Erneute Diskriminierung von Konfessionsfreien
Rabbiner in der Bundeswehr
Foto: © Arik Platzek
Ende letzten Jahres meldete die Tagesschau, dass ein Staatsvertrag geschlossen wurde, der Militärrabbiner in der Bundeswehr ermöglichen wird. Dabei sollen 10 Rabbiner für 300 Soldatinnen und Soldaten jüdischen Glaubens zuständig sein. Der hpd sprach mit dem Bundesbeauftragten für "Humanismus und Bundeswehr" im Humanistischen Verband Deutschlands (HVD), Ralf Schöppner.
hpd: Was halten Sie von dem jüngst zwischen der Bundesregierung und dem Zentralrat der Juden geschlossenen Staatsvertrag über die Einführung von Rabbinern in der Bundeswehr?
Ralf Schöppner: Es gibt eine ganze Reihe von Berufsgruppen, in denen es Seelsorgebedarfe gibt: Ärzte, Kranken- und Altenpflegende, Polizist*innen, Soldat*innen u.a.m. Es gibt auch Institutionen wie Krankenhäuser oder Gefängnisse, deren Patient*innen bzw. Insassen Seelsorgebedarfe artikulieren.
Überall, wo es solche Bedarfe gibt, sollte es ein pluralistisches Angebot geben, d.h. für Angehörige der verschiedenen Religionen wie für Religionsfreie, z.B. Humanist*nnen. Form und Finanzierung können je nach Bereich unterschiedlich sein, dort dann jedoch für alle Anbieter gleich.
Wenn es in einem Bereich bereits Staatsverträge gibt und diese beibehalten werden sollen, dann müssen auch die neuen Anbieter Staatsverträge bekommen.
Weshalb gibt es dann noch keinen mit dem HVD? Als Körperschaft des öffentlichen Rechts hätte er doch jetzt die gleichen Möglichkeiten wie die Religionsgemeinschaften.
Der HVD Bundesverband, der in Bezug auf Soldat*innen der Bundeswehr der richtige Partner wäre, ist keine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Dass einzelne Landesverbände hier Erfolg haben können, möchte ich bezweifeln.
In acht der 16 Bundesländer stellen bereits Ende 2019 Konfessionsfreie die Mehrheit – es ist davon auszugehen, dass sich dieser Trend deutschlandweit fortsetzen wird. Wenn man zudem davon ausgehen kann, dass der Anteil der Konfessionsfreien in der Bundeswehr noch höher ist: Wie läßt sich dann noch eine religiöse Seelsorge begründen?
Christliche Seelsorge wäre grundrechtlich auch noch für eine kleine christliche Minderheit begründbar. Nicht begründbar hingegen ist die Diskriminierung der Angehörigen einer religiösen oder weltanschaulichen Gruppe gegenüber einer anderen, so wie es jetzt der Fall ist.
Vielleicht ist eine Bemerkung zu den Konfessionsfreien erlaubt: Wir haben dort rechte und linke Atheisten, AfD-Wähler, bekennende Nazis, Gleichgültige, Humanist*innen, Religiöse und Esoteriker. Wir sollten uns nicht derart pauschal auf diese Gruppe beziehen.
Wäre Ihrer Meinung nach ein allgemeiner, psychologischer Dienst oder Ähnliches nicht besser dafür geeignet, die psychischen Belastungen der Soldaten abzufedern?
Ich denke nein. Von Soldat*innen höre ich dazu immer wieder: Wer dort hingeht, werde nicht mehr richtig ernstgenommen und sei abgestempelt. Außerdem umfasst Seelsorge weitaus mehr als nur sogenannte "psychische Probleme". Sinn- und Moralfragen, Sorgen, Nöte oder Ängste sind nicht immer gleich ein "psychologisches Problem", es sind oft sogar weltanschauliche Orientierungsbedarfe.
Halten Sie die Begründung der Bundesregierung, mit der Berufung von Militärrabbinern etwas gegen den Antisemitismus in der Truppe zu unternehmen, für schlüssig?
Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Mond sicher, schrieb Hannah Arendt irgendwann Anfang der 1940er Jahre. Ich fürchte sehr, da ist auch heute noch was dran. Militärrabbiner jedenfalls dürfte man damit überfordern.
Herzlichen Dank für das Gespräch.

Kommentare (6)
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Die Generäle wissen, dass
Die Generäle wissen, dass Menschen, die an eine Wiederauferstehung von den Toten und ein ewiges Leben im Paradies glauben, sich leichter in den Krieg schicken lassen.
Hallo A.S.
Hallo A.S.
Und wie der Klerus dazu steht, kann man in dem Buch < Im Sold der Schlächter> nachlesen.
"Im Sold der Schlächter" ist
"Im Sold der Schlächter" ist die eine Richtung.
Es gibt aber auch die andere, die man nicht übersehen darf, die Schlächter im Dienste der Kirchen bzw. allgemein der Religionen.
Literatur hierzu: Karlheinz Deschner "Mit Gott und den Faschisten" für die jüngere Geschichte, oder die Kirchengeschichte allgemein.
Der Papst hat viele Kriege angezettelt gegen aufmüpfige Fürsten.
Ich sehe in der Geschichte der Kriege, dass Roß und Reiter sich abwechseln: Mal sind Fürsten die Reiter, mal der Papst.
Und ein Blick über den europäischen Tellerrand hinaus zeigt, dass es in anderen Weltregionen und Religionen genau so läuft.
N.B. Vielen Dank für Ihre stets mich aufmunternden Worte!
Vielleicht ist eine Bemerkung
Vielleicht ist eine Bemerkung zu den Konfessionen erlaubt: Wir haben dort rechte und linke Katholiken, rechte und linke Evangolen, AfD-Wähler, bekennende Nazis, Gleichgültige, Humanist*innen, Religiöse, Areligiöse, Wissenschaftler und Esoteriker. Die Kirchen sollten sich nicht derart pauschal auf ihre Mitglieder beziehen.
Die Aussage von Herrn Dr.
Die Aussage von Herrn Dr. Schöppner:
"... Außerdem umfasst Seelsorge weitaus mehr als nur sogenannte "psychische Probleme". Sinn- und Moralfragen, Sorgen, Nöte oder Ängste sind nicht immer gleich ein "psychologisches Problem", es sind oft sogar weltanschauliche Orientierungsbedarfe."
ist sicherlich richtig, wirft aber die Frage auf, warum er meint, dass Sinn- und Moralfragen eigentlich (nur) von religiösen Seelsorgern beantwortet werden können! Genau hier müsste m.E. angesetzt werden und eine Betreuung von Soldat*innen durch Fachleute mit moralisch-ethisch-humanistisch und sozial gefestigtem Hintergrund angeboten werden. Dann müsste auch nicht jede Religion ihre eigenen - vom Steuerzahler bezahlten - Priester "an die Front" schicken. Alternative: Vom Staat bezahlte Seelsorger ohne religiösen Bezug plus von den Kirchen / Glaubensgemeinschaften selbst bezahlte Priester. Aber das ist wohl bei den finanziell ja so "notleidenden" Kirchen eher wishfull thinking.
Sofern die Zugehörigkeit zu
Sofern die Zugehörigkeit zu einer Bekenntnisreligion bzw. -Weltanschauungsgemeinschaft Voraussetzung für einen Anspruch auf Seelsorge (komisches Wort) begründet, würde sich das organisierte Pastafaritum als Platzhalter-Option für alle A-Teapotisten und Ignostiker mit entsprechendem Bedarf anbieten. Ich würde mich sogar als Freiwilliger für die Militärseelsorge im Bereich NRW melden, sofern Ausgaben für gutes Bier und Nudeln halbwegs gedeckt sind. Allerdings bei Bedarf nur in Begleitung einer weltanschaulich neutralen und in Lebenshilfe, Beistand und Betreuung gut ausgebildeten Fachkraft.