums" war dies nicht erforderlich, da das Judentum nicht missioniert hat, schon gar nicht aggressiv. Die Christen konnten sich also relativ unangefochten im Nahen Osten ausbreiten. Die Anhänger der "gottessohnlosen" Häresie namens "Islam" sahen sich also aggressiv missionierenden/rückmissionierenden Christen gegenüber, die bekämpft werden mussten, wollten die Kalifen ihre Pfründe ausbauen und sichern. So erklärt sich der "Warlord-Charakter" des Islam, während sich das Christentum des ebenfalls erfundenen Wanderpredigers zunächst scheinbar mehr Milde leisten konnte. Genau betrachtet war dies beim Islam zunächst auch nicht anders (siehe die Koran-Suren von Mekka!). Erst als Christentum und Islam gefestigter waren, wurden die Peitsche und das Krummschwert herausgeholt, um die Liebe Gottes effektiver verbreiten zu können. Doch vom Kern her sind alle monotheistischen Religionen aggressiv gegen Anders- oder Ungläubige. Es ist halt eine Geschäftsidee, die schon früh auf Globalisierung gesetzt hat - zunächst allerdings nur, um aus umherziehenden Hirtenstämmen ein Volk zu kreieren...

@Bernd
Interessanter Beitrag. Nun, dazu müsste man erst definieren, was wir unter "gleich" verstehen. Ich bin hier im Kontext "IS" von Gewalt- und Intoleranzelementen ausgegangen.

Dass der Absolutheitsanspruch bei allen drei Religionen eine wesentliche Rolle spielt und in allen drei Fällen duch Ausgrenzung der Andersgläubigen, deren Abwertung und schliesslich deren Verfolgung mit zum Gewaltcharakter beiträgt, sehe ich genau so. Dies ist aber kein alleiniges abrahamitisches Religionsfeature, siehe weltliche Ideologien, und vor allem: es ist nicht das einzige. Nur eine dieser drei Religionen geht noch wesentlich darüber hinaus. Nur eine der drei Religion verehrt als modernes Rollenvorbild einen Kriegsfürsten als Propheten mit all dem harten Stoff, den ein mittelalterlicher Krieger sagt und tut.

Diese Gewaltelemente im Islam damit zu erklären, dass man sich gegen "aggressive Missionierung" zu schützen versuchte (so verstehe ich Ihr Argument) kann ich nicht nachvollziehen. Diese Elemente entstehen in einer Phase, in der Islam politisch/militärisch erstarkt und gegen andere, meist jüdische, Stämme vorgeht. Es geht hier, historisch gesehen, also vielmehr um reale Machtpolitik und Eroberungsintentionen denn um die mögliche Bedrohung durch christliche Gegenmissionierung. Eine Machtpolitik, die nach Ausschaltung der lokalen Konkurrenz, sich dann nur logisch konsequent im Angriff auf die byzantinischen Gebiete fortsetzte.

Einen Präventiv- oder Verteidigungscharakter kann ich in dieser aggressiven Expansion nicht erkennen.

Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Sa. 4 Okt 2014 - 23:52

Antwort auf von David (nicht überprüft)

@ David: Grundsätzlich habe ich nichts gegen Ihren Einwurf. Trotzdem wage ich ebenfalls noch eine Präzisierung: Das Judentum war in seinen Anfängen (wie jede neue Religion) schwach und klein. Die ex eventu als ätiologische Sagen in die Thora geschriebenen Landnahme- und Genozidfantasien, die zumindest in der geschilderten Form und Gewalttätigkeit nie vorkamen, verdeutlichen aber eindrucksvoll, welche Art Führer die sich konsolidierenden Juden wünschten: Einen Mose, der ein geflohener Mörder war, der skrupellos mit Zaubertricke die Ägypter an den Rand des Massensterbens bringt und ihr Heer im Meer ersäuft, der später 3.000 Mann der eigenen Leute umbringt, weil sie den falschen Gott anbeten. Später treten weitere "Idole" des Judentums auf, die sich wenig zimperlich zeigen und recht eifrig töten und töten lassen. So stellte man sich in der Fantasie starke Führer vor, die auch religiöse Vorbilder wurden. Jesus war, entkleidet man ihn mal der alttestamentlich vorgegeben "prophetischen Eckdaten", ein Aufständler, der gegen die Römer kämpfte, durchaus mit dem Schwert, wie er selbst zugibt. Diverse Gleichnisse lassen sogar auf einen offenen Kampf gegen römische Legionäre schließen. Die Bergpredigt interpretiere ich als Rede an mögliche Helfer beim Widerstand mit den üblichen, jenseitigen Heilsversprechungen monotheistischer Religionen für Gewaltakte. Er selbst gehörte einer Endzeitsekte an, die sowieso das nahe Ende der Welt erwartete. Was wäre mit Jesus geschehen, wäre er nicht mit Anfang 30 hingerichtet worden? Einer, der ein großes Heer hinter sich versammelt, um offen gegen Rom anzutreten? Ich weiß es nicht, aber denkbar ist es. Aus irgendeinem Grund hat sich die Erinnerung an diesen Hingerichteten erhalten - der ja neben tausenden Anderen getötet wurde. Aber die Ausbreitung des Christentums kam mitnichten durch den toten "König der Juden" zustande, sondern erst nachdem dank Paulus' Verhandlungsgeschick und anderer Rom später als Adoptivvater der Häresie gewonnen werden konnte. Erst jetzt war militärische Power vorhanden und nun begann der Siegeszug. Mohammed - an dessen überlieferter Existenz ebenfalls massiv gezweifelt werden muss - war anfangs ähnlich schwach, wie Jesus, selbst in der eigenen Familie. Doch er entging seiner Hinrichtung, die ihm eventuell in Mekka gedroht hätte, und konnte mit Kapital seiner Frau in Medina eine ausreichende Macht etablieren. Dann begann er der Legende nach mit seinem Siegeszug, der so, wie koranisch geschildert, auch unhistorisch, sprich übertrieben dargestellt ist. Ich habe das hier jetzt mal etwas plakativ verkürzt dargestellt, aber ich sehe mehr Gemeinsamkeiten zwischen den Gründervätern des Judentum, des Christentums und des Islam. Gemeinsam ist allen die oft legendenhafte Existenz ihrer vermeintlichen Religionsstifter, die Entwicklung der ursprünglichen Ideen durch Leute aus dem 2. Glied und die Verbreitung mit militärischer Macht oder sogar offener Gewalt - sehr häufig begleitet durch maßlos übertriebene Darstellungen dieser Gewalt, als seien die Religionen so sehr mit Gott im Bunde, dass sie alle Feinde problemlos niederringen können (dies soll natürlich Angst bei möglichen Gegnern erzeugen.) Es ist auch ein Wesenszug der Angstpädagogik monotheistischer Religionen, die - was das Christentum betrifft - noch heute in Landesverfassungen die Gottesfurcht für Kinder verankert haben. Und hier finden wir auch die Gemeinsamkeiten mit ideologischen, politischen Systemen, die dem gleichen Strickmuster folgen: Starke, auf magische Weise unbezwingbare Führer, die einem Buch folgen und die Massen mit Zuckerbrot und Peitsche hinter sich versammeln. Das einzige mir bisher bekannte, adäquate Gegenmodell ist die Demokratie, dieses zarte, empfindliche, immer wieder geschundene Pflänzchen...

Nataniel (nicht überprüft)

Fr. 3 Okt 2014 - 01:45

Im Koran, der für alle Muslime verbindlich ist, steht, dass man "Ungläubige" belügen, betrügen, täuschen, bestehlen, verletzen und töten darf. Der Besitz von Ungläubigen wird als frei nutzbar betrachtet, daher ist es kein Diebstahl, einem Ungläubigem etwas wegzunehmen. Ungläubige sind nach dem Koran weniger wert als Tiere. Es ist sogar zulässig, Ungläubige derart zu täuschen, dass man sie - sofern sie eine Übermacht darstellen - durch eine scheinbare Integration in falscher Sicherheit wiegt, nur um später härter zuschlagen zu können.
Dieser Logik folgte z.B. Mohammed Ata, der Anführer der WTC-Attentäter. Alle, die mit ihm zu tun hatten, bekamen von ihm den Eindruck vermittelt, dass er im Westen "angekommen" sei. Aber das war nur vorgeschützt.

Aus diesem Grund gebe ich nichts auf die Distanzierungen von Muslimen von der IS. Alles nur Blendwerk, um Ungläubige in falscher Sicherheit zu wiegen. Solange, bis Muslime in eine Übermachtsituation kommen. Dann erst werden sie ihr wahres Gesicht zeigen.

Weiterhin ist eine Trennung von Tat und Täter nicht möglich. Muslime können sich nicht darauf berufen, dass andere Muslime die Taten "nicht in ihrem Namen" begehen würden. Das geht so nicht! Tat und Täter bilden immer eine Einheit.

Was wäre, wenn zum Beispiel Deutsche anfangen würden, Clips auf youtube zu stellen, in denen sie erklären "die Verfolgung und Ermordung von Juden und Gegnern der Nazis geschah nicht in meinem Namen. Daher habe ich damit nichts zu tun! Also lasst mich damit in Ruhe!" - es gäbe einen Aufschrei und wahrscheinlich würde noch am selben Tag die Polizei vor der Tür stehen.

Ob eine Gemeinschaft nun Juden oder Jesiden, Christen sowie Kritiker und Gegner verfolgt und ermordet ist egal. Es ist dieselbe Tat. Da kann man nicht zweierlei Maß anlegen. Was für den einen gilt, gilt auch für den anderen. Kein Deutscher kann sich vom Holocaust lossagen, indem er behauptet, er sei nicht in seinem Namen geschehen. Genausowenig kann sich ein Muslim von Taten lossagen, die im Namen des Islam geschehen.

Wie sagt man auch: mitgegangen, mitgefangen. Jeder Muslim ist ein Mittäter. Und das wird auch für alle Muslime gelten, die jetzt noch ungeboren sind und vielleicht erst mehrere Jahrzehnte in der Zukunft auf die Welt kommen. Auch diese sind Mittäter. Man kann die selbe Sache nicht mit zweierlei Maß messen.

Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Fr. 3 Okt 2014 - 12:59

Antwort auf von Nataniel (nicht überprüft)

@ Nataniel: Ich muss dich ein wenig korrigieren. Sippenhaft ist alttestamentlich und sollte aus unserer Gesellschaft verschwinden. Verantwortlich für eine Tat ist immer nur der Täter und nicht sein Glaubensbruder, nicht einmal sein leiblicher Bruder. Taten werden heute individualisiert. Und das ist auch gut so! Ich habe physisch nichts mit den Verbrechen des 3. Reichs zu tun. Ich hätte sie nicht einmal verhindern können. Was sich daraus aber ableitet ist eine historische Verantwortung: Weil ich weiß, wie rasch eine Gesellschaft entmenschlicht wird, verroht, wenn sie z.B. einer faschistischen Ideologie folgt, werde ich heute und für alle meine Zukunft dafür sorgen - nach meinen Möglichkeiten -, dass sich solches nie mehr wiederholt, in keinem Land, in keinem Volk. Weil ich weiß, wie das Christentum agiert, wenn es politische Macht in Händen hält, werde ich dafür sorgen, dass diese Ideologie verschwindet, auf jeden Fall nie wieder Macht erlangt, auch wenn das deutsche Christentum heute im Wesentlichen harmlos und im Fall der Führungselite raffgierig ist. Und im Fall des Islam mache ich jeden Moslem persönlich dafür haftbar, wenn er nicht im Rahmen seiner Möglichkeiten gegen unmenschliche Praktiken seiner Religion vorgeht, wie Scharia, "Gotteskrieger", Hassprediger, grundgesetzwidrige Aktionen, auch innerhalb der Familie (Missachtung der Gleichstellung von Mann und Frau, der Religionsfreiheit, auch negativer etc.). Gegen homophobe Tendenzen, gegen Missstände im kirchlichen Arbeitsrecht und kirchlichen Finanzen und schlimmere Gräueltaten "im Namen des Christentums" in häufig afrikanischen Ländern handele ich im Rahmen meiner Möglichkeiten. Ich ächte sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit, kläre auf, beteilige mich an Aktionen. Dieses Engagement erwarte ich von allen Muslimen weltweit, solange noch ein Verrückter "im Namen des Islams" unterwegs ist und Verbrechen begeht. Doch für die Vergangenheit, schon gar für die vor seiner Geburt, ist niemand verantwortlich und kann niemand verantwortlich gemacht werden. Dies sollten wir im Namen der Fairness berücksichtigen. Danke!

Rüdiger von Gizycki (nicht überprüft)

Sa. 4 Okt 2014 - 13:28

Es ist doch immer dasselbe. Ganz gleich welche Religion oder welche Weltanschauung man hat, es ist das religiöse Dogma, welches die Grundlage für beliebige Interpretationen zulässt. Wenn im Glauben verankert ist, das Gott, Allah, Jehova oder Mao, oder die kommunistische Partei und wer weiß sonst noch den Anspruch erhebt, den wahren Weg aufzuzeigen,dann kann sich jeder darauf berufen und seine Taten wie auch immer damit rechtfertigen. Die letzte Verantwortung wird somit nicht sich selbst, sondern dem obersten Lenker zugeschrieben und nicht der eigenen Verantwortung. Doch wenn schon Religion, dann im freien humanistischen Sinne.

Ein Zitat von Erich Fromm:

"Insofern humanistische Religionen theistisch ist, ist Gott das Symbol für des menschen eigene Kräfte, und nicht ein Symbol für Gewalt und Herrschaft, also für mehr Macht über den Menschen".

In seiner Konsequenz wäre das Dogma dann obsolet. Doch dann wird jede dogmatische Religion eine leere Glaubenshülse, die man nicht mehr braucht und dann wäre auch die Berufungen auf Gottes oder von der Partei usw. offenbartes Wort der Boden entzogen. Das müsste aber sein, damit endlich die Freiheit eintritt, die letztlich den Menschen in Freiheit und Würde der Selbstverantwortung und der Vernunft überlässt.

Auch der Satz Albert Schweitzers kann dabei helfen:

"Ich bin Leben, dass leben will, inmitten von Leben, das leben will!"

Rüdiger von Gizycki

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Di. 14 Okt 2014 - 00:31

Antwort auf von Rüdiger von Gizycki (nicht überprüft)

Etwas korrekter, Rüdiger, es ist m.E. weniger das religiöse Dogma (sonst wäre es keins), das interpretiert werden kann, sondern die schwammigen (eben interpretierbaren) Texte der sog. 'heiligen' Bücher, was zu entsprechenden Zwistigkeiten führt(e). So war unter 'Christen' bis ins 4. Jhd. umstritten (und zwar bis aufs Blut!), ob ein gewisser Jesus gottgleich ist oder nicht - bis Kaiser Konstantin 325 auf dem Konzil von Nicaea einsam entschied, dass er wesensgleich sei (Stichwort Homousie). Zum quasi unbestreitbaren Dogma wurde das erst 380 durch Kaiser Theodosius mit seiner reichsweit verordneten Trinität (Vater, Sohn und 'heiliger' Geist), was zu 1000 Jahre Mittelalter führte und zumindest für gläubige Katholiken noch heute unantastbares Dogma ist. Solch Irritationen der Schriften sorgen immer noch für gewisse Differenzen, z.B. zwischen Evangelikalen oder Opus Dei und EKD, genauso wie zwischen den mannigfaltigen Meinungsverschiedenheiten im Islam, z.B. zwischen Sunniten und Schiiten etc. pp. - Ich sehne den Tag herbei, wo diese Schriften auf der Müllhalde der Geschichte landen.

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