Was unterscheidet Floyd von Aïcha, Romina, Rima und Loujain?

Rassismus ist universal

Weshalb gab und gibt es keinen großen weltweiten Protest, als drei Tage nach Floyds Ermordung im Iran die 13-jährige Romina von ihrem Vater im Schlaf enthauptet wurde. Oder als vier Tage später in Algerien die 10-jährige Rima so brutal bei einem Exorzismus gefoltert wurde, dass sie ums Leben kam. Oder weshalb begehrte die Welt nicht auf für die seit zwei Jahren eingesperrte saudische Frauenrechtlerin Loujain Al-Hathloul?

Die Malierin, Aicha, wollte eine Hochschule in Nordamerika besuchen. Für ihre Eltern war es aber wichtig, dass sie in einem muslimischen Land studiert. So lebte sie sechs Jahre in Algerien. Und ein Traum wurde zum Alptraum, denn "es gab keinen Tag, an dem man [sie] nicht belästigte, schlug oder an den Haaren zog." Ihr Verbrechen: Eine schwarze Frau zu sein.

Als ich Aichas Geschichte las, war ich erschüttert. Und einen Sekundenbruchteil fragte ich mich, ob ich ihren bewegenden Text tatsächlich verbreiten solle oder lieber nicht, um mir keinen Ärger einzuhandeln. Werfe ich damit kein schlechtes Licht auf meine Geburtsheimat, die gerade selbst in Aufruhr ist? Blitzschnell erinnerte ich mich an einen meiner Vorsätze: Über Menschenrechtsverletzungen und Frauenverachtung nicht zu schweigen.

Dass viele AlgerierInnen RassistInnen sind, ist mir bedauerlicherweise nicht neu. Vor einigen Jahren erzählten mir regelmäßig meine schwarzafrikanischen KommilitonInnen, wie sie während ihrer Zwischenstopps am Flughafen von Algier herablassend behandelt worden sind, wenn sie aus Deutschland in ihre jeweiligen Heimatländer zurückflogen. Etwas, das ich weder bestreiten wollte noch konnte. Denn selbst ich muss immer wieder bei der Grenzkontrolle in meinem eigenen Land verachtende Verhaltensweisen erdulden, aus dem einzigen Grund, dass ich eine Frau bin. So kann ich mir sehr gut vorstellen, wie schwarze Afrikaner und vor allem -innen gedemütigt werden.

Geschichten, wie die von Aïcha, kenne ich auch aus Deutschland. Es gibt Aïchas, die von Thomas und Claudias beschimpft, bespuckt, geschlagen und ja gar ermordet werden. Aber nicht selten werden die gleichen und andere Aïchas ebenso von Mohameds, Alis und Fatimas beleidigt, drangsaliert, angegriffen und getötet. Und wiederum müssen Fatimas und Leilas die Misogynie Mohameds und Alis ertragen. Sowohl auf der Straße als auch in den eigenen vier Wänden.

Ich finde es richtig und wichtig, dass Menschen nicht nur in den USA, sondern rund um den Globus symbolisch ihre Fäuste und ihre Stimmen erheben, um ihre Empörung über den barbarischen Mord an George Floyd kundzutun und damit gegen Rassismus und Menschenverachtung gegenüber Afro-AmerikanerInnen zu protestieren. Ohne den strukturellen Rassismus allerorten (und insbesondere in den USA) totschweigen zu wollen oder die mit Hassverbrechen konfrontierten Betroffenengruppen 'gegeneinander auszuspielen', frage mich dennoch: Weshalb gab und gibt es keinen so großen weltweiten Protest, als drei Tage nach Floyds Mord im Iran die 13-jährige Romina von ihrem Vater im Schlaf enthauptet wurde. Oder als vier Tage später in Algerien die 10-jährige Rima so brutal bei einem Exorzismus gefoltert wurde, dass sie ums Leben kam. Oder weshalb begehrte die Welt nicht auf für die seit zwei Jahren eingesperrte saudische Frauenrechtlerin Loujain Al-Hathloul, die von Schlägen, Elektroschocks, Waterboarding und Androhung von Vergewaltigung während ihrer Haft berichtete.

Einerseits protestieren heute viele Deutsche aufgrund des Falls von George Floyd gegen Rassismus. Andererseits – so ist zu befürchten – sind darunter wohl nicht Wenige, die dann mildernde Umstände aufzählen würden, wenn es um Rassismus und Frauenverachtung innerhalb bestimmter Communities hierzulande geht. Es ist mir unerklärlich, wenn selbsternannte "Weiß-Privilegierte" einzig denjenigen Rassismus und Sexismus anprangern, der von anderen "Weiß-Privilegierten" ausgeht, um im gleichen Atemzug diejenigen Menschenrechtsverletzungen zu relativieren, die innerhalb sogenannter "Minderheiten" tagtäglich verübt werden. Steckt dahinter eine Art Redetabu, dass es verbietet, Menschenrechtverletzungen innerhalb der Minderheiten klar zu benennen und zu bezeichnen? Verbirgt sich dahinter etwas ein falschverstandenes Schutzbedürfnis?

Das relativierende Konzept der "variablen Menschenrechte" bringt mich als Frau mit Migrationshintergrund in große Verwirrung. Denn für mich rechtfertigt nichts eine Menschenrechtsverletzung: weder Hautfarbe noch Geschlecht, weder Kultur noch Religion.

Gerade bei der Diskussion um die Religionsfreiheit werden nicht selten Menschenrechtsverletzungen relativiert. Vor allem wenn es hierzulande um den Islam und insbesondere seine politische Strömung geht. Über diese sind meine MitstreiterInnen und ich seit einiger Zeit bemüht, beständig aufzuklären. Die Ideologie des politischen Islams hat sich in den letzten vierzig Jahren stark in unseren Geburtsländern verwurzelt. Sie scheut weder verbale noch körperliche Gewalt: sei es durch Predigten der Ab- und Ausgrenzung, durch Gesten der Erniedrigung, sei es durch Verbote und Tugendterror-Gebote, oder durch Missbrauch bis hin zum Mord von Anders- und Nichtgläubigen. Rassistische und sexistische Übergriffe allerorten, unter dem Deckmantel der Religion, die einem konkreten Zweck dienen: massiven Druck auf diejenigen auszuüben, die nicht ins eigene religiöse Weltbild passen oder sich diesem nicht unterwerfen wollen: andersdenkende Muslime, Juden, Frauen, Homosexuelle und FreidenkerInnen. Unter diesem Druck stehen nicht nur die Andersdenkenden/Anderslebenden in den Heimatländern, sondern auch in der Bundesrepublik.

Üben wir als säkular eingestellte, freidenkende MuslimInnen daran Kritik, dann hören wir leider allzu oft, dass wir "anti-muslimische RassistInnen" seien und dass Deutschland weder der Iran noch Algerien sei. Auch kommt uns dann nicht selten zu Ohren, man dürfe nicht das Unvergleichbare miteinander vergleichen. Gemäß dieser Logik wären dann die rassistischen Übergriffe in den USA mit denen in Deutschland oder mit denen in Algerien auch nicht vergleichbar?

Lassen wir uns also nicht von falschen relativierenden Kultur-Debatten, gepaart mit inhaltlosen Begriffen, in die Irre führen. Den weltweiten Rassismus werden wir meiner Meinung nach nicht bekämpfen, indem wir die Diskussion lediglich um die "Privilegien der Weißen" führen. Das käme einer krassen Verharmlosung dessen gleich, was Rassismus tatsächlich im Kern ausmacht: Er ist universal, ebenso wie der Sexismus! Und deshalb sind beide nur mit einem offenen, tabufreien, universalistischen Ansatz zu bekämpfen. Denn das Schicksal von Floyd, aber auch das von Aicha, Romina, Rima und Loujain geht uns alle an.

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Mit diesem Thema befasst sich auch das Buch "Eine zornige Frau" von Wassyla Tamzali, das 2020 im Alibri-Verlag erschien.

Kommentare (35)

Gerhard Baierlein (nicht überprüft)

Di. 9 Jun 2020 - 13:35

Mord ist und bleibt Mord, egal aus welchen " Gründen " er ausgeübt wird und egal in welchem Land. Es ist und bleibt auch immer eine Schande für die gesamte Menschheit, die eifach nicht in der Lage ist, Global humanistisch zu denken und zu handeln.

Peter Müller (nicht überprüft)

Di. 9 Jun 2020 - 15:01

"Oder weshalb begehrte die Welt nicht auf für die seit zwei Jahren eingesperrte saudische Frauenrechtlerin Loujain Al-Hathloul?"

Weil Saudiarabien ein "Stabilitätsfaktor", ein guter Freund Amerikas und Israels sowie ein guter Kunde der deutschen Rüstungsindustrie ist. Deshalb wird dieses Land in den Qualitätsmedien auch immer nur als "Königshaus" bezeichnet und niemals als "Regime". Negative Nachrichten von dort hört man nie, dafür aber Berichte wie toll es in dem Land vorangeht, so das jetzt sogar Frauen alleine Auto fahren dürfen.

Karol Dittel (nicht überprüft)

Di. 9 Jun 2020 - 17:32

Ihre Frage:
"Weshalb gab und gibt es keinen so großen weltweiten Protest, als drei Tage nach Floyds Mord im Iran die 13-jährige Romina von ihrem Vater im Schlaf enthauptet wurde. [...]"

Einer der Gründe könnte auch die Aufmerksamkeitsfähigkeit eines Menschen sein, die durchaus sehr "Fokus abhängig" ist. Trotz des nie dagewesenen Zugangs zu Informationen über die Geschehnisse der Welt ist unsere Aufmerksamkeit diesbezüglich dennoch ziemlich eingeschränkt. Wir verfolgen mehrheitlich eher die Meldungen, Informationen oder Geschehnisse die am meisten präsent sind. Egal, ob in regulären Medien, Sozialmedien usw. Wer jetzt dafür sogt, dass sie sehr präsent sind, ist in der Betrachtung eher zweitrangig.

Mich wurmt das natürlich auch selbst. Ich bin davon eben auch nicht befreit. Ich wusste beispielsweise nichts über die aktuellen oder älteren Fällen die Sie angesprochen haben. Dass es derartige inhumane Missstände gibt, wie Sie in Ihren Artikel beschreiben haben, das befindet sich schon in meinem Bewusstsein. Es ist eben aber nicht immer präsent. Der Fokus ist nicht immer darauf gerichtet. Das ändert sich natürlich wenn ich so einen Artikel lese. Der Fokus verschiebt sich dann schon auf diese Fälle und die Aufmerksamkeit wächst diesbezüglich. Für wie lange ? Tja, das ist eben die Frage.

Es ist auch etwas Anderes, wenn man sich beispielsweise in einer Organisation mit einem Schwerpunkt betätigt, als zu keiner Organisation zu gehören. Deswegen seien Sie nicht böse, aber Sie werden noch viele und auch immer wieder Artikel schreiben oder sich zu Wort melden müssen um uns solche Vorgänge ins Gedächtnis zu rufen. Da hilft nix ;) Ich schätze die Arbeit die Sie machen sehr, dennoch bin auch auch nur ein Mensch der leider nicht immer alles auf dem Schirm hat.

Gerhard Baierlein (nicht überprüft)

Do. 11 Jun 2020 - 10:29

Antwort auf von Karol Dittel (nicht überprüft)

Ein Vater enthauptet seine 13 jährige Tochter im Schlaf, als ich das gelesen habe, habe ich vor Wut geweint. Dass fundamentaler Religionswahn so weit gehen kann ist entsetzlich und ein Beweis dafür, was Religionen anrichten können. Es wird aller höchste Zeit, dass sich die gesamte Menschheit weltweit im Humanismus vereint und diesen Planeten zu einem lebenswerten Ort macht, bevor ein paar durchgeknallte Politiker wie Trump oder Bolsonaro
und dergleichen, die Hölle auf Erden anrichten.
Ohne Religionen haben wir endlich die Freiheit Mensch zu sein.

David Z (nicht überprüft)

Di. 9 Jun 2020 - 18:12

Wahre Worte.

Nur einen Teil möchte ich kritisch hervorheben:

"um ihre Empörung über den barbarischen Mord an George Floyd kundzutun und damit gegen Rassismus und"

Gab es schon eine Verhandlung? Nein. Wurde der Polizist angehört und der Motivationshintergrund untersucht? Nein.

In einem Rechtsstaat gilt man so lange als unschuldig bis das Gegenteil bewiesen ist. Dieser Grundsatz gilt auch für Menschen mit weisser Hautfarbe. Der Person ohne Untersuchung Rassismus oder Mord anzuheften ist archaische Vorverurteilung und Selbstjustiz.

Wir sind doch sonst immer so sensibel, wenn es um die Vermeidung von Vorurteilen geht (Stichwort Herkunftsnennung). Wo bleibt dieser Vorsatz hier? Die ganze Welt spielt verrückt, inklusive der internationalen Medienlandschaft rechtstaatlicher Demokratien. Ich denke man kann den im Artikel formulierten Gedanken des Messens mit zweierlei Maß getrost um diesen Aspekt erweitern.

Assia Harwazinski (nicht überprüft)

Mi. 10 Jun 2020 - 17:18

Antwort auf von David Z (nicht überprüft)

SIe können den Sachverhalt nachlesen: "Todesfall George Floyd", http://de.wikipedia.org/wiki/Todesfall_George_Floyd.
Unter anderem wurde dieser Vorfall von mehreren Passanten per Video und Handy gefilmt, die Polizisten dazu aufgefordert, vom am Boden liegenden, bereits in Handschellen gefesselten und schwer angetrunkenen Opfer abzulassen - was sie nicht taten. Auch wurde ihrerseits unterlassen, ihn in die stabile Seitenlage zu richten. Die forensischen Mediziner, die den Leichnam obduzierten, stellten "Tötung" fest. Lesen Sie selbst - kann nicht schaden.

Thomas Baader (nicht überprüft)

Do. 11 Jun 2020 - 12:50

Antwort auf von Assia Harwazinski (nicht überprüft)

Eine Tötung ist es definitiv. Der Täter (und seine Komplizen) verdienen eine harte Strafe.
Aber hinsichtlich der Motivation muss ich David Z rechtgeben: Die muss ein Gericht erst untersuchen.
Bis jetzt haben wir einen weißen Polizisten, der einen Schwarzen ermordet hat. Und wir haben das gesicherte Wissen, dass es in der us-amerikanischen Polizei einen weitverbreiteten Rassimus gibt.
Daraus kann man die Vermutung ableiten, dass George Floyd aus rassistischen Gründen ermordet wurde, man kann dies aber nicht mit hundertprozentiger Sicherheit schließen. Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass der weiße Täter einen Weißen in derselben Situation genauso getötet hätte (es gab übrigens einen solchen Fall 2018). Das Gericht muss also erstmal herausfinden, ob der Täter aus rassistischen Gründen gehandelt hat - oder einfach nur aus einer generellen Brutalität heraus, die sich nicht spezifisch gegen eine bestimmte Personengruppe richtet.
Sein Kollege, der Passanten, die eingreifen wollten, mit Pfefferspray vertrieben hat, ist übrigens Asiate. Einer der beiden anderen Polizisten, die mit angeklagt sind, ist schwarz. Die Motivation dieser Mittäter ist ebenfalls zu untersuchen.

David Z (nicht überprüft)

Do. 11 Jun 2020 - 22:49

Antwort auf von Assia Harwazinski (nicht überprüft)

Eine Verurteilung erfolgt nach Abschluss der Verhandlung bzw. der Untersuchung und nicht aufgrund eines Wiki Artikels.

Ich frage mich wirklich, woher die merkwürdige Vorstellung kommt, Polizisten sollten sich von Zurufen der Passanten dirigieren lassen. Und das forensische Ergebnis "Tötung" stellt wertfrei aber sachlich korrekt lediglich einen gewalttätigen Einfluss von aussen dar und hat zu diesem Zeitpunkt mit "Mord" nicht das geringste zu tun.

Assia Harwazinski (nicht überprüft)

So. 14 Jun 2020 - 17:56

Antwort auf von David Z (nicht überprüft)

Der Wiki-Artikel war ein rein informativer Hinweis zum Vorfall, mehr nicht. Von (Vor-)Verurteilung kann hier keine Rede sein. Bei den Passanten ging es offenbar darum, die Polizisten auf deren "persönliche Verantwortung" hinzuweisen, die auch für diesen Berufszweig gilt. Von einem sturzbetrunkenen Einzelnen in Handschellen am Boden, auf dem vier Männer mit Waffen knien, geht in der Regel keine sehr große Gefahr aus. Schon mal etwas von der "Verhältnismäßigkeit der Mittel" gehört? -

Wenn Sie, bzw fast jeder inkl. Medien, hier vor dem Abschluss der Untersuchung dem Polizisten Mord und Rassismus anhängen, dann ist das eine klare Vorverurteilung und hat mit Rechtstaatlichkeit und Fairness (in dubio pro reo) nicht das geringste zu tun. Im Grunde ist es sogar ordinäre Hetze, die den öffentlichen Furor anheizt und dabei nur noch mehr Leid verursacht. Siehe Tote und Verletzte bei den Demonstrationen und Plünderungen.

Was wir wissen, ist folgendes - kleiner Faktencheck:

- der Verdächtige war überdurchschnittlich gross und kräftig und für Gewaltdelikte vorbestraft
- er hat sich der Festnahme widersetzt
- Bei der Festsetzung des Verdächtigen verstarb dieser beim Vollzug der Fixierung.
- die angewendete Fixierungsmethode ist Teil der Standardausbildung
- inzwischen (!, also weit später als der Beginn der Hysterie) wissen wir, dass die Todesursache mit der Fixierung zusammen hing.
- seine Kollegen, die die Fixierung mit Pfefferspray absicherten, waren Nichtweisse (1x Asiate, 1x Schwarzer)

So, was kann man daraus derzeit gesichert ableiten? Ganz sicher keine Mordabsicht und schon gar nicht Rassismus.

Man könnte in der Tat die Verhältnismäßigkeit der Mittel kritisieren. Allerdings weiss jeder, der sich schonmal im Zweikampf befunden hat, dass man bei einem grösseren/stärkeren Gegner, grade auch wenn alkoholisiert, nicht zimperlich sein darf. Hier gilt es also erst recht, die Untersuchung abzuwarten.

Aha, also zum einen wollen Sie angeblich das rechtsstaatliche Urteil abwarten und finden die Vorverurteilungen falsch, zugleich geben Sie aber implizit ihre (!) Einschätzung ab, nach der diejenigen, die George Floyd töteten, vermutlich richtig handelten. Ein fauler Trick, den Rechtspopulisten übrigens immer anwenden, wenn Rassismus und rassistische Morde in die Öffentlichkeit kommen.

Nein. Ich gebe keine Einschätzung ab, sondern erinnere an die Fakten. Wenn Sie den Unterschied zwischen Meinung und Fakten nicht kennen, ist das ziemlich tragisch. Bitte schlagen sie nach.

Es ist übrigens ebenso eine undemokratische und totalitäre Verhaltensweise, jemanden vorzuverurteilen, nur weil einem die überbrachten Fakten nicht schmecken.

Rudi Knoth (nicht überprüft)

Mo. 22 Jun 2020 - 14:58

Antwort auf von David Z (nicht überprüft)

Dies sind gute Fragen. Es gibt ja noch keine Verhandlung und Urteil zu diesem Fall. Die Sache erinnert mich auch an den Fall Trayson Martin, der der Anlass für "Black Lives Matter" war. Am Ende wurde George Zimmerman freigesprochen. Die Hinweise auf Notwehr hat die Jury wohl soweit überzeugt, daß es berechtigte Zweifel gab. Übrigens war Zimmerman trotz seines "deutschen" Namens ein Hispanic.

Thomas R. (nicht überprüft)

Mi. 10 Jun 2020 - 09:16

Schon gestern bei Twitter zu der Frage gepostet, wann Rassismus "strukturell" sei:

"Rassismus" ist und war schon immer so strukturell wie alle übrigen Denk- und Verhaltensweisen, die darin bestehen, willkürlich ausgewählten empfindungsfähigen Wesen die Berücksichtigung ihrer Interessen nach dem ethischen Gleichheitsgrundsatz und somit die Anerkennung ihrer ethischen Objekthaftigkeit teilweise oder vollständig zu verweigern (-> Egoismus, Sexismus, Klassismus, Tribalismus, Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, Antiziganismus, Homo/Transfeindlichkeit, Juden/Israelfeindlichkeit, Palästinenserfeindlichkeit, Nazismus, Speziesismus/Karnismus usw. usf.). Soll die Erde jemals ein bedeutend leidfreierer Ort werden, müssen wir uns von ALL diesen Faschismen befreien.

Zusatz: Das wird uns allerdings nicht gelingen, solange wir irrationales Glauben und Verhalten dulden.

Deinem Zusatz kann ich nur uneingeschränkt recht geben, also wir müssen noch lange und nachhaltig daran arbeiten um dies zu ändern, es wird noch einige Generationen dauern, aber
wie gesagt, die Hoffnung stirbt zuletzt.

Thomas R. (nicht überprüft)

Fr. 12 Jun 2020 - 08:36

Antwort auf von Gerhard Baierlein (nicht überprüft)

"die Hoffnung stirbt zuletzt."
-
Da bin ich mir nach Jahrzehnten der Sisyphosarbeit leider nicht mehr sicher. Man wird sehen...

Das ist mit "strukturell" nicht gemeint. Wenn es so gemeint wäre, würde jeder Demonstrant gegen sich selbst demonstrieren, denn wir sind alle Menschen mit ähnlichen Anlagen zu den von Ihnen zu recht kritisierten schlechten Eigenschaften.

Mit "strukturell" ist für gewöhnlich die Behauptung gemeint, dass in staatlichen Strukturen Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Ungleichbehandlung usw bewusst verbreitet oder toleriert würde, ja gar inherent sei.

Das mag auf so manchen Staat in Afrika oder dem Nahen und Fernen Osten zutreffen. Es für die USA geschweige denn Europa zu behaupten, ist jedoch grotesk.

Thomas R. (nicht überprüft)

Mo. 15 Jun 2020 - 08:12

Antwort auf von David Z (nicht überprüft)

"Wenn es so gemeint wäre, würde jeder Demonstrant gegen sich selbst demonstrieren, denn wir sind alle Menschen mit ähnlichen Anlagen zu den von Ihnen zu recht kritisierten schlechten Eigenschaften."
-
FAST richtig. Es geht mir allerdings nicht um "Anlagen", sondern um manifeste Denk- und Verhaltensweisen, die als faschistisch erkannt und überwunden werden müssen. Man kann mit dem "Rassismus" beginnen, aber niemand sollte sich einbilden, seine persönliche ethische Entwicklung sei damit abgeschlossen.

Rudi Knoth (nicht überprüft)

Mo. 22 Jun 2020 - 15:03

Antwort auf von David Z (nicht überprüft)

Strukturell wird soweit ausgelegt, wenn etwa "nichtweiße" Menschen es schwerer bei Bewerbungen für Wohnungen oder Arbeitsplätze haben.

Ulla Bonnekoh (nicht überprüft)

Mi. 10 Jun 2020 - 09:56

Liebe Naila Chikhi, Glückwunsch zu diesem mutigen Artikel. In dem einen Fall sucht man die Schuld bei sich, bei der eigenen Kultur usw. und bekennt sich zu seinen eigenen Fehlern. Das ist gut und richtig so. Aber genau so muss auch Unrecht kritisiert werden, egal von wem es begangen wird, auch dann, wenn es Minderheiten sind, die tatsächlich mit Diskriminierung zu kämpfen haben. Das macht sie aber nicht immun gegen Kritik, wenn sie selbst Menschen unterdrücken etc. Gleichheit und Umgang auf Augenhöhe bedeutet eben, dass gegenseitige Kritik möglich sein muss.

Thomas Baader (nicht überprüft)

Mi. 10 Jun 2020 - 11:29

Guter Artikel! Wenn ich ein paar Gedanken hinzufügen darf:
Gerade wird in Liverpool die Gladstone Hall umbenannt, weil dieser frühere Premierminister eine ablehnende Haltung zur Abschaffung der Sklaverei hatte. Nach meinem Wissensstand (man möge mich korrigieren) hat er selber keine Sklaven besessen, lediglich sein Vater besaß Sklaven.
Wer aber definitiv Sklaven besaß:
- Mohammed ("Eine der gefangenen Frauen, Raihana bint 'Amr, behielt der Prophet für sich selbst. Sie blieb in seinem Besitz, bis er starb.")
- Alttestamentarische Patriarchen.
- Priester, Bischöfe, Ordensgemeinschaften.

Korrekt. Noch eine paar weitere Ergänzungen zur Versachlichung des Themas.

- Der Vorgängerstaat der Türkei, das Osmanische Reich, war über Jahrhunderte eines der grössten Reiche mit florierendem Sklavenhandel.

- Über die Jahrhunderte waren der Sklavenhandel und die Sklavenarbeit wichtige Wirtschaftsfaktoren in der islamischen Welt.

- Sklaverei wurde erst durch die kolonialistische Einflussnahme der europäischen Staaten, die sich ab dem frühen 19. Jahrhundert bemerkbar machte, schrittweise in den meisten muslimischen Staaten abgeschafft.

- Bis heute existieren aber in einzelnen islamischen Ländern sklavereiähnliche Rechtsverhältnisse fort.

Helmut Lambert (nicht überprüft)

Mi. 10 Jun 2020 - 12:59

Weshalb gab und gibt es keinen so großen weltweiten Protest, als drei Tage nach Floyds Mord im Iran die 13-jährige Romina von ihrem Vater im Schlaf..... Oder als vier Tage später in Algerien die 10-jährige Rima...... Exorzismus gefoltert wurde...
Die Antworten liegen doch auf der Hand: Weil es ein Unterschied ist, ob Privatleute Verbrechen begehen oder die Polizei. Und desgleichen, ob es sich um einen demokratischen Rechtsstaat handelt oder eine religiöse Diktatur. Außerdem muss man sich konzentrieren...
Unabhängig davon ist es gut, dass Sie die alltäglichen Verbrechen zur Sprache gebracht haben.

David Z (nicht überprüft)

Do. 11 Jun 2020 - 23:28

Antwort auf von Helmut Lambert (nicht überprüft)

Moment mal. Soll das heissen, sie halten es für völlig normal, wenn Leute sich nur dann aufregen, wenn etwas in einem demokratischen Rechtsstaat passiert, nicht aber, wenn gleiches oder gar viel schlimmeres in einem totalitären Staat geschieht?

Nein. Grade durch diese Sichtweise zeigt sich, wie hysterisch, infantil, irrational und krank die aktuellen "Proteste" im Grunde sind.

Nun, hatten Sie nicht geschrieben, Zitat:

"Die Antworten liegen doch auf der Hand: Weil es ein Unterschied ist, ob Privatleute Verbrechen begehen oder die Polizei. Und desgleichen, ob es sich um einen demokratischen Rechtsstaat handelt oder eine religiöse Diktatur. Außerdem muss man sich konzentrieren"

Habe ich Sie missverstanden?

Helmut Lambert (nicht überprüft)

Mo. 15 Jun 2020 - 14:21

Antwort auf von David Z (nicht überprüft)

Sehen Sie den Unterschied nicht? Es muss doch nicht "irrational...hysterisch.." sein, wenn man in seinem weiteren politischen Umfeld etwas anprangert, um es zu ändern. Wenn Sie gegen alle Ungerechtigkeiten der Welt ständig auf die Strasse gingen, kämen Sie zu nichts anderem mehr. Diese Form moralischem Rigorismus ist weltfremd. Nur dagegen galt mein Einwand.

David Z (nicht überprüft)

Di. 16 Jun 2020 - 13:40

Antwort auf von Helmut Lambert (nicht überprüft)

Fair enough. Die Beschränkung aufs Lokale ergibt Sinn. Dann aber stellt sich um so mehr die Frage: Welches Unrecht meinen Sie genau? Dass Rassismuss doof und dumm ist, ist doch zum Glück gesellschaftlicher Konsens bei uns. Auch unsere Gesetze sehen richtigerweise die Gleichberechtigung vor. Und dass es vereinzelt Spinner gibt, die rassistisch denken, ist doch nichts neues.

Ja, man kann sich auf die lokale Situation beschränken. Dann aber sollte das Problem, gegen das man antritt, ebenfalls lokal und nicht ideologisch importiert oder inflationär überzeichnet sein.

SG aus E (nicht überprüft)

Mo. 15 Jun 2020 - 23:07

Antwort auf von Helmut Lambert (nicht überprüft)

Helmut Lambert schrieb: „Die Antworten liegen doch auf der Hand: Weil es ein Unterschied ist, ob Privatleute Verbrechen begehen oder die Polizei. Und desgleichen, ob es sich um einen demokratischen Rechtsstaat handelt oder eine religiöse Diktatur. Außerdem muss man sich konzentrieren...”

Sehr richtig! Darum wäre es gut gewesen, Naïla Chikhi hätte sich auf Gedanken zu „Aïchas Geschichte” und das Thema Rassismus beschränkt. Hier nochmal der Link: https://www.goethe.de/prj/ruy/de/mig/21364203/21383076.html

Aïchas Geschichte zeigt aber auch, dass Rassismus ein gesellschaftliches Problem ist, das 'der Staat' nicht einfach abstellen kann, wenn 'die Menschen' nicht mitmachen.

Aïcha schrieb auch: „Die Bilder, die man hier von Schwarzafrika sieht, sind die von Krankheit, Hungersnot und Menschen, die in Dörfern weitab der Zivilisation leben. Es laufen nur wenige Dokumentationen über Afrika, die afrikanische Geschichte wird nicht gelehrt, ...” – Dieses ist in Deutschland nicht anders.

Rudi Knoth (nicht überprüft)

Mo. 22 Jun 2020 - 15:06

Antwort auf von Helmut Lambert (nicht überprüft)

Zitat:"Die Antworten liegen doch auf der Hand: Weil es ein Unterschied ist, ob Privatleute Verbrechen begehen oder die Polizei. Und desgleichen, ob es sich um einen demokratischen Rechtsstaat handelt oder eine religiöse Diktatur."

Im Fall Trayvon Martin war der Schütze auch ein privater Wachmann. Und macht es weniger schlimm, wenn der Staat eine religiöse Diktatur ist?

Helmut Lambert (nicht überprüft)

Di. 23 Jun 2020 - 11:08

Antwort auf von Rudi Knoth (nicht überprüft)

Natürlich nicht! Der Zusammenhang war ein anderer: Warum vergleichbare Verbrechen so unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Während es bei "schlimm" um eine ethische Frage handelt, geht es bei Reaktionen zunächst um sozial-empirische. Darauf hatte ich hingewiesen.

Heidi Dettinger (nicht überprüft)

Mi. 10 Jun 2020 - 20:26

Sie haben Recht mit Ihrer Frage. Dennoch ist die Antwort, die mir in den Sinn kommt, offensichtlich: Der brutale Mord an Floyd wurde gefilmt und dieser Film ging in Windeseile um die Welt. Kein halbwegs klar denkender Mensch konnte sich diesem Drama entziehen.
Die Proteste nicht nur in den USA zeigen aber auch eine (vielleicht neue) Qualität: Sie beschränken sich eben nicht nur auf den Protest gegen diese einen Mord, nicht einmal auf die Proteste gegen Gewalt gegen Schwarze, sondern sie verallgemeinern sich im positiven Sinne. Proteste gegen Polizeigewalt gegen Minderheiten, gegen people of color. Und die Protestierenden solidarisierten sich nicht nur mit dem Ermordeten sondern fingen auch an, bei sich zu schauen.
Rassismus ist international und muss international bekämpft werden!
Und: Rassismus ist KEIN Problem der Schwarzen! Für Schwarze ist er problematisch, verletzend, diskriminierend, schmerzhaft und tödlich. Aber Rassismus ist ein Problem der Weißen! Und das scheint so langsam in die Köpfe einzusinken. Diese Konfrontation mit dem eigenen Problem Rassismus wurde/wird meines Wissens das erste Mal in dieser Deutlichkeit thematisiert. Und genau da liegt die Chance.

David Z (nicht überprüft)

Do. 11 Jun 2020 - 23:56

Antwort auf von Heidi Dettinger (nicht überprüft)

Mord? Sollen wir den Polizisten gleich sofort aufknüpfen oder noch eben die Verhandlung abwarten?

Und welche "Gewalt gegen Schwarze" meinen Sie? Menschen mit weisser Hautfarbe leiden ebenfalls unter Polizeigewalt. Sind diese Menschen weniger wert?

Ach ja, was verstehen Sie eigentlich unter Polizeigewalt? Jegliche Gewalt von Polizeibeamten? Sollen Polizisten also nur noch als Prediger über Recht und Ordung wachen?

Und was meinen Sie mit "Rassismus ist international"? Sehen Sie keinen Unterschied zwischen westlichen Rechtsstaaten, die Gleichbehandlung klar juristisch vorgeben und Staaten, die das nicht machen?

Und warum glauben Sie, grade wenn sie Rassismus international verorten, dass Rassismus nur von Weissen an Schwarzen vorgenommen wird? Ist ihnen entgangen, dass es auch Rassismus von Schwarzen an Weissen gibt, zb in Südafrika? Ist Ihnen entgangen dass die Bevorzugung von Schwarzen, zb bei der Stipendienvergabe, systemischer und struktureller Rassismus in Reinform darstellt?

Tut mur leid, sie reden so viel von Hautfarben, dass man vermuten könnte, Sie hätten selber ein Rassismusproblem. Ein Problem mit sich selbst.

Utz Anhalt (nicht überprüft)

Di. 23 Jun 2020 - 09:36

Antwort auf von David Z (nicht überprüft)

Derjenige, der hier ein deutliches Rassismusproblem hat und alle rechten Stereotypen verwendet, um Rassismus gegen Schwarze zu leugnen ... Sind das nicht Sie?

David Z (nicht überprüft)

Di. 23 Jun 2020 - 14:25

Antwort auf von Utz Anhalt (nicht überprüft)

Claims without evidence can be rejected without evidence. Beweisen Sie zunächst mal Ihre Behauptung, dass es Rassismus gegen Schwarze gibt, dann kann ich Ihnen sagen, ob ich zustimme oder nicht.

Und noch ein Tipp: Differenzierung ist eben nicht Stereotypisierung. Bitte nachschlagen.

Naïla Chikhi

Die Autorin ist Kulturwissenschaftlerin. Als unabhängige Referentin zu den Themen Integration und Frauenpolitik engagiert sie sich in verschiedenen Gremien und leitet Fortbildungen und Seminare für PädagogInnen sowie Gesprächskreise für junge weibliche Geflüchtete und Migrantinnen. Sie war Workshopleiterin bei MIND-Prevention, der Mansour-Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention.

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