10 Thesen zur Offenen Gesellschaft

Der Kulturpluralismus als Alternative der wertgebundenen Toleranz

Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber
Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber

Am Rande des evangelischen Kirchentags in Berlin gab es auch eine Podiumsdiskussion zum Thema "Offene Gesellschaft: Wo sind die Grenzen der Toleranz?". Einer der Gäste auf dem Podium war der hpd-Autor Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber. Der hpd dokumentiert die von ihm vorgetragenen Thesen.

Der Begriff "Toleranz" wird alltagssprachlich häufig als bloße Akzeptanz oder Duldung von anderen Interessen oder Meinungen (miss-)verstanden, wobei man die dialektische Dimension des Gemeinten verkennt: Warum soll etwas als falsch oder unmoralisch geltendes trotzdem anerkannt und geduldet werden?

Es geht demnach um eine ausschließende und eine einschließende Dimension: Der Grund dafür ist in der Offenheit und dem Pluralismus moderner Gesellschaften zu sehen, welche sich aber einer Gefährdung aussetzen, wenn sie keine Grenzen eben um der Wahrung von Offenheit und Pluralismus willen ziehen.

Eine von gegenseitigem Respekt geprägte Koexistenz unterschiedlicher Einstellungen und Handlungen lässt sich nur umsetzen, wenn alle Beteiligten an bestimmte Minimalbedingungen – an einen "überlappenden Konsens" (John Rawls) - in Gestalt von Normen und Regeln gebunden sind und diese auch praktisch umgesetzt werden.

Demnach gibt es in einer pluralistischen Gesellschaft einen "kontroversen Sektor" und einen "nicht-kontroversen Sektor" (Ernst Fraenkel), der erst ein von gleichrangiger Anerkennung und Freiheit geprägtes Leben ermöglicht und folgende Merkmale aufweist: Demokratie, Individualität, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Säkularität.

Ein besonderer Glaube im religiösen Sinne gehört nicht dazu, da die ihm eigenen Bestandteile wie etwa der eines Absolutheitsanspruchs auf eine Gottes- oder Heilsposition zwar in der frei gewählten Glaubensgesellschaft, aber nicht in einer existenten multireligiösen Gesamtgesellschaft einen gemeinsamen "Kitt" oder Referenzpunkt darstellen kann.

Das damit angesprochene Toleranzverständnis richtet sich auch gegen einen Kulturrelativismus, der alle Erscheinungsformen angeblicher kultureller Identität duldet und ihr damit eine eigene Wertschätzung zuteilwerden lässt, unabhängig von deren Bestandteilen wie der Bedeutung des Individuums oder der Rolle der Frau.

Dazu bedarf es einer Alternative mit Minimalbedingungen für einen "nicht-kontroversen Sektor", welche um einer breiten Akzeptanz in einer Gesellschaft der Vielfalt willen nicht aus den Besonderheiten nur einer Kultur abgeleitet werden können und möglichst in vielen Kulturen zumindest latent vorhanden sein sollten.

Als Kern des damit gemeinten Kulturpluralismus, der hier als Alternative der wertgebunden Toleranz verstanden wird, können Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit gelten, welche eben nicht Ausdruck eines angeblichen "Menschenrechtsfundamentalismus", sondern eines "interkulturellen Rechtsdiskurses" (Otfried Höffe) sind.

Demnach kennt eine solche Auffassung auch Grenzen der Toleranz, die sich aus der Ablehnung der damit gemeinten Grundlagen eines "überlappenden Konsenses" ergeben und Folgewirkungen je nach entsprechender Handlung für die Negierung im rechtlichen oder sozialen Sinne haben müssen.

Die Feinde einer offenen Gesellschaft können sich - ganz entsprechend dem nicht auflösbaren "demokratischen Dilemma" (Karl Loewenstein) - auch auf die Grundlagen einer offenen Gesellschaft stützen, was für deren Anhänger die Entwicklung eines differenzierten Instrumentariums zwischen Aufklärung und Repression notwendig macht.

Kommentare (3)

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Di. 30 Mai 2017 - 13:40

Ein gangbarer Leitfaden, der durch etwas mehr Struktur und Systematik noch gewonnen hätte.

Kay Krause (nicht überprüft)

Mi. 31 Mai 2017 - 06:40

Zugegeben, sehr geehrter Prof. Pfahl-Traughber, mit dem Begriff "Toleranz" ist das nicht so einfach. Jeder Mensch möchte akzeptiert werden, so wie er ist, und eben nicht nur toleriert, also geduldet. Mir geht es nicht anders. Manche Menschen oder Gruppen kann man nicht akzeptieren, der Grund kann beiderseitig sein. Manche Menschen kann man noch nicht einmal tolerieren, wenn sie sich z.B. gegen die von Ihnen oben erwähnten Sitten, Gebräuche und Gepflogenheiten stellen. Ich zähle dazu den Hanswurst, der jeden Abend gegen meine Hausecke pinkelt, genauso wie den jährlich Millionen verdienenden Unternehmer, der sich auf geschickten Wegen mit Hilfe von Anwälten und Banken der Steuerzahlung entzieht, genau so wie die Kirchen, die sich -zwar gesetzlich abgesegnet - aber mit unsittlichen Mitteln am Staatshaushalt bereichern. Da Mitbürger und Gruppen dieser Coleur aber leider real unter uns sind, wir sie nicht alle bekämpfen, einsperren, aus dem öffentlichen Leben entfernen können, müssen wir sie wohl oder übel "akzeptieren" (?). Das heißt nicht, dass wir ihr Handeln akzeptieren, aber bezüglich ihrer Existenz bleibt uns gar nichts anderes übrig.
Danke für Ihren Artikel!

Simone Guski (nicht überprüft)

Mi. 31 Mai 2017 - 13:04

Der Glaube gehört zu den Minimalvereinbarungen einer Gesellschaft gewiss nicht dazu. Aber umgekehrt daraus zu schließen, das dass Säkularität deshalb zu diesen zählt, bedeutet auf ein Dilemma der Dialektik hereinzufallen: Wenn eine Sache nicht zutrifft, heißt das nicht, das ihr Gegenteil richtig ist. So wie nicht alles, was nicht rot gefärbt ist, die Komplementärfarbe Grün haben muss. Bezeichnend ist, dass Rawls von Konsens spricht. Rein logisch ergeben Werte, Normen und Regeln sich nicht. Mit der Dialektik als Methode wird es noch schwieriger.

Armin Pfahl-Traughber

Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber, Jg. 1963, ist hauptamtlich Lehrender an der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung mit den Schwerpunkten "Politischer Extremismus" und "Politische Ideengeschichte". Außerdem gibt er seit 2008 ebendort das "Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung" heraus.

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